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Full text of "Parmenides und die Geschichte der griechischen Philosophie"

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I 





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PARMENIDES 

UND DIE GESCHICHTE 

DER GRIECHISCHEN 

PHILOSOPHIE 



VON 



KARL REINHARDT 



1916 
VERLAG VON FRIEDRICH COHEN IN BONN 



PARMENIDES 

UND DIE GESCHICHTE 

DER GRIECHISCHEN 

PHILOSOPHIE 



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VON 



KARL REINHARDT 



1916 
VERLAG VON FRIEDRICH COHEN IN BONN 



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Alle Rechte vorbehalten. 
Copyright 1916 by Friedrich Cohen, Bonn. 



Ohlenrothsche Buchdruckerei 

Georg Richters 

Brfort. 



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INHALT 



Seite 

Einleitung , i 

I. Parmenides 

1. Das Verbindungsglied zwischen den beiden Teilen 

des Gedichts e 6 

2. Der zweite Teil 10 

3. Der erste Teil 32 

4. Archaische Komposition 51 

5. Verhältnis der beiden Teile 64 

n. Xenophanes 

1. Die doxographische Überlieferung 89 

2. Die Fragmente 112 

3. Kpicharm 118 

4. Xenophanes in Blegien und Sillen 125 

5. Xenophanes im I^ehrgedicht 145 

6. Verhältnis zu Parmenides 152 

III. HerakHt 

1. Die überlieferte Chronologie 155 

2. Die Quelle des Hippolytos 158 

3. Weltbrand 163 

4. Weltperioden und Kreislauf der Geburten 183 

5. Verhältnis zu den Bleaten 201 

6. Relative Chronologie 221 

IV. Schulzusammenhänge 

1. Der Philosoph P3rthagoras 231 

2. Heraklit, Alkmaion, Pythagoreer 236 

3. Protagoras und die Herakliteer 241 

V. Logik und Mystik 250 

Register 259 






• «. • • » 



* • 



Seitdem die historische Forschung mit dem Klassizismus 
aufgeräumt, die Urteile des Altertums beiseite gelegt und 
selbst das Fragen und Prüfen in die Hand genommen hat, 
hat sie zum alten Ruhme des Parmenides wenig hinzugeft^ 
und viel von ihm genommen. Die Ehrwürdigkeit der Person, 
die ihm durch Piatons Dichtung zugesprochen war, der 
Glanz, der ihn als ältesten Verkünder der Ideenlehre zu 
umgeben schien, erwiesen sich, je. länger je mehr, als seinem 
Wesen fremd, und seit am Ende auch die klassizistische 
Wertung seiner Kunst, die sich am längsten noch gehalten 
hatte, durch Diels glückHch umgestoßen ist, gestehen wir 
uns, daß nicht einmal der Dichter an ihm echt sei, daß der 
feierliche Mantel allzu fadenscheinig sei, um über die Dürft^- 
keit und Nüchternheit seines poetischen Gebarens auf die 
Dauer zu täuschen. Was man ihm für diese Einbußen zu 
geben hatte, war eine feste Stellung und Bedeutung in der 
philosophischen Entwicklung. Was man ihm nicht nehmen 
koimte, war der Name des ersten Metaphysikers. Freilich 
nur eines halben und noch dazu nicht einmal ganz originellen. 
Aus dem Pantheismus oder Monotheismus des Xenophanes, 
so stellte man fest, habe er den reinen Seinsbegriff heraus- 
gezogen, mehr gesondert und gereinigt als gefimden oder 
geschaffen. Dabei sei es ihm nicht übel gelungen, Gott 
aus diesem Begriffe hinauszubringen, aber die Materie sei 
ihm unversehens daringebUeben, habe das reine Sein erdrückt 
und in der Gestalt der alles umfassenden Weltkugel sich 
selber an dessen Stelle gesetzt. So sei das Werk auf halbem 
Wege stecken geblieben, über die Entseelung des ursprüng- 

Reinbardt, Pannebides. 1 



9 ' 



• ■ » 



•• - % • • 



2 — 



lieh göttlichen All-Einen sei es nicht hinausgediehen. Rechne 
man außerdem die fruchtbare Bekanntschaft mit dem 
Pjrthagoreertum und die nicht minder fruchtbare Gegner- 
schaft mit HerakUt hinzu, so habe man der Voraussetzungen 
übergenug, um dies System historisch zu erklären; aller- 
dings ein seltsam eigensinniges, eckiges, einförmiges System, 
für seine Starrheit und Begrenztheit unbegreiflich schlecht 
gewachsen; und als ob es mit der bloßen Seinslehre, trotz all 
ihrer unverbrüchlichen Gewißheit, doch noch nicht genug sei, 
wird dem I^eser oder Schüler noch zu guter Letzt ein über- 
langer Anhang dreingegeben, wo denn der Philosoph, des 
trocknen Deduzierens endlich müde, aus seiner engen Wahr- 
heit in die weite Welt des Scheins hinausspaziert, als habe er, 
über dem All-Einen spekulierend, dem Versucher Menschen- 
wahn nicht widerstehen können, der ihm rings umher 
die schöne grüne Weide zeigte. Gibt man so zu ver- 
stehen, daß es mit der absoluten künstlerischen und philo- 
sophischen Leistung des Parmenides nicht allzu weit her sei, 
so ist man um so bereitwilliger im Anerkennen seiner ge- 
schichtlichen Bedeutung: daß er als Gegner der HerakHteer, 
im Kampfe für das unbedingte Sein gegen das unbedingte 
Werden, eine Spannung. und Dissonanz in die Naturphilo- 
sophie gebracht habe, aus der als Lösungen nacheinander die 
drei größten Schöpfungen ionischer Wissenschaft hervor- 
gegangen seien: die Systeme des Empedokles, Anaxagoras 
und Leukipp. So scheint Parmenides augenbUcklich außer- 
halb der Fragen, jedenfalls der großen Fragen in der Wissen- 
schaft zu stehen, denn das einzige, was bei ihm noch proble- 
matisch scheint, sein schattenhaftes Pjrthagoreertum, würde» 
auch wenn es wirklich einmal greifbare Gestalt gewinnen 
sollte, doch an seiner Einschätzung m'chts ändern und ihn 
jedenfalls nicht aus dem historischen Rahmen lösen, woreia 
die Forschung ihn von oben und unten emgespannt hat. 
Und doch gäbe es noch Fragen genug zu stellen, Fragen 
freilich, die man zu allererst an diese Forschur^ selbst zu 
richten hätte; als zum Beispiel: ob diese historischen Ver- 
bindungen und Verknüpfungen, an sich betrachtet, so natür- 



— 3 — 

lieh und von selbst gegeben seien, wie die Philosophiegeschichte 
es uns gerne glauben machen möchte? Ob man sich, zum 
Beispiel, je genügend klar darüber geworden sei, was es 
heiße, in Xenophanes den Lehrer des Parmenides zu er- 
bUcken? Müßte nicht der Meister wenig Freude an ihm 
erlebt haben, der Schüler einen sonderbaren Eigensinn 
gehabt haben, sich die Gedanken seines Lehrers alle einzeln 
anzueignen und dabei den Ausgangspunkt, den Zweck des 
Ganzen hartnäckig zu leugnen, ja nicht einmal zu bekämpfen, 
sondern sich zu stellen, als habe er sein Lebtag nichts der-? 
gleichen je gehört ?^ Man mag sich mancherlei Möglichkeiten 
ausdenken, ein theistisches oder pantheistisches Weltgefühl 
mit dem begrifflichen Denken zu bewältigen: daß aus einem 
solchen Denkprozeß die Philosophie der Eleaten hervor- 
gehen konnte, müßte unbedingt als Rätsel empfunden werden, 

^ Hier die bisherigen Antworten auf diese Frage: ,,Wir brauchen 
daher nicht anzunehmen, daß ihn religiöse Scheu oder Vorsicht ab- 
gehalten habe, sich über das Verhältnis seines Seienden zu der Gott- 
heit zu erklären (Brandis comm. el., S. 178). Die Antwort liegt 
näher: er tat es nicht, weÜ er ein ganzer, plastischer Phflosoph war, 
seine Philosophie aber zur Aufstellung theologischer Bestimmungen 
keinen Anlaß gab". Zeller I*. S. 516,3. „Bei XenQphMies, der mit 
Recht als sein Vorgäoger iiiL Dichten und Denken betrachtet wird, 
ist Gottheit und Welt eins, das Theologische herrscht in seinem etwas 
engen Pantheismus sogar vor. Bei Parmenides fällt mit der ir^chen 
Welt, deren Wirklichkeit er leugnet, "auch das transzendente Gegen- 
stück die Gottheit fort. Es ist doch offenbar Abgeht, daß er in seiner 
ermüdend vorgetragenen Charakteristik des All-Binen den Namen 
QatteaLvermeidet. Br fürchtete durch Einmischung des den Men- 
schen nie rein faßbaren Gottesbegriffes die hehre Majestät seines 
■ewigen lEjin zu gefährden. Daher wohl auch die bei einem Hellenen 
unbegreifliche Schemenhaftigkeit seiner göttlichen Gestalten." Diels 
Parmenides, S. 8. „Was von Xenophanes mehr nur als ein religiöses 
Postulat hingestellt worden war, die Einheit und Einzigkeit der mit 
der Welt identischen Gottheit, wird von Parmenides als eine me- 
taphysische Theorie aus rein begrifflichen Untersuchungen ent- 
wickelt. Derjenige Begriff aber, welcher dabei in den Mittelpunkt 
gerückt wird und schließlich den Umkreis aller übrigen verschlingt, 
ist der des Seins." Windelband-Bonhöffer, S. 47. Mir scheint diese 
Erklärung eher die Schwierigkeiten zu verschleiern als zu lösen. 
Ebensowenig zu folgen vermag ich Gomperz, Griech. I Denker, S. 146. 

1* 



— 4 — 

hätte man nicht allzu sehr schon sich an die historische Kon- 
struktion gewöhnt; um von noch ganz anderen Rätseln vor 
der Hand zu schweigen. Aber solche allgemeinen Betrach- 
tungen haben ein starkes und begründetes Mißtrauen gegen 
sich, denn die historische Notwendigkeit hat sich, wie billig, 
immer erst aus der Zufälligkeit der Tatsachen zu ergeben. 
Also beginne ich Ueber mit diesen. Und um es gleich vorweg 
zu bekennen: es liegt mir auch gar nicht so viel an einer neuen 
historischen Einreihung als vielmehr daran, daß Parmenides 
einmal zu Worte komme, daß ich ihn zum Reden bringe 
Ich gestehe, eine Vorliebe für ihn zu haben und zu glatfben, 
ihm zu seinem Rechte verhelfen zu müssen. Und vielleicht 
hat er auch wirklich ein besonderes Recht darauf, einmal für 
sich allein gehört zu werden, ohne Rücksicht auf den Streit 
der Schtden und den Fortschritt des Gedankens. Denn er 
erklärt sich schwer, und manches, was in seine Verse nicht 
hinüberkonnte, was in seinen Gedanken stumm zurückblieb, 
will noch zwischen den Worten und Zeilen und selbst zwischen 
den Teilen seines Gedichtes gelesen sein. 



I 

Die Stelle, an der Parmenides das Verhältnis zwischen 
Sein und Schein bestimmt, mit anderen Worten das Gelenk, 
das beide Glieder seines I^ehrgedichts zusammenhält, ist 
auffallend unscheinbar und schwach entwickelt im Verhält- 
nis zu den widerstrebenden Massen, die es zu verbinden und 
in ihrer wechselseitigen Beziehung zu bestimmen hat. Man 
kann es übersehen und dann glauben, ein bloßer Zufall 
habe zwei Systeme anemandergefügt, die ebenso gut ge- 
trennt sein könnten. Aber noch mißUcher ist, daß gerade 
an dieser Stelle die Worte selbst so dunkel sind, daß sie bald 
mehrere, bald gar keine Erklärung zuzulassen scheinen 

(Fr. 1, 28 Diels) : 

XQ£^ ^i <^^ Ttdvxa nvQiaOai 
riljhf aXrjdeirj^ evTCvxldo^ dtgeibte^ ijrog 
ridk ßgorcov dö^a^, xal^ ovx Ivi nlaxi^ äXrjdij^. 
äXX^ Ijnm]^ xal xaiha fjaOTJaeaiy c5^ rd doxovvta 
XQfjv doxlfjujD^ elvai dta navxo^ ndvxa Jiegajvra. 

Wie ich hier die Worte getrennt habe, und wie sie sich 
in der Tat bei weitem am natürlichsten zu trennen scheinen, 
stehen sie zwar nicht zu lesen in Diels Sammlung der Frag- 
mente, aber haben dafür in Wilamowitz ihren Fürsprecher 
gefunden (Hermes XXXIV, S. 204). Wilamowitz nimmt 
bei seiner Erklänmg Fr. 8, 60 hinzu, die Stelle, wo die[ Göttin 
den Übergang zur dö^a macht: „Das nennt sie", erklärt er, 
„einen dtdxoa/jov iotxöra Jidvxa, wie mich dünkt, nicht ,eine 
Weltordnung ,ganz wie sie erscheint', ;sondern ,eine, die 
ganz scheinbar ist', die zwar nur eine Meinung, also trüglich 
ist, aber eine in sich geschlossene und durchaus wahrschein- 



— 6 — 

liehe, ,so daß kein Sterblicher mit seiner yviofjirj dir den 
Rang ablaufen kann'; wie oft operieren alle Sophisten mit 
dem iotxöra iiyeiv. Dem entspricht es, daß rä do>covvta dta 
navrd^ ndvra TtsQcbvra sind, daß sich jeder Satz durch das 
ganze lyehrgebäude hindurch bewährt, daß neben die Wahr- 
heit die in sich geschlossene konsequente Hjrpothese tritt. 
In diesem Falle rä doxovvxa doxi/buo^ icncl rotaiha, oder besser 
in der Rede des Eleaten doxi/Mo^ Saxi, die Hypothesen haben 
in einer probehaltigen Weise Realität." 

Wenn Diels sich dieser Erklärung und Kritik verschloß, 
wenn er trotzdem glaubte an seiner früheren Auffassung 
festhalten zu müssen, daß in doxl/Mo^ die Verbalform 
doxi[Mba((u) stecke, wenn er das sonderbare Wort^ und die 
starke metrische Härte in solcher Nachbarschaft ertrug, so 
tat er das, nicht um aus diesen Worten selbst den nächsten 
besten Sinn heraus zu lesen, sondern um den Sinn des Ganzen 
einigermaßen zu retten. In der Tat, sobald wir der be- 
gründeten, der probehaltigen Hypothese Einlaß geben, 
dringt damit eine Tendenz in das Gedicht ein, die mit den 
klarsten und entschiedensten Erklänmgen des Dichters un- 
vereinbar ist. Wozu dann noch hervorheben, daß diese 
do^a lyUg und Trug ist ? daß sie ßqor&v dö^a ist, geschaffen 
von den Sterblichen (und man erinnere sich, mit welcher 
Geringschätzung Parmenides dies Wort in den Mund nimmt), 
daß sie leerer Schall und Name ist, dem keine Spur von 
Wesenheit und folglich keine auch noch so bedingte Wahr- 
heit oder Wahrscheinlichkeit zugrunde liegen kann ? Sollen 
wir also zu Diels zurückkehren und mit ihm übersetzen: 
„Doch wirst du trotzdem auch das erfahren, wie man 
bei gründlicher Durchforschung annehmen müßte, daß sich 
jenes Scheinwesen verhalte ?" Denn eins von beiden, scheint 
es, müssen wir wohl in den Kauf nehmen, die Unge- 
reimtheit entweder im Großen oder im Kleinen, entweder in 
der gesamten Konzeption oder im Ausdruck eines einzigen 

^ öoKlfimiu: Ö09C& xal otofjuu Hesydi. So steht es bei Sappho 
zweimal, Fr. 37, 69. öom/x&acu = doxi/idaai nur in der Imitation des 
Pherekydesbriefes Laert. I, 122. 



— 7 — 

Satzes. Aber es gibt einen Einwand, der sich gegen beide 
Erklärungen zugleich erheben läßt : das Wörtchen XQ^^- Bei 
der einen wie bei der anderen müßte man dies Wort in einem 
. Sinne fassen, der ihm sonst im älteren Griechischen durchweg 
fremd ist. Es müßte dazu dienen, einen Fall zu setzen, eine 
Möglichkeit zu eröffnen, einer Annahme in Geds^nken Raum 
zu geben, während es sonst gewöhnlich eine Anklebe, sei es 
an das Schicksal, sei es an die Menschen einleitet: wie etwas 
hätte geschehen sollen oder noch geschehen sollte, während 
es in Wirklichkeit nicht so geschehen sei. Daneben gibt es 
Fälle, wo es sich so weit verfeinert oder abgeschliffen hat, daß 
es der gröberen Bedeutung nach mit XQ'^ zusammentrifft. 
Doch dieser abgeleitete Gebrauch darf zur Erkläruiig unserer 
Stelle noch viel weniger herangezogen werden als der ausge- 
sprochene Irrealis. Es kann mitunter vielleicht höflich sein, 
von etwas Möglichem und selbst Erwartetem zu reden, als 
ob es unausführbar wäre, aber eine solche Höflichkeit wäre 
doch nur da am Platz, wo eine Aufforderung an eine zweite 
Person zu richten ist. So findet sich, soviel ich sehe, dieser 
Irreal der Höflichkeit, wenn man ihn denn so verstehen 
will, auch nur in solchen Fällen wie im Plutos, v. 406: BX, 
oifxovv laxQov eladyeiv ixQV'^ rem; Xq. xl^ &f\x' laxQÖ^ iaxi vvv 
iv xfl 7i6Xbi; oder v. 487 äXX ijdrj XQV'^ ^e kiyeiv v/m^, oder end- 
lich, um auch das von Diels (S. 59) gewählte Beispiel anzu- 
führen, im Gorgias, S. 458 B : laoo^ fiivxoi XQW ^oelv xal xo 
x&v Ttagövxcov (xQf}v BT PF). Freilich, um die Wahrheit zu 
gestehen, gerade bei ihrer Vergleichung rufen diese Fälle 
denn doch einen starken Zweifel wach, ob ihre Deutung auf 
lauter Höflichkeiten auch die richtige sei. Weshalb z. B. setzt 
der Megarer in den Achamem in der Aufforderung das 
Imperfektum statt des Präsens? Schwerlich doch aus Höf- 
lichkeit, V. 778: qxovei dij xi> xaxico^ axotqiov' ov XQV^^^ aiyfjv, 
& >caxun äjtokovfiivou^ Es ist wohl möglich, daß der spätere 



^ Ähnlich steht das Tempus der Vergangenheit bei Aufforderungen 
in Frageform: Plato Prot. 310 A Tl oi^ od ditiyiiaco ^fjiXv n^v (wovalop; 
ndvv fih oih. 317 D Tl oih <yö Kai IlQÖdtxov xal *l7mlav bcaUcafiBv; 
IJdvv ixh oih. 



— 8 — 

viel allgemeinere Gebrauch des Imperfektums idei, X9V^ 0^^ 
Strabo, Philo usw.) sich aus der Aufforderung entwickelt hat; J 

doch wie dem auch sei, aus der älteren Sprache ist mir ^ 

jedenfalls kein Fall bekannt, wo XQV^ zum Ausdruck einer 
Regel diente. Im Hippolytos, v. 467, sind wir gewiß mit i. 

Recht gewohnt zu lesen: ovd' ixnoveiv roi XQV ß^^'^ ^^'«^ 
ßqoxo'd^ (XQij LPZ: XQV^ MA V), Und vollends gänzlich anders 
will der Anfang der hippokratischen Schrift Tteql äyfMov beurteilt 
sein. Der lautet allerdings: ^XQV'*^ ^^r IrjTQov rwv ixTtxaxjloyv xe 
xai xaxrjy/juitcov cog' idvtaxa TtoielaOai rä^ xaxaoxdaiai^, doch 
braucht man nur weiterzulesen, um zu merken, daß der 
Verfasser gegen die Praxis seiner Berufsgenossen protestiert: ,^ 

ixSxri yoQ ij dixcuoxaxri qröoi^' fjv di xi iyxkivrj fj xfj fj xfj, inl 
xd TtQfive^ giTteiv' iidaacov yoQ tJ ä/üuiQxä^ f\ enl xo vjtxiov, ol 
ßiiv O'öv fjLtjdh TtQoßovXevovxai, ovdev i^afjUXQxdvovaiv &^ inl xd 
TtoX'A . . ol de ItjXQol aoq)iI^6fievoi dfjOev eaxiv ot ä/LuiQxdvovaiv, 
dv€tyxdCo/jUii de nXeico yqdfpeiv Tieql avx^^, öxi olda lijCQoif^ aoq)oi>^ 
döSavxoL^ elvai djto axrifmxfov x^^^^ ^^ inidiaeiy 09?' &v d/jodda^ 
aöxo'ö^ iXQ'^v doxeiv elvai . dXkd ydg noXkä oüxo) xwixYj^ xfj^ xix'^^ 
xQivexai. — Aber selbst gesetzt, der Irrealis könnte eine Höflich- 
keit bedeuten und die Göttin des Parmenides hätte ihrem 
Jünger gegenüber eine Anwandlung zu einer solchen Höflich- 
keit verspüren können, ohngeachtet ihre Worte allgemeine 
Gültigkeit beanspruchen : so wäre doch, was sie sagt, damit um 
nichts verständhcher geworden. Denn mag der IrreaUs noch 
so höflich sein, er kann doch nimmermehr zum Potentialis 
werden. Und doch ist es gerade das Bedingte, Hypothetische, 
was ihren Worten, nach der allgemeinen Auffassung, nicht 
fehlen darf. Sind wir also schon entschlossen, aus XQV'*^ ^i^^ 
Bedingung herauszulesen, so muß diese notwendig irreal 
sein. Danach müßte sich also nach Diels lycsung (denn die 
andere schiede dann von selber aus), der Sinn ergeben: „wie 
man den Schein sich hätte vorstellen müssen, wenn man ihn 
gründHch untersucht hätte." Also ein Protest gegen die 
herrschende Philosophie, nicht weil sie die Wahrheit sondern 
den Schein verfehlt hätte? Aber darüber ist kein Wort 
weiter zu verUeren. Sollen wir es also, der vortrefflichen 



-„-,...*J*;V 



— 9 — 

Überlieferung zum Trotz, mit X6^ versuchen? Oder, was 
dem Sinne nach auf dasselbe hinauskommt, aber der Sprache 
wegen noch weit mißlicher wäre, sollen wir XQV'*' behalten 
und ihm die Bedeutung von XQV unterlegen, wie Euripides 
vielleicht sich an zwei Stellen ein reJ XQ^'*'^ erlaubt hat^? 
Sollen wir demnach übersetzen: „wie man den Schein sich 
vorzustellen und nach allen Regeln zu erklären hat?" Oder 
nach der anderen Worttrennung: „wie der Schein beschaffen 
sein muß, um stand zu halten und sich in jedem Satze durch 
das ganze Lehrgebäude zu bewähren ?" Aber sobald das Hypo 
thetische wegfällt, wird der Widerspruch des einen Satzes zum 
gesamten Gedicht soninerträglich, daß man einen solchen Aus- 
weg kaum schnell genug wieder aufgeben kann. Und doch muß 
Parmenides mit diesen Worten etwas haben sagen wollen, und 
ihr Sinn muß um so wichtiger gewesen sein, je mehr er sich 
verbirgt. Und in der Tat gibt es noch eine MögHchkeit, die man 
bisher ganz außer Acht gelassen hat: das XQ'^'*' nach seiner 
einfachsten Bedeutung zu verstehen, ohne bedingenden Neben- 
sinn, ledighch von einer Notwendigkeit, die einmal da war; 
also nach dem Beispiel aus Herodot I, 8: XQV'^ Y^Q Kavöad^rj 
yevdaOcu xaxa>^. Übersetzt würden dann die Worte lauten: 
„Wie der Schein, die Vorstellung zu Gültigkeit gelangen 
sollte un4 das Weltbild ganz und gar durchdringen." Diese 
I/ösung hätte vor der Dielsschen, wie mir scheint, den 
Vorzug größerer Ungezwungenheit und Leichtigkeit; sie 
wäre aber noch aus einem anderen Grunde vorzuziehen: es 
müßte schon ein sonderbarer Zufall walten, wäre der be- 
griffliche Kontrast der beiden stammverwandten Wörter 
ÖOTtelv und doxljbuo^ nicht mit Fleiß gesucht (vgl. Wilamo- 
witz). Dasselbe Wortspiel, nur noch sinnfäUiger hervor- 
gekehrt, kehrt wieder bei Heraklit Fr. 28: doxdovra yäg 6 
doxifjulnaxo^ yivioaxei. Es wäre schon dieses Anklangs wegen 
bedenklich, das doxljbuo^ bei Parmenides zu ändern. Wie 
aber steht es um den Sinn? Der zweite Teil des Parme- 
nideischen Lehrgedichtes eine Geschichte des menschlichen 



* S. Wilamowitz, Herakles II zu v. 311, 



— 10 — 

Irrtums ? Weder Eristik noch Hypothese, sondern der Nach- 
weis, daß der Irrtum seinen Grund habe, die Erklärung, auf 
welchem Wege er in die Welt gekommen ? Und nicht nur das 
Altertum hätte Parmenides im allergröbsten mißverstanden ? 
Und das Gedicht wäre in Wahrheit einheitlich, in einem 
Grade, wie wir es nie bisher geahnt hätten ? 



Das Hauptstück des zweiten Teils, »von dem wir einige 
Kenntnis haben, ist die lychre von den Himmelskränzen. 
Was Aötius darüber berichtet, macht den Eindruck großer 
Zuverlässigkeit, weil es auf jede Ausdeutung verzichtet; 
offenbar hat er es aus Theophrast. Die Worte lauten (Fr. 
A 37; Dox. 335): IlaQfxevi&ri^ oxeq>dva^ elvcu TteQUteTzXeyfiivoi^, 
inaXXijXov^, ktt/v /ülsv ix xov twhvov, rijv di ix xov ägaiov, xal 
n6Xiv>^ rijv jülsv ix rov ägcujov, riyr di ix xov twxvov' jMxta^ 
de äXkai^ ix qxjord^ xal axörov^ fxsxa^ rovtoDV, xal w nsQiixov 
di 7zdaa4 reixov^ dlxriv oregedv indQXSiv, iq>'4> Tivgoyötj^ axeq)din]9 
xal ro fieaalraxov naaöyv arsQeöv, neql S (Boeckh; tieqI Sv F, 
Ttegl (5r P, vq>' ^ Diels) TtdXiv 7WQd>dri^ [sc. (n€q>dvji], r&v de 
avfjLfjuyöyv rijv fxeaavtdxriv dndaai^ <aQXijv: Diels nach SimpHc.> 
re xal <ainav> xivijaeco^ xal yeveaeco^ ijioQxeiv ^^vtiva xal dai/wva 
xvßeQvfjriv xal x^ijdovxov inovo/juiCei Aixrjv re xal ^Avdyxrjv. 
Um zu bestimmen, was Parmenides sich unter diesen Kränzen 
vorgestellt, wie er sie geordnet und ineinandergelegt gedacht 
hat, müßten wir vor allem wissen, ob er das Weltgebäude, 
so wie es ist, in einem Sphärenbau hat unterbringen wollen. 

Von mir ergänzt. Es läßt sich nicht bezweifeln, daß die Kränze, 
die im zweiten und dritten Satz ausführlicher beschrieben werden, 
dieselben sind wie die im ersten Satz genannten; den Worten x&v da 
av/A/uy&p im dritten Satz entspricht im ersten fwctäg öi dWog. 
Folglich müssen sich auch die näorn in der ersten Aufzahlung voll- 
zählig wiederfinden, aber dann sind hier zwei zu wenig. Dazu kommt, 
daß auch der Ausdruck TteQUieTtXeyfjiÄvag, imd^^vg nicht zu passen 
' cheüit, wemi darauf nur zwei Kränze folgen. 






.>,^. ^^*«w*>;.'*;^^'*&K^-ä25Säif' 



— 11 — 

oder ob er eine Ordnung hat beschreiben wollen, die der 
gegenwärtigen Weltordnung vorausging, oder endlich, ob 
die Kränze ihm der bildliche, symbolische Ausdruck der 
Gesetze und Gegensätze waren, die er im Himmel und auf der 
Erde sich wirkend und waltend dachte. Da uns die Über- 
lieferung auf diese Fragen keine gerade Antwort gibt, bleibt 
uns nichts übrig, als die Konsequenzen, die sich aus einer 
jeden dieser Annahmen ergeben, mit dem Wortlaut des Be- 
richtes zu vergleichen und auf ihre Wahrscheinlichkeit zu 
prüfen. 

Setzen wir den ersten Fall, so wird im Text die Änderung 
notwendig, die Diels vorgeschlagen hat; denn einen Feuer- 
ring um die Erde gibt. es nicht, die Erde muß das Feuer in 
sich bergen: v^' & TtdXiv 7tvQ(odrj^. So ergeben sich fünf 
Sphären in folgender Ordnung: als äußerste das Firmament, 
die feste Schicht, die alle übrigen umschließt, darunter ein 
Ring von ungemischtem Feuer, dann eine Anzahl Ringe, in 
denen Feuer und Dunkel sich mischen, also offenbar die 
Sphären der Gestirne, dann, mit Überspringung der I^uft, 
der harte Erdmantel und darunter wiederum, wie unter dem 
Firmament, ein Ring von reinem Feuer. Diese Interpretation 
ist klar und scharf, aber sie ist gewaltsam; sie hängt ab von 
Theophrast und setzt sich über Theophrast hinweg; denn 
wenn wir negl S in iq)* 4* ändern, korrigieren wir keinen 
Schreiber, sondern den Aötius selber. Hätte der das Feuer 
als den Kern der Erde, die Erde als runde Kruste um das 
Feuer sich gedacht, so hätte er nicht die Erde ein fieacUxaxov 
7iaa(bv (!) aregeov, im Neutrum, und das Feuer eine axefpdvrj 
genannt; denn jeder Kranz ist hohl und legt sich um ein 
anderes herum; und noch viel weniger hätte er die beiden 
Sätze: xai ro negUxov dk 716/004 axegeöv — xal ro fieoaixaxov 
Ttoja&v axegeöv so mustergültig klar einander entgegengesetzt. 
Dazu kommt noch ein weiteres Bedenken : hätte Parmenides 
wirklich die feurige Beschaffenheit des Erdinnem geahnt oder 
erschlossen und aus diesem Grunde die Erde in zwei konzen- 
trische Sphären eingeteilt, so stände er damit allein unter 
allen griechischen Philosophen. Denn sie alle kennen die 



- 12 - . 

Erde nur als Einheit, wohl mit mancherlei unterirdischen 
Feuer-, Wasser- und I^uftadem durchzogen, aber als Himmels- 
körper einheitlich wie Sonne und Mond. Und Parmenides 
sollte seinen Himmel bis unter die Erde hinab beschrieben 
haben, sollte unter dem Festen und Schweren einen zweiten 
Himmel, gleichsam einen Erdhimmel, aus lycichtem und 
Dünnem angenommen haben? Und überdies, wo bhebe die 
Athmosphäre ? Halten wir dagegen am überUeferten Wort- 
laut fest, so begegnen wir bei Aetius sicherUch keinem Wider- 
spruch; das TtdXiv steht durchaus zu recht, wenn von der 
Mitte wie vom Rande der Welt gerechnet, sich die gleiche 
Reihenfolge der Elemente ergibt: die ungemischten Sphären 
an den Enden, die gemischten in der Mitte zwischen diesen. 
Diese Erklärung schafft auch, wie mir scheint, die einzige 
Möglichkeit, die bei Simplicius überUeferten Verse mit'Aetius 
in Einklang zu bringen (Fr. 12) : 

Ol yäq axeivöregai nXfjvro nvqo^ äxQijrou), 
al d*e7zl xal^ wxrö^, fisxä de q>koyd^ lexai alaa' 
SV dk fji4a(p xovxoyv dai/Mov ij ndvra xvßegva' 
ndvxa yäg <fj> axvysQolo röxov xal fu^io^ ^QX^f' 
nifjuiova ägaen 6f}lv fjLiyfjv rö x ivavxlov aiki^ 
ägaev OrjkvxeQO), 
In seiner Erklärung gibt Simplicius (Phys. 34,14), ab- 
weichend von Theophrast, der Göttin ihren Sitz nicht in 
der mittleren Region des Himmels, sondern in der Mitte des 
Alls. Das ist besonders darum wichtig, weil es zeigt, daß in 
den folgenden Versen jedenfalls die Erde nicht mehr vorkam, 
daß vielmehr die Aufzählung mit der Beschreibung der 
Göttin schloß. Ob Simplicius oder Theophrast im Recht ist, 
läßt sich, wie es scheint, nach der Gewichtigkeit der Zeugen 
nicht allein entscheiden; Diels hat dem Simplicius zuge- 
stimmt (Kommentar, S. 107). Ich würde dagegen gewiß 
nicht wagen, mich auf Theophrasts Autorität zu berufen, 
wenn ich nicht die Empfindung hätte, daß bei jeder an- 
deren Erklärung Kraft und Schönheit dieser Verse oder viel- 
mehr des Gedankens verloren gingen; denn die Gewaltige, 
Unerbittliche, die allenthalben der weherfüllten Geburt 



— 13 — 

und Mischting waltet und das Weib dem Manne und den 
Mann dem Weibe zur Gattung sendet, kann doch wohl an 
keinem anderen Orte thronen, als wo Nacht und Flamme 
durcheinanderfahren und sich pa^^n und mischen. Und 
wir werden uns hüten, sie der Sonne oder der Erde gleich- 
zusetzen, sie, die Lebensschafferin und Weltschöpferin, die 
das Entgegengesetzte zwii^ und bindet, Nacht und laicht, 
das Männliche und Weibliche und wohl auch Freude und 
Schmerz. Hatte aber die Göttin ihren Sitz inmitten der 
gemischten Kränze und schloß die Aufzählung der Sphären 
mit der Göttin, so folgt daraus notwendig, daß Parmenides 
bei der Einteilung des Alls gleichzeitig von dem äußersten 
wie von dem innersten Kreise ausgegangen war, das heißt 
auf beiden Seiten vom Begrenzenden und Festen. Denn 
Kreis und Kugel haben, nach pythagoreischer Anschauung 
(Aristot. de caelo 293 a, 30), zwei Grenzen {nigata), Mittel- 
punkt und Peripherie. Seinen Standpunkt wählt er nicht 
in dem konzentrischen Mittelpunkte sämtlicher Kreise, 
sondern mitten zwischen Zentrum und Peripherie, dort wo 
er sich auch die Göttin thronend denkt. Dann liegen zu 
äußerst die beiden begrenzenden Festen, daran schließen sich, 
der Mitte zu, auf beiden Seiten je ein näherer, ein „engerer" 
Kranz aus reinem Feuer — daß es nur zwei Feuerkränze 
waren, sagt ausdrücklich Aetius — endlich folgen die ge- 
mischten Sphären {cd d'inl xal^), und die Göttin in deren 
Mitte macht den Schluß. Das ist genau dieselbe Reihenfolge, 
die auch Aetius in seiner Beschreibung inne hält. Ich sehe 
keine andere Möglichkeit, die Verse zu erklären; denn ver- 
steht man unter inl die Richtung von der Peripherie zum 
Mittelpunkt, so müßte auf den zweiten Feuerkranz, den 
Diels in die Mitte der Erde verlegt, wieder ein ganzes Bündel 
gemischter Kränze folgen,' und wo die Göttin dann h fxiato 
ToikcDV bleiben sollte, Heße sich nicht einsehen. 

Aus alldem ergibt sich, daß die Kränze eine rein kosmo- 
gonische Konstruktion sind und mit dem Weltbilde des 
Parmenides nicht verwechselt werden dürfen. Der erfahrene 
Theophrast ist viel zu vorsichtig und einsichtig dazu, um 



— 14 — 

den geringsten Versuch zu irgendwelcher Ausdeutung zu 
machen; er redet mit Bedacht vom Dichten und Festen, 
Feurigen und Dunkehi, kurz nicht von den Himmelskörpern, 
sondern den Elementen; denn die beiden Gegensatzpaare 
fallen für Parmenides in einen einzigen Gegensatz zusam- 
men, den der Urelemente Licht und Finsternis. Und was 
die sorgfältige Wahl der Worte bei Theophrast besagen will, 
lehrt mit der gewünschten Deutlichkeit die zweite Hälfte 
seines Berichtes: xal rfj^ fxev yrj^ oJtöxQiaiv slvcu rov aiqa d(ä r^v 
ßuujoxiqav avzfj^ i^ax/üuaOdvta mkrjaiv, xov di nvqo^ dvcurtvoiiv rdv 
ijXiov xal rov yaXaSlav xvxkov* avfjL/uyfj d'^l äfxq)oiv elvcu x'qv 
aeXijvriv, rov rädgo^ xal rov tzvqö^' TtsQundvto^ d^ävandto) 
ndvrcov rov alQiqo^ in am(b ro TWQcöde^ vnorayfjvai rovS* 
ÖTtBQ xexkTJxa/biev ovgavöv, vq>* (5 i\&ri rä Ttegiysia. Die Worte 
lassen keinen Zweifel, daß wir uns inmitten einer Kosmo- 
gonie befinden; nicht der fertige Zustand, sondern die 
Entstehung wird geschildert. Es wäre vergebUche Mühe, 
wollte man den Äther oder die Gestirnswelt oder die Erde 
unter den Kränzen der Elemente unterbringen; wenn Aetius 
beides streng getrennt hat, dürfen wir es nicht vermengen. 
Und die Erde ist ja erst durch ein Zusammensinken und 
Zusammendrängen alles Schweren aus den Ringen der 
Elemente entstanden: [Plut.] Strom. 5 (Vors. 18A22) Uysi 
de rrjv yfjv rov twxvov xaxaqQvivxo^ l&iqoi delevi^] yeyovivau 
Das eine gehört dem Kosmos an, das andere dem Chaos. 



* digog möchte ich streichen, weil xd tivkvöv ein fester Terminus 
ist und außerdem A€tius sagt, Parmenides habe die Luft für eine 
ändxQiatg r^g yrjg gehalten. Ich weiche in ' der Erkläfung ab von 
Diels (Parmenides, S. 99), der beide Angaben zurecht bestehen 
läßt und ihren Widerspruch damit beseitigt, daß er voraussetzt, 
auch Parmenides habe, wie vor ihm Anaxünenes, die Heraklitische 
öödg ävcD nAtm, den beständigen Wechsel der Elemente gelehrt. 
Ich habe dagegen einzuwenden, daß erstens Heraklit in seiner Ble- 
mentenlehre, wie ich glaube, als der schroffste Gegner aller ionischen 
Physik auftrat (Näheres darüber imten), und zweitens, daß es dem 
Doxographen um die Kosmogonie zu tun ist, und daß jede Kosmo- 
gonie, auch die des Anaztmenes (vgl. Fr. A 6), an eine bestimmte 
Reihenfolge in der Entstehung der Weltkörper gebimden war. 



— 16 — 

Zwischen beiden ist wohl, ähnlich wie bei Empedokles, 
ein Zustand chaotischer Mischung anzunehmen, aus dem 
das lycichte allmähUch nach oben gedrängt, das Schwere 
nach der Mitte gezogen wurde. Dann fanden von oben und 
unten Ausdünstungen statt: unter dem Himmelsfeuer ent- 
stand die Milchstraße, darunter aus den festeren Feuer- 
teilen die Sonne, aus noch schwereren in tieferer Region der 
Mond^. Umgekehrt stieg aus der Erde Wasser und I^uft 
empor. Im Monde trafen beide Ausdünstungen zusammen, 
er ist gemischt aus Feuer und lyuft. IIvxvöv nnd dgaiöv be- 
deuten, wo sie auch vorkommen, die Elemente oder die 
Aggregatzustände des Urstoffs, nicht die Himmelskörper 
und nicht die Himmelsphären, sie sind kosmc^onische, 
nicht kosmographische Begriffe. Das Parmenideische Chaos 
ist nun freiUch ein geordnetes Chaos, aber darum nicht 
weniger ein Chaos als der Sphairos des Empedokles; ja es 
vereinigt in sich die beiden chaotischen Zustände, die Empe- 
dokles periodisch aufeinander folgen läßt: noch liegen an den 
beiden Enden sich die Elemente feindlich in getrennten 
Ringen gegenüber, während in der JMitte schon die Göttin 
mit dem Werke der Mischung und Verbindung und der Welt- 
schöpfung beginnt: Tidvra xvßegv^. Ich kann die zugrunde 
Hegende Vorstellung nicht besser anschauHch machen, als 
indem ich sie aus ihrer Umgestaltung in den Worten des 
Empedokles hervorzuziehen suche (Emped. Fr. 35) : 

iTtel Neixo^ [asv eviqraxov Ixexo ßdvBo^ 
ölvrj^y iv dk fiiafi OiXöxri^ axQOipaXvyyi yhrftai, 
iv rfj dij rdds ndvxa owiQxezai Sv fjLovov elvai, 
ovx äipoQy aXkä BeXripA avvundfxev* äkXodev äXXa' 
Tiöv di x€ fxiayo/xivojv %eIx SOvea fivqla Ovrjrdyv* 
TtoXXä S" äfiewx Sarrixe xegaiofiivoiaiv ivcdkd^, 
8aa hl Neixo^ iqvxe /bterdgaiov ' ov yäg äiJiefX(pi(o^ 
r(bv Ttäv iSdarrjxev in eaxccta xiqfjuxta xvxXov, 
äXXä rä /j4v r ivifu/xve, fieXioyv xä öd r i^eßeßijxeL 

^ Fr. A 43 UaQ/ievldrjg t6p rjliov xat rifv o^kfynf» ix xov yaXailov 
xvxlov änoxQidfjvai, idv fih dnd tov dQcuoriQov /jUypunog (S di) deg/xtSv), 
xifv di änd tov nvxvatiqov (öneg yfvxgd»). 



— 16 — 

Sobald der Streit von außen in den Sphairos eindringend 
die unterste Tiefe, also doch wohl den Mittelpunkt des 
Wirbels erreicht hat und die I^iebe in der Mitte der Kreis- 
bewegung angelangt ist, da schließt sich zur Einheit alles 
rings um sie zusammen, aber gemach und nicht auf einmal, 
denn allmählich erst weicht der Streit und räumt der nach- 
dringenden I^iebe das Feld. So lagern an den Enden noch die 
Stoffe unvermischt und unvereinigt nebeneinander, indessen 
in der Mitte schon die Weltkörper im Werden sind. So 
kommt Empedokles auch mit dem Grundgedanken seiner 
Physik ganz überraschend nahe an Parmenides heran. Die 
beiden haben in der Tat weit mehr miteinander gemein als 
seinerseits Parmenides mit Anaximander. Der Vergleich 
der Kränze mit den Stemrädem Anaximanders hat dem 
Verständnis nur im Wege gestanden. Die areqxivai können 
schon um ihres Namens willen mit den Gestirnen nichts zu 
tun haben. Alles Rätselwesen, alles was die Alten yQiq>o^ nann- 
ten, ist dem Parmenides so fremd wie dem Empedokles und 
Ileraklit geläufig. Fällt es uns schwer ihn zu verstehen, so 
Jiegt das an keiner gesuchten Dunkelheit; er nennt die 
Dinge überall bei Namen. Und wie deutlich redet er vom 
Äther und Olymp und Bummel und den Himmelskörpern 
in dem zehnten und elften der Fragmente! Soll er un- 
mittelbar nach dieser klaren Einleitung dieselben Dinge 
im Orakelton besungen haben? Ich denke, fing er alsdann 
von Kränzen an zu reden, die aus dünnen und festen Stoffen 
umeinander geflochten seien, so stand eins von vom herein 
fest: daß er nicht den Himmel und nicht die Sterne meinte. 

So hätte sich denn der erste der drei Wege, zwischen 
denen wir die Wahl hatten, als ungangbar erwiesen, und 
der zweite hätte uns so glatt ans Ziel gebracht, daß wir 
nach dem dritten nicht mehr zu fragen brauchten. Aber mit 
den Rätseln dieser Kosmc^onie sind wir damit noch nicht 
am Ende. Was will sie nur ? Denn als Ergebnis reinen, unbe- 
fangenen Nachdenkens über die Stoffe der Welt, wie es die 
Kosmogonien eines Anaximander und Anaximenes gewesen, 
sein mögen, konnte gewiß ein so seltsames Gebilde wie dieses 



— 17 — 

Chaos nicht zustande kommen. Es ist ein Ausdruck, zweifel- 
los ; aber ein Ausdruck wofür ? Für solche, die vor dieser Frage 
ausweichen und zu den Pythagoreem ausfluchten möchten, sei 
bemerkt, daß diese lychre ein völHg in sich geschlossenes, in 
sich selbst ruhendes Ganze ist und nirgends auch nur mit 
einer Fingerspitze aus ihren Gedankenkreisen hinaus auf die 
I/ehrmeinungen anderer Sekten hinweist. Nur aus dem 
Ganzen kann das Einzelne, nur aus der Seinslehre die Kosmo- 
gonie verstanden werden; 

Einen guten Schritt der Lösung entgegen führt uns 
zunächst die Göttin selber. Man hat bisher ein wichtiges 
Zeugnis über sie nc)ch nicht ausgenutzt, das Zeugnis Ciceros 
de nat. deor. I, 11, 28 (Fr. A 37): „Nam Parmenides 
quidem commenticium quiddam: coronae simile efficit 
(Stefanen appellat), continente ardore lucis orbem, qui 
cingit caelum, quem appellat deum; in quo neque figuram 
divinam neque sensum quisquam suspicari potest, multaque 
eiusdem .<modi> monstra: quippe qui Bellum, qui Dis- 
cordiam,^ qui Cupiditatem ceteraque generis eius- 
dem ad deum revocat quae vel morbo vel somno vel 
oblivione vel vetustate delentur". Unter diesen sonder- 
baren Worten stecken doch offenbar die Gestalten Gdvaxo^, 
"Ynvo^, AijOt], ri]Qa^, eine aus Sage und bildender Kunst 
uns wohlvertraute Schar, als Kinder der Nacht allsamt auf- 
gezählt in Hesiods Theogonie (v. 211ff.): 

Nv^ d'hexev oxvyeQÖv re Mögov xal KrJQa fiiXaivav 
xal Oävarov, rixe d'^Ynvov, htxts ök q>vXov ^OveiQiov - . . 
rixre de xal Nd/bieaiv, Tvqfjia dvrjftolai ßgoxoTat, 
NvS oXo'^ ' /letä xiiv 6' *An6xriv rixe xal O06xYjfta 
FfiQa^ X "'ovXö/jsvov, xal "Eqiv xixe xaQxeQÖOvfjiöv, 
avxoQ *'Eqi4 axvyeqri xixe fiev IIövov äXyivöevxa 
AijOriv xe Aifiov xe xal ^Akyea daxQVÖevta . . . 
Es ist ausgeschlossen, daß Gcero sich diese Gestalten 
aus den Fingern gesogen hätte, sie müssen bei Parmenides 
genannt gewesen sein, und zwar, wie Cicero bezeugt, zur 
Gottheit in Beziehung gesetzt ; das heißt doch wohl, die Göttin 
hatte sie geboren, wie sie auch das Gegenteil dieser vier 

Reinhardt, Parmenides. 2 



— 18 — 

Mächte der Zerstörung, den "Eqcd^ geboren hat. Daß ''Eqojc 
an der Spitze einer ganzen Generation von Kräften stand, 
ergibt sich ohnehin aus Simplidus phys. 39,18 (Fr.) 13): 
tct&tfiv (sc. Tfiv6alfwvd)xai Oecov ahiav elvcU (priai ifycov^Ttgdjxiarciv 
fjikv "EgcDta Oe&v firixlaaxo Ttdvxcov. Und die I^iebe 
•; u fordert ihr Komplement. So stehen einander gegenüber 

V . \ , auf der einen Seite die Mächte der Zeugimg, des Gedeihens, 
^ ''^ des Wachstumes, des Friedens, auf der anderen Seite Schlaf 
und Tod, Vergessen und Altem, Krieg, Welken und Unter- 
gang. Und die Göttin gebietet nicht nur übcx die Stoffe, 
sondern auch über die Kräfte, die in ihnen wirken, über 
die Erscheinungen und wechselnden Gesichter und Be- 
deutungen des I^ebens, die in ihnen zutage treten und 
wieder in die Nacht versinken. Sie ist der Mittelpunkt, in 
dem alle Gegensätze sich wie die Radien eines Kreises treffen. 
Und tmter den Gegensätzen sondern sich zwei Gruppen, 
hier die räumHch rings um sie gelagerten Stoffe der Welt, 
das I^eichte und Schwere, Dünne und Feste, dort die geistig 
ihr entsprungenen Kräfte des Entstehens und Vergehens. 
Aber es gibt einen durchgehenden Gegensatz, der beide 
Gruppen umfaßt : der Gegensatz des leichtes und der Finster- 
nis, und all die unzähligen Kontraste, die die Natur uns 
zeigt, sind nur Abwandlimgen und Differenzierui^en jener 
beiden Urformen der Erscheinung. Das I^eichte und Dünne 
ist gleichsam eine Fortentwicklung aus dem Feurigen und 
Hellen, wie das Schwere und Feste aus dem Dunklen, "^^cd^ 
eine Erscheinungsform des Lichtes, wie ödrorog', ''Ynvo^, F'^Qo^y 
ArjOri Elinder der Nacht. 

Ein solches Denken hat mit ionischer Physik nichts 
mehr gemein. Parmenides ist in der Tat kein Physiker, 
und seine Kosmogonie birgt etwas anderes als Kern, als 
was die konventionelle Hülle auf den ersten Blick vermuten 
läßt. Man merkt, so physikalisch er sich auch mitunter 
noch gebärdet, es kam ihm doch im tiefsten Grunde nicht 
darauf an, das Weltgebäude durch Verdünnung und Ver- 
dichtung, Steigen und Fallen der Grundstoffe, nach den 
Regeln ionischer Physik so einwandfrei wie möglich zu er- 



— 19 — 

m 

klären; mag er sich in physikalischen Einzelheiten an diesen 
oder jenen Vorgänger gehalten haben: das war für ihn nur 
Nebensache. Aber zu den Hauptsachen gehörte für ihn, was 
*öeine eigenste und geistreiche Erfindung war, sein Chaos: 
eine Art Hilfskonstruktion, die es ermöglichte, alle Be- 
standteile der Welt und Einzelunterschiede auf den letzten 
alles in sich begreifenden Hauptunterschied s^urückzuführen, 
den Kontrast des Lichtes und der Finsternis. Man hätte, 
um dies zu verstehen, ihn nur beim Worte zu nehmen 
brauchen; Senn er erklärt ausdrücklich (Fr. 9), alle Dinge 
samt und sonders seienLicht und Finsternis benannt und diese 
beiden seien nach ihren Kräften allen Dingen zugeteilt. 
Daher also die ineinandergeflochtenen Kränze, daher das 
ganze seltsame Gebilde: es sollte eine Art Urtypus dar- 
stellen, der sich im gesamten Kosmos wie in jedem Einzelding 
unendlich abgewandelt wiederhole. Was ich sehe, ist zu- 
sammengesetzt aus laicht und Schatten, was ich fühle, aus 
Lockerem und Festem. Die Prinzipien sind rein phänomienolo- 
gisch — man bedenke, was es heißen mußte, in einer Gesell- 
schaft radikaler Physiker wie Anaximenes und Anaximander 
Licht und Finsternis, das Alleräußerlichste, Oberflächen- 
hafteste. Unmateriellste an den Dingen für deren Wesen und 
Grundstoff zu erklären — die Prinzipien, um es zu wieder- 
holen, sind rein phänomenologisch, aber es wird mit diesen 
Prinzipien umgegangen, als seien es physikalische Substanzen. 
Sollte hier vielleicht ein Mißverhältnis walten zwischen Sinn 
und Form, ein Ringen sich verbergen nach Inhalten, für die 
ein Ausdruck noch nicht da war, hinter der scheinbaren Ruhe 
ein unterirdischer, verworrener Kampf im Gange sein zwi- 
schen zwei Denkweisen, die weder sich vereinigen noch klar 
sich von einander trennen und scheiden konnten ? 

Werfen wir zuvor noch einen Blick auf die Psychologie. 
SimpUdus fügt dem Verse, der über die Geburt des "'Egw^ 
handelt, folgende Bemerkung bei : xal rä^ y^vxä^ Tiifuieiv Tiori 
fiev ix rov ifjupavov^ el^ rd asvSi^, noxk dk ävdjwXlv q>riaiv 
(sc. Ti)r dalfiova). Bei der Erklärung dieser Worte können wir 
auf eine Parallele aus Hippokrates de victu (VI, 474 L) nicht 



— 20 — 

» 

verzichten — Diels hat sie zuerst herangezogen, Kom- 
mentar S. 109: vofM^etcu de vno x&v dvOgcoTtcov ro [mbv i^ didov 
i^ q>do^ av^rjdev yeviaOai, ro de ex rov (pdeo^ i^ äi&qv /bteuodh 
anoXiaOai " ocpdcdfMiai yäq nunevovai fmkXov ^ yvcofirj, ovx l>cavolc 
iovaiv ovöe neql roov ogeo/üLevcov XQivai'eyd) de rdde yvco/ifj iSrjyiofjuu. 
Einen geschichtlichen Zusammenhang zwischen den beiden 
Stellen anzunehmen, eine Annahme, die Diels, vielleicht in 
allzu großer Vorsicht, nicht als notwendig betrachtet hat, hat 
möghcher Weise dennoch seine Berechtigung. Denn über- 
raschend ist es doch, daß dem schriftstellernden Arzte q)do^ 
und di&rj^ so geläufig sind als philosophische Benen- 
nungen, daß er es wagen kann, mit diesen Namen der volks- 
tümlichen Vorstellung entgegenzutreten, die irrtümlicher 
Weise von Vergehen und Entstehen rede, wo in Wahrheit 
bald ein Wachstum aus dem Unsichtbaren in das Sichtbare 
vor sich gehe, bald ein Abnehmen aus dem Sichtbaren in 
die Unsichtbarkeit. Ähnlich Kap. 5: ndvra ravrä xal ov 
Tct aörd' (pdo^ Zrjvl, oxoxo^ ^Äidfj, (pdo^ ^^(drj, axoxo^ ZrjvL 
Eine andere Frage wäre, ob er diese Bezeichnungen, wie 
seinen Stil überhaupt, von HerakUt entlehnt habe; es ließe 
sich immerhin einiges dafür anführen; wogegen die Ähnlich- 
keit mit Anaxagoras, Fr. 17, oder Empedokles, Fr. 9, nichts 
weiter als die Theorie betrifft, nicht das, worauf es hier 
ausschließlich ankommt, die Terminologie. Aber woher diese 
Ausdrucksweise auch kommen mag, die Ähnlichkeit mit dem 
Parmenidesfragment liegt auf der Hand. Und doch besteht 
ein großer Unterschied: denn was für den Verfasser de victu 
und vielleicht auch schon für Heraküt nur eine Geziertheit 
mehr war, war für Parmenides das Wesen. Wir brauchen, 
um seinem Gedanken nähef zu kommen, weder an orphische 
Geheimlehren noch an volkstümliche Vorstellungen zu 
denken, sondern es genügt, sich an sein eigenes System zu 
halten. Dieselbe Göttin, welche die Seelen aus dem laicht 
ins Dunkel und aus dem Dunkel wiederum ins laicht sendet, 
thront selbst inmitten von Licht und Finsternis und hat aus 
Licht und Finsternis alle Dinge geschaffen. Das Licht ist 
mit dem Entstehen, mit der Bejahung, mit dem Sein ver- 



— 21 — 

wandt, die Dunkelheit mit dem Vergehen, mit der Ver- 
neinung, mit dem Nichts; Geborenwerden tind Sterben — es 
zeigt sich darin derselbe Gegensatz, kraft dessen diese ganze 
Welt der drff a für uns Sterbliche Realität ist. 

Auf demselben Gnmdgedanken ruht auch die Erkenntnis- 
theorie, von der uns Theophrast das Wesentliche gerettet 
hat, de sensu 1 (Fr. A 46) : noQfxevldri^ fikv yäq 8ixo^ ovdh 
äq)(i>Qi9cev äXi.d fwvbv Äti dvoiv ovxoiv axoixeloiv xaxä xd ineQßdXXov 
iaxlv ?} yvüHJiC - iäv yoQ vtibqcUqji xd Oeq^ov fj to tpvxQov, älXrjv 
ylveadai rijv didvouiv, ßeXxlo) de xal xadagcordgav dia tö deg/buiv' 
ov firfv aXkä xal ravti^v deladaC xivo^ avjULfjLetQia^. Nur wenn 
Theophrast vom Warmen und vom Kalten als den Ele- 
menten der Sinneserkenntnis reden zu müssen glaubt, 
ist er möglicher, ja wahrscheinlicher Weise in demselben 
Grundirrtum über die Prinzipien der Parmenideischen dSSa 
befangen wie Aristoteles. Sie beide nämlich setzen als Ele- 
mente imbedenklich den ihnen geläufigen Wärmestoff und 
Kältestoff, während in den Fragmenten selbst ausschUeßlich 
Feuer und Finsternis, Licht und Nacht, das Leichte, Dünne 
und das Schwere, Feste als elementare Gegensätze erscheinen. 
Nichts wäre verkehrter, als wollte man diesen Unterschied 
der lückenhaften Überlieferung zur Last legen. Die wört- 
lichen Zitate standen an viel zu wichtiger, hervorgehobener 
Stelle im ' Gedicht, ?l1s daß die Worte hätten fahrig und 
ungenau sein dürfen. Es handelt sich vielmehr bei dem 
Warmen tmd dem Kalten lediglich um eine peripatetische 
Interpretation. Und Spuren einer solchen erklärenden Über- 
setzung zeigen sich noch deutüch bei Aetius, Dox. 349 (Fr. 
A 43) : noQfjLevl&Yj^ rdv ijliov xal rrjv aeXrjvriv ix xov yaXa^iov 
k6xXov oJtoxQtß^vai, rdv fjiiv änd xov äqaioxiqov juiy/juno^, S d^ 
OeQjLiov, xijv de äjto xov nvxvoxegov, öneq tpvxQov. Ahnlich be- 
richtet Aristoteles über den Ursprung der Geschlechter, de 
part. anim. B 2 (Fr. 52) : nagfievldtj^ xä^ yvvaixa^ x(bv dvögcbv 
QeQfMxiQo^ elval (prjai, wo der genauere Aetius sagt (Dox. 419; 
Fr. 53): xä ixkv nqo^ xal^ äqxxoi^ äqqeva ßXacnfjaai (xov yäq 
nvxvov fiExixeiv nXelovo^), xä di nqo^ xal^ fiearjfjißqlai^ OrjXea 
Ttaqa xipf ägaiöxi^xa. Damit soll keineswegs geleugnet werden. 



— 22 — 

daß Parmenides nicht auch den Gegensatz der Wärme und 
Kälte in dem Unterschiede von Nacht und I/icht, twxvöv und 
äQcuöv habe mitbegreifen wollen, aber das Warme und Kalte 
war nicht das, wovon er ausging, nicht das Wesen, sondern 
bestenfalls das Akzidens des Lichten imd des Finsteren. Und 
wenn er die Männer im finsteren kalten Norden, die Weiber 
im hellen warmen Süden erstehen ließ, die einen aus dichte- 
rem, undurchsichtigerem Stoff, die anderen aus leichterem, 
hellerem, so besagt das in seiner Sprache, daß der Unter- 
schied der Geschlechter letzthin auf demselben Gegensatz 
beruhe, der sich in Nacht und Licht an allen Dingen offen- 
bare; die Göttin, deren Sitz inmitten der gemischten Kränze 
errichtet ist, gesellt zum Manne das Weib und zum Weibe 
den Mann, wie sie Finsternis mischt mit Flamme. — Um zur 
Wahmehmtmgstheorie zurückzukehren: wir werden auch hier 
nichts Ungebührliches tmd Unerhörtes tun, wenn wir anstatt 
des Warmen und Kalten lieber Licht und Finsternis oder 
das Dichte und Dünne als Elemente der Erkenntnis gelten 
lassen möchten. Und daß wir dazu einiges Recht haben, be- 
weist das folgende : rd yäß aiaddveadai xal ro q)qovelv &^ xairtd 
liyei' did xal rrjv fivrjfiriv xaX ti)v XriOriv dno zoikcDV ylveaOcu 
dia TTJ^ xqdaeco^' äv d'ladCcoai xfj fu^eiy noxeqov Sarca (pQovelv 
1} ov, xal xl^ ^ öudäeai^y ovdkv hi öuhqvxev. dxi di xal t<j> havxl(o 
Tiaff avxo noiel xiiv atadriaiv, (pavegov iy 0I4 (prjai xov vexgdv 
qxoxo^ fikv xal Oeg/jov xal q)a)vfj^ oix alaOdveaOcu diä ti)v 
ixi^eixptv xov Tzvqo^y fpvxQov di xal auoTtfj^ xal xd>v havxloyv 
aladdveaOoL xal öho^ di Tiäv xo Sv Sxeiv xivä yv&aiv. Also ist 
in jedem Dinge zugleich ein Nichts und Ichts enthalten, 
ein Gegensatz, kraft dessen es uns erscheint, zugleich Licht 
und Schatten. Da nun Gleiches nur durch Gleiches er- 
kannt wird, muß auch unser Erkenntnisvermögen aus den- 
selben Gegensätzen gemischt sein. Je mehr Feuer- imd 
Lichtteile in dieser Mischimg enthalten sind, desto genauer 
erkennt der Geist und desto besser hält er in der Erinnerung 
fest, was er erkannt hat; denn die Erinnertmg ist ein Posi- 
tives, das Vergessen ein Negatives, und wie das eine durch 
das Licht geschieht, so das andere durch die Finsternis; AijOrj 



— 23 — 

ist nicht umsonst mit Bdvaxo^ und T^^o^ ein Kind der 
Nacht. Der Leichnam, in dem das Licht erloschen ist, er- 
kennt gleichwohl noch durch die Finsternis, die in ihm 
überhand genommen hat, doch er erkennt von nun an nur 
das Negative; er hört, er sieht, er fühlt nicht mehr: das heißt, 
er sieht nur noch das Unsichtbare, die Finsternis, er hört 
das Unhörbare, die Stille, er fühlt das Unfühlbare, das Tote, 
Kalte. Wie das Sterben ein Hinübergehen der Seele in die 
Finsternis ist, Geborenwerden ein Auftauchen ins Licht, 
jenes einer Verneinung, dieses einer Bejahung gleich kommt: 
so ist auch das Erlöschen der Erkenntnis ein Übei^ang aus 
dem Licht ins Dunkel, aus der Bejahung in die Verneinung. 
Dabei ist alles durchaus körperlich gedacht (Fr. 16) : 

d>^ ycLQ ixdaror Ix^i.xQäaiv /bieXdcov noXvnXdyKtcDV, 
rct)C v6o^ avOgcoTtoiai naQunätai • xo yäg avrö 
iativ ÖTtBQ q>Qoviei fjsXdcov (fiai4 avBqibnouaiv 
9cal Tcäaiv xal navxl ' xo yäq nXiov iart vötjjüui. 

Wie sich diese schwankende, irrtümliche, weil aus Gegen- 
sätzen aufgebaute Erl^enntnis zu dem Logos verhalte, durch 
dessen Kraft er selbst zur Wahrheit durchgedrungen sei, 
darüber hat Parmenides an dieser Stelle sich nicht ausge- 
sprochen; hätte er es getan, so würde schwerlich Theophrast 
darüber schweigen. Aber wenn ihn seine Göttin, wie er er- 
zählt, davor gewarnt hat, dem Bück dem ziellosen und dem 
Gehör dem brausenden tmd der Gewohnheit überhaupt zu 
trauen, wenn sie ihm abgemahnt hat von dem Wege der 
Doppelköpfe, denen in ihrem schwankenden Sinn Sein und 
Nichtsein für dasselbe gelte und doch nicht für dasselbe 
(wie sich später zeigen wird, ist das ein Ausdruck für die 
Welt der döSa), so ist wohl klar, daß seine Erkenntnis 
von anderer, höherer Art ist,' daß sie über das Hin und Her 
der Gegensätze im Erkennenden wie im Erkannten gleich 
erhaben ist. 

, Es gibt wohl keine zweite Stelle, wo das Rätselwesen der 
do^a so durchsichtig und imverhüllt zum Vorschein käme, 
wie in der Psychologie: ihr Wesen und Geheimnis ist die 



— 24 — 

völlige Verqtdckung des Begrifflichen mit dem Stofflichen 
Alle Dinge nach der Reihe hat Parmenides durchmustert, 
alle haben sich ihm aufgelöst in Nacht imd Licht, oder viel- 
mehr, da Nacht und Licht auch nur Symbole sind, als Wesen 
aller Dinge sprang ihm überall der Gegensatz heraus. Und 
er begnügte sich nicht, dies allgemeine Gesetz im allgemeinen 
auszusprechen, sondern er versuchte, die Gegensätze aus- 
einander abzuleiten imd genealogisch zu verknüpfen. Wäre 
das begriffliche Denken damals schon erfunden gewesen, er 
hätte vielleicht leichtere Arbeit gehabt; aber die Begriffe 
waren von den Dingen noch ungesondert. Und welche Mühe 
hat es gekostet, sie aus ihnen herauszuziehen! Welche Ent- 
deckerfreude noch bei dem jugendlichen Piaton, wo es gilt 
einen Begriff herauszupräparieren, einen Begriff, ein ganz 
neues, merkwürdiges Ding! Woher sollte Parmenides der- 
gleichen kennen ? Kaum daß das abstrakte Denken, sich an 
einem einzigen Worte, dem ov, ein wenig versucht hatte. Und 
doch, wie weit ist das Parmenideische öv noch von einem Be- 
griffe entfernt! Wo man aber ableitete, verknüpfte, Viel- 
heiten auf Einheiten zurückführte und umgekehrt, da ge- 
schah es entweder in Form von M3rthologie oder Physik. 
Beider Formen hat Parmenides sich bedient, aus Not; weil 
er kein anderes Ausdrucksmittel hatte, ließ er die Gegensätze 
sich verdichten und verdünnen wie die Stoffe oder von ein- 
ander abstammen wie die Götter. Ja, es ist als hätten die 
Begriffe selber sich verkannt und sich irrtümlicher Weise 
für Substanzen oder Mythologie gehalten. 

Unleugbar hat auch hier die Not ihr Teil getan. Die 
ddSa wäre nie erfunden, nie die Welt der Sinne aus diesem 
Augenpunkte betrachtet worden, hätte nicht die äXrjOeta so 
schroff allem bisherigen Denken widersprochen, daß eine 
genaue Auseinandersetzung mit dem Weltbilde der „Sterb- 
lichen" nicht zu vermeiden schien. Was es mit dieser Ab- 
leitung der Gegensätze auf sich hat, wird daher erst klar, 
wenn man den transcendenten Ausgangspunkt der Par- 
menideischen Naturphilosophie ins Auge faßt. Ich setze 



i_f -'-^H 



aOAi 



— 2B — 

die Verse her, um das, was ihrer üblichen Erklärung wider- 
spricht, aus ihnen selber sprechen zu lassen (Fr. 8,50) : 
^Ev t4> 001 naöo) nundv l6yov rjdi vdtjjüui 
äfAxpl^ älrjOelrj^' 66^04 d'äjto rovde ßQOxelaC 
fidvdave xöafwv ifubv iTidcov ojiaxrildv axo'öcov. 
fju>Qq)dji yäq xaxiQevxo Mo yvd)fjua^ övo/jui^eiv, 
r&v (juav ov xqedyv iariv (iv 4> nenXavYifjJvoi elalv). 
xävxia d'ixQlvavTO ddfjxx^ xal arjfjm SOevto 
Xo>qI^ OTi cM^^eov, tfj fiev (pXoyo^ aiBiqvov twq, 
fjTtuov 8v, fjLtf \djq(u6v\ iXaq>Q6vy iamto) ndvxoae rcovröv, 
Tip d^eidgip jLiij tcdvtöv' axäg xaxelvo 9cax^ amo 
rävtia, vöxz' äda^, Jtvxivov difia^ ifxßqißi^ xe. 
x6v aoi iyd> öuvcooßjov eoixöxa Ttdvta qxxtlCa), 
&^ ov jj/^ noxi xl^ ae ßgox&v yv(bfjiri TtoQeXdaafj. 
Ich gestehe, daß es mir schwer fällt zu begreifen, wie 
man angesichts dieser Worte von Hypothese reden kann. Der 
herrschenden Auffassung zufolge hätte Parmenides zu sich 
gesagt: gesetzt die Scheinwelt hätte ihre Berechtigung, 
so müßte sie zweifellos auf dem entgegengesetzten Prinzip 
beruhen wie die Wahrheit (ein merkwürdiger Schluß!), also 
da es in Wahrheit nur das allem Gegensatz entrückte Eine 
gibt, so hätte man, immer vorausgesetzt, daß die Scheinwelt 
Wahrheit wäre, bei ihrer Erklärung auszugehen von der 
Zweiheit. Ich würde den Widersinn einer solchen Überlegung 
mit Schmerzen aber in aller Geduld hinnehmen, wenn sie 
aus den Worten des Parmenides unabwendbar sich ergäbe. 
Aber es steht ja kein Wort davon da! Er redet ganz und 
gar nicht hjrpothetisch, sondern so apodiktisch wie nur 
möglich, was er kündet, ist die volle Wahrheit, Worte seiner 
Göttin, über deren Lippen kein Falsch kommt. Wie kann die 
Wahrheit eine Hypothese vortragen? Wirklich, wenn die 
Göttin ihren Auserwählten über die Wahngedanken der 
SterbUchen belehrt und ihrer Worte trügerischen Bau ihn 
hören heißt, so sollte, dächt' ich, doch wohl einleuchten, auch 
wenn das Folgende es weniger deutlich zeigte, daß die Falsch- 
heit nicht in dem steckt, was sie lehrt, sondern in dem, 
worüber sie lehrt; sie bringt Wahrheit über den Wahn, 



— 26 — 

sie zeigt, wie er entstanden ist und weshalb er entstehen 
mußte ; sie stellt keine Forderungen, sie gibt nicht an, wovon 
man auszugehen hätte, sondern sie redet wie von einer Be- 
gebenheit der Vorzeit, einer Art Sündenfall der Erkenntnis, 
der alle anderen Irrtümer unserer Vorstelltmgen mit Not- 
wendigkeit nach sich gezogen habe. Und sie erklärt, weshalb 
es in dieser Welt mit solcher Folgerichtigkeit und Augen- 
scheinlichkeit zugehen müsse : rövooi iycbduixoa/ju)vioiH6xa7tdvta 
fpaxll^o}. Haben wir uns von der bisherigen Auffassimg der 
do|a losgesagt, so brauchen wir auch iotxdxa nicht mehr mit 
scheinbar zu übersetzen, wozu wir höchstens dann ein Recht 
hätten, weim es einem älrjd^ gegenüber stände, sondern wir 
dürfen wohl verstehen, daß die Göttin den dubcoa/uio^ der 
Sterblichen in aller Ausführlichkeit und Folgerichtigkeit ent- 
wickeln wird, um ihrem Auserwählten alles zu offenbaren. 
Geben wir den Gedanken an die Hypothese auf, so 
tritt alsbald eine andere Auffassung der dö^a an 
ims heran, die sich in allem als der ersten Gegenteil 
erweist: begründet, überlegt, vor allem aus der Inter- 
pretation herausgewachsen, möchte sie an Stelle der 
Hypothese die Eristik setzen. Das ist die Ansicht, die 
Diels in den Philosophischen Aufsätzen für Zeller zuerst 
vorgetragen imd in seinem Parmenides, S. 63 und 100, 
wiederholt und tiefer begründet hat. Nach Diels wäre der 
zweite Teil des Gedichtes mchts als eine kritische Über- 
sicht über die strittigen Ansichten der bisherigen Denker, 
eine Doxographie, die wie im Peripatos lediglich den pro- 
pädeutischen Zwecken der Schule [dienen soll*. Was mich 
hindert, dieser Meinung beizutreten, sind vier Gründe. 
ErstHch glaube ich die Worte yvdifm^ xaxdOevro wörtlicher 
verstehen zu müssen, als Diels sie in seiner Übersetzung auf- 
faßt: „Denn sie haben gemeint zwei Formen benennen zu 
müssen". Fvdiixriv tiOeadcu oder xazaxlOeaOai heißt seine 
Meinung, seine Stimme abgeben^, und weim die Menschen 

1 Z. B. Herod. III 80.6. Theognis, v. 717: dUä xe^ ndvtag yiff&fMpf 
xa&njv xaxaBiaBai, fOQ nXoihoQ Ttkdfnrj» näaiv ix^ övva/uy, Audi hier 
ist an eine Abstimmung gedacht. 



— 27 — 

alle zttsammen (denn ich kann ßqoxol nicht für gewisse 
Sekten oder gar HerakHteer halten — aus welchen Gründen, 
hoffe ich bald zu zeigen — ) ihre Stimmen vereinigen, so 
ttin sie das, nach griechischer Anschauung, um einen vdfwc 
zu sanktionieren. Zweitens: ist die örffa der Widerlegung 
philosophischer Lehren gewidmet, so bleibt unverständlich, 
wie Parmenides sie mit den Worten ankündigen konnte : &^ xä 
doxovvxa ;if^v doxlfuo^ elvcu; denn selbst wenn wir doxifjuboat 
in der Bedeutimg donifjudacLi gelten lassen, so könnte es doch^ 
mit einem elvcu verbunden, nur heißen, „wie man etwas 
prüfend hätte bestimmen imd bestätigen müssen". Aber das 
wäre das Gegenteil von dem, was stehen müßte : d)^ rä doxovvta 
XQ'^ xpevdT] elvoL Drittens: da die dö^a eine höchst originelle 
Schöpftmg ist und überall dasselbe geistige Gepräge zeigt, so 
sieht sich Diels gezwungen, in ihr eine heimliche Übertreibung 
und polemische Verzerrung fremder f^ehren zu erkennen, von 
einer so raffinierten, so wahrhaft Platonischen Ironie, daß sie 
das Falsche so vollkommen wie nur möglich in der Form 
darbiete. Ich halte es für bedenklich, etwas so Persönliches 
und Eigenes wie die Platonische Ironie bei Werken der 
Literatur archaischer Zeit vorauszusetzen. Und Parme- 
nides müßte schon das Spiel so weit getrieben haben, wie es 
Plato nie getan hat: bis zur völligen Unverständlichkeit. 
Aber für solche Gedanken scheint mir überhaupt das Pathos 
des Gedichtes zu ernst und groß^ Die Vision zu Anfang 
steht doch nicht von ungefähr, sondern hat ihren sehr 
tiefen Sinn. Mit dem Gespanne, das ihn trug, soweit 
sein Sinn begehrte, ist Parmenides zum Hause der 
Göttin aufgefahren, jenseits aller bisherigen Erkenntnis 
ist er gelangt, in Reiche, die kein Menschengeist auch 
nur geahnt hat; imd die Göttin hat ihm aufgemacht 
und ihn empfangen tmd ihn über das unwandel- 
bare Eine wie über den Sinnentrug der Sterblichen 
belehrt, auf daß kein Wahngedanke ihn künftig über- 
holen könne. Ich halte es für eine Täuschung über 
den Ton, den Stil, die Stimmung, glaubt man aus 
ihren Worten Eristik, Ironie, Polemik und den ganzen 



— 28 — 

schlecht verhehlten Ärger eines angegriffenen Schulvor- 
stehers herauszuhören^. 

. Man wäre wohl auch nicht so leicht auf solche Gedanken 
verfallen, schiene nicht die Welterklärung, die sie folgen 
läßt, so ausgesprochen physikaUsch, daß sie, gegen den 
ersten Teil gehalten, sich zunächst wie etwas völlig Fremdes, 
Unverträgliches, ja Feindliches ausnehmen muß. Aber 
hier gilt es, nicht nach den Begriffen unseres wohlge- 
schulten, fester Bahn gewohnten Intellekts zu urteilen. Es 
hilft auch nichts, die alten Gedanken hin und her zu drehen, 
bis sich irgendeine Verwechslung oder Übertreibung, irgend- 
ein psychologisch interessanter Mißgriff auftut, ungefähr 
so, wie der alte Rationalist Palaephatus sich die Kentauren 
und Chimären entstanden dachte — in der Philosophie- 
geschichte hat besonders Gomperz diese Methode ausge- 
bildet — sondern wir haben zu allererst von allem später 
Kommenden zu abstrahieren, alles Frühere uns nach Mög- 
lichkeit lebendig vorzustellen und bei allem zu bedenken, daß 



* Über die Alternative zwischen H5rpothese und Polemik ist man 
seither nicht hinausgekommen. Auf Seiten der H3rpothese stehen 
Zeller I*, S. 533, Ueberweg-Praechter, S. 58. Windelband, S. 47, 
Arnim, Kultur der Gegenwart I, Abt. V, S. 106; und wenn man ihn 
beim Worte nimmt, auch Gomperz, Griech. Denker I, S. 148; denn 
das „tiefinnerliche Schwanken", das er in der Seele des Dichter- 
Denkers voraussetzt, kann doch wohl nichts anderes bedeuten. 
Auf Seiten der Polemik oder Widerlegung stehen Bumet, Early 
Greek Philosophy, S. 212; Patin, Jahrb. f. kl. Philol., Suppl. 25, 1899, 
S. 491ff.; Kinkel, Gesdi. der Phüos. I, S. 151. Was da wieder- 
legt oder zum Aus^iingspunkt genommen wird, darüber gehen eben- 
falls die Meinungen stracks auseinander. Im Gedanken an die Pytha- 
goreer treffen sich Arnim und Bumet, andere denken an Herakliteer, 
noch andere an beide zugleich. Nach Patin hätte Parmenides den 
wissenschaftlichen Dualismus Heraklits mit dem volkstümlichen 
in eins gesetzt, aus beiden ein System gemacht, und in diesem Systeme 
beide widerlegt; so hätte er in der Ö6(a die durch seine eigene Lehre 
überwundene Weltanschauimg niedergelegt. Gegöiüber dieser Fülle 
von Erklärungen gibt es nur einen Rat: an nichts zu glauben, was 
nicht dasteht, und am allerwenigsten an Mystifikationen. Was 
die Piatonforschung überwunden hat, bleibt der Parmenides- 
forschung noch zu überwinden. 



— 29 — 

die alten Philosophien Schöpfungen sind und daß der schaf- 
fende Mensch nicht rational zu machen ist. Zu Parmenides 
Zeit war die Kjritik der reinen Vernunft noch nicht geschrieben ; 
das vorstellende Subjekt war für das Denken ebenso unfaß- 
bar wie die Spiegelfläche für das Auge. Und doch hat Par- 
menides den Versuch gewagt, die Vorstellungen auf Ursprung, 
Wahrheit und Zusammenhang zu imtersuchen. So wenig 
man bisher die Lösungsich hat deuten können: daß er die 
Aufgabe ins Auge gefaßt, daß er die ganze in der dö^a 
niedergelegte Denkarbeit nur ihr gewidmet hat, ergibt sich 
aus dem einfachsten und wörtUchsten Verständnis dessen, 
was er sagt. Weil aber, wie gesagt, das Denken nur an 
seinem Objekte, dem Gedachten, faßbar war, das wissen- 
schaftHche Denken der Zeit ausschließüch auf Physik aus- 
ging, so hat die 66^a jenen physikalischen Anstrich ange- 
nommen, der schon Aristoteles irregeführt hat. Mochte auch 
Parmenides noch so entschieden sich mit seinen eigenen 
Worten gegen die Verwechslung wehren, es half ihm nichts, 
er paßte nun einmal nicht hinein in das, was man für denk- 
und menschenmöglich hielt, und folgHch rückte itnan an seinen 
Gedanken hin und her, bis sie mit dem zu harmonieren 
schienen, was man von einem griechischen Philosophen 
glaubte erwarten zu können. Wer bemüht ist, ihn in 
seiner ganzen Kühnheit und Gebundenheit zugleich aus 
seiner historischen Bedingtheit zu verstehen, wird zunächst 
feststellen müssen, daß der Eine große Mißstand, unter dem 
für uns die do^a leidet, daß sie das erkennende Subjekt nicht 
greifen kann und bei den Dingen selbst sich Rats erholen 
muß, daß dieser Mißstand für Parmenides kaum sehr emp- 
findlich war, vielleicht kaum überhaupt von ihm empfunden 
wurde. Er faßte den Satz, daß Gleiches nur durch Gleiches 
erkennbar sei, so wörtlich und anschaulich auf, daß er nicht 
anders dachte, als das wahrnehmende Organ und das Objekt 
beständen nicht nur aus denselben Stoffen, sondern seien 
auch denselben Formen und Gesetzen imterworfen. Die 
Denkvorgänge in der Seele erschienen ihm nicht als Über- 
tragungen, sondern als genaue Wiederholungen der Außen- 



— so- 
weit. Was für das Denken Gesetz war, mußte auch für die 
Dinge unbeschränkte GeTtühg haben. Geriet die Natur mit 
dem Satze des Widerspruclis selbst in Widerspruch, so war 
sie eben falsch und nicht vorhanden : oihe yäg äv yvolrj^ x6 ye 
^il idv (oi yoQ dworrfv^ oike <pQdacu^ ' to yäg a^d voetv 
eaxlv xe xal elvai (Fr. 4. 5). Umgekehrt gestattete jede Be- 
schaffenheit der Außenwelt den Rückschluß auf das mensch- 
Hche Erkennen. Ja, sieht man genauer zu, so läßt sich eine 
Scheidimg zwischen Denken und Sein (oder Schein tmd Vor- 
stellen) in den Fragmenten schlechterdings nicht durch- 
führen. Parmenides beginnt die dofa damit, daß er erzählt 
(Fr. 8, 53), die Menschen seien übereingekommen, zweierlei 
Gestalt mit Namen zu benennen, aber er entwickelt nicht, 
was man erwarten sollte, wie sie aus beiden Gestalten sich 
ihr Weltbild schufen, sondern das Gedachte gewinnt alsbald 
selbständiges Leben, Dunkel und Licht vereinigen sich und 
bilden die Welt, aus der Erkenntnistheorie erwächst, zu 
unserer Überraschung, eine Kosmogonie, was nichts als 
Name, Satzung, dvo/ma war^ geht physikalische Verbindungen 
ein und erzeugt zuletzt auch noch den Menschen selbst 
samt seinen Erkenntnissen. Das ist für unsere Begriffe 
allerdings ein starkes Stück; wir können, um es zu begreifen, 
nur aufs neue uns die Regel vorsagen, die einem Parmenides 
in Fleisch und Blut saß : ro yäg ai5ro voelv iarlv re xal elvcu» 
Weil diese Welt durchgängig sich aus Licht und Finsternis 
zusammensetzt und überall dasselbe und dodi wiederum 
nicht dasselbe ist (Fr. 8, 58; 6, 8), weil Widerspruch das 
Wesen aller döSa ist, muß diese ganze Welt notwendig falsch 
sein, das heißt subjektiv sein, griechisch ausgedrückt, sie 
kann nur vöfjuo und nicht (föaei existieren. Dieser Schluß 
wird freiUch nicht bei jedem Satze wiederholt, mitunter will 
es sogar scheinen, als lasse der Kritiker und Vemeiner sich 
vom breiten Strome der Menschenmeinungen ein Stück 
weit ruhig tragen, ja als bringe er selbst Entdeckungen bei 
seiner Kritik noch unter, auf die er sich etwas zu gute tue; 
denn da der Schein durchaus nicht aller Vernunft und Folge- 
richtigkeit entbehrt, so läßt er sich wohl auch erforschen: 



— 31 — 

daß er darum um nichts weniger, als Schein, dem obersten 
Denkgesetze, der alleinigen Gewähr der Wahrheit, wider- 
spricht, ist in zwar knappen aber scharfen Worten zweimal 
an entscheidender Stelle gesagt, zu Anfang und am Schluß 
des zweiten Teiles. Ob dazwischen noch weitere Hinweise 
an denselben Grundgedanken erinnerten, wissen wir nicht, 
aber die beiden, von denen wir wissen, sind vollkommen 
genug. Wie durch einen dicken Rechnungsstrich getrennt, 
so stehen unter dem Ganzen die Worte, die aus allem Ge- 
sagten die Summe ziehen (Fr. 19) : 

o'Sza) xoi xaxä dö^av iqyv xdde xat wv Saai 
Tcal fjLsxinea and rovde reXetrnjaovai rQaq>dvra' 
xol^ d^SvofjL ävdQCDTtoi xaxddevT^ iniarjibiov ixdartp, 
i/La^ es dem Philosophen mitunter ähnlich ergangen sein 
wie dem Dichter der homerischen Schildbeschreibung, dem^ 
ja auch das Bild an sich etwas UnfaßUches ist, durch das er 
wie durch Glas die Dinge selbst sieht, wie sie leiben und 
leben, so daß er immer wieder sich zum Bilde zurückruft, 
um sich nicht im Wirklichen zu verlieren: daß auch Parme- 
nides gleichsam ein Bild und nicht die Dinge an sich, daß er 
den vöfia^, nicht die qyöai^ meint, läßt sich bei einigem Nach- 
denken, wie ich glaube, nicht wohl verkennen. Zumal das 
Schlußwort, das den einleitenden Gedanken wieder auf- 
nimmt (/M)Q(pa^ yoQ xaxiOsvxo &6o yv(ofia^ övofjuiCeiv), kann 
überhaupt nur so verstanden werden : die Menschen haben sich 
ein Gesetz gemacht, die Welt ist eine Konvention, aus einem 
sanktionierten Irrtum folgerecht entwickelt, 'ßc rä doxovvta 
XQfjv doxCjbuo^ elvai: Anfang und Ende, Sinn und Grammatik, 
alles stimmt aufs beste überein, sobald wir nur die Hypo- 
these imd Hristik los sind. Und was dia navxoc Ttdvxa TteQwvta 
heißt, wer könnte das besser erklären als Parmenides selber ? 
aöräg iTceiA^ Ttdvxa q>do^ xal vö^ dvöfMunat 
xal Tct xaxä afpetiga^ dvvdjbisi^ inl xolal xe xal xol^, 
Tiav nXiov iaxlv öfiov (pdso^ xal wxxo^ äfpdvxov 
tacov djüiqfoxdQcoVy inel oddetdQCfi fiha firidiv (Fr. i9).^ 

* „Aber da alles Weht und Nacht benannt ist und diese beiden 
nach ihren Kräften (d. i. nach ihren mannigfaltigen Bedeutungen) 



— 32 — 

Man darf nur nicht die Folgerungen des ersten Teils ver- 
gessen haben, sondern muß sich in diese Gedankenwelt 
soweit hineingefunden haben, um zu empfinden, daß ein 
Ding, in dem zugleich zwei Elemente enthalten sind, die 
nichts miteinander gemein haben, aus deren Mischung sich 
das Phänomen erklärt, daß ein und dasselbe Ding bald so, 
bald anders erscheint, für diese Philosophie ein Ding der 
Unmöglichkeit ist, ein ravrdv xal ov ramöv, daß somit die 
angeführten Worte den allerstärksten Widerspruch ent- 
halten, und nicht nur enthalten, sondern auch zum Aus- 
druck bringen, den es für sie geben kann; der Zusatz iTtel 
ovderdQw fjiha juLridiv wird überhaupt erst dann verständ- 
Hch, wenn wir Licht tmd Dunkel nicht als -Stoffe, sondern 
als Begriffe fassen; denn da es das wesentüche Merkmal dieser 
Lehre ist, daß sie Stoffe und Begriffe ständig ineinander 
übergehen und überfließen läßt, als überhaupt erster Versuch 
begrifflichen Denkens, so haben wir auch bei den Stoffen 
ebenso sehr an ihre begriffliche Bedeutung mitzudenken wie 
bei den Begriffen an das Stoffliche. 



Es hat dem Verständnis sehr zum Schaden gereicht, 
daß man die beiden Teile des Gedichtes nur getrennt, 
als gänzUch unvereinbar und selbst unvergleichbar zu 
betrachten sich gewöhnt hat. Für Parmenides ist keiner 
der beiden ohne den anderen denkbar, und zusammen 
erst ergeben sie ein Ganzes. Und zwar liegen die Ver- 
klammerungen zum Teil offen und klar im Text zutage. 
Ich muß, um mich deutlicher zu erklären, die ganze erste 
Hälfte von neuem analysieren. 

Wenn das Prooemium als Zitat so vollständig erhalten 
ist, so liegt das lediglich daran, daß einer der Gewährs- 

jedem beliebigem Dinge innewohnen, so ist alles zugleich mit Lidit 
und unsichtbarer Nacht erfüllt, die beide einander gleich (d. i. ent- 
sprechend, parallel) sind, denn keins hat an dem andern Teil." 



- 33 — 

mätrner des Sextus sich in einer neuen und Aufsehen er- 
legenden Interpretation gefiel. Wer der Philosoph gewesen 
ist, der so stark unter dem Eindruck des Platonischen Gleich- 
nisses vom Wagenlenker stand, daß ihm die apokalyptische 
Wagenfahrt des Parmenides als Bild der Seelenkräfte er- 
scheinen koimte, mag ein andermal entschieden werden; wie 
ich glaube, war es Posidonius; aber es genügt, daß es nicht 
Sextus selber war. Es kam dem Interpreten darauf an, im 
Gegensatz zur stoischen Orthodoxie ein zwiefaches Erkennt- 
nisvermögen im Menschen nachzuweisen, die alaOTJaeig und, 
von diesen unabhängig, die Vernunft, 6q66^ ^^o^ als 
oberste Instanz. Bestätigung erbringen ihm die alten Phy- 
siker, die sich ihm sämtUch zu ^derselbien Überzeugtmg zu 



bekennen scheinen; so auch Pa r mcnidco *^' (adv. math. VII, 
111): 6 dk yvcbgifio^ avvov IldQ/Mevldfi^ xov fiiv doicunov 
X6yov xaxiyvü}, (prifü de xov aaOevel^ ixovxo^ vnoXi^et^, tdv 
S'iTtiavrjfJOVixöv, rovritni xov ädidjtxanov, iTtddexo xQOiJQiov, 
oTtoaxä^ xal <avxd^> xfj^ xcov aiaOi^aecDV maxeco^. Um seine 
Auffassung zu rechtfertigen, schlägt er zwei Wege ein: 
er deutet erstens das Prooemium als Allegorie auf die er- 
kennende Seele, das Gespann ist ihm ein Bild der äXoyoi 
ÖQ/Mt, die Straße die Methode, die Begleiterinnen die Sinne, 
die Heliaden das Gesicht, die Räder das .Gehör, die Göttin 
Dike die untrügHche dtdvoux, die zwischen dem Wege des 
Wissens und des Meinens sicher zu scheiden gelernt hat; 
zweitens läßt er auf die Allegorie nach Allegorikersitte ein 
Zitat folgen, in dem derselbe Gedanke ohne Einkleidung sich 
wiederholen soll; es sind dieselben Verse, die auch in den- 
doxographischen Handbüchern zu stehen pflegten und infolge- 
dessen häufiger überUefert sind: hcu inl xdXet jtQoaöiaaa^pel 
To fx^ öelv xal^ alaOijaeai nqoaixeiv aXka xcp Xöyq^' fiii ydQ oe, 
4p7ia(v, SOo^ TtoX'ÖTteiQov oddv xdxa xrjvöe ßidaOcJ vcofiäv äaxoTiov 
ifxfjux xal '^x^eaoav äxov^v xal yX&aaav, xglvai d^ Xöycp jtoXijneiQov 
lleyxov iS i/idOev ^rjOhrta. Beide Texte sind der Interpretation 
vorangestellt, durch keine Zwischenbemerkung voneinander 
geschieden, als sollten siej als Ganzes hingenommen werden. So 
stehen wir vor der Frage ^\Sind es zwei Zitate oder ist es nur ein 

Reinhardt, Pärmenidea. \ ^ 



— 34 — 

einziges ? Für das Erste spricht, daß bei Simplicius atif die Verse 
28 bis 30, also genau in dem fr^lichen Einschnitt, noch zwei 
weitere folgen, die bei Sextus fehlen (vgl. oben S. 6). Da- 
gegen hat freilich Diels, um an der EinheitUchkeit der Vers- 
reihe festhalten zu können, darauf aufmerksam gemacht, 
daß gerade die fehlenden Verse leicht auch zufällig aus- 
fallen konnten, da sie mit demselben Worte wie der folgende 
Abschnitt, mit einemldAAd beginnen. Trotzdem will mir eine 
Lücke nicht wahrscheinlich scheinen. Das Zitat läßt sich an 
seiner Paraphrase kontrollieren, und die schHeßt mit folgenden 
Worten: rjri^ a&cov inode^afxivri iTtctyydXXerai &6o ravra diSdieiv, 
^^f^ixiv dXriQelri^ eÖTtstßio^ axgefii^ '^oq^, ÖTteg imi xo xfj^ 
inumjjjrj^ äfiexaxlvrjftov ß^fia, Itegov de '^ßgotcbv dö^a^, ral^ o'öx Svi 
jäatig akrfiri^^ xovxiaxi x6 h 66^ xelfjLevov Ttäv, 8xi fjv äßdßcuov. 
Also auch hier von den zwei Versen, die doch schwer genug 
verständlich waren, nicht die Spur! Und warum sollte auch 
der Interpret sie anführen, da sie für seinen Zweck nichts 
hergaben und seine Interpretation viel eindrucksvoller war, 
wenn sie fehlten ? Also müßte man schon schließen, daß die 
Lücke berechnet war; aber das hieße wiederum die Ein- 
heit des Zitats in Frage ziehen. Umgekehrt läßt sich kein 
äußerer Grund auffinden, der uns hinderte, die beiden 
Versgruppen zu trennen; ihre Vereinigung braucht tmter 
keinen Umständen vom Dichter herzurühren, sondern kann 
sehr wohl in einer Interpretationsmethode ihren Grund 
haben. So hätten wir denn freie Hand; aber bewiesen ist 
damit noch nichts; der Sinn allein entscheidet- Wozu rät 
der Sinn? 

Die Göttin hat die beiden Hälften ihrer Verkündigung 
genannt: „So sollst du deim alles erfahren: der wohlgenmde- 
ten Wahrheit imerschütterliches Herz und der SterbHchen 
Wahngedanken, denen verläßHche Wahrheit nicht inne- 
wohnt. Doch wirst du trotzdem auch das erfahren, wie der 
Schein sich mußte bewähren und alle Dinge erfüllen." Ist 
es möglich, daß sie auf diese Worte eine Warnung folgen 
läßt, daß sie dem Jünger einschärft, sich um alles in der 
Welt vor diesem zweiten Wege zu hüten, den sie ihn noch 



— So- 
eben selbst zu gehen geheißen hat ? Es wäre wohl verständ- 
lich, wenn sie ihn vor Mißverständnissen und falscher Er- 
wartung warnte, aber davon kein Wort; sie warnt vor jeg- 
lichem Betreten. Zweitens: sie verlangt: mißtraue den 
Sinnen; mit dem Verstände allein 'entscheide die vielum- 
strittene Prüfimg, die ich dir sagte {xglvai di My(p noX6driQiv 
eXeyxov ii ifiddev ^Oivta). Aber wo wäre ein SXeyxo^ bis- 
her geliefert oder auch nur angedeutet ? Denn die summari- 
sche Ankündigung kann doch bei dem besten Willen nicht als 
Prüfung angesprochen werden. Vielmehr können sich die 
Worte nur auf einen fertigen Beweis beziehen, der bereits 
voraui^ng. Und endlich, um zur Hauptsache zu kommen, 
unter einer odd^ diCijoeio^ kann Parmenides unmöglich seine 
Darstellung des Scheins verstanden haben. Was in Wahrheit 
dieser Ausdruck zu bedeuten hat, darüber geben die Frag- 
mente eine sehr bestimmte Auskxmft. Allerdings bedarf es, 
um sie überhaupt dahin zu bringen, daß sie Rede und Ant- 
wort stehen, erst einer Interpretation, die ihre Aufgabe 
darin erkannt hat, in den Bruchstücken die Spuren des ver- 
lorenen Systems zu finden, aus den Gedankentrümmem den 
gesamten Aufbau wieder herzustellen. 

Zwischen zwei „Wegen der Forschung" muß sich der 
Wahrheit Suchende entscheiden: so fordert es das vierte 
Fragment. Der eine Weg führt über den Satz : das Seiende 
ist, xd Sv itni; das ist der Weg der Überzeugung. Der 
andere sagt: das Seiende ist nicht; aber das ist undenk- 
bar. Der Beweis dafür ist ausgefallen, aber auch nicht mehr. 
Ein neuer Beweisgang fängt im sechsten Bruchstück an, zu 
dessen Begiim das Vorige kurz wiederholt wird: „Nur vorgt 
Seienden läßt sich sagen, daß es ist, denn nur das Seiende 
kann existieren, das Nichtseiende hat keine Existenz. Das 
heiße ich dich beherzigen ; es ist der erste Weg der Forschung, 
vor dem ich dich warne. Dann aber auch vor dem, worauf 
die nichts wissenden SterbHchen, die Doppelköpfe, umher- 
irren. Denn Ratlosigkeit lenkt ihren schwankenden Sinn. 
So treiben sie dahin, taub zugleich und bUnd, ein Volk von 
Gaffern, dem es an jeder Unterscheidung fehlt; dem Sein 

8* 



— 36 - 

und Nichtsein für dasselbe gilt und doch nicht für dasselbe, 
dem jeder Weg zur Umkehr wird." Also ergeben sich im 
ganzen drei „Wege der Forschung" : 1. to 6v lariv 2. xd dv 
ovx iariv 3. to 6v xal iaxi xal ovx iativ, oder anders aus- 
gedrückt: 1. TÖ Sv iariv ' 2. to fiij Sv Sari (Fr. 7 oi yoQ fi'^noxe 
tovTO da/ifj elvcu fiij iövra) 3. xal to Sv xal td fj/fi 6v Sariv. 
Es kann kein Zufall sein, daß sich derselben Dreiteilung auch 
Gorgias in seiner Schrift negl xov [xii övxo^ bedient hat, 
Sext. adv. math. VII, 66 (Fr. 3 Diels) : 8xi fih o^v o'böh 
laxiv, indoylCexai xdv xqötcov xovtov' el yäq ioxi <xi>, fjftoi xd 
Sv iaxiv i\ xd fxii Sv, ij xal x6 Sv laxi xal xd fiij Sv, Gorgias 
hat nicht nur die Anregungen zu seiner Schrift von den 
Eleaten empfangen, er hat auch die Gedanken unter fort- 
währendem Hinblick auf eleatische Lehrsätze zusammen- 
gefügt. Es ist ein bloßer Zufall unserer Überlieferung, 
wenn uns seine Dreiteilung aus ihm allein und nicht auch 
aus Melissos und Xenophanes bekannt ist. Denn der anonyme 
Verfasser der Exzerpte aus Xenophanes MeHssos Gorgias 
übergeht bei allen dreien absichtHch die grundlegenden Be- 
weise über die Möglichkeit des Sv und fxii Sv, um sich sofort 
den Folgerungen zuzukehren, die sich auf dieser Grundlage 
für die Natur des Sv ergeben. Er würde also, hätte er auch 
den Parmenides widerlegen wollen, die drei Wege fortgelassen 
und sich allein an das gehalten haben, was im achten Frag- 
ment vereinigt steht. So hat er auch aus Gorgias zuerst das 
aufgezeichnet, was sich über Entstehen und Vergehen, Ein- 
heit und Vielheit ihm entnehmen ließ, hat dann nachträglich 
den besonders paradoxen Beweis über das /irj Sv aufgenom- 
pien, aber um alles übrige sich nicht gekümmert. Einen 
Überblick hat er nicht geben wollen. Hätten wir nicht den 
Sextus daneben, könnten wir nicht ahnen, daß bei Gorgias 
mit drei Möglichkeiten des Seins gerechnet war. So scheint 
die Überlieferung in der Tat dafür zu sprechen, daß die 
\ Dreiteilung ein Erbstück eleatischer Schultradition ge- 
wesen ist. 

Ich muß gleichwohl versuchen, das Verhältnis zwischen 
Gorgias und den Eleaten noch genauer und mit anderen 



=rT-ng*«KaE=s 



— 37 — 



Mitteln zu bestimmen. Die Schrift Ttsgi xov (xii övxo^ liegt, 
wie schon bemerkt, in doppeltem Auszuge vor, und zwar ist 
der Anonymus zur Kontrolle des Sextus unentbehrlich. Wie 
man beide auseinander zu ergänzen hat, mag folgende 
Gegenüberstellung zeigen: 



[Aristot.] de Gorg. p. 31 
Diels. fiexä rrjv TtQdnrjv Idiov 
avTOV änodeiiiv, iv ff Xiyei Sri 
<td ^iri €lv(u> ovx Saxiv oüte 
elvcu oOte /jLtj elvcu ' el fxev yäq 
To fxii elvcu San fj/fi elvai, oidh 
äv fßxov xd /j/fj 6v xov ovxo^ 
elrj ' x6 xe yäq /xrj dv Saxi 
/lij öv xal xd 6v 6v, &cxb 
ovdsv fjuaXkov elvai ij ovx elvai 
xä TtQdyfjLota} 

el d^SfjUO^ xd fxri elvcu iaxiy 
xd elvcu, q)rjaiv, o'öx iaxiy x6 
ävxixei/xevov * el yäg x6 (xii elvai 
laxiy x6 elvai /lij elvai nQoarjxei ' 
&axe ovx äv oikw^, qy^jatv, ovdev 
äv eil], el fxri xavxöv iaxiv elvai xe 
xal fiii elvai' el de xaixoy xal 
oikoD^ ovx äv eltj ovdh ' x6 xe 
yoQ ixij Sv ovx äoxi xal xd öv, 
ineiTieq ye xairtd xcp //?) Swi' 
0^0^ (JLev o'öv 6 TZQohoc loyo^ 
ixeivov. 



Sext. adv. math. VII, 67. 
xal dri xd /jiiv fii} 8v <oike iaxiv 
oike> ovx Saxiv. el yoQ xd /lij 
Sv </i^> Smiv, laxai xe ä/jo. xal 
ovx Saxai* ff fxev yäq ovx Sv 
voeixai, ovx iaxai, fj de Saxt 
fiil Svy näXiv Saxai' navxeld)^ 
de äxoTzov xd elvai xi ä/jui xal fii} 
elvai' [ovx äga Saxi xd (xii öv\. 



xal äXXo)^, el xd /j/fj Sv Icxi, 
xd Sv ovx Saxai ' havxia ydg 
iaxi xavxa äi}.i]Xoig, xal el x^ 
firi Svxi avfißißriTce xd elvai, t4> 
övxi av/jißijaexai xd fjiii elvai' 
ovxl di ye xd Sv ovx ioxiv, 
Kxoiwv suppl. Bekker> o'öde xd 
fiij Sv iaxai. 



* Dasselbe Epicheirem, vom äv auf das iv übertragen, begegnet 
im Platonischen Parmenides, S. 161 e: T^ öi} ivi fxii övxi, c5^ foixc, xal 
la&nftoQ Sv fÄezelf) xai fieyiOovg xcd OfwcQÖrrftog. "Eoixe, Kai jj^ijv xcd 
aöaio/Q ye de* a'öxd fuzixeiv jvjj, U&g Öifj; "Ex&v a^6 dei oihcag d>g 
Xiyofjuv * el yäq jj^if oikcog ix^i, oöx Sv dXtidfj Xiyoifiev ^fJLeiQ XiynvxeQ xd 
h fAij elvai • ei öi dXtidrj, &jXov &zi Svta a'öxd Hyofiev • rj aöx oikcog; Q&tco 
fiiv oi5v, *EneiSii di ipafiev dXrjOfj Xiyeiv, dvdyxri ^fxiv <pövai xal 6vxa 
Xiyeiv, *Avdyxrj. "Ecnv äga, d>g iome, xd h työx Sv • el ydg fi^ Stnai 
fjL'^ Sv, d}M 7VQ xov dvai dvif^aei nqdg x6 i^ii elvai, &dBi>Q iaxai Sv usw. 
Eine Analyse und Vergleichung dieses Dialoges mit den Überresten 



— 38 — 

Ich habe mich nicht gescheut, mit Klammem nachzu- 
helfen (sie rühren alle von mir her), auch wo dem über- 
lieferten Text dadurch Gewalt geschieht. Sie sollen vor 
allem zeigen, daß die genauere Wiedergabe durchweg bei 
dem Anonymus zu finden ist. Ich lege Wert darauf, die un- 
bedingte . Zuverlässigkeit seiner Notizen auch an diesem 
Beispiel zu erweisen; aus welchem Grunde, wird sich später 
zeigen. Sextus hält sein Augenmerk aufs Ganze gerichtet, 
in den Einzelheiten ist er tmgenau und unvollständig; die 
Haarspaltereien überträgt er ins Verständüche und Grobe. 
Folgen wir ihm allein, so ist schwer einsehen, warum Gorgias 
volle zwei Beweise und noch dazu so schwierige Beweise 
aufgewandt haben sollte, um die einfache Behauptung zu 
erhärten, daß das Nichtseiende nicht sein könne. Das hatten 
die Eleaten längst bewiesen. Aber Gorgias überbietet, über- 
trumpft, karikiert^Sle : 'das Nichtseiende soll weder sein 
noch nicht sein können; folgUch ist die Wahrheit bei dem 
Anonymus und seinen zwei entgegengesetzten Thesen, 
Sextus hat die Stelle um ihren Witz gebrachte Nicht gerade 
falsch aber mangelhaft ist, was er vom zweiten Beweis be- 
richtet. Gesetzt, das Nichtseiende sei, war der Gedanke, so 
könnte man das Sein entweder als entgegengesetzt dem 
Nichtsein oder beides als dasselbe auffassen; im ersten Falle 
gibt es überhaupt kein Sein und f olgUch auch kein Sein des 
Nichtseins — Sextus hat dem Schluß auch hier die Spitze 
abgebrochen mit seiner groben Wiederholung: odx^ di ye tö 
Sv ovx ecrtiv — im zweiten Falle wird das Seiende dem 
NichtSeienden gleich und folglich wiederum alles Sein un- 
möglich. Zerlegt man diese Beweise in ihre Elemente, so 
bleibt nicht ein Bestandteil übrig, der nicht eleatisch wäre; 
in der barocken Verbindung und Verschnörkelung eleatischer 
Sätze liegt die Kunst und liegt der Witz. Man hat neuerdings 
die Ansicht ausgesprochen^, Gorgias habe mit dieser Schrift 

der eleatischen Philosophie (wozu selbstverstandlidi noch einiges 
mehr gehört als die Fragmente der Bleaten) wäre gewiß sehr nützlich 
imd würde zumal für Zeno wohl noch manches ergeben. 
^ Heinrich Gomperz, Sophistik und Rhetorik, S. 24ff. 



— 39 — 

die Allmacht des Logos offenbaren wollen, der die Gedanken 
lenken könne, wie es ihm gefalle. Es fällt mir schwer zu 
glauben, daß ein Kreis von Zuhörern, der solche Sät^e an- 
hörte, sich sonderlich sollte gelenkt und wunderHch affiziert 
gefühlt haben, imd denke mir lieber, die I^eute hätten die 
Köpfe geschüttelt und sich gesagt, daß dieser Logos doch 
ein rechter Taugenichts sein müsse, wenn er nach allen 
Regeln der Ktmst so verrückte Sprünge zu wege bringe. 
Auch die aufgegriffene, stark karikierte Erkenntnistheorie, 
mag sie auch inhaltHch uns heute noch so wichtig sein, darf 
nicht darüber täuschen, daß das Ganze eine Farce ist. Die 
Eleaten hatten sich überlebt; im regsamen Sizilien lachte 
man über sie. 

Daß Gorgias sich mit Zeno und MeHssos berühre, sagt 
ausdrückHch der Anonymus S. 31 Diels: 3n <oiSv> ovx Icrtiv 
oOte Sv oike jcoXXd, oüte äyhvrjxa oüte yevofievoy xä fih &^ 
MiXiaao^y xä de &^ Zijvoov imxeiQet deixvöeiv. Wir können 
freilich nicht mehr feststellen, ob er mit diesen Worten nur 
die Fragestellungen im allgemeinen meinte oder auch an 
Einzelheiten dachte. Was dagegen Gorgias mit Parmenides 
verbindet, ist so greifbar, daß es Wunder nimmt, wie man 
nicht längst schon auf den Gedanken gekommen ist, den 
einen aus dem anderen zu erldären. Ja, an einer Stelle 
bringt uns sogar Gorgias über eine Textverderbnis Klarheit, 
die das achte Parmenideische Fragment bis zur Sinnlosigkeit 
entstellt f 

5 ovöi nox ^v ovo' Sarai, iTzel vvv Scrtiv ö/jlov Ttäv, 
iv, avvexi^' xlva yäq yiwav di^ijaecu aöxov; 
Ttfj ndBev av^Oiv; oi/t ix /lij iövxo^ idaaco 
(pdaOcu a o'odk voelv ' ov yoQ <paxdv ovde vorjxöv 
ecrtiv ÖTCct}^ ovx Icrti ' xl ö'äv fjLiv xal XQ^^^ 3>Qaev 
10 üateQov ij TiQÖaOev, xov firjdevd^ ÖLQSd/jievoVy (pvv; 
o'Sxo)^ i\ ndfjmav TteUvm XQ^<^ icxiv 1j o\)xL 

o'ödi nox' ix fxri iövxo^ iq>ijaei nlaxio^ loxfi^ 
ylyveadcU xt naq avxö* xov elvexev oike yeviaOau 
oW dXlvadcu äv^xe dtxrj ;^aAd(Ta(Ta jzidjjaiv, 



— 40 — 

15 dXX* Ix^i • ij d^ xQiai^ Tzegl rcy&ccov h rqtd* iativ ' 
icxiv fj ovx Scrtiv* xixQtxcu d* (yövy &ö7t€Q ävayxj], 
Ti)v fjih iäv ävörjTov ävdiWfiov (ov yoQ äXrjOij^ 
ieiiv 666^), xiiv d^&crte TziXeiv 9cal hijtvfwv elvcu' 
n(b^ d^äv Snena TiiXoi xo iöv; 7w>^ d*äv xe yivoixo; 

20 el yoQ fyevx\ ovx i(n(i)y ovd' ei noxe fiiXlei iaeadai' 
TO)^ yiveat^ (xh ändaßecrtai xai dnvaxo^ öXeOgo^. 

In diesen Versen hat von jeher der mit oike eingeleitete 
Satz (V. 7) Anstoß erregt. Man forderte ein zweites negatives 
Glied und schlug zwei Wege ein, um es zu finden. Die älteren 
Interpreten, Karsten,* Stein und Brandis, hielten sich an das, 
was dastand, also an Vers 12, und suchten aus ihm durch 
Beseitigung des /m^ den geforderten Gedanken zu gewinnen, 
der eine, indem er ovdi nox Ix ye iövxoc las, der andere o'vdi 
nox* ix xov iövxo^, der dritte oiöd nox' ix ye niXovto^. Aber 
diese Konjekturen gelten für abgetan, seit Diels den- 
selben mit ov&i beginnenden Abschnitt für ein an tmd 
für sich vortreffliches Korollar erklärt hat, das man der 
vorausgesetzten dilemmatischen Beweisführung zu Liebe 
nicht willkürlich ändern dürfe. Diels selber sucht den Fehler 
in Vers 7, vermutet eine Lücke hinter avSrjOiv und ergänzt: 
KoW ix xev iovxo^ lyevx* äv äXXo yoLQ äv nqlv hiv>. Aber 
die Zerreißung eines an sich einwandfreien Verses ist tmter 
allen Umständen mißlich, und ob Parmenides die weit- 
aus schwierigere der beiden Fragen mit so wenigen, so 
überaus dürftigen Worten konnte erledigt glauben, wo er 
bei der zweiten um so viel leichter widerlegbaren Möglich- 
keit so lange verweilt — ich glaube man braucht sich diese 
Frage nur ernstlich vorzulegen, um sie zu verneinen^. Schlagen 
wir dagegen den Sextus auf, so finden wir denselben zwei- 
gliedrigen Beweis, der bei Parmenides verstümmelt scheint, 
bei Gorgias vollständig erhalten (Sextus, adv. math. VII, 71) : 
xad fiijv ovde yevYjxov elvai &6vaz(u xd Sv ei yäg yiyovev, ijxoi 

* In der Verwerfung der Dielsschen Ergänzung stimme ich überein 
mit Wüamowitz, Hermes XXXIV, S. 204; nur wenn Wilamowitz 
ohne zweites Glied glaubt auskommen zu können, muß ich wider- 
sprechen. 



— 41 — 

iS övzoi i\ hc fjiii övtog yiyovev ' 6Xk* oike ix xov övxog yiyovev ' 
el yoQ Sv iativ, oi yiyovev äXX* Smiv ijdrj' oike ix xov fiii 
dvTOQ ' ro yoQ fjiii Sv ovdi yewfjaai n dvvcctai dtä tö iS ävdyxrj^ 
dq>eiXeiv iTtägieoDg fxexixeiv x6 yewrftixöv xivo^. Aber zu unserer 
Überraschung findet sich dasselbe dialektische Verfahren, 
wodurch Gorgias ein Entstehen aus dem Nichts bestreitet, 
bei Parmenides ganz unverkennbar wieder in dem vermeint- 
lichen KoroUar V. 19: tuo^ d'äv xe yivotto • ei yoQ lyevx* ovx 
iax(i), ovo* el noxe jbiiXlei iaeaOai = äkX' oike ix xov Svxog 
yiyovev ' el yäg Sv icrttv, ov yiyovev äXX' laxiv ijörj. Wie ? Sollten 
am Ende die alten Erklärer doch im Rechte gewesen sein, 
als sie das /iij vor iövxo^ in V. 12 tilgten? Ja, man darf 
fragen, welchen Sinn soll überhaupt der ganze Abschnitt 
von Vers 12 bis 21 haben, wenn er nicht dazu dient, 
ein Werden aus dem Seienden zu widerlegen? Welcher 
Sinn kann, um beim Ersten anzufangen, in den Worten 
yiyvecOcU xt Ttaq avxö (V. 13) liegen, wenn das avxö selber 
ein fiijdiv ist, also nicht einmal ein Etwas sondern ein un- 
aussprechliches, undenkbares Nichts? Was soll das heißen, 
zu behaupten, daß es außer einem solchen Nichts kein anderes 
Ding mehr geben könne. ^ Zum Glück sind wir nicht genötigt, 
diesem Unding von Gedanken lange nachzugrübeln, denn 
Parmenides erklärt sich selber in V. 36: ovdiv yäg <fj> icrtiv rl 
icrtoi äXXo ndgei xov iövxo^. 'Dazu kommt, daß auch Vers 15 
erst verständlich wird, wenn man erkannt hat, daß die Frs^e, 
die hier zur Entscheidimg steht, die Frage ist, ob sich ein Sv 
aus einem anderen Sv entwickeln könne. Denn es leuchtet ein, 
daß in Vers 13 und 14 der Satz: xov elvexev oike yeviaOat oin 
SXkvaOai ävfjxe ölxrj xaX&aaaa niStjaiv <UA' ix^i nicht als neuer 
und selbständiger Gedanke, sondern in Parenthese tu ver- 
stehen ist, als eingeschoben nach derselben altertümlichen 
Manier, die in Vers 53 wiederkehrt: die parenthetische Wieder- 
holung der Hauptthese sollte in Erinnerung bringen, daß der 

* Wenn Diels übersetzt: „auch kann ja die Kraft der Über- 
zeugung niemals einräumen, es könne aus Nichtsdendem irgend- 
etwas anderes als eben Nichtseiendes hervorgehen", so muß ich 
bezweifeln, ob man das nagd üi diesem Sinne fassen darf. 



— 42 — 

neue Abschnitt nur ein neues GKed desselben umfangreichen 
und kunstvollen Beweisganzen bedeute^. Der Gedankengang 
ist also folgender: „Kann ein dv aus einem Sv entstehen ? Die 
Entscheidung liegt in der Beantwortung der Frage : ist es oder 
ist es nicht. Die Frage ist bereits entschieden, der zweite Fall 
widerlegt; folglich läßt sich ein öv nur in der Gegenwart vor- 
stellen; denn was wurde oder in Zukunft sein wird, kann kein 
dv sein, weil es nicht ist." Kein Zweifel, das gesuchte zweite 
Glied des dilemmatischen Beweises ist gefunden: es steckt 
in den Versen 12 bis 21. Daß Parmenides das leichtere 
Problem, die Frage nach der Möglichkeit des yiyveaOm ix xov 
ixi\ SvTo^, vorweg nimmt, kann nicht Wtmder nehmen; wer 
machte es heute anders ? Und Parmenides folgt selber dieser 
Regel, wenn er bei der Prüfung der drei „Wege" den „gänz- 
hch unauffindbaren", ergebnislosen „Weg" vorausnimmt 
und dem anderen voranstellt, der zu den Irrtümern und 
Widersprüchen der SterbHchen hinführt. So büebe denn nur 
noch die Frage übrig, welchen Text wir in V. 12 herzustellen 
hätten, um die sinnwidrige Negation hinauszubringen. Und 
da mag der nächste Weg wohl auch der beste sein: anstatt 
des jbii] ein rov zu lesen, wie denn dieselbe Wortverbindung 
an derselben Versstelle noch einmal wiederkehrt*, Fr. 8, 37. 



1 Ein auffallendes Beispiel dieser Technik ist Melissos Fr. 8; der 
Gedankengang ist folgender: 1. „Wenn die Welt der Sinne wahr 
wäre, so müßten dieselben Eigenschaften, die wir einmal an den 
Dingen wahrgenommen haben, ihnen unveränderlich verbleiben. 

2. Nun aber scheinen uns alle Dinge sich fortwährend zu verändern. 

3. Also liegt hier ein Widerspruch: wir behaupten eine Vielheit 
ewiger, bestimmter Dinge und trotzdem nehmen wir überall Ver-- 
änderung wahr. 4. Polglich trügen unsere Sinne, und die Vielheit, die 
sie uns vorspiegeln ist eine Täuschung, denn wären, die Dinge wahr, so 
dürften sie sich nicht verändern." Das ist ein durchaus einheitlicher» 
fest in sich geschlossener Beweis, und doch wird das Ergebnis in 
der Mitte schon eiomal vorw^genommen : zwischen 2 und 3 finden 
sich die Worte eingeschoben : &<ne avfißahuv /jn^e öqov fM/jre rd ^a 
ytpdfaxeaf, gleichsam als bedürfe der schon allzu lange in der Schwebe 
gehaltene Gedanke in der Mitte einer Unterstützung. 

* Vgl. auch V. 33, wo gleichfalls fälschlicherweise ein /miJ einge- 
drungen ist: [/lii] idv d^äv navtdq ideho. 



— 43 - 

Aber was man auch einsetzen mag — nicht undenkbar wäre 
z. B. auch die I^esung oidä [lev Sx nox* iövxo^ — der Text 
bleibt doch nur Nebensache im Verhältnis zum Gedanken, 
und den hoffe ich erreicht zu haben, nicht zum wenig- 
sten durch den Vergleich des Gorgias. Der Gewinn, der 
nebenbei für die Gesamtauffasstmg des Parmenideischen 
Gedichtes abfällt, ist auch nicht zu unterschätzen: die Er- 
kenntnis, daß diese Fragmente keine Notizzettel und Aphoris- 
men sind, die man nach Willkür und Belieben aneinander- 
reihen dürfte, für die jede und wäre es auch die schlechteste 
Verbindtmg immer noch gut genug wäre, sondern daß ein 
Systematiker aus ihnen redet, dem selbst seine Verse, statt 
hervorzuströmen, in derselben strengen Gliederung er- 
starren, durch die seine Gedanken gebunden und zum Ganzen 
gefügt sind. 

Wenn ich nach diesen Proben für wahrscheinlich halte, 
daß die drei Wege bei Parmenides dasselbe sind, was die drei 
Möglidftketten des Seins bei Gorgias, so bestärkt mich sehr 
in meiner Zuversicht die Art, wie Gorgias mit der dritten 
seiner Möghchkeiten umgeht. Ganz als ob es selbstverständ- 
lich wäre, rechnet er damit, daß Sein und Nichtsein ein- 
ander ausschUeßen^ wie daß sie in eins zusammenfallen 
könnten*, und wie geläufig ihm der Gedanke ist, ließ sich 
besonders deutlich aus dem Anonymus erkennen, der, ge- 
nauer als Sextus, auch für das /m^ 8v beide Möglichkeiten 
offen ließ: el fiii ravtöv icrtiv elvai xe xal /j/rj elvcu. So 



1 Dem entspricht es. wemi er neben dem Beharren und Werden 
auch noch einen dritten Zustand, worin beides vereinigt ist, als 
denkbar hinstellt. Auch das ist schwerlich bloße Caprlce, sondern 
ursprünglidi ernst gemeinte Dialektik. Ähnlidi scheidet audi Melissos 
zwischen unbeschränktem und beschränktem Werden (Fr. A 6 Diels) : 
drs yäg äncofta yiyovev ähe fiij Ttdvxa, dldia djj>g>OftiQO)g * i( addev^ yäg 
yevioBcu d» a^d yiyvd^uva * ändytaw re yäg yiyvojuiivojv trödiv Öv nQOi}- 
ndQxemß * M dvxow rivcov äel hega nQoaylyvono, nliov d» xal fieiCw xd 
b9 ytyotfkna, Parmenides rechnet mit dieser Möglichkeit noch nicht; 
wahrscheinlich ist es erst Bmpedokles gewesen, der auf sie aufmerksam 
gemacht hat durch die Lehre, daß die Welt zugleich in ewigem Be- 
harren imd in ewigem Werden begriffen sei. 



— 44 f— 

drängt alles zu dem Schluß, daß Gorgias diese Dreiteilung 
nicht aus sich selber, sondern nur aus einer festen Tradition 
hat schöpfen können. Und nun vergleiche man die For- 
mulierung, die er der dritten Möglichkeit gegeben hat (Sextus 
§ 75) : ön di ovdk d/jupörega Icrtiv, x6 re Sv Tcai rd fxii dv, edeni' 
XdyunoV elneq yäq x6 /j/^ Sv iatiy ravtov icrtai reo dvri rd /lij 
Sv 8aov knl reo elvcu' xal 6ia xovxo oidhegov aördiv Icrtiv. Die 
Worte werfen in der Tat ein überraschendes Licht auf den 
Gedanken des Parmenides. Es kann kein Zweifel sein, seine drei 
„Wege der Forschung" sind zunächst und waren ursprünglich 
lediglich ein logisches Fachwerk : entweder das Seiende oder das 
Nichtseiende oder das Seiende und das Nichtseiende zugleich 
{elvai re xal ov%l : Fr. 8, 40) . Gab man das letzte zu, so fielen das 
Seiende und das Nichtseiende zusammen, sofern beide im Sein 
identisch waren, zugleich aber waren und blieben sie als Gegen- 
sätze unvereinbar. FolgHch mußte man in diesem Falle Sein 
üud Nichtsein für dasselbe gelten lassen und doch wiederum 
nicht für dasselbe : 0)4 x6 7t£ktiv re xal ovx elvai rairov vevö- 
fucrtai xov ravröv. Die Folge war das Ende aller Konsequenz. 
Um es zu wiederholen: die drei Wege waren zunächst nichts 
weiter als ein Schema; zu einem Systeme konnte das Schema 
erst in dem Augenblick werden, wo die Welt der Sinne mit dem 
dritten Wege gleichgesetzt wurde. Doch wie das kam und 
was das zu bedeuten hat, darüber später. 

Daß drei Wege unterschieden waren, ist auch dem 
Simplicius nicht entgangen, den sein reges Interesse für 
den Parmenideischen „Piatonismus" wenigstens insofern 
einem richtigen Verständnis näher brachte , als es ihn davor be- 
wahrte, über dem Einzelnen das Ganze zu vergessen. Simpli- 
cius schreibt, Phys., S. 78, 2: iiefxxpdfievoc yäq rolc rd Sv xal rd 
fiij Sv cv/jLq)iQovöiv iv reo vorjftc^ 'ol^ rd niXeiv re xal ovx 
elvai ravröv vevö/xiarai xoi ravröv (Fr. 6, 8. 9) xal 
AnoarQhpaj^ rfj^ odov rfj^ rö fxii Sv ^ijroiiari^ ^äXXä ai> rf\a6* 
&(p* Ö60V di^i]aio^ elgye vöri^a (Fr. 7, 2), iTzdyei ^fiovvo^ 
d*lri fivdo^ ööolo Xelnerai &c loriV ravrxj d'inl aij/xar' 
iaci noXXä fxdXa (Fr. 8, 1) xalnaQadldcoaiXoutövrärovxvQico^ 
övxo^ arj/jtela. Aber leider hat man gerade diese Worte in einer 



— 45 — 

Weise aufgefaßt, als ob die „Wege" in einem heillosen Wirrwarr 
durcheinandergelaufen seien, so daß eine strenge Scheidung 
weder möglich noch auch nur erlaubt wäre: man glaubte sie 
nämUch so verstehen zu müssen, als ob sämtliche in ihnen an- 
geführten Verse genau in derselben Reihenfolge sich zu einem 
einzigen, zusammenhängenden Fragment zusammenschließen 
müßten. Aber damit hat man die Absicht des Simplicius, 
wie mir scheint, verkannt, dem es ersichtlich nicht um ein zu- 
sammenhängendes Zitat zu tun war, sondern um den Inhalt. 
Wenn er dabei in Parenthese, bei der Erwähnung der zwei 
ersten Wege, ein paar losgetrennte Verse einstreute, so tat 
er das, um seiner Inhaltsangabe ein paar Belege beizufügen, 
und den Inhalt wiederum gab er an, um das nachfolgende aus- 
führliche Zitat in den gehörigen Zusammenhang zu rücken. 
Folglich liegt derselbe Fall vor, wie z. B. bei dem großen 
Melissosbruchstück SimpUc. de caelo, S. 568,19 (Mel. Fr. 38): 
el7tQ)v yoQ [Mel.] Tzegt xov övxo^ Sri xal Sv iati xal äyiinjtov 
xal äxlvrjtov xal fii^devl xevm disdrj/jLfidvov, äU.' ä}.ov iavzov 
nX'^Qe^, indyei * '/utSyicrtov fiev oüv arj/LLelov oiro^ 6 Xöyo^, Sit 
iv fxövov Scrtiv ' äxäg xal rdde arifiela xzX. Auch hier bildet das 
Zitat den Anfang eines neuen Hauptteils, und um das zu 
markieren, wird der Inhalt alles Vorhergehenden in ein paar 
kurzen Worten zusammengedrängt; auf Genauigkeit der 
Reihenfolge kam es dabei nicht an. Ebenso folgen bei Parmenides 
auf die ödol, den ersten Hauptteil, als zweiter die Prädikate des 
Seienden. Ich kann Diels nicht beistimmen, wenn er aus dem 
Worte indyei folgert, Fragment 8 müsse sich, womögHch un- 
mittelbar, an Fragment 7 angeschlossen haben, zwischen diesen 
beiden könne nur ein Halbvers fehlen, etwa die Worte ovdi ydg 
icrti (paxöv. So gewiß Simplicius die drei Wege schildert, so gewiß 
ist, daß die drei Zitate so nicht nebeneinander stehen können. 
Sie vertragen sich schlechterdings nicht; weder die Worte 
greifen ineinander, noch ergibt sich ein Gedanke, der in sich 
zusammenhielte, geschweige denn einer, der sich dem 
Gesamtplan, dem so klaren Aufbau der Beweise fügte. 
Daß der dritte Weg dem zweiten folgte, unterliegt 
keinem Zweifel; folghch ist Fragment 7, als zum zweiten 



~ 46 — 

Wege gehörig, vor den dritten Weg, d. h. vor Fragment 6 
zu rücken. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß ein jeder der drei 
Wege nach der Absicht des Parmenides sich scharf von den 
anderen scheiden sollte und daß es ein Mißverständnis 
wäre, wollte man den zweiten mit dem dritten in eins 
zusammenfallen lassen.* Es verschlägt nichts, wenn an einer 
späteren Stelle nur zwei Wege genannt sind. Fr. 8,15: ^ di 
xQiai^ Tzegl ro'&ccov iv rq)d' 'i&civ' laxiv i\ oix Saxiv. Denn 
wie wir bereits sahen, handelt es sich hier um die be- 
sondere Frage, ob ein Seiendes aus einem Seienden ent- 
stehen könne. Um das zu bestreiten greift die Göttin auf 
ihren ersten Beweis zurück, sie mahnt den Jünger an den 
Scheideweg, wo sich das Sein vom Nichtsein trennte; hier 
auch noch den dritten Weg zu nennen, lag kein Grund vor. 
Aber ebenso gewiß, wie daß die Wege scharf sich vonein- 
ander schieden, ist der Schluß, daß eben diese Wege alle 
Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Seins in sich be- 
fassen und erschöpfen sollten, daß es neben ihnen keinen 
anderen Weg mehr gab — und damit haben wir die Antwort 
auf die Frage, von der unsere Untersuchung ausging: bildet 
das Proömium, so wie wir es in den Ausgaben zu lesen ge- 
wohnt sind, wirklich nur ein einziges, zusammenhängendes 
Fragment oder sind die sechs letzten Verse als besonderes 
Bruchstück von den übrigen zu trennen. ? Wenn die Göttin 
auch in diesen Versen wiederum vor einem „Wege der For- 
schung" warnt, so kann kein Zweifel sein, wogegen sich ihre 
Warnung richtet: daß sie mit dem Gedanken des Proömiums 
nichts zu schaffen hat, darüber bedarf es, nach allem Ge- 
sagten, keines Wortes mehr; in die Beweisführung über das 

^ Die öödg noX^qfti/wg des Proömiums fj xazd ndvr' äatrf q>iQet 
eiööta q>oofta steht für sich wie überhaupt das ganze Proömiiun. 
Was dabei heraus kommt, wenn man bliadlings hin und her ver- 
gleicht, zeigt der absurde Aufsatz Güberts, Arch. für Gesch. der 
Philos., 20 (1907), S. 25 ff. — Das „zweifelhafte" Fr. 20 wird bei Dids 
doch wohl nur darum weitergeführt, damit man über seine Zweifel- 
haftigkeit nicht mehr im Zweifel sein könne. Vermutlich .stammt es 
aus Bmpedokles Katharmen; vgl. Emp. Fr. 120 und 128. 



— 47 — 

ovx iaxi kann sie schon darum nicht gehören, weil das fxii Sv 
ja unauffindbar ist und man nicht erst davor zu warnen 
braucht; so bleibt als einziger Weg, der noch verboten werden 
kann, der dritte. Damit stimmt der Wortlaut auf das beste 
Überein, denn weim die Göttin auf ihren Beweis zurück- 
blickend {noX'ödriQiv iXeyxov i^ i/nddev Qtjdivta) schlußfolgernd 
bemerkt: juSvo^ d'hi jülvÖo^^ oöoio XelTiexm <d)^ i(niv>, so 
leuchtet ein, daß sie mit dieser Gewißheit dann erst reden 
konnte, wenn sie die beiden anderen Möglichkeiten, die des 
o'bx icniv und die des xal Sari xal oix, Icrtiv erfolgreich wider- 
legt hatte. So stellt sich das Fragment von selbst, durch 
seinen bloßen Wortlaut, an den Schluß des dritten Weges, 
also unmittelbar vor das achte. Und der Zufall will es 
— wenn man hier von Zufall reden mag — , daß eben das 
achte mit denselben Worten beginnt, mit denen das vorige 
schUeßt: jiövo^^ d'hi /ivOo^ ödoio XeiTzerai &^ iariv. So ver- 
wächst das Ende mit dem Anfang, die getrennten Stücke 
schließen sich zum Ganzen. Die Warnung vor dem Sinnes- 
trug kommt da zu stehen, wo sie die größte Wirkung übt, 
als Vorbereitung auf das Wtmderbare, unmittelbar bevor 
sich aus den Prädikaten des 8v die ungeheure Vorstellung 
der Seins-Kugel entwickelt*. Und nicht minder ausgezeichnet 

* Überliefert ist Bviiöq ödoio, dagegen 7,1 fAvOog ööoiSo, Dielsgibt 
zu, daß dies auch an der ersten Stelle gestanden haben könne; 
ich halte das für gewiß, oder viehnehr, idi halte beide Zitate für 
identisch. Bv/AÖg und fivOog werden oft verwechselt: Schol. Apollon. 
Rhod. II, 1219 M Ovjli^ yganriop * yQdq>ex€u ök xal fAi5$(p. „So bleibt 
allein die Rede (oder Lehre : vgl. den Sprachgebrauch des Bmpedokles) 
von dem Wege, daß es ist". * Oöoio wg icrt zu verbinden wie in Fr. 4. 
Bas ist sehr anschaulich : der fivdog, der als der einzige übrig bleibt, 
ist derselbe, den Parmenides zuvor, als er den ersten Weg beschrieb, 
entwickelt hat; drei Wege gibt es, aber nur Ein /xvBog bleibt. Der 
Ausdruck wird sofort verständlich, wenn man diese Verse von dem 
Proömium trennt. 

» /idwg Simpl. phys. 142 D, B, F; 145 F: /wvvog 145 D E. 

' Damit kehre ich zur alten Reihenfo^e zurück, die Karsten zu* 
erst hergestellt und neuerdings auch Patin wieder verteidigt hat 
(Jahrb. f. kl. Philol., Suppl. 25 (1899), S. 489ff.); nur in der Be- 
gründtuig weiche ich von beiden ab. 



— 48 — 

ist der Anschluß an das Vorige, an Fragment 6, denn die 
TUßXpol Sfico^ xv(pXol re, xeOriTtöre^, Sxqaa (pvXa sind eben die, 
welche ihr Urteil nach den Sinnen und nicht nach dem Xoyo^ 
richten. So hat auch Empedokles das Wort reOriTtd}^ auf die 
sinnliche Erkenntnis angewandt. Fr. 17, 21: 0d6rTi^ . . xijfv 
ai> v6q> diQxev, firjö' o^fjuiaiv fjao zsOriTtd}^. Die Sinnesmenschen 
sind in Wahrheit blind tmd taub: wie das gemeint ist, lehrt 
die Wiederholung in der Warnung: v(o/jäv äaxonov öfifm 
xal Yjxrieaaav axovrjv. Oder noch deutlicher der Eleaten- 
Verspötter Epicharm: . 

vov^ ÖQfj xal vov^ axovei, xäXXa xa>q>ä xal xvq)Xd^ 

(Fr. 12, Diels). 
Aber noch sind wir mit der Neuordnung der Bruchstücke 
nicht am Ende. Liest man nach der hergestellten Reihenfolge 
beides, die Ankündigung des Irrwegs (Fr. 6) und die War- 
nung (Fr. 1, 33 — 38) hintereinander weg, so wird sich schwer- 
Hch die Empfindimg einer I^ücke einstellen. Das bürgt wohl 
für die Einheit des Gedankens, aber keineswegs läßt sich das 
Maß seiner Ausführlichkeit danach bestimmen. Es ist sehr 
wohl denkbar, daß Parmenides noch länger bei dem Sinnen- 
trug verweilte, ja erwägt man, daß er zurückblickend in 
Fragment 8,40 die Begriffe Werden und Vergehen, Sein und 
Nichtsein, Ortsveränderung und Farbenwechsel nebenein- 
ander aufzählt, so ist der Schluß fast unabweisbar, daß er 
über dieselben Fragen schon einmal gehandelt hat. Und in 
der Tat bleibt noch ein Bruchstück übrig, das noch in 
denselben Zusammenhang zu gehören scheint. Fr. 2: 
Xevaae d'S/jM^ aneovxa v6q> naqeovxa ßeßalco^' 
ov yäq aTtox/biij^ei xo eov xov iovxo^ Ix^adai 
oihs axvbvdfievov Ttdvxtj ndvxco^ xaxä xocfiov 
ovxe ovvundjLievov. 
Man darf sich nur den Blick nicht trüben lassen durch 
das haltlose Gerede, womit Clemens sich bemüßigt sah die 
Verse zu umgeben, nur um das so kostbare Zitat nicht um- 
kommen zu lassen (Strom. V, S. 335 St.). Clemens hatte sich 



^ Über Epicharm und die Bleaten siehe unten S. 119 ff. 



^mm 



— 49 — 

nämlich in den Kopf gesetzt, die christliche iXni^ durch 
heidnische Parallelen zu erläutern, und da er nichts Passendes 
dazu finden konnte, so hat er, nach bewährtem Brauch, 
zur Deutung, zum awooceiovv gegriffen. Dabei ist ihm eine 
philosophische Ekloge unter die Hände geraten, die nicht ein- 
mal mit der Jenseitsvorstellung, geschweige denn mit der Hoff- 
nung, irgend etwas zu tun hat. Voran steht eine Stelle aus 
£mpedokles: ^v ai> vöcp diqxsv iir\b' Sfifjuiaiv fjao reOrjTui)^, 
es folgen die angeführten Verse des Parmenides, darauf, 
wenn man die Zusätze des Clemens streicht, die Worte: 
et xolwv (pa/jih n elvai dlxcnov, tpa/iiv di xal xaXöv, äXXä xal 
dXrfieiAv xi XfyofxeVf oidiv de Tuhnoxe x(m xoi(y6x(ov xol^ dtpOaX- 
fjjol^ eldofiev aXk' i\ fji6v(o xco v^ . , im äqa dewqtftd^ 6 Xöyo^. 
Demnach handelt es sich in Wahrheit um ein Kapitel Er- 
kenntnistheorie, tmd rein erkenntnistheoretisch ist denn audh 
der Inhalt des Parmenidesfragments: levaas vötp wie v6q> 
biqxev: „gebrauche den Verstand statt deiner Augen und 
sieh das noch so Feme gleichwohl mit dem Verstände 
sicher gegenwärtig^; denn er wird das Seiende nicht aus 
seinem Zusammenhange, seiner Einheitlichkeit loslösen, 
weder durch einen Zustand kosmischer Expansion noch 
Kontraktion*". An sich betrachtet könnte dies Frs^ment 
zur Not wohl auch in das Kapitel über das öv gehören, aber 
die übrigen Frs^mente tmd die Führung des Gedankens 
machen das unmöglich. Glücklicherweise ist die Stelle er- 
halten, wo Parmenides zum ersten Male die Wege der For- 
schung naimte. Fr. 4 : el ö' äy iycjv igdco, xöfuaai di ci> /ivBov 
ax(y6aa4, alneq ödol fxovvai diiijatö^ elai vofiaai* ^ fiev Stuo^ 
icfxi ml. Vor diesen Worten kann er über das 8v ausführlicher 

* Die Stellung des v<5q) erklärt sich nicht aus Versnot, sondern 
dient der Hervorhebung ; ähnlich 8, 53 : fWQ<päg ydQ xaxidevto di5o 
yvd^fiag'dvofidC&v. Hier liegt aller Ton auf ovo. 

* Ich fasse dnotfAi^Set als dritte Person, wie es audi Diels in 
den Vorsokratikem, abwddiend von seiner früheren Erklärung 
(Parmenides. S. 64). übersetzt hat. Ähnlich Fr. 8,12: oMi . . itff^aei 
nlmiog lox^ ylyveoBal ti naq' a^6. Der Sinn kommt nur heraus, weni^ 
tovg Subjekt wird: wo Augen und Ohren nur getrennte Dinge wahr- 
nahmen, erblickt der Verstand ein h awsxig (Fr. 8, 6). 

Reinhardt. Pannenides. 



— 60 — 

noch nicht geredet haben; aber er geht alsbald zum //t) 8v 
über, dann zum ravrdv xal ov raöröv und kehrt dann erst zum 
8v, zum emzig wahren Weg zurück. Die Schilderung, die er 
darauf vom Seienden entwirft, ist lückenlos erhalten. Folglich 
läßt sich hier das fragliche Fragment nicht unterbringen, es 
bleibt nur noch der Abschnitt über das ravröv xal ov ramöv, wo 
es gestanden haben kann. Und bei genauerer Prüfung zeigt sich 
auch, daß dies der Platz ist, wo es sich am vorteilhaftesten 
und besten in das Ganze einfügt. Wenn ich in meiner tJber- 
setzung von der Dielsschen abgewichen bin, so tat ich das be- 
wogen durch die Bedeutung und Geschichte des Wortes xöa^ot;, 
die sich mir in einem andern Lichte gezeigt hat, als es 
bisher üblich war^. Hier mein Ergebnis, vor der Hand noch ohne 
die Belege: niemals, auch nicht in der Sprache der ältesten 
Milesier hat dies Wort das „Weltgefüge" oder den „Bau der 
Welt" bedeutet, vielmehr redeten die Alten von den xöofxoi 
in der Mehrzahl und verstanden darunter die verschiedenen 
Phasen, die nach ihren Theorien der diaxoc/xo^ zu durch- 
laufen hatte. Koa/jtoi waren beispielsweise die abwechselnden 
Zustände äußerster ägcUcoai^ und nvxvwai^ bei Anaxi- 
menes. Und gegen Anaximenes tmd seine Kosmogonie ist 
in der Tat die offenkundige Polemik, die in jenen Versen 
steckt, gerichtet — Heräklit als Gegner scheidet aus ge- 
wissen später darzulegenden Gründen aus. Waren aber die 
Worte nicht dazu bestimmt, dem wahren Seienden zu allem 
übrigen noch eine neue und besondere Eigenschaft hinzu- 
zufügen, sondern sollten sie die Sinneswahmehmung und die 
auf sie gegründete Physik als dem Verstände widersprechend 
in das Reich der logischen Unmöglichkeiten verweisen, so 
bedarf es keiner weiteren Erklärung, weshalb sie bei der 
wahren Erkenntnis, in dem Abschnitt über das Seiende, kein 
Unterkommen finden konnten und mit Fug und Recht ein 
Teil der Warnung sind, die gegen die Sinnlichkeit und die 

* Diels übersetzt: ,,Denn er (der Verstand) wird ja das Seiende 
^nidit aus dem Zusammenhange des Seienden abtrennen, weder so, 
daß es sich in seinem Gefüge überall gänzlich auflockere, noch so, 
daß es sich zusammenballe." 



— 51 - 

ihr eigene contradictio in adiecto, das ramov xai ov xavxöv 
gerichtet wird. 

Auf welche Weise der Begriff des physischen Geschehens 
und überhaupt jede stoffliche wie zeitliche Unterscheidung 
auf jene Formel gebracht war, liegt auf der Hand: setzte 
man hier ein Seiendes und dort ein Seiendes, so waren beide 
durch Raum oder Zeit getrennt und unterschieden und doch 
ihrem Wesen nach dasselbe, also ravtov xal ov xavxöv^ 
Und daß wirklich von dergleichen einfachsten und primitiv- 
sten Folgerungen das Denken der Eleaten ausgegangen ist, 
dafür ist mir der sicherste Beweis der Satz über die Unmög- 
lichkeit des Unterschiedes in der Zeit, Fr. 8, 20: el yäg Syevx' 
ovx SaxfOf ovo' el noxe fiiXkei SaeoOcu. Es wird sich uns noch 
späterhin bestätigen, wenn es auch manches Überzeugung 
widerstreiten mag: am Anfang des begrifflichen Denkens, 
bei Parmenides wie Sokrates, steht allemal das Wort, der 
Glaube an das Wort, und was davon untrennbar ist, die 
Wortklauberei. 



Aber besteht nicht gegen diese ganze hier geübte Art, mit 
den Fragmenten umzugehen, ein grundsätzliches Bedenken ? 
Muß nicht eine Anordnung, die sich auf Folgerichtigkeit und 
Klarheit gründet, von Grund auf verfehlt sein, wenn, wie 
anerkannt, die Dichter dieses Schlages wie Parmenides und 
Empedokles sich um die logische und künstlerische Ge- 
staltung ihrer Werke wenig kümmerten, sorglos und planlos 
nur dasselbe wiederholten und nur aufhörten, um wieder von 
vorn anzufangen ? Ich kann so wenig diesen Einwand gelten 
lassen, wie ich eine solche Auffassung vom Wesen dieser 
Poesie für wahr erachten kann. Die Versuche, klarzustellen, 
wie man komponiert hat, wie sich mit der Zeit die An- 
sprüche geändert, die Formen einander abgelöst haben, 
stehen in den ersten Anfängen, und es ist darum noch lange 
nicht gesagt, daß da, wo wir mit unseren Augen noch nichts 



— 52 — 

zu sehen vermögen, auch nichts zu finden ist. Symmetrie 
und Rhythmus einer archaischen Frieskomposition verfangt, 
um empfunden zu werden, auch erst eine Fähigkeit und Lust 
am konzentrierenden Zusammenfassen, wie sie von tms durch 
Übimg erst gelernt sein will. Und daß im Zeitalter der 
Giebelfelder und des strengen Stils auch ein xöajüu)^ iTÜrov 
nicht ohne feste Gestalt und Gliederung sein durfte, ist für 
mich so selbstverständUch, daß es sich für mich nur um die 
Frage handelt, wie diese noch unbekannten Gesetze archai- 
scher Komposition zu finden sind. Von Empedokles be- 
sitzen wir nur Bruchstücke, die noch dazu fast alle so ge- 
brochen sind, daß sie die Einschnitte imd Übergänge nicht 
erkennen lassen, deren Reihenfolge selbst nicht durch die 
Art der ÜberUeferimg fest bestimmt ist. Um so gewichtiger 
ist, daß in dem einzigen umfangreicheren Fragment, das 
wirkHch einmal eine Fuge aufweist, die Wiederholungen so 
wenig einem Unvermögen oder einer Nachlässigkeit ent- 
springen, • daß sie im Gegenteil als Kunst, als Mittel der 
Gliederung und Rhythmisierung des Gedankens, ganz bewußt 
gehandhabt werden. Wie Parmenides, so hat auch Empe- 
dokles sein Lehrgebäude auf einer Anzahl von Axiomen auf- 
geführt, und wie zur eleatischen Wahrheit die drei „Wege 
der Forschung" führen, so eröffnet sich die I^hre von den 
vier imvergänglichen Elementen erst nach einer Reihe von 
Beweisen über Sein imd Nichtsein, über das I^ere, über die 
Unmöglichkeit des Werdens aus dem Nichts und des Ver- 
gehens, über Mischung und Zersetzimg, Liebe und Streit als 
den Ursachen der Veränderung, kurz lauter I^hrsätzen, die 
durch Gedanken wie FormuHerung gleich stark an Parme- 
nides erinnern. Wenn gleichwohl die Elemente gleich zu 
Anfang, tmvermittelt, ohne Erklärung, nur als rätselhafte 
göttliche Vierzahl einmal auftauchten und wieder ver- 
schwanden, so war das eine Vorankündigung, die ihren Grund 
haben mochte, vor der Hand ein Rätsel sein zu wollen. Das 
ändert nichts daran, daß die grundlegenden Beweise sich in 
ihrer Fassung keinerlei Beschränkung auferlegten hinsichtlich 
der Zahl und der Beschaffenheit der Urstoffe: denn so und 



— 53 — 

tmtit anders wollte es die Lehre von den Elementen, die 
gldchsam ihren Ehrgeiz darein setzte, daß sie als reine 
Konsequenz, ohne Makel tind Überreste der Willkür, aus den 
dätgelegten Denknotwendigkeiten wie von selbst hervor- 
ginge, mit derselben Pünktlichkeit und Sicherheit, mit der 
die Wege der Forschung bei Parmenides zur Welt der Wahr- 
heit tmd des Truges führten. Ob das ihr wahrer Ursprung 
war, ist freilich eine andere Frage; aber das geht uns hier 
^ehts an. Nur soviel, als gesagt ist, war vorauszuschicken, 
um das 17. Fragment, dessen Betrachtung wir uns jetzt zu- 
wenden, in den notwendigen Zusammenhang zu rücken : 
dmX' igicD ' tot^ fiev yäg h rjiSi^ /ji6vov elvm 
ix nXsdvtov, roxi d'aS didtpv TtXiov ü hd^ ehm. 
doiij di QvTjfToyv yiveoi^, doiij d'änöXeiy)!^' 
tijv jj^v y&Q Tidrtcov aiivodo^ xlTctei rSXixei re, 
5 ij d^ jtdXiv dta<pvofiiva)V OQ€(pdeiaa didnti] . 
xal Tovr' äXXdaaowa dutfuteqk^ oidafm Xiqyeiy 
äkXore fxkv OiXoxrßi aweqxöfjLeva el^ Sv änavray 
äXXore d'ofö 61% ixoma (pogeiifjieva Nelxeo^ Sx^ei, 
<o'ßra)C fj fiev Sv ix nXeövcov /Lie/juiOrpce (piieaOai> 
10 ^06 ndkiv duiip^vto^ ivo^ nUov ixxeXiOovat, 
xji jbiev ylyvovxat re xal oü atputiv S/junedo^ almv' 
fl di duiXXdaaovra dutfuieQ^^ o^öda/btä Xijyei, 
rct&tfi 6* aih iaaiv axlvritoi xatä xAxXov. 
Soweit der erste Teil: ein kunstvoller Beweis, scharf 
abgesetzt und sorgsam aufeinander eingepaßt die Glieder. 
Zu Anfang stehen die Prämissen: 1. Einheit wird zur Vielheit, 
Vielheit wird zur Einheit; 2. Werden und Vergehen beruhen 
auf Trennung und Vereinigung von Teilen in fortwährendem 
Wechsel. Daraus die Folgerung : Entstehen und Vergehen 
hat nur statt, sofern man die Erscheinungen unter den Ge- 
sichtspunkt iEinheit oder Vielheit rückt; faßt man dagegen 
ihre Kontinuität ins Auge, so haben die Stoffe ewige Dauer. 
Mit welcher Berechnung, welchem Wohlgefallen an ge- 
zirkelter und zwingender Form das Ganze gefügt ist, zeigen 
vor allem die Wiederholungen : den Worten h ix TtXeövov . . 
diiq>v nXiöv iS ivd^ elmi in V. 1 und 2 entsprechen in der 



— 64 — 

Schlußfolgerung V. 9 : Sv in nXe6v(ov . . öuaqyAvxo^ hd^ tzUov 
ixteXiBovaiyVeis 6 kehrt beinahe unverändert wieder als Vers 12^ 
die Konsequenz soll gleichsam in die Ohren fallen, und wie 
kunstvoll Vers 11 und 13 aufeinander berechnet sind, braucht 
nicht gesagt zu werden. Der ganze Beweis war, wenn uns über- 
haupt ein Schluß erlaubt ist, auch nach rückwärts fest 
verbunden. Werden und Vergehen waren schon zuvor ein- 
mal zur Sprache gebracht, hier ist das Thema nicht mehr 
neu, es dient nur noch als Glied der Kette, aber zum ersten 
Male erscheinen offensichtlich die Begriffe Einheit und Viel- 
heit, die im folgenden noch eine bedeutende Rolle spielen 
sollen. So fügt sich Neues in schon Bekanntes ein, oder viel- 
mehr das Bekannte wird durch' Neues präzisiert, erweitert, 
in Zusammenhänge gerückt, und Ausdruck der Verbindung 
ist die Wiederholung. Dieser Satz empfängt seine Bestätigung 
gleich durch die zweite Hälfte desselben siebzehnten Fragments : 
äil^ äye fxiOoiv xXvBi ' jbiddrj ydg xoi q>Qiva^ aö^ei * 
15 d)^ yaQ xal jiqiv eeuta 7ti(pavaxa)v Tielqaxa /jtiiOcov, 
btnV igico * tot^ jbLev yaQ Sv i]vSijdrj fxdvov elvai 
ix TcXeövoDv, rote S*a5 6iiq)v nXiov i^ evo^ elvai, 
nvQ xal {fdcoQ xal yala xal ti^qo^ äjtXerov 'Sipo^, 
Neixo^ rovXöfjsvov dixa x(ov, axöXavxov aTtdvxfj, 
20 xal Odoxri^ iv xolaiVy Iotj fjifjxö^ xe nXaxo^ xe. 
Hier steht die Wiederholung gleich zu Anfang so auf- 
fälHg wie nur möglich, und doch wäre nichts voreiHger, als 
wollte man daraus schließen, die Gedanken rückten nicht 
vom Fleck. Wir hören, daß die vorangegangenen Verse nur 
die Grenzen für die Untersuchung steckten, nur den Rahmen 
darstellten, der sich mit Inhalt füllen soll; das Neue, was erst 
jetzt hinzutritt, ist die Einführung der einzig mögUchen 
vier Grundstoffe. Im. Vorangegangenen hätte diese nur die 
Konsequenz beeinträchtigt; so aber werden in die allgemeine 
Gleichung feste Größen eingesetzt, und Aufgabe der Unter- 
suchung ist zu zeigen, daß die Rechnung stimmt. Wie 
Empedokles sich dieser Aufgabe entledigt hat, darf über- 
gangen werden. Aber wenn er in Fragment 26 die fünf 
Schlußverse des allgemeinen Teils, die nelQoxa fiföBcDv, un- 



,-^- i-'- 



— 55 — 

verändert wiederbringt, jetzt aber nicht mehr auf beliebige 
Grundstoffe, wie vormals, sondern auf die einzig möglichen 
vier Elemente angewandt — avrä ydg iori xavxOf di äXX'^kDV 
di ddovxa yivoyr(ai) ävOgconol te xai äXkov SOvea Oijqcdv . . elaÖTcev 
iv avfxffdvxa xo näv vnivegOe yivrpcai — so ist das keine 
müßige Wiederholung, kein Symptom gedanklicher Zer- 
fahrenheit, sondern ein hörbarer Abschluß, der besagt, daß 
das gewollte Ziel erreicht ist. Mit den Begriffen Naivität, 
Dilettantismus, primitiver Ktinstübung ist hier kein Weiter- 
kommen. Auch die eingestreuten Selbstbetrachtu:^en des 
Dichters über die eigene Technik lassen viel eher auf eine 
bewußte, überlegte Kunst in der Gedankenführung schUeßen, 
als auf Naivität und primitive Unbefangenheit. Wenn 
er sich beispielsweise rühmt, Spitze an Spitze fügend 
nicht nur einen Weg der Lehre zu vollenden (Fr. 24)^, 
wenn er, um Neues anzuknüpfen, frühere Thesen wieder- 
holt mit der Begründung, daß, was recht sei, nach dem 
Sprichwort sich zweimal gesagt gehöre (Fr. 25), wenn er 
nach einem Exkurs „aufs neue anhebend wieder einbiegt in 
die Straße der Gesänge, die er zuvor verkündet hat, stets 
einen Xoyo^ aus dem anderen herleitend", so dürfen, wie 
mir scheint, dergleichen Wendungen am allerwenigsten zu- 
gunsten einer Auffassung ausgelegt werden, die am lieb- 
sten in diesem Gedichte nichts als eine Improvisation er- 
blicken möchte. Diese vielen ,,Ichs", die stets beflissene, 
fast aufdringliche Mitteilsamkeit hinsichtlich der Gedanken- 
führung erinnert fast schon an die Formelhaftigkeit der 
Übergänge in archaischer, besonders hippokratischer Prosa 
— wie tinendUch weit von dieser neuen Kunst entfernt ist 
doch die alte Art Hesiods! — nur daß freilich auch eben 
das, was der prosaischen Gliederung ihr eigentümliches 
Gepräge gibt, die typische Form des Übergangs dem philo- 
sophischen Lehrgedicht, soweit wir es aus seinen Resten 
■ 

^ KoQvq>dg hiQog hiQf^ai Ttgoadmcov fii&Bm» /jLij reXieiv dxQctTtdp juCav , 
MOQvqxxi gleich 9cs<pdkua wie bei Pindar Ol. VII 68 : xeXeikadev öi iöycov 
xoQVipad iv äXaBelq. JtexoXacu, Pyth. III 80 el öi Xöyoyv awifisv xoQvq>öv, 
*IiQ(üv, ögSöv irUmq,, 



— 66 — 

kennen, fremd ist, und soviel wir schließen dürfen, unter 
allen Umständen fremd sein mußte. Die prosaische Form 
des Übergangs hat zur Voraussetzimg, daß die Gedanken in 
gerader Richtung fortschreitend kapitelweise ihrer Erledi- 
gung entgegengehen ; Besonderheit des philosophischen I^hr- 
gedichtes ist es, daß es Komplexe bildend imd selbständige 
Einheiten gruppierend in jede Teileinheit zugleich das Ganze 
mit hineinziehen möchte; darum seine Umschweife" und 
Wiederholungen. Es gibt, soviel ich weiß, nur eine Prosa- 
schrift, die sich hinsichtlich ihrer Komposition mit dem 
Empedokleischen Gedicht vergleichen ließe, aber auch diese 
Ausnahme bestätigt nur die Regel; ich meine die Hippo- 
kratische Schrift de victu. Der Wert dieser Schrift für uns 
beruht darauf, daß der Verfasser, ein Eklektiker im Stil 
nicht weniger als in der philosophischen Überzeugung, stellen- 
weise HerakUtisch oder überhaupt archaisch wirken will. 
Bei solcher Neigung kann es nicht mehr überraschen, 
wenn wir auch bei ihm derselben Art von Wiederholungen 
begegnen, freilich mit dem Unterschied, daß hier als ange- 
quälte, übertriebene Manier erscheint, was einmal die natür- 
liche imd vom Gedanken selbst geschaffene Form war. 
Darin unterscheidet sich der Nachahmer von seinem Vor- 
bild. Aber das Prinzip der Gliederung, die Eigenart der 
paarweis nebeneinander laufenden Gedankengänge, die sich 
äußerlich zu wiederholen scheinen tmd doch stetig fort- 
schreiten imd Neues brii^en, ist trotz allein treu bewahrt. 
Es kann nicht wundernehmen, wenn das Opus etwas ungleich- 
artig ausgefallen ist; das „Heraklitisieren" ließ sich schlecht 
durchführen, wo der Arzt etwas zu sagen hatte, um so 
leichter ging es, wo der Philosoph zu Wort kam, um über 
die letzten Gründe zu orakeln; also wo es galt, die Vorgänge 
im menschlichen Körper mit den Weltgesetzen in Zusammen-» 
han^ zu bringen, oder wo immer sich ein willkommener Aus- 
blick auf das große Weltgeheimnis auftat. So setzt denn 
überall, wo der Gedanke allgemein wird, auch das „Herakliti- 
sieren" ein, als eine mühsam angelernte Kunst, die sich nur 
in beschränktem Maß verwerten ließ. Man hat das falsch 



— 67 — 

gedeutet und den Autor, wie mir scheint, ein wenig übel 
zugerichtet, indem man glaubte, einen „Physiker", und 
einen „Herakliteer" aus ihm herausschneiden zu müssen, 
und da man nun noch einen dritten brauchte, um die Ver- 
einigung der beiden anderen zu erklären, so erfand man sich 
dazu noch einen „Kompilator"^. Das ist annehmbar, sobald 
man es nicht wörtlich nimmt; es mögen immerhin so etwas 
wie drei Seelen, drei Nachahmerseelen in desselben Mannes 
Kopf gehaust haben. Daß aber nur ein einziger Verfasser 
am Werke war, dafür bürgen, scheint mir, nicht zuletzt die 
Ähnlichkeiten in der Komposition, die sich bei dieser Schrift 
und bei Empedokles beobachten lassen. Wäre Fredrichs 
Hypothese richtig, so beruhten diese Ähnlichkeiten alle nur 
auf einem reinen Zufall, auf der bloßen Willkür seines Kom- 
pilators. Aber «wie wenig wahrscheinlich ein solcher Zufall 
wäre, mag ein Beispiel zeigen: 

VI. rä de äXla ndvxa xal [yv^^]* ävOgcoTtov xai aa>(jua oxolov 
<d>ii rpvxii duvcoofjteixaL ioignei di i^ ävOgconov /jidgea 
fxeqioiv, SXa SXwv, S^ovra cöyHQi^aiv tivqo^ xal üdaro^, 
rd jbtev Xritpöfxeva rd di dwoovra, xal tä jbtiv Xa[ißdvovxa /jsiov 
jzoiel, tä de diSövra JtXiov, JtQiovaiv ävOgcoTioi ^'öXov' 6 fiev 
eXxei, 6 öd d)del, xo dd avro xovxo noiiovai * fjtelov dk 
noUovxe^ nXdov jtoUovai ' xoiovxov qj'öoi^ ävOgionov ' x6 
fikv diOel x6 öi iXxei ' xd fiev didcooi, xd di Xa/xßdvei ' xal tö> 
fjisv didcoai, xoao'&tq) TtXiov, o'ö de Xa/xßdvei, xoao'6xq> fieiov" 
XcoQrjv de exaxnov q>vXdaaei xijv iayoxovy xal xä jjiv im xd fj£lov 

* Fredrich, Hippokratische Forschungen (Philol. Untersuch.^ 
hrsg. von Kießljng und Wilamowitz, XV, 1899), S. 89 ff. Sachliche 
Unterschiede zwischen dem Herakliteer und dem Physiker aus- 
findig zu machen, ist Fredrich trotz allem Bemühen nicht gelungen. 
Wenn in c. X das Feuer als lebenschaffendes und körperbildendes 
Element erscheint, so steht das keineswegs im Widerspruch mit der 
vermeintlichen Theorie des Physikers, denn auch ihm ist das Feuer 
xd xivovv, das Flüssige rd rgdtpov (c. IX toiktov öi öndtegov dv tijxtj iXdov 
Hol x^xil ^ff dQfjUJvlag, i^ygdv idv xiveircu t^jtd xov nvqdq • xiveöfjLSvov 6k 
CcoTtvQetxai xtX), Bei der Körperbildung ist das Flüssige gleichsam 
die Materie für das bew^ende, das feurige Element. 

■ Die Klammem sind von mir; xä d'ä^a ndvxa, xai yfvx^jv övBqdmov 
xal a&fia öfiolwQ, i} y>vxh öiaxoafieixai Fredrich. 



— 68 — 

lövra duvcQivetai i^ tiqv iMaoova %c6^r, rä di int t6 jj^Cov 
TtoQevöjbieva avfifxutyöixeva i^cdXdoaei i^ xrpf jbiiCo} taiiv, xä de 
(eiva xal fxii ofuoTQona wßelxai ix xo>Q7}^ aXkoxQlri^. 

hcdcmj dk y>*oxq fiiCco xal iXdaao) ixovaa neQupoctq. xä fjuoqia 
xä icDVX^^y oike nqoaBiau)^ oike aqxuqiauo^ deofAivrj x&tf /biegicov ' 
xaxä dk avStjaiv xcbv vnaqxövxoyv (seil, fiegicov) xal jLielcoaiv 
deofjUvrj %c6^^, Sxacxa dtajtQi]aaexaiy i^ ijvxiva äv ^A6^/ xal 
6ix^<^^ ^o ^^QoamjTtovxcL 

ov yäg dvvaxai xo fiif ofudxQonov iv xolaiv acv/jupögoiai 
XcoQioiai ijLtfjiiveiv . . , 3«x xovxo ävOgcoTtov ipvxtj iv dvOgtoTtw 
aü^exai, iv äXixp di ovdevc' xal <ljri suppl. Heidel> x&v äXXcov 
^(pwv x(bv fieyakcDV dyactöxco^, 8aa di <aja'6^<poQa>^y äXkoc an äXXcov 
vTto ßirj^ ajioxqivexau 

'VII. tcsqI fjLEV otv xcbv älX(üv f ft)ft>r idow, tzsqI di dvOqdyTiov 
örjXcbaoy' iaignei yäg i^ ävOgionov xpvx^y tcvqo^ xal 
vdaxo^ a'öyxQtjaiv ^;i^ov(Ta, (JLolqav di acbfxaxo^ dvdqm- 
nov ' xavxa de xal OrjXea xal äqaeva noilä xal navxola 
xqiq>erai xe xal aü^exai diaixrj xfj neq ävOqmjto^ ' dvdyxrj di xä 
jbtiqea ix^iv ndvta xä ioiovxa' oihivo^ yäq /jirj iveirj fuolqa i^ 
äqxfj^, ovx äv av^Oelri, ovxe noXX^^ xqoipfj^ inioiiori^ oike 
dXlyri^ ' ov yäq exei xo nqoaavSavöjbtevov ' Sx^'^ ^^ ndvxa aü^exai 

^ Da ich über den Sinn dieser Worte anderer Ansicht bin als 
Diels (Herakleitos von Ephesos, 2. Aufl., S. 57 — 59; vgl. Vorsokr. 
12 C 1 cap. 6), so muß ich sagen, wie ich sie verstehe. Das Problem 
für den Verfasser ist, wie jede Binzelseele aus dem allgemeinen 
Seelenstoff herstammen und von ebendorther ihr Wachstum haben 
kann, imd doch sich ihrem Wesen nach von jeder anderen Seelen- 
gattung imterscheidet. Diese Frage löst er durch die Theorie, daß 
jeder Seele eine ganz bestimmte Zahl von Seelen teilen eigen sei, 
die sich bei keiner anderen wiederfinde; um zu wachsen und sich zu 
bewegen, bedürfe sie weder einer Vermehrung noch einer Verminde- 
rung dieser ihrer Zahl, sondern indem die in ihr vorhandenen 
größeren und kleineren Teile zunähmen und abnähmen, bedürfe sie 
der Raumveränderung und übe sie ihre Punktionen aus, in welchen 
Raum oder Körper sie immer eingetreten sei, und gliedere sich die 
ihr zuströmenden Teilchen an. — Ergänzt braucht nichts zu werden, 
wenn man nur anders interpungiert. 

* Von mir ergänzt; Öaa öia^Maaei dn' d^Xow Diels (in den Vor- 
sokratikem versehentlich zu Zeile 16 statt 17 notiert); öaa dXXoia 
dn* avTÖv Wilamowitz. 



— 69 — 

iv x^QTi W ^f^y^ov ixacxov, rgoip'^^ inio'öai]^ äjtd ü&axo^ ti]QOv 
xal Twqdc vyqov xal tä fj^v loa) ßuxC6/j£va rä di i^co ' &aneq ol 
tdxTove^ td ^Xov ngiovaiv ' 6 fxkv SXxei, 6 di(h6el,za)VTd 
Ttoiovvxe^' xdto) de nieCdvTcov äv(o CQTtei ' öv yäg äv nagadixotto 
xdx(o Uvcu ' ijv di ßidCijtai, navxd^ ä/jLOQTijaetai ' roiovrov 
XQO(pri dvOQa)7U>v' ro fikv SXxei, ro de d)Oei' ioo) di ßiaCo- 
fjiivov l^(o iQTtei * ^v di ßv^ai Ttagä xcuqöv, navxd^ ajcox&d^exau 
Wie • genau die beiden Kapitel einander entsprechen, 
liegt vor Augen, aber sie könnten nicht parallel sein, wenn der 
Inhalt nicht verschieden wäre ; so handelt das erste von der 
Seele, das zweite von der Nahrung, und der enge innere Zu- 
sammenhang der beiden findet seinen Ausdruck in einer 
Art strophischer Gliederung. Statt des Überganges steht 
die Wiederholung, an die Wiederholung erst kann sich das 
Neue ansetzen, mit den Worten XQiq>exal xe xal av^exai ist 
erst der Gedanke auf den Weg gebracht, auf den er kommen 
sollte. Ähnüch hegt der Fall im dritten und vierten Kapitel: 
xavra de avvafxtpoxeqa avxoQxed iaxi xolai xe äXXoiai Ttäai xal 
älXijXoiaiv , . . iv jj^gei di ixdxegov xqaxel xal xgatelxai i^ x6 
/M^xiaxov xal iXdxioxov &^ dwaxov . . , x6 /btiv o^v nvq xal x6 vdioq, 
waneg eiQi]xal fuoiy avtdqxed icxi Ttäai dvd Jiavxd^ ig xd fxrixiaxov 
xal x6 iXdxicfxov waavxcog. (IV.) xcyöxcov de Ttqdaxeixai ixatigcp 
xdde. Das ist Nachahmtmg archaischer Technik — denn der Ver- 
fasser kann viel einfacher und fortgeschrittener schreiben — 
einer Technik, die uns bei Empedokles begegnete und, wenn 
auch unentwickelter und weniger bewußt, schon bei Par- 
menides zum Vorschein kommt. Bezeichnend ist für diesen, 
welches Umschweifes er dazu bedarf, um zu seinem dritten 
Wege der Forschung zu gelangen: um den systematischen 
Zusammenhang des Ganzen klar zu machen, kann er diesen 
Weg nicht einführen, bevor er nicht die andern beiden eben 
erst beschriebenen Wege nochmals aufgezählt hat (Fr. 6): 
XQ'^ xd Xiyeiv xe voeiv x idv ifxfjtevai' eaxi ydg elvai, 
fj^div d^ovx icxiv ' xd a iyo) (pQd^eaOai ävcoya. 
Tzqdnrig ydq a d<p* ödov xa&cri^ dv^'/jatjog <elQy(o>, 
avxoQ iTten and x^g, fjv dtj ßqoxol elddxeg ovdiv 
TiXdxxovxai . . 



— 60 — 

Dabei fällt auf, wie fest in sich geschlossen und für sich 
gepr^ das erste Verspaar ist, als Einheit auch durch den 
Hesiodischen Versschluß charakterisiert, (vgl. Erga v. 367), 
und wie das übrige so scheinbar äußerlich hinzutritt. 
Bei Empedokles wie bei dem Hippokratiker bemerkten 
wir die Neigung, gerade derlei Kopfstücke zu wiederholen. 
Dürfen wir einen Rückschluß wagen? Sollte vielleicht die- 
selbe Sentenz schon einmal vorgekommen sein? Vielleicht 
gewinnt der Einfall an Wahrscheinlichkeit, wenn man be- 
denkt, daß ja Parmenides das Seiende als sein Problem 
gleich anfangs irgendwie hat nennen müssen, und daß er 
das kaum konnte, ohne das notwendige Prädikat des Seien- 
den, das Sein, und seinen notwendigen Gegensatz, das Nichts, 
gleich mitzunennen. Und zwar muß das vor der Unter- 
scheidung der drei Wege geschehen sein. So mögen denn, 
vermutungsweise, jene beiden Verse an die Spitze rücken, 
und an ihre programmatische Erklärung mag sich Fragment 3 
anschließen: ^vvdv 6i fuol iariv, onnodev äg^co/mi ' roOi yäQ 
TidXiv Uofxai atJfleg. Denn in der Tat beschreibt die Unter- 
suchung einen Kreis: sie geht aus vom Seienden tind 
kehrt zum Seienden zurück, und jeder der drei Wege, wie 
man es auch anfängt, führt zum Ausgangspunkt zurück: 
TÖ dv ScfTiv, 

So hätten wir denn mit Hilfe des Hippokratikers erwiesen, 
daß die Wiederholungen im alten philosophischen I^ehr- 
gedicht am allerwenigsten als Zeichen der Kunstlosigkeit 
gedeutet werden dürfen, daß sie im Gegenteil von einem 
stark entwickelten Bewußtsein der Systemzusammenhänge 
Zeugnis ablegen. Ja man mag versucht sein, ai^esichts 
der kompositioneilen Übereinstimmung, eine Entwicklungs- 
linie von Parmenides über Empedokles zum Hippokratiker 
zu ziehen. Aber da bliebe der Hauptfaktor vergessen, der 
große Unbekannte : Heraklit. Es hilft uns nichts, wir kommen 
um die Frage nicht herum: wie hat er komponiert? Gehört 
er überhaupt in diese mutmaßliche Entwicklungsreihe hin- 
ein? Und wenn er nicht hineingehört, wie haben wir ein 
Recht, seinen Nachahmer, den Hippokratiker, mit Empedok- 



— Bl- 
ies zu vei^leichen ? Eins ist freilich leicht erwiesen : daß auch 
Heraklit die parallele Gedankenf ührimg angewandt und sogar 
reichlich angewandt hat. Schon die ersten beiden Bruch- 
stücke, die einzigen übrigens, von denen feststeht, daß sie 
aufeinander folgten, zeigen Responsion: 1. rov de Xöyov rovd* 
iövTO^ äel dfiJrfiroe ylyvovxai ävOqionoi ... 2. rov Xöyov de iövro^ 
iwov l^diovaiv Ol TtoXXoi c&c Idlav Ixovze^ (pQÖvrjaiv» Jedes 
dieser beiden Themen war durch mehrere Sätze durchgeführt 
imd variiert (vgl. Fr. 34; 17). Das Werk begann also mit zwei 
einander entsprechenden wuchtigen Paradoxien: „Dies Denk- 
gesetz besteht, und bleibt doch ew^ den Menschen unverständ- 
lich." ,J)as Denigesetz ist allgemein, es gilt schlechthin, und 
doch leben die meisten, als ob sie ihre besondereEinsicht hätten. ' ' 
Man kann die Spannung, worauf diese Sätze hinwirken, den 
Ton der Offenbarung, worauf jedes Wort gestimmt ist, 
nicht ärger mißverstehen, als wenn man Fragment 50 an 
die Spitze stellt: ovx i/jov äXXä rov Xöyov äxo'öaavra^ ofuoXoyelv 
aoipöv icrtiv Sv Ttdvxa elvai — ganz davon abgesehen, daß dieser 
Einfall gegen alle Methode geht. Auch der Hippokratiker mit 
seinen /Ltigea fiegdaiv, 8Xa SXcdv will durchaus nicht gleich ver- 
standen werden, sondern den Leser vor den Kopf stoßen und 
erst allmähUch ihn dahinter kommen lassen, um was es sich 
handelt. Läßt man Heraklit den Inhalt seiner Verkündigimg 
gleich vorwegnehmen, so hat man allerdings erreicht, was man 
wohl möchte : daß das Rätselhafte, Vieldeutige und in der Tat 
höchst Raffinierte seines Einganges plan imd platt geworden 
ist. Aber wozu dann überhaupt noch dieser Anfang ? Nein, 
der Hörer soll sich in diesem Gedankenlabyrinth verirren, 
soll nicht wissen, wie er sich diesen Xoyo^ deuten soll, der 
zwischen Rede, Philosophenweisheit, Denknotwendigkeit zu 
schillern scheint, so soll sich die AbgründUchkeit dieses Tief- 
sinns vor ihm auftun. — Fernere Beweise paralleler GUede- 
rung erblicke ich in der Wiederkehr derselben Bilder und 
Symbole. Aus einem psychologischen Zusammenhang ist 
Fragment 12 genommen: norafioim xolaiv avxolaiv i/jißaivovaiv 
ixeqa xal ixeqa üöaxa iniQqel' xal ipvxal de and rcbv 'öyQcov 
avaßvfJuwvtoA. Dasselbe Gleichnis, allgemein auf Werden und 



— 62 — 

Vergehen angewandt, begegnet in Fragment 49a: Ttoxafiolg 
ToiC aÖTOi^ i/xßaivo/iiv re xal ovx ifxßaivofiev, eljLiiv re xal oi>x 
€l/j£v. Das Bild des Weges, der krumm und gerade, hinauf und 
hinab derselbe ist, erscheint in Fragment 59 und Fragment 60 
usw^. Soweit also würde auch HerakHt sich unserem Schema 
unterordnen. Und doch werden wir gerade hier gegen uns 
selber mißtrauisch: sind nicht die Wiederholungen bei 
HerakHt im Grunde etwas gänzlich anderes als bei Empe- 
dokles? Dort waren es I^hrsätze, hier sind es allermeist 
Bilder und Symbole, dort standen sie im Dienst der Über- 
zeugungskraft, der Klarheit und Eindringlichkeit der I^ehre, 
hier sind sie ein Wiederklingen stets derselben rätselvollen 
Grundtöne. Mit einem Wort, es spiegelt sich in den Wieder- 
holungen der ganze Gegensatz der beiden Philosophien, ja 
mehr noch, zweier philosophischer Grundtjrpen. Die einen, 
wie Empedokles, Parmenides und, wenn wir schließen 
dürfen, auch Xenophanes, wollen um jeden Preis beweisen, 
mit ihrem unfehlbaren XöyoQ, ihrer Wort- und Denkmethode, 
ihrer lyOgik, wollen sie der Sinnenwelt zu Leibe gehen, um sich 
d^n Weg zur Wahrheit zu erzwingen. HerakHt bHckt auf 
dergleichen Anstrengungen mit dem Gefühl unsägHcher Er- 
habenheit herab; sein Xöyo^ spottet aller Beweise, seine 
Wahrheit liegt, wo niemand sie vermutet, auf die Suche 
nach ihr gehen wäre Dummheit*; sie erklärt sich nicht. 



1 Bezeichnend ist, was Gomperz, Wiener Sitzungsber. 1886, 
S. 1004, über Herakl. Fr. 32 und 41 bemerkt (32: iv x6 aotpdv /liovpov 
Xiyeadai o^ idilei xal iSiXei Zipfdg övo/ml 41: iv xd oo<p6v, iTtlataaOai 
yp<o/jLipf, 6tiri hcvßiQvtiae, Ttdvza ötä növzojv): ,, Angesichts dieser zwei 
Bruchstücke drängt sich mir die folgende Frage auf. Ist es glaublich, 
daß ein Autor innerhalb einer nicht allzu umfangreichen Schrift nicht 
nur etwa dasselbe Wort, sondern genau dieselbe Phrase in so gnmd 
verschiedenem Snm angewendet hat, wie das hier der Fall sein 
müßte?" Ich dächte, das wäre ein unschätzbarer Wink für das 
Verständnis Herakhtischer Kunst. Die beiden Stellen werden schon 
einander entsprochen haben. 

• Fr. 18 : idv fiii ihzrjtai ävikuaicv, oföx iSevQijoei, dveSegeihnjtcv idv 
xal äjtoQov. Das ist, wie ich glaube, nicht Mysterienhoffnung, sondern 
Erkenntnistheorie : man muß schon das Unverhoffte hoffen, sich auf 



— 63 - 

kaum daß sie sich in Worten wiedergeben läßt : sie offenbart 
sich, sie gebraucht Symbol und Gleichnis, wie der Herr des 
delphischen Orakels: der sagt auch nichts und verbirgt auch 
nichts, sondern er deutet an (Fr. 93). Sicher ist Heraklit 
die ungleich kompliziertere, an sich betrachtet, spätere Er- 
scheinung. Seine Eigenart, mehr noch sein Wissen um seine 
Eigenart und seine sehr ausführHchen, sehr selbstbewußten 
Betrachtungen darüber zeigen, daß er die andere Art wohl 
kannte. Aber wie läßt sich das Gerade, Einfache aus dem 
Komplizierten, Überfeinerten herleiten? Setzen wir bei 
Parmeiiides Bekanntschaft mit dem Werke HerakHts vor- 
aus, so haben wir doch für eine Ableitung der Wieder- 
holungstechnik imd ihrer beiden Spielarten nicht das geringste 
damit gewonnen. Wollen wir schon einen Schnittpimkt 
beider Richtungen erreichen, so müssen wir, wohl oder übel, 
höher hinauf, wer wöiß? zu Xenophanes oder gar, so un- 
wahrscheinlich das auch wäre, zur ältesten Prosa, zu Anaxi- 
menes, zu Anaximander? — falls wir nicht vorziehen, auf 
das Konstruieren zu verzichten. Denn wer wird es wagen, 
den entgegengesetzten Fall zu setzen und einem bloßen 
Schema, einer Konstruktion zuliebe die bewährte und nie 
angetastete Chronologie, imd sei es auch nur versuchsweise, 

das Unmögliche gefaßt machen, um ,,es" (wahrscheinlich xd (JO(pöv) 
zu finden, so unauffitidbar ist es tind unzugängHch. Die Worttrennung, 
die Gomperz gibt (Wiener Sitzungsber. 1886, S. 999), scheint mir die 
eiazig mögliche. IShteaQm dvikruatw sprichwörtlich, wie xwelv rd 
dxlvTjfta, ursprünglich in tadelndem Sinne. So begegnet es in den 
„goldenen Sprüchen" der Pythag. v. 53 (dies Beispiel wie das folgende 
aus Gomperz) : &ate ae fii^e äebvt* ikrU^ew fjLijxe xi hfiBeiv, Dagegen 
wendet sich der Vers des „Linos" Stob. Vc. 46, 1: BstBoQm XQ^ 
ndvt* iTtel of&x i<n* ofödh öehttw. Ähnlich Kuripides Fr. 761: äehnov 
oijöiv, Ttdvxa ö^ihd^eiv XQ^^' Archilochos Fr. 74: XQ^f^^^ äeknxov 
oOdh usw. Heraklit hat seinen erkenntnistheoretischen l4eblings- 
gedanken auch noch in andere Sprichwörter hineingedeutet, Fr. 34 : 
dS'^exoi dxoiiaavxeg xoxpoiaiv iobcaai * qxki^ a&totaiv /juiQXVQei JtaQedvxag 
dneivcu. — Mit Fr. 18 dem Sinne nach verwandt ist Fr. 108: öhöocdv 
köyovg fptovaa, ovöelg dq>txvelx<u ig xovxo, &axe voeiv, Sxi ao(p6v iaxi 
n6v%<a» xexfoQia/jiivov, Man könnte fast versucht sein. Fr. 18 hier an 
anzuschließen. Ähnlich auch Fr. 86. 



— 64 — 

in Frage zu ziehen? Es müßte denn gerade sein, daß diese 
Chronologie aus anderen Gründen fraglich würde. Aber 
gibt es solche Gründe ? Wie ich glaube, allerdings. — 



Daß die vielzitierten Verse des Parmenides über die 
Doppelköpfe, „die taub und blind zugleich und urteilslos auf 
ihrem Wege dahinschwanken", in Wahrheit ein nur allzu 
leicht verhüllter, leidenschaftlicher Ausfall seien, der sich nur 
gegen Heraklit imd seine Schule richten könne, diese zuerst 
von Jacob Bemays (Ges. Abhandlungenl S. 62) ausgesprochene 
Überzeugung ist allmählich zu so starker Geltung und Ge- 
walt gelangt, daß sie am Ende die gesamte Auffassung der 
älteren griechischen Philosophie bestimmt und von sich 
abhängig gemacht hat. In der Tat muß diese Beobachtung, 
wenn sie denn wirklich richtig ist, die weittragendsten Folge- 
rungen nach sich ziehen; nicht nur, daß hier ein Punkt ge- 
geben scheint, von dem aus sich der Fortschritt und Verlauf 
der philosophischen Entwicklung mit urkundlicher Genauig- 
keit bestimmen läßt : beinahe noch wichtiger ist, daß dieselben 
Verse wie durch einen Riß hindurch uns einen Einblick in 
das innere, das wahre Leben jener Zeit imd ihres Denkens zu 
eröffnen scheinen: durch die feierliche Steifheit und Selbst- 
genügsamkeit des literarischen Gebarens blicken wir in 
einen unerwartet regen Schulbetrieb hinein, da gibt es 
Schüler, die zu diesem und zu jenem I^ehrer reisen, und da 
gibt es I^hrer, die vortrefflich auf dem Laufenden sind, sich 
gegenseitig ihre neusten Erscheinungen herunterreißen und 
herüber und hinüber streiten, daß der Osten wie der Westen 
vom Echo ihrer Worte widerhallt^. Aber so einleuchtend 
oder tmwahrscheinlich all das an sich sein mag, damit ist 
die Frage noch nicht aus der Welt geschafft, ob Bemays 
wirklich ein Recht hatte, die Verse, losgelöst aus allem Zu- 

^ Im Ausmalen solcher Züge ist wohl am weitesten gegangen 
Low im Archiv für Gesch. der Phüos., 1911. 



— 66 — 

sammenhang, nur auf den ersten und gewiß frischesten Ein- 
druck hin für eine Invektive zu erklären. Wir haben bereits 
erkannt, daß die drei „Wege der Untersuchung" das natür- 
liche Ergebnis Einer Fragestellung sind und daß der dritte 
Weg, derselbe, auf dem die Doppelköpfe wandeln, ebenso 
notwendig in das System hineingehört wie die beiden andern. 
Wem dafür der Nachweis, den wir hauptsächlich aus Gorgias 
jtEQi xov ^71 ovxoc zu führen suchten, noch nicht genug ist, 
mag sich vielleicht lieber durch die Inder belehren lassen; 
Mändükya-Kärikä 4, 83 (Deussen, Sechzig Upanishads des 
Veda, S. 602) : 

„Er ist!" „Ist nicht!" „Ist und ist nicht!" 

„Er ist nicht nicht!" so denkend ihn 

Unstät, stät, zwiefach, neinsagend, 

Verbirgt sein Wesen sich der Tor. 
Oder er mag sich von der Natürlichkeit der logischen 
Dreiteilung vielleicht durch Philolaos überzeugen lassen 
(Fr. 2) : aväyxa xä iövra elfxev ndvxa fj TtsQcUvovxa fj äjuiga ij 
Tteqalvovxd xe xal äneiga ' öneiqa da jliövov <ij negalvovxa fjudvov 
suppl. Diels> o-ß xa elri ' inel xolwv (palvexax oik' ht tismuvövxcdv 
7UXVXCDV iövxa oüx* If oTteigcov Ttdvxcov, dfjXov xäqa öxi ix tisqoivövxcov 
xe xal äjteiQODV 8 xe xoafjLO^ xal xä iv avx(p avvaQ/jiöxßri. Nur wolle 
er lieber nicht den Schluß ziehen, der freilich der neueren 
Forschung sehr gelegen käme, daß sich auch in dieser 
Ähnlichkeit der pythagoreische Einfluß zeige, unter dem 
Parmenides herangewachsen sei. In Wahrheit ist das Be- 
weisschema des Philolaos nur ein Abklatsch des eleatischen; 
an die Stelle des obersten logischen Gegensatzes ist ein6 
geometrische Unterscheidung getreten, das heißt: überhaupt 
kein eigentHcher Gegensatz — ein solcher wäre, nach der 
pythagoreischen Tafel der Gegensätze, äjteigov xal TteTtegaa- 
liivov — sondern eine Kausalbeziehung: das Begrenzende 
und das Begrenzte^. (Unbegreifhch ist mir, wie man ein so 

^ Diels in der neusten Auflage der Vorsokratiker, S. 309: ,, Grenze 
(Farm) und Unbegrenztheit (Stoff) sind die Prinzipien der wirklichen, 
d. h. sichtbaren Dinge, die diurch die Zahl erfaßt werden." Ich weiß 
nicht, ob es nicht irre führt, negcdtfona mit „Begrenztem", zu über- 
Reinhardt, ParmenidM. 5 



— 66 — 

spätes, abgeleitetes System ins sechste Jahrhundert hinauf- 
datieren kann, als ob dieselbe Stetigkeit, die für die religiö- 
sen Vorstellungen gilt, auch für die wissenschaftliche Erkennt- 
nis ^älte!) War aber jene Dreiteilung die Grundlage der 
eleatischen Spekulation, so kann nicht gleichzeitig der dritte 
Teil zur bloßen Abwehr einer fremden I^ehre gedient haben» 
am allerwenigsten der Heraklitischen — oder wo hätte 
Heraklit gelehrt, daß Sein und Nichtsein nicht dasselbe 
wäre ? Tatsächlich deutet denn auch nicht ein einziges Wort 
bei Parmenides auf etwas Fremdes, Außenstehendes, Nicht- 
Eleatisches hin. Wenn von den Sterblichen, ßgoroi, die 
Rede ist, so muß vor allem daran erinnert werden, daß dies 
alles nicht Parmenides, sondern die Göttin spricht, und daß 
diese von den Sterblichen nicht anders redet als wie es die 
Götter im Epos eben zu tun pflegen: olov drj w Oeo\>c ßqoxol 
ahuioDvrai. Sie kann also nur die Gesamtheit, keine besondere 
Klasse von Querköpfen im Sinn haben. Auch ist es weder 
das einzige noch das erste Mal, daß sie das Wort gebraucht,- 
sie wendet es recht häufig an, in Fr. jl, 30; VIII, 39, 51; 
XIX, 3^ und zwar in so bestimmter Weise, daß es einen 
philosophischen Terminus zu ersetzen scheint. Die Wahr- 
heit und die Sterblichen, das sind die beiden Pole, um die 
sich ihre Gedanken drehen. Und wie das Wort äXijOeta, 
weil alle Wahrheit transzendent ist, auch den Begriff der 
Transzendenz ausdrückt, für den es einen anderen Aus- 
druck noch nicht gab, so werden auch die „Sterblichen" 
in dieser urwüchsigen Philosophie zum fest umgrenzten 
philosophischen Begriff, sie stehen für die Welt, in der wir 
leben, wahrnehmen und fühlen; denn auch dafür hatte die 



setzen ; neQcUvev intransitiv, mit ngög xi, heißt an etwas grenzen, aber 
nidit begrenzt sein. Unter den neQolvovta mag Phik)laos Punkt, 
lyinie wid Fläche verstanden haben, miter äjceiga die Linie, Flache 
und den Raum, sofern diese an sich unendlich sind und durch Punkt, 
Linie und Flache beliebig sich bestimmen lassen. Bedeutete xä 
enegabfona „das Begrenzte", so wäre der Beweis TteQolvovxa ßdvw ^ xa 
tri unverstandlich, denn die Vorstellung von lauter begrenzten Räumen 
oder Körpern birgt in sich noch keinen Widerspruch. 



— 67 — 

Sprache noch kein Wort, — Die mythologische Einkleidung 
des Ganzen ist weit mehr al? eine Allegorie und vollends 
etwas Grundverschiedenes von einer leeren Pose oder Kon- 
zession an die poetische Konvenienz: sie ist, streng genom- 
men, überhaupt gar keine Binkleidui^, denn da gibt es 
nichts, was |in abstracto formuliert nachträglich erst mit 
einer künstlichen und transparenten Körperlichkeit um- 
kleidet worden wäre, sondern gerade die abstraktesten Ge- 
danken konnten ihren Weg zur Mitteilung (wie sich versteht, 
in literarischer Form) nur durch die alte mythologische 
Ausdrucksweise finden, weil für die direkte Verdeutlichung 
die Mittel der Sprache noch versagten. Welche Worte hätten 
auch hinreichen können, um von einer Höhe einen Begriff 
zu geben, von der aus betrachtet die gesamte Erfahrungs- 
welt rein in ein Nichts zusammenschwand? Die ungeheure 
Kluft, die zwischen diesem Jenseits und dem Diesseits lag, 
ließ sich nur mit dem Unterschiede zwischen Gott und 
Mensch vergleichen. War das, was es zu verneinen galt, 
nichts weniger als die gesamte Welt des Menschen, so war es 
zum mindesten kein überflüssiger und kein schlechter Ein- 
fall, das Verdammungsurteil einer Göttin in den Mund zu 
legen. So betrachtet erscheint die Form der Offenbarung 
als die natürliche Hülle und Haut für diese radikalste aller 
Philosophien; sie schmiegt sich leicht und ungezwungen 
allen ihren Teilen an und nirgends zeigt sich ein Mißverhält- 
nis oder ein Widerspruch. Doch damit ist zugleich gesagt, 
daß hier das Mythologische auch nur die äußere Erscheinung 
bildet, nur als Ausdrucksmittel verwendet, wenn man will, 
mißbraucht wird, und darum aus eigenem Trieb ein eigenes 
I^ben nicht entfalten kann. Die Gestalten sind, als Mytho- 
logie betrachtet, wesenlos und schemenhaft, und das aus 
keinem anderen Grunde, als weil sie ausschließlich Ausdruck 
der Gedanken sind, und die Gedanken wiederum können es 
zu einer kräftigen imd lebendigen Personifikation nicht 
bringen, weil sie nur mit dem Verstände und nicht aus den 
Bedürfnissen des Gefühls gewonnen sind. Daher der Ein- 
druck des Gemachten und der Kälte. Wer von wahrer 

6* 



— 68 — 

Mythologie herkommt, dem muß das, was er hier sieht, wie 
eine frostige Allegorie vorkommen; wer auf umgekehrtem 
Wege von der späteren Philosophie ausgeht, dem muß das- 
selbe wie ein lästiges Verharren in altmodischer, hieratischer 
Form erscheinen. Beide Eindrücke sind falsch, weil sie an 
fremden Maßstäben gewonnen sind und mit der archaischen 
Gebimdenheit der Sprache und ihrer natürlichen Feind- 
seligkeit gegen das emanzipierte Denken zu wenig rechnen. 
Man versuche nur, sich in archaischer Prosa all das aus- 
gedrückt zu denken, was die poetische Form tatsächlich 
leistet — und das ist weit mehr, als es zunächst den Anschein 
hat: die Ableitung der Sinnenwelt z. B. würde Parmenides 
wohl schwerUch ix xov Iblov TtgoacoTiov so zu geben ge- 
wagt haben — und man wird zum mindesten die Ökonomie,'* 
die Kürze und Prägnanz dieses „Gedichts" bewundem und 
die alte Frage ein gut Teil weniger wichtig nehmen, ob das 
nach den übUchen Begriffen auch noch Poesie sei oder nicht 
vielmehr die bare Prosa: Aristoteles in allen Ehren, aber, 
man verzeihe mir, ich halte seine Unterscheidui^ in diesem 
Falle für viel zu plump, als daß sie mit einer so schwierigen 
und einzigartigen Erscheinung fertig werden könnte. — 

Doch ich wollte von den Doppelköpfen reden. Daß dieser 
Name keine Schmähung sein soll, zeigen die übrigen Bezeich- 
nungen, mit denen er zusammen steht: xoxpol ö/m^ wiplol 
ze, xe&rjTtöxeQ. Wir sahen bereits (S. 48), daß man hinter 
diesen Worten durchaus keine Gereiztheit oder persönliche 
Gegnerschaft zu suchen braucht, vielmehr erwiesen sich 
dieselben Worte in nicht viel späterer lyiteratur als übliche 
und festgelegte Bezeichnungen für die rein sinnliche Er- 
kenntnis; als Polemik wären sie ohne Beispiel^. Warum 
aber die Menschen, die den Sinnen folgen, Doppelköpfe 
heißen, erklärt das folgende : 



1 Diels Parmenides. S. 69, veigleicht Herakl. Fr. 34: dS^pexoi 
ÖMOfioopreg xcDg)otg ioixaai, aber das ist etwas ganz anderes; da handelt 
es sich um ein mitgeteiltes Wort, mid die, denen es gilt, vernehmen 
es sehr wohl, aber sie gleichen den Tauben. Die beiden Stellen 
stehen wohl außer aller Beziehung. 



— 69 — 

ol^ To TtiXeiv re xal ovx elvai ravröv vevöjtumcu 
xov ravröv, TidvxcDV de TtaXivrQonög iari xiXevOo^. 
Das sind aber genau dieselben, die auch in Fr. 8,38 er- 
scheinen; hier einen Unterschied zu machen, wäre Willkür: 

Ttt> TtdvT* övofx Sarai 
8aaa ßqoxol xaxiOevxo TUTwißöreg elvai aXrjdfjy 
yiyveaOai re xal SXXvaOai, elvai re xal ovxh 
xal rönov dXkdaaeiv dtd re xq6a (pavdv djbielßeiv. 

Folglich kann nur die Gesamtheit aller Menschen gemeint 

sein. Dem vevö/uarai entspricht das 8aaa xaxiOevro: die 

Menschen haben sich einen vö/lio^, ein Gesetz gemacht, 

indem sie sagten: Sein und Nichtsein soll für uns dasselbe 

sein. Und dies Gesetz ist wiederum kein anderes als das, 

was den Gegenstand des ganzen zweiten Teils, der dofa 

bildet : 

lJU)Q<pci4 yoLQ xaxiOevro ovo yvdifwj^ övo/Lid^eiv. 

Folglich ist es falsch zu sagen, das Gedicht fiele in zwei 
Teile auseinander; die dö^a hängt aufs engste mit der 
dX^Oeux zusammen, sie wird beständig mit ihr kontrastiert, 
sie ist nichts anderes als der dritte Weg der Forschung, und 
der Dichter hat sein Möglichstes getan und nichts versäumt, 
um diesen Zusammenhang ins lyicht zu rücken. Der Be- 
ginn der öö^a selbst ist nur die genauere Ausführung und 
Bestätigung dessen, was er über den dritten Weg und sein 
Zusammentreffen mit der Sinnenwelt andeutend gesagt 
hatte (Fr. 8, 53) : 

fiOQipaj^ yoLQ xaxißevxo &6o yvöifwj^ ovo/Lid^eiv, 
xwv fdav ov XQ^^ ioriv (iv 4) TzenXavrfjbidvoi elaiv), 
rdvria d*ixQivavro difxa^ xal arjijm Idevro 
XcoqI^ otz dilijX(oi\ rfj fiiv tpXoyoQ alOiqvov nvq, 
rjniov 8v, fiiy' [dgaiov] ilatpgöv, ecovrco ndvroae roovröv, 
To> d' irigcp /biij rcovröv ' dxdg xdxeivo xar avro 
rdvria, vüxx ddafj, nvxivdv dijbux^ ifxßqSi^ re. 
„Denn sie kamen überein, zwei Formen 7^vi benennen, 
von denen man die eine nicht benennen darf: das ist ihr 
Irrtum; sie schieden gegensätzlich beider Körper und sonder- 
ten ihre Merkmale voneinander: hier die Flamme des Äther- 



— 70 — 

feuers, die milde, gar sehr leichte, sich selbst überall gleiches, 
dem anderen ungleiche; doch stellten sie auch jenes andere 
für sich allein, auf die entgegengesetzte Seite, die lichtlose 
Nacht, einen dichten und schweren Stoff." Diels hat er- 
kannt, daß rävTia adverbial steht wie rävaviia bei Thuky- 
dides VII, 79: xävavxla duxmcb/jLev. Ich ziehe daraus den 
Schluß, daß Tcaxä nicht mit rävrla zu verbinden ist, daß 
also avro nicht Apposition zum Adverbium ist, sondern daß 
xoci:' avro soviel wie „allein", „für sich" bedeutet. Wie 
mir scheint, gewinnt bei dieser Auffassung der ganze 
Satz an Konzinnität. Zwei Formen werden einander ent- 
gegengesetzt, eine jede für sich; es sind die beiden stärksten 
und durchgängigsten Gegensätze, die Parmenides in der 
'. Wdt der sinnlichen Erscheinung finden konnte, Finsternis 
'. und I/icht. Jede dieser Vorstellungen oder Stoffe — denn er 
hisit kein Mittel zwischen beidem zu unterscheiden — ist für 
sich betrachtet ein Tavrov, sie leidet weder eine Steigerung 
noch eine Schwächung, sie ist einheitlich und ohne Unter- 
schied ; aber sofern sie Gegensatz ist und durch ihr Gegenteil 
überhaupt erst zustande kommt, ist sie zugleich ein ov ravtöv, 
das heißt, sie ist tmd ist doch wiederum nicht. Der Fehler 
dieser Weltanschauung ist, daß sie zwei Formen setzt statt 
einer; womit keineswegs gesagt ist, daß eine der beiden, 
etwa das laicht, dem wahren Wesen näher stände als die 
Finsternis; die Worte r6)v fuav ov x^ec&v emiv sollen den 
Hörer vor keine Entscheidtmg stellen, auch das laicht wird 
mit dem Augenblicke, wo es seinen Namen erhält und 
Körper wird, der Sphäre des reinen Seins entrückt und in 
dieselbe trügerische Scheinbarkeit gebannt wie sein Gegenteil. 
Wie aber beide Gestalten als Elemente unserer Vorstellungen 
{övö/Mna) und unserer Welt zugleich aufs schroffste von- 
einander geschieden sind und niemals ineinander übergehen 
können, so gibt es doch kein Ding, in dem sie nicht als Mi- 
schung beide gleichzeitig enthalten wären, und die ganze 
Mannigfaltigkeit der vorgestellten Welt beruht nur auf un- 
zäh%en Mischungsunterschieden. Das ist der Fortschritt 
des Gedankens vom achten Fragment zum neunten. Man 



— 71 — 

errät unschwer hinter dieser scheinbar physikalischen Ent- 
wicklung das bekannte dreigeteilte Schema, das der öe- 
dankenbildung überall zugrunde liegt: zwei Gegenteile und 
als drittes ihre Mischung: lariv, ovx lariv, San re xal ovx 
eoTiv. Und bücken wir von hier aus auf das Chaos, das 
Gebilde der Stoff-Kränze zurück, so Hebtet sich jetzt auch 
das letzte Dunkel, das noch darüber zu lagern schien: 
es ist nichts anderes als eine Übersetzung der drei logischen 
Kategorien ins Räumliche: an beiden Enden die beiden un- 
vermittelten Gegensätze, laicht und Finsternis, und in der 
Mitte ihre Mischung. Wenn die Gegensätze gedoppelt er- 
scheinen, so geschieht das lediglich in Rücksicht auf die 
räumliche Symmetrie; und wenn sie als Kreise und Kränze 
und nicht als Striche und I/inien erscheinen, so mochte gleich 
sehr daß ästhetische Bedürfnis wie die Vorstellung der Welt- 
kugel dahin gewirkt haben, daß Parmenides sich seine Stoffe 
lieber in sich selbst zurückgebogen als ins Unendliche sich 
verHerend dachte. So gelangen wir zu der Einsicht, daß 
selbst die Kosmogonie mehr , logischen als physikalischen 
Ursprungs ist; der Widerspruch, der seither zwischen dem 
Physiker und lyOgiker Parmenides nicht wegzuleugnen schien, 
löst sich, befscharfer und zusammenfassender Interpretation, 
in schönste Harmonie und Wohlgefallen auf. 

Es ist eine Regel, die so einfach ist, daß man sich scheut, 
sie auszusprechen, und doch ist sie vergessen worden: die 
Regel, daß man Parmenides zuerst aus sich selbst, zu zweit 
aus seiner eigenen Schule zu erklären hat. Statt dessen erklärt 
man ihn aus HerakUt und dem ganz unbekannten Pythagoras. 
Hätte man, statt der vermutlichen Lehre des Pytha- 
goras, die sicher bezeugte des Melissos zum Vergleiche 
herangezogen, so hätte man, statt Luftschlössern in 
den Wolken, festen Boden unter den Füßen gewonnen. 
Auch Melissos Schrift zerfiel in zwei Teile; der erste ent- 
wickelte die Prädikate des Seienden, entsprach also den 
Parmenideischen aij/tiaxa xov övxo^, der zweite handelte über 
die Welt der Sinne und muß sich folglich ebenso notwendig 
aus der Parmenideischen dof a entwickelt haben wie der erste 



— 72 — 

atts der dXifßeuL Wir verdanken unsere Kenntnis von der Schrift 
und ihrer GHederung dem Simplicius (de caelo S. 558, 16) : 
elmhv yäq (MeUssos) neql xov övxo^ 8u Sv eari xai dyevrjxov 
xal axlvfjrov xai jutjöevl xevcp diedrjjtiibLdvov, äXX' Slov iavrov 
TtX'^Qe^y indyei ' *fiiyi(nov fiiv oiv arifielov oixoc 6 i.6yo^, 8u 
Sv fjtövov Sariv * azäg xal xdde atifieia ' el yog ijv noXkd, roiaika 
XQ'fl avrd elvai, olöv neq iy(b (praxi x6 Sv elvai' ei yäq San yfj 
xal "SdcoQ xai äfjQ xal tvvq xal ai&rjQO^ xal %ßv<yo^, xal tö /biev 
^(pov xd de xeOvfjxö^, xal jtiiXav xal Xevxov xal xä äXXa, 
8aa (paalv ol ävOgoDTtoi elvai aXriBf\ (= Parmenid. Fr. 8, 39: 
8aaa ßqoxol xaxidevxo nenoiOoxe^ elvai aXrjOfj, yly- 
veaOai xe xal dXXvadai, elvai xe xal oixh ^ xönov äXXdaoeiv 
did xe XQ^^ tpavov djtielßeivl), el eJi) xavra Saxi, xal ^fxei^ 
öqOco^ ÖQmjbiev xal axo^öo/biev, elvai xQfh ^^«(xrov xoioikov, 
olöv Tteq xd Ttqanov Ido^ev T^jbuv, xal jbirj fiexoTziTtteiv firjÖk 
yiveaOai hegolov, dXXa äel elvai Sxaaxov, olov Tteg iaxiv * vvv di 
q)afiev ögOco^ ögäv xal axo'öeiv xal avvidvai ' doxei de 'fjfuv x6 xe 
OeQfjLov xpvxQov ylveaOai xal xd tpvxQdv Oeg/Lidv xal xd axXrjgdv 
fuddaxöv usw. Und mußte nicht die eleatische I^ehre von 
Anbeginn notwendig aus zwei Teilen sich zusammensetzen? 
Forderte die Entdeckung einer übersinnHchen Erkenntnis nicht 
von selbst zi^leich eine Kritik der Sinnenwelt ? Durfte und 
konnte man es unterlassen, nachdem man erst das Kriterium 
für die Wahrheit in seinen Besitz gebracht hatte, nun auch 
damit den Trug und Widerspruch aus allen Erscheinungen 
dieser Welt hervorzuziehen und an den Tag zu bringen? 
Wenn uns die Art, wie Melissos sich dieser Aufgabe entledigt 
hat, nicht unverständlich dünkt, dagegen die döia des Par- 
menides so voller Schwierigkeiten für uns steckt, so ist der 
Gnmd vornehmlich darin zu erblicken, daß Parmenides 
um so viel mehr gewollt hat als Melissos : er begnügte sich 
nicht damit, den Widerspruch in aller Erscheinung fest- 
zustellen und der Formel: elvai xe xal ovxi zu unter- 
werfen — wie Melissos am Schlüsse des angeführten Beweises : 
^v de /lexajcdaij, xd jbiev edv aTKoXero, xd de ovx idv yiyovev — 
sondern er sucht darüber hinaus nach einer dgx:iy nach 
einem Urgrund, gleichsam Urstoff aller Gegensätze, um 



— 73 — 

den didxoofxo^ der Sterblichen zu entwickeln. Melissos stellt 
drei Kategorien von Gegensätzen unvermittelt nebenein- 
ander: 1. Wasser, Feuer, I^uft, Erde, Gold, Eisen, mit einem 
Worte die Aggregatzustände: Oeqfjuiv xpvxQov, &q(u6v tcvxvöv, 
fuddoHÖv axXtjQÖv (denn die Metalle sind das Härteste, wie 
Wasser das Flüssigste), 2. das I^ebendige und das Tote, ST/jJlav 
xal levxöv, Schwarz und Weiß als Elemente aller Farbigkeit 
und Sichtbarkeit. Parmenides verbindet und verknüpft 
dieselben Gegensatzpaare zu einer Kosmogonie; an Stelle 
des Lebendigen und Toten stehen bei ihm die Mächte des 
Zerstörens und Gedeihens; Hell und Dunkel, Wärme und 
Kälte, Leichtigkeit und Schwere, Härte und Weichheit 
schließen sich ihm in einen einzigen, alles in sich begreifenden 
üi^egensatz zusammen, den des Lichtes und der Finsternis 
— wie schon ein alter Eleatenschüler sich am Rande seines 
Exemplares angemerkt hat, Simpl. phys. 31,3: xal eJi) xal 
xaxaXoyditjv /jsvaStt tcöv iTtwv ifjL(p6qexai xi ^aeidiov &c avtov 
HaQfxevidov Sx^v oiko^ ' 'im x&di imi rö dgaidv xal ro deg/bidv 
9cal TÖ q)do^ xal ro fmkOaxov xal xd xovq>ov, inl de reo nvxvö 
d)v6fjuz(nai ro ipvxQov xal rd Co<po^ xal axlrjQov xal ßagv ' 
xama yoQ äTtexgldrj ixaxSQCDQ ixätega: ich muß in Anbetracht 
der Terminologie, der Sprache und nicht zuletzt auch des Ver- 
ständnisses, von dem die Worte zeugen, dieses SchoHon, wie 
gesagt, für echt eleatisch halten^. Licht und Finsternis bedeuten 
in der Tat in der Parmenideischen Kosmogonie der Gegen- 
sätze als Temperaturen Warm und Kalt, als Aggregatzustände 
Locker imd Fest, als Körper Himmel und Erde, als Energien 
Zeugung und Zerstörung, als Farben Schwarz und Weiß — und 
welche Wichtigkeit die Farben, als die Ursache der Sichtbar- 
keit, für Parmenides gewonnen hatten, lassen die Worte erraten : 
dui re xQdcL <pavdv afjLelßeiv\ irren wir nicht, so hat die spätere 



* Zu beachten ist, daß Simplidus nur von einem einzigen ^aeiöujv 
spricht und daß er es als Unikum betrachtet; damit fällt die Er- 
klärung, daß er eine kommentierte Ausgabe des Parmenides besessen 
hätte oder sein iBxemplar aus einer solchen abgeschrieben gewesen 
wäre; auch wußte er doch wohl mit Scholienhandsdiriften Bescheid. 
Und Kommentare zu Parmenides hat es wohl nie gegeben. 



— 74 — 

Schwarweißtheorie hier ihren Urspning^. Alle Eigenschaften, 
alle Erscheinungen sind letzthin Mischungen der beiden ersten 
Gegensätze, mit denen die Erschaffung der Sinnenwelt begann. 
Es mag paradox klingen, aber ich sehe keine Möglichkeit, 
der Folgerung zu entgehen, daß der Begriff der Mischung, 
die Grundlage aller späteren Physik, ursprünglich auf rein 
logischem und metaphysischem Boden gewachsen sein 
müsse, um erst nachträghch in die Naturwissenschaft ver- 
pflanzt zu werden. So wenig wir von Anaximander wissen 
so steht doch so viel fest, daß er bei seinem äjieiQov an keine 
Mischung dachte; wenn er, wie es den Anschein hat, von 
äTtoxQloei^ redete, so hat er damit wohl weniger ein Sich- 
Spalten und Auseinandertreten der verschiedenen Stoffe oder 
Aggregatzustände aus der einheitlichen Urmaterie bezeichnen 
wollen als die räumliche Abgrenzung verschiedener Welten 
innerhalb des Unendlichen: q>i]al de rd ix xov ätdiov yövifwv 
OeQjbiov re xai ywxQOV xaxä X'qv yheaiv rovde xov x6a/ju>v ajto- 
xQiß^vcu xai xiva ix xovxov <pXoyd^ atpaigav TteQitpv^vcu x(p tceqi 
xijv yfjv ädgi dx^ tö> öivöqto q)loi6v (Fr. 10 = Plut. Strom. 2) ; 
das heißt: wie die Rinde aus dem Holze herauswächst, so* 
wachsen die Stoffe auseinander und aus dem Unendlichen 
hervor. Genauer hat erst Anaximenes das Wesen der Ver- 
ändenmg zu fassen und zu bestimmen gesucht durch seine 
I^ehre von der äQcUwai^ und Ttvxvcoat^. Er teilte dabei die An- 
schauung Anaximanders, daß dem Urstoff eine unbegrenzte 
Fähigkeit sich zu verwandeln innewohnen müsse. Gegen diese 
Voraussetzung, den festen Gnmd und sichere Gewähr aller 
bisherigen Erkenntnis der Natur, erhob Parmenides seine 
Stimme: er, der große Revolutionär, der dem naturwissen- 
schaftlichen Denken ins Gesicht schlug, wo er nur konnte, und 
doch für die Naturphilosophie fruchtbar geworden ist wie keiner 



^ Theophrast de sens. 59 : 'E/jmeöoxlfjQ di xai Tiegl x6w XQ^/^^"^* 
Kol &ti x6 likv Izvxbv xov nvgög, x6 di fxiXa» xov ^öaxog (Fr. A. 69 a Diels). ol 
ö'äXloi xoaovtov juiövov &tt x6 xb Xßvxdv xai x6 fiikav äqxcd, xä d*äXka 
jueiyvv/jUvcüv ylvexai xoihcov. Über die ältesten Farbenlehren der 
Griechen vgl. W. Kranz, Hermes 47. S. 1 26 (auf Melissos und Parmenides 
geht Kranz nicht ein). 



— 76 — 

ihrer Anhänger. Mit seinem Drange nach allem Äußersten und 
mit der Gewißheit, die ihm seine eigene, von ihm selbst er- 
f imdene Waffe, seine lyOgik, gab, erklärte er : was gegensätzlich 
ist, kann nmi mid nimmer ineinander übergehen ; dicht mid 
dünn sind Gegensätze, sind in meinem Denken mivereinbar, 
imd die Welt ist nur der Spiegel meines Denkens; wenn daher 
dasselbe Ding bald dicht bald dünn erscheint,* bald warm, 
bald kalt, bald hell, bald wieder dunkel, so kann das einzig 
und allein kraft eines Beieinanderseius der unveränderlichen 
Gegensätze möglich sein, ins Stoffliche übersetzt, durch 
ihre Mischung. So bringt er das Unglaubliche fertig, das, was 
nur als Aggregatzustände eines und desselben Stoffes ge- 
dacht war, selbst zu Urstoffen zu machen und mit seinen 
obersten beiden Gegensätzen, laicht und Dunkel, gleich- 
zusetzen, mit einer Verachtung physikalischer Denkweise, 
wie sie nur der erste I/Ogiker aufbringen konnte. Aber wie 
die Physik alsbald den rein begrifflich formulierten Satz von 
der UnvergängHchkeit des Seienden sich zu eigen gemacht 
und zur Gnmdlage neuer Systeme umgeschaffen hat, so hat 
sie auch den Gedanken der Mischung aufgegriffen und ihn 
einer neuen oder vielmehr erst seiner eigensten Aufgabe zu- 
geführt: wie denn in Wahrheit beide Gedanken einerlei 
Urspnmgs sind und nicht erst von Empedokles vereinigt 
werden konnten. Als sichtbare Merkmale und Merkzeichen 
des Weges, den der Begriff der Mischung von da ab zurück- 
gelegt hat, erscheinen die Konstruktionen vorweltHcher 
Mischungszustände, die Kränze bei Parmenides, der Sphairos 
bei Empedokles, das fietyfm bei Anaxagoras; die Kränze vom 
Standpunkte des Physikers, das heißt als Mischung, noch 
höchst willkürlich und unvollkommen, der Sphairos physi- 
kalischen Ansprüchen insofern besser genügend, als er eine 
einzige, gleichförmige Masse darstellt und die Zahl der ge- 
mischten Stoffe von zweien auf vier gestiegen ist, endlich 
das fielyfm des Anaxagoras, das den Gedanken bis in seine 
letzten Konsequenzen führt. 

Aber mit dem Prinzip der Mischung und der eigentüm- 
lichen I/Ogik, der es seine Entstehung verdankt, hängt noch 



— 76 — 

eine andere große Errungenschaft zusammen: die Wahr- 
nehmungstheorie. Wir müssen auch auf sie von diesem 
neuen Gesichtspunkt aus noch einmal kurz zurückbUcken, 
um ihren Ursprung aus der Seinslehre noch tiefer zu be- 
greifen. Es kann kein Zweifel sein, weder bei Anaximander 
noch bei Anaximenes hat es dergleichen gegeben. Bei dem 
starken Interesse, das Theophrast und mit ihm die gesamte 
doxographische Literatur den Anfängen entgegenbringt, 
wird sein und der anderen Stillschweigen zum zwingenden 
Beweis. Der erste nach der üblichen Datierung, der laut 
Theophrasts Bericht sich über die stoffliche Zusammen- 
setzung der Erkenntnis ausgesprochen hat, ist Heraklit; 
aber man wird allmählich wohl erraten haben: dieser üblichen 
Datierung fehlt es an Gewähr, und es gibt Gründe genug, 
die dazu raten, Heraklit ein paar Jahrzehnte unter Parme- 
nides hinabzurücken. Alkmaion von Kroton, mag man se^ne 
Zeit bestimmen wie man will, kommt doch für diese Frage 
schon deswegen nicht in Betracht, weil er als Arzt die einzel- 
nen Organe untersucht hat, ohne sich auf Spekulationen 
über das Prinzip der sinnlichen Erkenntnis einzulassen. So 
bleibt als erster, der das Erkennen selbst dem wissenschaft- 
lichen Denken unterworfen hat, Parmenides. Ich halte das 
für keinen Zufall. Mag der Satz, daß Gleiches nur durch 
Gleiches erkennbar sei, so tief oder so oberflächlich in volks- 
tümUchen Anschauungen wurzeln, wie er wolle: als Theorie 
kann er unmöglich älter sein als der Begriff der Mischung; 
denn er setzt voraus, daß sich der Unterschied der Dinge 
nach dem Grade ihrer Mischung richte, und zieht daraus den 
Schluß, daß das Organ oder Vermögen der Unterscheidung 
mit der UnterschiedHchkeit der Dinge selber gleichen Wesens 
sein müsse. Ob hier überhaupt der populäre Glaube an die 
Feurigkeit des Auges mitgesprochen hat (wie er tatsächlich 
später, bei Plato zum Beispiel, mitspricht), ist mehr als 
zweifelhaft; nach Theophrasts ausdrücklicher Bemerkung 
hat Parmenides den folgenschweren Satz in noch ganz all- 
gemeiner Fassung vorgetragen, ohne über bestimmte Sinne, 
wie Gehör, Geschmack, Gesicht, etwas zu äußern. Daß aber 



— 77 — 

kein anderer diese Theorie erfunden haben kann, dafür spricht 
noch ein weiteres: unter den „alten Physikern" läßt sich 
kein einziger namhaft machen, dem auf seinem Wege das 
Problem der Erkenntnis auch nur im entferntesten mit 
solchem Ernste imd solcher Eindringlichkeit hätte begegnen 
können wie Parmenides. Td yoQ avtd voeiv iorlv xe xal elvai : 
auf diesem einen Satze beruht seine ganze Philosophie; 
und wie ihm die Wahrheit mit dem logischen, abstrakten 
Denken in eins zusammenfällt, so hat die körperUche Gegen- 
sätzUchkeit im menschUchen Empfindungswesen ihr genaues 
Gegenbild ; in beiden Reihen herrscht dieselbe prästabiHerte 
Harmonie: 

&^ yoQ hcdcTor' Ix^i xQäatv /leXicDV noXvTzXdyxrwv, 
Tcb^ v6oc äv0Qd>7zoiai JtoQunaxau' ro yoQ Qxrt6 
iisxiv ÖTisQ q>Qovhi /j£Xi(ov (piov^ ävOQwTioiaiv 
xal Tzäaiv xal navxl' xd yäq rckiov iaxl vofjiua (Fr. 16). 
Wer in diesen Versen, in der geflissentlichen Betonung 
menschlicher Erkenntnis, durch den Mund der Göttin, 
in der Geringschätzung, die sich im Beiwort TtoXvTtXdyxrcov 
ausdrückt, „den vieHrrenden Oiganen" (vgl. nXamdv vöov 
Fr. 6, 6, von den Menschen, die den dritten Weg, das 
heißt eben die do^a wählen), endlich in der glänzenden 
Pointierung, die das letzte Sätzchen auszeichnet: „ein wenig 
mehr oder ein wenig weniger in der Mischung der Gegen- 
sätze, das ist all ihr Denken, xal Jtäaiv xal navxlV* — 
wer in alldem nicht die Berechnung, nicht die beabsichtigte 
Gegenüberstellung mit der reinen, aus dem Denken allein 
geschöpften Erkenntnis spürt, mit dem will ich nicht streiten. 
Beide Erkenntnistheorien setzen einander voraus, ergänzen 
einander, und das System hätte ein Loch, hätte Parmenides 
nicht auch die sinnliche Erkenntnis aus denselben beiden 
Elementen abgeleitet wie die gesamte Welt der sinnlichen 
Erscheinung. — Was ist das, was die Menschen erkennen 
heißen ? Antwort : eine Beziehung zwischen Mischungen von 
Gegensätzen. Aber gemischte Gegensätze gibt es nicht im 
Menschen allein, sondern in jedem Ding, das uns die Schein- 
welt vorspiegelt. Folglich: — und hier bricht wieder der 



— 78 — 

prächtige Radikalismus hervor, der diese Philosophie aus- 
zeichnet — folgHch, so folgert sie, ist das Erkennen keines- 
wegs ein Vorzi^, etwas, was Tier und Mensch vor anderen 
Dingen voraushätten; wo immer in dieser Welt zwei gleich- 
artige Mischungen aufeinanderstoßen, gibt es auch Er- 
kennen. Den I^eichnam nennt man tot und spricht ihm die 
Empfindung ab, und doch sieht er nicht schlechter als wir 
liebenden; der einzige Unterschied ist der, daß seine Mi- 
schung die entgegengesetzte ist; so sieht er das, was wir 
nicht wahrnehmen, die Finsternis; und wie es mit dem 
Leichnam steht, so steht es mit allen totgeglaubten Dingen 
dieser Welt. Mit anderen Worten, die Empfindung ist nichts 
Unabhängiges, Auszeichnendes, Richterliches, sondern nichts 
als eine Folge, eine Begleiterscheinung; wo es Gegensätze 
gibt, da gibt es auch Empfindung, aber beides ist nur Schein, 
denn beides kommt nur durch den Widerspruch zustande, 
und die Wahrheit duldet keine Widersprechung. 

So stehen wir schließlich wieder vor derselben rätselvollen 
Fr^e, die am Ende einer jeden Interpretation auf uns zu 
warten scheint: was ist der Sinn der Gleichsetzung von 
Körper und Begriff? Was steckt dahinter, daß Parmenides 
die Welt der Körper ansieht, als genügte eine einzige und 
noch dazu irrtümliche abstrakte Formel, um sie aus dem 
Nichts hervorzuzaubern und in Raum, in Zeit, in Stofflich- 
keit um sich herumzustellen ? Und was steckt dahinter, daß 
die Körper diese wunderbare Fähigkeit besitzen zu ver- 
duften, Geist, Begriff zu werden und in eine Formel einzu- 
fahren? Daß xavxdv xal ov rayrön, elvai xe xal ov%l plötz- 
Hch die Gestalt von Nacht und Licht annehmen können, und 
daß wiederum alle Dinge dieser Welt gleich jenen beiden Ur- 
stoffen zu bloßen Namen sich verflüchtigen können, zu un- 
endlich vielen Namen für das eine letzhin jedem Ding zu- 
grunde Hegende xmrtöv xal ov xabxdv, elvdi xe xal ovxi^ 
Was wir bisher auf diese Frage geantwortet haben, diente 
nur dazu, das Fremdartige uns näher zu rücken, das Un- 
glaubhafte nicht rund von der Hand zu weisen, kurz sich 
über die Voraussetzungen zu verständigen, unter denen 



— 79 — 

deigleichen entstehen konnte. Aber damit erklärt man noch 
keine Philosophie, zum mindesten noch kein System. Dazu 
bedarf es vor allem der Frage nach dem Zwecke, nach der 
Bedeutung und Funktion eines jeden Gedankens: gehört 
er in den Aufbau oder in das Fundament, zu den getragenen 
oder tragenden Teilen, ist er um des Systems willen da oder 
das System um seinetwillen ? Fangen wir mit dem äußeren 
Aufbau an. Da stehen am Anfang die drei „Wege", als die 
Grundeinsichten, aus denen sich alles Übrige wie von selbst 
ergibt; in diesem Teil allein gibt es ausführliche Beweise, 
alles Spätere scheint nur Folgenmg. Den Wegen folgen die 
Ziele oder Ergebnisse, auf die ein jeder zuführt ; denn es kann 
kein Zweifel daran aufkommen, daß streng genommen die 
eßxvxlog äX'^Oeui erst mit Fr. 8, 2 beginnt: rct&cfj d' inl 
arifjuca Saai noXka /juüol Und wie die „Wahrheit" nur 
die Folgerungen darstellt, die sich auf dem ersten Wege 
ergeben, so will der „Schein" nichts anderes sein als das, 
was auf dem dritten Wege erreicht wird; denn der zweite 
Weg fällt fort als unauffindbar, Ttavajtevdi^g, weil er zu gar 
keinem Ergebnis führt. Es stehen also dö^a und Mijdeui 
im selben Verhältnis zueinander wie der erste und der dritte 
Weg ; ihre Beziehung ist rein logisch, wenn auch beide darüber 
hinaus durch ihr unbewußt-phantastisches Element als 
künstlerische Kontraste wirken imd wohl auch wirken sollten. 
Prüfen wir, wie weit die äußere Form mit ihren Behaup- 
tungen recht hat. Was die äXi]Oeui betrifft, so ist kein Gnmd 
vorhanden zu bezweifeln, daß sie, wenigstens im Großen und 
Ganzen, auch das ist, als was sie erscheint: eine Anzahl von 
Folgerungen, gezogen aus dem Wörtchen dv, ein Inhalt, 
der gesucht wurde, um seine I^eere auszufüllen, durch Zu- 
sammentragen solcher Eigenschaften, die seinem höchst 
unverträgHchen Wesen nicht zu widersprechen schienen. 
Im entgegengesetzten Falle befindet sich die döSa: sie ist 
offensichtlich etwas anderes, als was sie scheinen möchte, 
keine Folgerung, sondern eine Identifikation. Solche Iden- 
tifikationen, die um des Systemes willen vorgenommen 
werden, ich wollte sagen: metaphysische Zusammenhänge, 



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— 80 — 

die sich plötzlich offenbart zu haben scheinen, haben sehr 
leicht etwas Abenteuerliches. Denn ist es nicht ein Aben- 
teuer, was zum Beispiel Schopenhauer mit der Musik oder 
was Piaton mit dem Seelenstaate begegnet ist ? I^ange mag 
der junge Parmenides vergebüch sich bemüht haben, mit 
seinen wenigen logischen Distinktionen die Welt und ihre 
Wesenheit zu fangen. Mit dem jungen Plato teilte er das 
Schicksal, daß er mit einem überstarken Erkenntnisdrang 
und Durst nach Welterklärung auf eine überschmale Wahrheit, 
eine Wahrheit, wie es zunächst scheinen mußte, ohne Ent- 
wicklungsfähigkeit gestellt war und nicht mehr zurück- 
konnte. So wurde er zum Revolutionär, wie Plato. Das 
Seiende ist, das Nichtseiende ist nicht: das war für ihn die 
einzige standhaltende Gewißheit, nur hier fühlte er noch 
festen Boden unter den Füßen. Der Begriff des Seienden, 
der sich aus diesem Satze ergab, negierte alles, worauf das 
Denken sich seither gerichtet hatte, und für die Weltanschau- 
ung mußte diese ungeheure Negation noch wichtiger schei- 
nen als das Wenige, was sich über das wahre Wesen sagen 
ließ — wie denn die dö^a in der Tat viel umfangreicher aus- 
gefallen ist als die oA^öcmz. So forderte die Negation nicht 
weniger einen JBeweis als die Bejahung. Mit dem bloßen 
Leugnen war es nicht getan; und mochte der Widerspruch 
der Welt zum Seienden auch noch so klar zu Tage hegen, 
diese Feststellung war nichts, wobei ein ernstes Denken sich 
beruhigen konnte. Alles mußte darauf ankommen, das eine 
aus dem anderen abzuleiten, oder, wenn das unmögHch war, 
doch wenigstens einen Übergang zu finden, eine Brücke über 
den Abgrund zu schlagen, der die beiden Reiche trennte. 
Wo aber gab es eine MögHchkeit, vom Seienden oder Nicht- 
seienden aus der Welt der Erscheinung beizukommen? 
Da stieg in ihm der Gedanke auf: wie, wenn das Nicht- 
seiende zum Seienden hinzutritt, sich mit ihm verbindend? 
dann ergibt sich allerdings eine Formel, der sich alles Körper- 
Hche unterwerfen läßt, denn jeder Körper ist ein xaxndv xal 
ov ravtöv, elvai re xal ov^L Und vorschnell, wie es der 
Radikalismus aller jugendHchen Logik ist, greift er sogleich 



SB 



— 81 — 

zum Äußersten, erklärt Subjekt und Prädikat für wesens- 
gleich, kehrt ihr Verhältnis um, xofördv xal oi ra6t6v wird 
ihm zur Welt der Körper. Mag man diese Ableitung befremd- 
lich finden, die gewaltige Denkarbeit, die hier geleistet worden 
ist, soll man nicht unterschätzen : die gesamte Welt als Dualis- 
mus ausgelegt, die Gegensätzlichkeit in allen Erscheinungen 
entdeckt — denn vorher war es keinem eii^efallen, an der 
Einheitlichkeit der Dinge zu zweifeln — der Satz von der 
Relativität der Eigenschaften zum ersten Male ausgesprochen, 
formuliert als Mischux]^ im vorstellenden Subjekte wie in 
den Dingen selbst, die gesamte Erfahrung auf eine einzige 
Grundform, eine ontologische Formel reduziert — und da 
behauptet man, Parmenides hätte von vornherein darauf 
verzichtet, eine Ableitung der Scheinwelt auch nur zu ver- 
suchen! In Wahrheit hat er sein alles daran gesetzt, auch 
diese Welt mit seiner Formel zu bewältigen, tmd erst als 
ihm dies gelungen schien, da konnte wohl das Gefühl einer 
Offenbarung über ihn kommen, da erst konnte er seine Wahr- 
heit einer Göttin, seiner Göttin in den Mund legen und sie 
zur Richterin machen über den Wahn der SterbHchen wie 
über das ewig unveränderliche Sein. Denn jetzt erst war aus 
der Formel ein System geworden. Wenn trotzdem das Un- 
mögliche nicht mögUch werden konnte, die Beziehung zwi- 
schen Begriff und Ding von seiner Fragestellung aus nicht zu 
erklären war, so lag das am Probleme selbst, nicht daran, 
daß er nicht zu Ende gedacht hat. Über die Schwierigkeit 
hinwegzuhelfen hat er sichfreilich nur durch einen ungeheuren 
Sprung gewußt; aber wo gibt es einen IdeaUsten, der über 
dieselbe Frage glatt hinübergekommen wäre? 

Wenn das Seiende sich mit dem Nichtseienden verbindet, 
so entsteht die Welt des Scheins. Wo aber Hegt die Ursache 
dieser Verbindung ? Woher die Vielheit, in der wir leben, wie 
konnte das Trugbild sich neben die Wahrheit stellen? Das 
war die letzte aller Fragen und die allerschwierigste. Was 
Parmenides zu antworten gewußt hat, war und konnte 
nicht mehr sein als eine Auskunft: fJU)Qq>a^ yäg xaziOevro &6o 
yv6/Mi^ övo/juiCeiv; irgend wann einmal ist eins zu zwei ge- 

Reinhardty Pannenides. ^ 



— 82 — 

worden, hat man aus der Einheit einen Gegensatz geschaffen, 
und die Menschen haben den Irrtum sanktioniert. Das ist 
nun freilich ein Gedanke oder doch zum mindesten ein 
Ausdruck, wie er unbehilfHcher, von unserem Standpunkt 
aus, und kindlicher kaum sein konnte, und doch bedeutet er 
eine Errungenschaft von ui^eheurer Tragweite: wir stehen 
' an der Wiege der Begriffe (p'öai^ - vöfw^. 

Die wohl herrschende Meinung nimmt für selbstver- 
ständlich, daß der Ursprung dieses Begriffspaares injolitisch- 
ethischen Tl^ooen zu suchen sei, der Art, wie sie Protagoras 
und Archelaos für ihr Zeitalter maßgebend ausgebildet 
hätten: aus Beobachtungen über die Verschiedenheit von 
Sitte und Gesetz bei den verschiedenen Völkern hätte sich 
allmählich der Begriff der Satzung, des contrat social, und 
seines Gegenteils, der qyöai^, des Naturrechtes, entwickelt, 
beide Begriffe seien dann selbständig geworden, und zur 
Formel erstarrt oder zum Schlagwort abgegriffen, hätten sie 
mehr und mehr den Bereich ihrer Anwendung erweitert, bis 
sie, schon längst feste Termini, zu guter I^etzt auch in 
die Erkenntnistheorie gedrungen wären^. Diese Ableitung 
scheint selbstverständlich, weil sie die eigentlichen Schwierig- 
keiten überhaupt nicht sieht. Beobachtungen über die Ver- 
schiedenheit der Sitten sind gewiß sehr alt, und was zum Bei- 
spiel Herodot über das Experiment des Darius erzählt 
(III 38), reicht sicher in Zeiten hinauf, die von sophistischen 
Staatstheorien und Gesellschaftsverträgen noch keine Ahnung 
hatten. Was an solchem Material die Aufgeklärten jener 
alten Zeit zusammentrugen, kann seiner Tendenz und 
seiner Bedeutung nach nicht unterschieden gewesen sein 
von den Beobachtungen über die Verschiedenheit der Re- 
ligionen, deren Urheber für uns Xenophanes zu sein scheint 
(vgl. Fr. 16 Diels). Man verglich und zog sich seine Lehre: 
daß die Gesetze und die landläufigen Vorstellungen von 
den Göttern nicht verbindlich seien. In den politischen und 
religiösen Kämpfen des ausgehenden sechsten und begin- 

» Vgl. z. B. Gomperz, Griech. Denker I*, S. 323; Hirzel, Themis. 
Dike und Verwandtes (1907), S. 382, 395. 



— 83 — 

nenden fünften Jahrhunderts war gewiß dieses Verfahren 
von keiner geringen Wirkung^, aber schwerlich reichte seine 
Bedeutung über die nächsten praktischen Bedürfnisse hinaus. 
So wenig ein Xenophanes auf den Gedanken kam, die Man- 
nigfaltigkeit der religiösen Vorstellungen auf ihre Grund- 
formen zu untersuchen, ihr verwirrendes Nebeneinander in 
eine historische Perspektive zu i^ücken, ihre Gültigkeit aus 
einem Vertrage herzuleiten, kurzum eine Theorie zu liefern, 
wie sie später Prodikos geliefert hat, so wen^ brauchte an 
sich ein Antrieb vorzuliegen, die vöfufm ßagßoQtxd zu einer 
politischen Theorie zusammenzufassen. Es fehlte auch hier 
vor allem noch die Perspektive; denn der Begriff der Kon- 
vention, der Satzung, des Kontraktes, war im Worte vöfw^ 
keineswegs gegeben*. Und selbst gesetzt, es hätte aus der 
Empirie die Spekulation erwachsen können, aus der noXvimo- 
glri die aoq){r], heraklitisch zu reden — bekanntlich geht 
der Weg gewöhnlich umgekehrt — so bliebe doch unbe- 
greiflich, wie das politische Schlagwort sich gerade in der 

* Daß diese Denkweise in der Tat weit um sich griff, läßt sich 
daraus erschließen, daß Bmpedokles in. seinen Katharmoi für nötig- 
hielt, g^en sie aufzutreten. Fr. 13ö (Aristot. rhet. A 1373b 6) : xcd 
cog 'EjumedoKXfjg Xdyei Ttegl xov fi^ xtelvetv rd l/Atpvxw * roiko ydg od ual 
ßjUv d()€aiov ual d*Ofd dixaujv 'äXXä r6 piiv nävtcov vöpLtfiov öid x* ei^gv- 
piiöovrog alSigog ^vexdcog ritarai ötd r* änXitov aidy^g*, — Man 
konnte die Macht des v6/wg ebenso sehr zugunsten wie zu Ungunsten 
seiner Verbindlichkeit und Wahrheit interpretieren : Buripides Hekuba 
798: 

'HfUig fiiv o^ dovlol tb xäaBeveXg lacog * 

dXX* ol Bsol aßivovai %& xelvcov hqox&v 

vö/jLog • vöfjLifi yäg rodg Bsodg i^yoi^fieBa 

xcd ^(bfjLep Ödoca xai ölxai* ihgiofiivot. 
Bin Nachhall dieses Aufklärungsgedankens ist auch das Pinda- 
rische Fr. 169: yd^ieog 6 ndvzcüv ßaatXevg Bvatcüv xe xai dBavdtcüv äyei 
ötxcu&v rd ßuudzaxov "öne^öxq. x^Q^' Ber vöfiog bringt auch das Ge- 
waltsamste und Widersprechendste zustande; freilich beweist er 
gerade damit ia den Augen Findars seine Gültigkeit. Man mag 
die verschiedenen Interpretationen religiösen Gefühls vergleichen, 
die wir heute erleben. 

* Vgl. die Stellen bei Hirzel, Themis, Dike und Verwandtes 
S. 366 ff. 

6* 



— 84 — 

Erkenntnistheorie so fest und so erstaunlich früh ein- 
bürgern konnte. 

Wenn Philolaos bei seiner rein mathematischen Welterklä- 
rung die Versicherung abgab, daß sie ify6aei xal o'ö vö/up sei 
(Fr. B 9), so folgt daraus, daß schon für ihn dieser Ausdruck 
einen bestimmten erkenntnistheoretischen Begriff bedeutete. 
Wenn der Verfa^iser jteQi ^uurrj^ zur Erläuterung seiner 
Heraklitischen Grundthese sich denselben Gegensatz nicht 
hat entgehen lassen, so reicht auch für ihn, in diesen Sätzen 
wenigstens, seine Bedeutung über das Erkenntnistheoretische 
nicht hinaus ; qyöat^ ist für ihn das, was in Wahrheit ist, das 
heißt: das in "atlem sich gleichbleibende göttliche Gesetz, 
die innere Harmonie, dagegen v6/jog alles, was die Menschen 
meinen, die über das Äußere der Erscheinung nicht hinaus- 
kommen, und doch mit ihren Gedanken selber nur ein Teil 
des Allgemeinen, Göttlichen sind (I, 11): yvco/birjv ix^vxa 
äyvdifwva, vTtevavxlo^ 6 xq6no^ ixdarcDV ö/wXoyeö/ievo^* vofwc, 
yäq xal (föau^y olai Ttdvra diaJtQTjaaö/ieOa, oix 6/jioXoyelT(u 
öfwXoyeö/ieva. vofwv /lev ävögconoi Sdeaav avrol icovroiaiv, ov 
yivwüxovze^ tieqI &v Sdeaav, (piaiv ök Ttdvrcov Oeoi diexöofjLTjaav * 
rä fxkv oüv ävOqioTioi diddeaav, ovdinoxe xaxä xoyvxo ix^i oike 
ögOcb^ oike fjiii dgOcb^ ' 8aa di Oeol didOeaav, äel ÖQßd)^ Ix^i xal 
rä ögOä xal rä fiij ögOd ' roaovrov ÖUKpigei.^ Ebenso I 4 : Sx^i 
di xal &de ' yeviadai xal änoXiaOai x6 avrö, avfifiiyrlvai xal öia- 
XQtSfjvai rd avv6 , . 6 vo/jx)^ yäq rfj (fdoei Tieql rovrojv evavxlo^j 
d. h. der vofxoi; widerspricht der wahren Beschaffenheit der 
Dinge {(pvau^), sofern er einen Widerspruch herausHest, wo 
in Wahrheit Harmonie und Einheit ist^. Vollends fester 



^ Anders wäre der Sinn nach Diels» Herakleitos von Ephesos, 
2. Aufl., S. 65: ,,Was nun die Menschen gesetzt haben, bleibt sich 
nie gleich, weder im Rechten noch im Unrechten : aber was die Gotter 
gesetzt haben, das ist immer recht, recht oder unrecht." Aber das 
ganze Kapitel gehört in die Erkenntnistheorie und geht die Moral nichts 
an. Ebenso verkennt man, wie ich glaube, den Sinn in Heraklits Fr. 1 1 4, 
worüber auf S. 215 verwiesen sei. Vgl. auch Kranz Index unter öqB&q, 

* Diels übersetzt (Herakleitos von Ephesos, S. 55): ,,Denn der 
Sprachgebrauch steht mit der Natur in dieser Beziehimg im Wider- 
spruch." Aber hier handelt es sich nicht um den Sprachgebrauch, 



— 85 — 

Schulbegrif f ist vdfMz in der Erkenntnistheorie der Atomiker : 
v6^ XQomfiy yXvx6y ntxQÖv, hefi öi dxofw. xal xevöv (Demokrit 
Fr. B 126). Es ist kein Grund vorhanden, der Über- 
lieferung zu mißtrauen, die denselben für Demokrit fest- 
stehenden Gebrauch auch seinem Vorgänger I^eukipp zu- 
spricht, Aerius IV 9, 8 (Leukipp Fr. A 32): ol /liv äXXoi 
(pvaei rä ala&ijxdy ÄEvxuzno^ dd, AtijbiöxQirog xal Au>yivri^ 
(von Appollonia) vöfju^j xovto d'iarl döSf) xal TtdOeai xol^ 
rifjiSxiQoi/^' jbifjdiv d^ elvai äXrjße^ firjde xaxaXriTttdv ixxd^ rcov 
jtQdncüv axoix^iQ)v, dxofjuov xal xevov ' xaika yoQ elvm fiöva q}vaei, 
rä d* ix x<y&tüiv Oiaei xal tdiei xal axi^fwxi duupiqovxa äklijixov 
avfjLßeßfjxöra. Denn nur aus diesem Gebrauch erklärt es sich, 
wenn q)'6ai^ bei den Atomikem schlechtweg zur Bezeichnung 
der Atome diente : Aristot. phys. 9 (Demokr. Fr. A 68) : 
dia de x6 xevdv xivelaOtd q)aaiv ' xal yäg oitoi xiqv xatä xötzov 
xlvriaiv xiveiaOcu ti)v q>7jatv Xiyovaiv. Simplic. z. d. St. 1318, 33 
xovxiaxi xä (pvaixä xal ngdka xal ätofMi acojbujxa ' xavxa yäg 
exelvoi q>'6aiv ixiüovv, Vergl. auch Diog. IX 44 (Demokr. 
Fr. A. 1) : doxel di aikcp xdde * OQxä^ dvai xwv öimv äxö/wv^ 
xal xev6vy xä 6' äXka ndwa vevofjLtaOai,^ Aber wir kommen 



sondern um die menschlichen Vorstellimgen; vorangegangen sind 
die Worte vofjU^etai öi ihtd x&v dvOgämcov xd fihf ii Aidov ig qxiog 
<xö(ffdiv yeviüBm, x6 öi ix tov qxieog ig 'Ai&rgv /xeicoSiv änoXiaSai * 6q>6cd- 
fiotat yäg 7utnei5ovai jnäXlov fj yv{&fifj aöx l^^ovoig iovaiv a^i negl xwv 
ÖQeofAiipojfp XQivcu, 

1 O'ömg „Ding an sich" auch in dem Berichte Theophrats de sen- 
sibus, § 63 (Demokrit Fr. A 135) : negl juiv <o^> ßagiog xal Hovq>ov xal 
oxkqQOv xal fMkootov iv Tot^cug dq>OQlCei [Demokrit]. royt' öi ä^cov aladtjr&v 
adöevdg dvai 'q>fiaiv*, dXlä ndvxa TtdOtj x^g alaSijaeoDg d^Xotovjuiivfig, ii 
^g ylveaßai xifp (pavxaalav • o^i yäg xov y>vxQov xal xov deg/wv '<pvaiv* 
^5ndgx^'^> diUd x6 axrj/Jia 'fxexaninxov* iQydCsaSai xal n^v '^/Aexigav dXkoL 
€oaiv. Auch hier jspürt man die Schule der Bleaten : über das fjiexa- 
nüttew argumentiert sehr ähnlich Melissos Fr. 8. — Kndlich Demo- 
krit Fr. 278 (ich verstehe den Sinn wieder anders als Diels) : „Der 
Manschen Glauben an die Notwendigkeit, sich Kinder zu erzeugen, 
beruht auf ihrer natürlichen Veranlagung und schreibt sich von 
einem Urzustände her. Das zeigen auch die übrigen Lebewesen. 
Denn sie alle sorgen sich für Nachwuchs vermöge ihrer Natur, 
ohne jede Rücksicht auf ihren Nutzen; vielmehr, wenn die Brut da 



— 86 - 

noch weit höher hinauf : schon Anaxagoras gebraucht vo/jUCeiv, 
um die Subjektivität der Vorstellung von einem Werden und 
Vergehen der Dinge auszudrücken (Fr. 17): xd di ytvecBai 
xal änöUvoOcu ovx ÖQdcb^ vofuCovaiv ol *'^llrive^^; und schon 
Empedokles verwendet das Wort vöfwc, in demselben schul- 
mäßigen Sinne wie I^eukipp (Fr. 9) : ^^ 
ol d'dxe fiev xarä (pwfta jüuyivt' ei^ alBiq 7<«covrat> 
fl xarä OriQ&v dygorigcov yivo^ fj xaxä Qdfivcnv 
r^k Tuxi olcDVQtv, xöre fisv x6 <Xiyovoi> yeviaOcu' 
eiz8 d'änoxQivOüXJiy rä d'aü dvadaujbiova nor/Mv' 
fj dd/bu^ <ov> xaXdovaiy vö/LKp d'inl<prifjLi xal avxö^. 
Daß Empedokles diesen Gebrauch aus staatsrechtUchen 
Theorien übertragen haben sollte, ist schon durch die zeit- 
lichen Verhältnisse ausgeschlossen. Aber einen gar nicht 
mißzuverstehenden Wink über den wahren Urspnmg des 
Begriffes gibt tms seine gedankliche Umgebung und Ver- 
kettung, denn bekanntlich gründet sich diese ganze er- 
kenntnistheoretische Voruntersuchung über die Unmög- 
lichkeit des Werdens und Vergehens, über die Scheinbarkeit 
der stofflichen Verwandlung auf die Lehrsätze der Eleaten, 
und nicht weniger fest steht, daß auch der Grundgedanke 
des atomistischen Systems dieselben Forderungen anerkannte 

ist, so quälen sie sich und ziehen sie auf, so sorgsam sie nur kömien, 
imd stehen Ängste um sie aus, und wenn sie zu Schaden kommt, so 
schmerzt es sie. Wahrend aber dies die natürliche Veranlagung aller 
Wesen ist, die eine Seele haben, hat sich bei den Menschen darüber 
hinaus die Kinbildung entwickelt (vo/juC6/jievcv fjSri nenoltfrcu), daß 
man auch einen Genuß an seinem ICinde habe." Nö/wg die subjektive 
und willkürliche Interpretation der wahren und natürlichen Be- 
schaffenheit der Dinge. 

^ Diels übersetzt auch hier: ,,In bezug auf das Entstehen und 
Vergehen haben die Hellenen einen imrichtigen Sprachgebrauch". 
Das ist wohl richtig, insofern für vorsokratisches Denken Namen- 
gebung imd Begrif&bildung in eins zusammenfällt: xotg d* &voia* 
ävßQomoi xaxiBevx* inlarj/iov ixdaiqt (Parm. Fr. 19), aber darum ist noch 
keineswegs der Ursprung des erkenntnistheoretischen vd/uoc-B^rif£s 
bei der Sprachtheorie zu suchen. Sollten wirklich die Sprachtheorien 
so alt sein ? Sollten sie das philosophische Denken so entscheidend 
beeinflußt haben ? 



— 87 — 

tmd zu erfüllen strebte, die Parmenides erhoben hatte. 
Nebenbei gesagt, ist auch bei Herodot IV 39 derselbe er- 
kenntnis>theoretische Ursprung des Begriffs noch gut er- 
kennbar: li^ei d'aSTti (seil. ij dxt'q), oi Xijyovaa el f^fj röfMp, 
i^ t6v xoXtzov xdv 'Agaßiov. D. h. „wenn ich hier von Auf- 
hören rede, so meine ich das nicht im eigentlichen Wort- 
verstande, denn in Wahrheit läuft die Küste fort, sondern 
wie die Menschen zu reden pflegen." Das deckt sich nahezu 
mit dem Empedokleischen vö^up d' inlfprifu xal 06x6^. 

So erhebt sich die Frs^e nach der gemeinsamen erkenntnis- 
theoretischen Quelle desAnaxagoras,EmpedoklesimdIyeukipp. 
Und wenn wir auch sonst von ParnjLenides nichts wüßten, so 
hätten wir doch, allein aus diesem Sachverhalt, zu schließen, 
daß der Ursprung des Begriffes vö/m)^ nur bei ihm zu suchen 
sei. So aber begegnet in der Tat bei ihm zwar nicht der fest- 
geprägte Ausdruck vöjüu)^ (obwohl vevöfuaxcu Fr. 6, 8)^ aber, 
was weit mehr ist, die Sache selber, nicht der erstarrte 
Schulbegriff, sondern der werdende, nach Ausdruck suchende, 
lebendige Gedaiike. Was bei den Späteren Voraussetzung 
geworden ist, das ist für ihn noch Schluß und Folgerung; 



^ I>as Perfekt vevöfuarcu in derselben Bedeutung z. B. bei 
Herodot III, 38: oih(o /liv vvp xavta vevöfuaTcu, VI 138 vevdfucioi dvä 
tifp 'EViöda xä axttha ndvxa iqya AijfAvui xaHeadai. — Ich kann hier 
nicht verschweigen, daß sich Vers 8 in Fr. 6 auch noch anders inter- 
pungieren läßt, als ich es oben im Anschluß an Diels getan habe, 
nämlich so : cHq rd TtiXuv xe xal oök shai, xceözdv vevößuavai xoö xaöxöv, 
Jtdnanf äi TtaXhfxgonög iori HilßvBog, so daß xa/ötdv xoö xaöxöv, statt 
Prädikat zu sein, sich als ein zweites koordiniertes Glied dem ersten, 
xd nikßw re xai ofÖH elvai, zur Seite stellt. Diese Interpimktion hat vor 
der andern sc^ar Vorzüge voraus, die nicht zu imtersdiätzen sind: 
wie daß sie die ursprüngliche Bedeutung von void^eiv ( = etwas sich 
zu seinem vdfioq machen) zu noch kräftigerer Wirkung bringt, daß 
sie drei Glieder herstellt und dadurch das ganze Sat^efüge runder, 
voller und gefälliger macht, und endlich, daß sie die Übereinstimmung 
mit Fr. 8,40 noch mehr hervorhebt: ylyveoBal xe xal ÖXkvaBai, dvai xe 
xal a^xL, xal xdjtov dUdaaeiv dtd xe XQ^ g>apdv äfieißetv. Ich zögere 
nicht, aus diesen Gründen, sie der anderen vorzuziehen. Am Sinne 
wird übrigens, wie wir auch interpimgieren mögen, nichts Wesent- 
liches geändert. 



— 88 — 

was später Terminus geworden ist, erscheint bei ihm noch 
als wesentlicher I^ehrinhalt: der vo/llo^ und die äXijOeui, das 
sind die beiden Teile seiner Philosophie. Erst allmählich hat 
der jüngere Begriff der 9?i5<t«^ (sc. r&v övxoyv) als des „Dinges 
an sich" — nur ja nicht etwa der „Natur" in unserem Sinne: 
(pvau^ xQ^TaeaOai q)ikel bei Heraklit ist ein erkeimtnis- 
theoretischer Satz — die ältere aXriBeia verdrängt, aber noch 
bei iEmpedokles ersetzt die difii4 nur die aXriBeuiy und 
Demofcrit noch stellt dem vofio^ die heri gegenüber; wie 
umgekehrt vofw^ und do^a auch noch späterhin als Synonyme 
erscheinen: Plat. PoUt. 364 A d6^ji d^ juövov xal vöfup aiaxgov 
(ij ddtxia); Timon Fr. 32 (Wachsmuth) ix TtaBicov do^^ re xat 
eiTtairj^ vo/wOijxrj^. Erst der erkenntnistheoretische Relativis- 
mus, den Parmenides ausschließlich für die Welt des Scheines 
proklamiert hatte und den Protagoras auf alle Erkenntnis 
übertrug — der Homomensura-Satz knüpft offenkundig 
an die Eleaten an — erst dieser Relativismus zog den ethi- 
schen nach, erst der erkenntnistheoretische vöjlio^ gab dem 
politischen von ntm an sein aufklärerisches Gepräge und 
trug den Begriff der Satzung und des Vertrages in ihn hin- 
ein, und vom poHtischen vöfw^ aus verbreitete sich dann 
derselbe Begriff auf Sprache, Religion tmd alle Errungen- 
schaften der Kultur. So führt eine doppelte, gleich stetige 
Entwicklung von der dö^a oder dem vofw^ des Parmenides 
herab zur letzten tind vollendetsten Darstellung ionischer 
Wissenschaft, zur I^ehre Demokrits: die eine zum Mixgd^ 
AtScoofM^^, die andere zur atomistischen Erkenntnistheorie; 
tmd umgekehrt bestätigt das Ergebnis der begriffsgeschicht- 
Hchen Untersuchung das, was aus Parmenides allein za 
schließen war: daß seine dö^a wie sein dritter Weg ein Bild, 
ein Ausdruck für die Welt als Vorstellung des Menschen ist, 
geschaut von einer Höhe metaphysischer Betrachtung, wo 
der Streit der Schulen nicht von fem mehr heraufdrang. 

1 Vgl. Hermes XI^VII, S. 492 ff. Was ich dort über Plato ge- 
schrieben habe, ist so nicht richtig. 



II 

Je besser und genauer wir bei der bisherigen Unter- 
suchung die fremdartige Sprache dieser Philosophie uns zu 
erklären suchten, desto tmabhängiger, in sich geschlossener, 
trotziger sind ihre Gedanken für uns geworden und haben alle 
geschiclitlichen Verbindungen, in die man sie seither gebracht 
hatte, wie Fesseln von sich abgeworfen. Das methodische 
Ei^ebnis liegt vor Augen: die gesamte Konstruktion der vor- 
sokratischen Philosophie, wie sie durch Bema3^, Zellers 
Autorität gefestigt, in den Handbüchern immer aufs Neue 
wiederholt, allmählich fast die Geltung eines Gesetzes ange- 
nommen hat — eines Gesetzes, über dessen Exegese man 
sich freilich streiten kann — diese so dauerbare Kon- 
struktion fängt plötzlich an in einer ihrer Grundfesten zu 
wanken. Da bleibt keine Rettung als der Sache auf den 
Grund zu gehen, und sollte auch das Gebäude darüber zu- 
sammenstürzen. Aber bevor wir uns der Frage nach dem 
Verhältnis zwischen Parmenides und Heraklit zuwenden, 
verlangt eine andere, noch dringendere Frage eine Antwort: 
in welchem Verhältnis stand Parmenides zu seinem nächsten 
Vorgänger, Xenophanes ? 

Bei den Kompromissen mannigfacher Art, bei denen sich 
das Urteil über diesen Maim von jeher beruhigt hat, gilt 
es zu allererst in einer elementarsten Vorfrage endlich 
zur Klarheit zu gelangen, der Frage : wie steht es mit der 
Glaubwürdigkeit der Quellen, die uns für Xenophanes zu 
Gebote stehen? oder anders ausgedrückt: wie will der Wider- 
spruch der beiden Hauptzeugen in dieser Sache beurteilt 



— 90 — 



sein, des ächten Aristoteles und seines Pseudonymen Doppel- 
gängers, des Verfassers der Schrift de Xenophane, Melisso, 
Gorgia ? Nehmen wir zuerst den Doppelgänger. 

Daß der Verfasser in seinen übrigen Exzerpten allen 
Glauben verdient, hat noch niemand bezweifelt. Was die 
Auszüge aus Gorgias anbetrifft, so stellten wir schon fest, 
daß die Notizen des Anonymus den Parallelbericht des 
Sextus an Genauigkeit im einzelnen weit übertreffen. Als 
ebenso zuverlässig erweist sich sein Bericht über Melissos; 
nirgends ein Hineininterpretieren einer späteren, entwickel- 
teren Dialektik, nirgends eine auch noch so unschuldige 
freie Phantasie. An mehr als einer Stelle schimmert noch 
der originale Wortlaut durch, und das Entscheidende, die 
Prädikate des Seienden, sind sämtlich unverändert beibe- 
halten. Hier die Belege : 



[Aristot.] de Mehsso. 
Alövov elvai (pr}atVy et n iaxiv, 
eiTisQ fjLi^ ivddx^adai yevdaOai 
jüLtjdkv ix firidevö^. 



ehe yoQ änavxa yiyovev 
ehe fjLfj ndvxüLy äidta äfjxpoxiQO}^ ' 
i| ovdevd^ yoQ yeviaOcu äv avrd 
yiyvöfieva. ändvx(ov xe yäq 
yiyvofiivmv ovöh <äv> ngov- 
ndqxeiv . . . 

äidiov de ov äneiQov elvai, 
8x1 ovx ix^i CLQX'^v SOev iyivexo, 
ovdi xeXevxiiv el^ 8 yiyvö- 
fjLevov ixeXevxtjad noxe. 



MeUss. Fr. B 1 (Simpl. 
phys.): ^ael fjv 8 xi ijv xai äel 
Soxai • el yoQ eyevexo, ävayxälöv 
iaxi TtQiv yevdadai elvai fjttjöiv ' 
el xoiwv fjttjdiv i^Vy ovdafm 
ävyivoao oiökv ix fxriöevo^. 

Fr. A 10 (Aristot. soph. 
el. 5): olov 6 MeXlaaov X6yo^y 
8x1 äneiQov xo änav, Xaßibv 
xo /lev änav äyivrßovy ix yäq 
fjiil 8vxo^ oidiv äv yeviaOau 

Fr. B 2 (Simpl. phys.): 
^8xe xoiwv ovx iyivexo, Scrxi xe 
xal äel i'fv xal äel laxai, xal 
ägx'^voixix^iovde xeXevxrjVy 
äXa äneiQÖv iaxiv. el (lev yäq 
iyivexo, ägx^v äv elxev (ijgSaxo 
yaQ äv noxe yevöfievov) xal 
xeXevxTjv (ixele'öxrjae yäg 
äv noxe yevöfievov) * 8xe de 
fi'ffte iJQSaxo fiijte tteX&6xYiaev 



— 91 — 



asl xe ijv xal äel Iczcu, odx 
ixei äQX^v oidk xeXevtijv. oi 
yäq &el slvcu äwatöv, 8 ri /biij 
Ttäv Sari. 

Fr. B 6 (Simpl. de caelo) : 
'el yoQ elrjy h elrj äv ' el yäg 
d'öo elt], ovx äv &6v(uto 
äjteiQa elvcu, äXX^ ^X^^ ^^ 
nslqaxa nqdc äXXriXcL 

Fr. B 7 (Simpl. phys.): 
^oik(üC oiv ätduiv iaxi xal 
SjteiQov xal iv xal Sfwvov Ttäv 
xal ovx' äv oJtoXolaxo oihe 
/leiCov ylvoixoy oüxe fxexa- 
xoofjiiotxo KoüxB ixegoioixo 
supplevi>, oüxe äXyel oüxe 
äviäxac ' ei yog xi xovxodv 
Tidaxoi, ovx äv ixe Sv elt] ' 
el yoQ ixegoiovxai, ävdyxtf 
xo iov fiii 8/JX}U)v elvcu, aXXä 
änöXXvaOai xd nqoaBev iöv, 
xo di ovx iov ylveaOai.... 
äXX' ovde /bLexaxoajüLi^Ofjvai 
dwcrxöv . . . ovde äXyel . . . xal 
Tteql xov äviäaOai dwxo^Xöyo^ 
X(p äXyiovxC. 
Glänzender, als es hier geschieht, kann sich die Glaub- 
würdigkeit eines Zeugen kaum bewähren. Und wenn man 
anerkeimt, wie man nicht anders kann, daß der Bearbeiter 
sein Material für alle drei Abschnitte derselben Tradition 
verdankt und selber durchaus gleichmäßig verfahren ist, so 
kann man, nach den allgemeinen Regeln der Methode, ihn 
nicht plötzlich für einen Phantasten oder Ignoranten er- 
klären, sobald Xenophanes in Frage kommt, zumal es auch 
für diesen Abschnitt keineswegs an Mitteln fehlt, die Zuver- 
lässigkeit des Ganzen wie deö Einzelnen zu prüfen und zu 
bestätigen. Von dem vielumstrittenen Zeugnis des SimpH- 



Ttäv de xal äneiqov dv 
<iv> elvoA • el yäq d^o ij TtXeio) 
eirf, Ttiqax' äv elvai xavxa 
nq6^ äXXriXa. 

xouyüzov di 6v xd iv ävo)- 
övvov xe xal ävdXyijxov iyii^ 
xe Tcal ävoaov elvcu, oihe fjLexa- 
xoofiovjbievov ddaei oiöi 
ixeqoto'öfJLevov eldei oihe fu- 
yv6fji£vov dXXx^ * xaxd Ttdvxa yäq 
Tathra TtoXXd xe xd iv yiyve- 
adai xalxd fitj 8v xexvovaOai 
xal xo dv (pOeiqeoBai dvay- 
xdCeaOcu * xavxa de aMvaxa 
elvoL 



i 



— 92 - 

cius will ich dabei ganz absehen, nicht als ob ich es für wert- 
los hielte, sondern um zu beweisen, daß auch außerdem 
noch Zeugnisse genug übrig bleiben^. Hippol. Ref. I 14 
(Xenoph. Fr. A 33) : q>rial di xal xov Oedv elvai 1. äld(ov xal 
2. iva xal 3. Sfwiov ndvtr] xal JtsjtsQaafiivov xal 4. aq>aiQoeuStj xal 
5. Ttäai xol^ fjLOQloi4 alo6rjxix6v. Das entspricht genau der 

1 Simplic. Phys. 22,22: dvdyKri roivw xijv dgx^ rj filav ehai rj ad 
idav, xaötdv ö*elneiv nXelovg, xal el ijUav, ijtoi dxlvffzov ij xivovixivrj» * xai 
d dxivrjftov, ijzoi äneiQov, <hg Mihatrog 6 JSd/uog öoxeiXdyeiv, ij nenegaoptimpf, 
d>Q noQfjLBPtörig ü'öqrftoQ *EXedtrig, od negl q>vaoeov tnotxelov Xiyomeq odto€, 
dJiXä negl xov lhxo}Q IhxoQ. fdav öi xiiv ägx^ ifroi ivxd &» 9cal tiöv xal odxe 
nsneqaafiivov oüxe änetgov oüxs xivod fxevov oüxt ^gepLOvv 
Sevofpövrj» xdv Koloqxhvißv xdv ÜOQfjisplSov ötSdaxaXov thtotlSeaßai qfrjaiP 6 
Se6q>Qaaiog öfioXoywv ixigag ehm fwXlißv ij xfjQ Ttegl q>dae(og IoxoqUxq xifp 
fAV^firiv xfjQ xodxov ööirig • x6 ydg h xovxo xal nav xdv Ssdv iXeyep 6 
Sevoipdvtjg * 6v iva juiv öebevvatv ix xov Jtdvxcov xgöxKnov dvai xxX, Bs folgen 
dieselben Bestimmungen , wie bei dem Anon3mius ; die Übereinstimmmig 
erstreckt sich teilweise bis auf den Wortlaut. Daraus schlössen 
Zeller (Gesch. d. Gr. Phil. I*, S. 475) und Diels (Doxc^aphi 113; 
482), SimpHdus habe den Theophrast stillschweigend mit dem Ano- 
nymus verquickt, die Worte xal oüxe nenegaa/Aipov oike äneigov oike 
.xivodfAsvov oike ^gefwvv, die mit dem Anonymus übereinstimmen, seien 
in Parenthese zu setzen imd die Gewährschaft Theophrasts beziehe 
sich nur auf die Worte /jUov ti}v dgx^ ijxoi ivx6 dv xal nav. Bin solches 
Plickwerk könnte man für möglich halt^« wenn es dem Simplidusnur 
darauf angekommen wäre zusammenzustellen, was er im Augenblick 
über Xenophanes auftrdben konnte. Aber in Wahrhdt handelt es 
sich für ihn um ejne Kontroverse, er rdbt sidi an seinem Vorgänger 
imd Rjvalen Alexander; der hatte das Eine des Xenophanes anders» 
und wie SimpHdus glaubte, falsch bestimmt: Ntxö^aog öi 6 Aajjüaxrp^dg 
d)g äneiQOv xal dsdvrßo» Xiyovxog adtov i^ dgx^ iv xfj Ilegl ßewv 
dTto/jaffi/jujvedet/AXiiavÖQog öi wg nensgaofiivov adxd xal aqKUQO&dig - 
d3iX 6n fjiiv oüxe äneiQov oüxs nsnsQaa/iivov a&tö öeixvvatv, ixxcop 
TtQoei^fiivcüv öfjXoif, Die Strdtfrage betraf also gerade das, was Diels in 
Parenthese setzen möchte. Auf der einen Seite stehen Alezander imd 
Nikolaus mit ihren einsdtigen, imvoUständigen Bestimmungen des ov, 
imd auf der anderen Sdte ? Wir verlangen auch hier einen Gewährs- 
mann, und ein Name steht audi da : Theophrast. Theophrast als Zeuge 
gegen Alexander tritt noch einmal bei SimpHdus auf, und zwar in 
demsdben offenbar ganz und gar nach Theophrast gearbdteten doxo- 
graphisdien ÜberbHck, Phys. S. 26:' 'O fiivxoi Siofpqaaxog xodg dUoti^ 
n^Xüxo^aag 'Tovxoi^ (prialv 'imyev6/uvog nXdxQ)v xß fiiv döSjj xal xQ 



— 93 — 

Reihenfolge bei dem Anonymus: 1. ddvvaröv q>i]aiv elvcuy ei 
XI Sozi, yeviaOaiy xoiho iJyoDV inl xov Oeov . . . didiov fjiv oüv 
öia xama elvcu rdv Oböv, 2. ei d'Scxiv 6 ded^ äjcdncov xqdximoVy 
iva fpriolv amov TtQoarjxeiv elvcu. 3. Iva d^ßvza d/moiov elvai 
TtdvxTj (5. oQ&vxa xot axovovxa rd^ xe äXXcb^ alo6ijaet^ Sx^vxa 
ndytrj) ... 4. ndvxri d'SfjLovov övxa a^paiQoecdfj bIvql Eigent- 



dvpdfAei, ngdregog, joig öä XQ^votg ^meqoQ . . . iniöcMce» iavtdv xal xöiQ 
qxuvo/jiivoiQ dyfd/juvog r^g negl q>iiae(og latOQloQ, iv fj dih xäg dgxäg 
ßovXsxüu nouiv xd fiiv i^Tioxelfuvov wg iiXrj», S TtQoaayogsvei navöexdg, xd 
öi c5g ahiop xal xwovv d neQidjnei xfj xov Beov xal xß rov dyaSov dxjwifjLeC, 
6 fjiivxot 'AXdSavÖQog d>g xgeig Xiyo/moq xäq äqxdg djiofAvrifwve^ei ti)v 
Slijv xal x6 noiovv xal x6 TtOQdSeiyfia. Nach diesem Beispiel läßt es sich 
schwer vorstellen, wie die Berufung auf Theophrast sich sollte auf etwas 
anderes bezogen haben als auf die beiden strittigen Punkte. Dazu kommt 
noch ein anderes. Simplidus fängt mit folgenden Worten an: „Be- 
kennt man sich zu einem einzigen Prinzip, so kann man dieses ent- 
weder für bewegt oder für unbewegt halten; und hält man es für 
unbewegt, so kann man es wiederum entweder für imbegrenzt er- 
klären, wie Melissos, oder für begrenzt, wie Parmenides". Wie kann er 
nach einem solchen Anfang fortfahren : , ,Bin einziges Prinzip aber hat, 
nach Theophrast, Xenophanes gelehrt 7" Ich denke, aller Ton muß hier 
auf oihe neneQaa/Aivov oiks äjteigo» zu liegen kommen. Wollen wir also 
Simplidus so verstehen, wie er verstanden werden wollte, so bldben nur 
zwd Möglichkdten : entweder Simplidus hat den Anonymus unter 
Theophrasts Namen gekannt, oder der Anonymus hat Theophrast aus- 
gesdirieben. Das erste sdieint schon darum ausgeschlossen, weil Sim- 
plidus, wo er Theophrast zitiert, nur seine Philosophiegeschichte meint, 
g^en das zwdte wüßte ich keinen triftigen Binwand. 

Diese Polgerungen würden freiUdi hinfällig, wenn es bewiesen 
wäre, was Diels in den Doxographen S. 112f. zu bewdsen versucht 
hat, daß Simplidus den Theophrast nidit sdbst mehr in Händen^ 
gehabt, sondern nur aus Alexanders Anführungen gekannt hätte. 
Aber Diels Gründe scheinen mir nicht durchschlagend. Um seine 
lieblingsidee, die platonische Auslegung der parmenideischen Ö6$a 
gegen andere Auffassungen zu behaupten und ins rechte lyidit zu 
rücken, polemisiert Simplidus gegen eine Ausführung bei Alexander, 
die unzweifelhaft auf Theophrast zurückgeht (vgl. Alexander in Metaph. 
p. 24,6 Bon. = Theophr. Phys. opin. Fr. 6 Diels). Aber folgt daraus, 
daß Simplidus den Theophrast nicht kannte? Theophrasts ^- 
klärung stammt aus Aristot. Metaph. A 986b 27. Folgt daraus, daß 
Simplidus die Metaphysik nicht kannte ? ^t mochte seine Gründe 
haben, die Klassiker bd dieser Frage aus dem Spiel zu lassen. Und 



— 94 — 

lieh ist die Frage schon allein durch diese Überein - 
stimmtmg erledigt, denn die dialektischen Beweise über die 
einzelnen Bestimmungen vom Wesen Gottes hängen auf das 
Engste mit der gesamten Anordnung zusammen, oder ge- 
nauer gesagt, die Reihenfolge richtet sich ausschließlich 
nach der Dialektik der „Beweise". Und an der Vorzüglich- 
keit der Quelle des Hippol3rtos wird hoffentUch kein Zweifel 
laut werden. Aber es kommt noch eine Bestätigung anderer 
Art hinzu aus den Stromateis des Pseudo-Plutarch c. 4 
(Xenoph. Fr. A 32) : ajtoqxüvexai da xal JteQi Oe&v &^ oidefuöi^ 
YjyeiJiovlac h avrol^ oi5ai]g ' ov yäg Saiov deand^eoBal xiva 
rcov Oecov ' inideiaOal re jbLtjdevd^ avx&v fJLrjöiva fJLtjd' 
öi.(o^ ' &K(y6etv dk xai öqäv xaBöXov xal /bttj xaxä /j^qo^. Es 
läßt sich allerdings wohl kaum bezweifeln, daß diese 
Notiz nicht aus dem philosophischen I^ehrgedichte, sondern 
den Sillen stammt, nicht aus der Darstellung der eigenen 
Lehre, sondern der Polemik gegen die Vorstellungen der 
Dichter und der Menge; es weist darauf der unbestimmte 
Ausdruck anoqxuvexai di xal tieqI Oecov und mehr noch die 
Imitation derselben Stelle, die sich im Herakles des Euripides 
findet, v. 1341 : 

syd) de xoi>^ Oeoi)^ ovxe XiTaq ä firj Odjbu^ 
cfxiQyeiv vofiiCco, decfjiA t' i^djtteiv xeqoiv 
oW ri^iioaa tuotiox^ oike Tteiao/xai, 
ovd^ äkkov älXov deaTtoxtjv necpvxivai' 
deixai yäg o Oeo^, etneq iox* öqOö)^ Oeö^, 
ovdevö^ ' äolöcov olöe &6axr}voi Xoyoi, 
Da die Elegien und Sillen jederzeit bekannter waren als 
das Lehrgedicht, das schon sehr früh verschollen sein muß 
— einen späteren I^eser als den pergamenischen Grammatiker 



selbst wenn er seine Theophrastzitate an vielen Stellen dem Alexander 
verdankt, so beweist auch das noch keineswegs, daß er kein eigenes 
Bzemplar mehr hatte; auch die Anführungen aus !Eudems Geschichte 
der Mathematik sind ia der R^el aus Alexander genommen, und doch 
schreibt Simplidus eine lange Stelle aus dem Originale ab, sobald es 
sich für ihn darum handelt, die Berichterstattung Alexanders zu 
diskreditieren. 



— 96 — 

Krates können wir nicht namhaft machen, und Krates hat 
bekanntlich auch noch andere vorsokratische Raritäten als 
Letzter gelesen — so hat es von vornherein die größere 
Wahrscheinlichkeit für sich, daß auch Euripides die kürzeren 
Gedichte, Elegien imd Sillen, imd nicht das unbekanntere 
I^ehrgedicht in dieser Weise nachgebildet habe, zumal sieh 
auch in seinem Autolykos, wie schon das Altertum bemerkt 
hat (Athen. X 413 C), eine Elegie des Xenophanes paraphra- 
siert fand. Dazu kommt, daß in der Imitation die Bestrei- 
tung der Vielgötterei aufs Engste und Notwendigste mit der 
Anklage gegen die Dichter zusammenhängt, daß ebenso die 
Unzucht der Sagengötter in den Sillen des Xenophanes 
gerügt war: a< tüsict* itpOiySavto Oeatv ddefjUaria SQyOy xXiTtreiv 
fwixB^Biv te xal dXhfiXovg ämxte^eiv, imd daß es überaus tmwahr- 
scheinlich wäre, daß Euripides die Vorlagen zu einem so 
bündigen, so kurzen imd natürlichen Gedankengange sich aus 
Sillen und I^ehrgedicht zusammengetragen hätte. War aber 
schon in den Sillen Gottes Allmacht der beherrschende Ge- 
danke, war schon in den Sillen dargetan, ein Gott, der göttlicher 
Helfer und Diener bedürfe, könne kein Gott sein, weil er dann 
nicht mehr allmächtig, sondern inidev^^ wäre, so kann es un- 
möglich Zufall und noch weniger der Einfall eines späten 
Philosophenschülers, ein Gedanke aus scholastischen Dis- 
putationsübtmgen sein, was unser Anonymus den Xenophanes 
in seinem Lehrgedichte zum Beweise für die Einheit 
Gottes auseinandersetzen läßt: wären der Götter mehrere, so 
müßten entweder die einen über die anderen herrschen oder 
sie wären einander gleichgeordnet, laoi, wie die Bürger einer 
Stadt, beides gleich unmöglich, weil es dem Begriffe der 
göttlichen Allmacht widerspräche: el d'Smiv 6 Oeo^ arcdvxojv 
xQoxunoVy iva q)tjalv avzdv TtQoaijxeiv elvai ' el yäg &6o fj nXeico 
elev, oix äv hi xqdxiaxov xal ßiXxiatov avrov elvac ndvrcov, 
ixacrto^ yoQ &v ded^ rcov TtoXXcov 6/JX)t(o^ äv roioihog etr]. xovxo 
yoQ Oeov xal deov dvva/bLiv elvai, xqaxeiv, aXkä fiii xQaretaOai, 
xal ndncov XQaximov elvau &(ne xaßd /ii) xgeirrcov, xaxä xoaovxov 
ovx elvai Oeöv ' nkeiovcov oUv Svtcdv, el fjikv elev xä fikv 
dlXijkcDV xqelxxovQ xä di ijxxov^, oix äv elvai Oeo'ö^ - 



— 96 — 

neq>vxivai yäg ro Oelov /ui) xQarelaOai* tacov de dvxoov, 
ovx äv ixsiv Oeov qydaiv, Sv deiv elvcu xQdxiaxov. x6 de laov oike 
ßiXxiov oOte x^^Qov elvai xov laov ' cScnr' elTteq eltj xe xal xoiomov 
eirj Oeo^y iva fiövov elvai xov Oeöv. oiök yäq ndvxa divaaOat 
ävä ßovXoixo nXeiovcov dvxcov. Nach alledem läßt sich kaum 
mehr daran zweifeln, daß Xenophanes bereits die Dichotomie 
gekannt hat. Was er zu beweisen suchte, war die Einheit Gottes. 
Dazu wählte er den Begriff der Allmacht. Daß dieser Begriff 
um nichts mehr als der andere an sich gegeben war — denn denu 
Volksglauben war der eine wie der andere fremd — fiel ihm 
nicht auf oder zum mindesten, es kümmerte ihn nicht ; denn nur 
der Einheitsbegriff war dialektisch für ihn faßbar und be- 
weisbar, und auf Dialektik kam es ihm vor allem an. Wo eine 
Vielheit ist, so folgerte er, da ist das Einzelne entweder ein- 
ander gleich oder einander ungleich, also in diesem Falle: 
die Einzelgötter sind entweder gleich an Macht, oder der 
eine ist dem anderen überlegen: beides ist unmögUch. Hat 
man so viel von seiner „Methode" begriffen, so bedarf es 
keines Wortes mehr, die Echtheit auch des unmittelbar vor- 
ausgegangenen Schlusses zu beweisen: ä&6vax6v (prjaiv elvaiy 
ei XI iaxiy yeveaOai, xoiko Xiyiov eni xov Oeov ' avdyxrj yäq ijxoi 
«I ofioiov fj e$ ävofxoiov yevdaOai xd yevöfievov ' dvvaxdv de 
ovöheQov * oOxe yäg öfxoiov vq?^ öfiolov 7tQoai]xeiv xexvcodfjvcu 
fmXXov fj xexvcoaai (xaiha yäq änavxa xol^ ye taoi^ xal ofwico^ 
vnaqxeiv tzqo^ äXXr]Xa) oih' äv i$ ävofjLolov xävöfioiov 
yeviaOai ' ei yäg ylyvoixo i^ aaOeveaxiqov xd iaxvqoxeqov fj ü 
iXdxxovo^ xd fieiCov fj ex x^^Qovo^ xd xgelxxov, fj xovvavxiov xä 
Xelqo) ix xcbv xgeixxövcov, xd ovx Sv i| dvxo^ <fj xd Sv «f ovx 
övxoc suppl. Diels> &v yeviaOai ' ötneq oMvaxov, Auch hier 
die Dichotomie auf den Begriff der Gleichheit angewandt 
und dann vermittels des Begriffes der Macht auf das göttliche 
Wesen übertragen. 

Diese Belege reichen allerdings nicht über den ersten Teil 
des anonymen Auszuges hinaus, sie fügen sich nur in den 
Stufenbau, der auf dem Ewigkeitsbegriffe sich erhebend in 
der Vorstellung der Gotteskugel gipfelt. Bei dem Anonymus 
folgt auf diese in sich geschlossene Reihe eine Art Anhang, 



— 97 — 

der dazu bestimmt ist, daizutun, daß Gott bei dieser Be- 
schaffenheit weder begrenzt ncx:h unbegrenzt, weder bewegt 
noch unbewegt sein könne. Diese ferneren Bestimmungen 
überraschen; sie scheinen nachzuhinken und sich mit dem 
Vorhergehenden nicht zum besten zu vertragen. Aber gegen 
ihre Echtheit ist das noch kein Grund, und irgend etwas 
Zwingendes, Stichhaltiges läßt sich, soviel ich sehe, gegen sie 
nicht aufbringen. Trotzdem will ich vor der Hand von ihnen 
absehen, um mich allein auf das zu beschränken, was durch 
die gesamte doxographische Tradition fest überliefert ist. 
Denn darauf kommt es doch vor allem an, die doxographischen 
Berichte als eine Einheit zu erfassen, .diese Einheit mit 
Aristoteles zu vergleichen und für beide die richtige Ein- 
schätzung zu finden^. 



^ Man könnte einwenden tmd hat eingewandt : 'wenn Xenophanes 
sich so bestimmt über die Frage der Bewegimg mid Begrenztheit 
hätte vernehmen lassen, so könnte die doxographische Überliefenmg 
sich nidit in diesen Pmikten widersprechen. So aber stehen ein- 
ander gegenüber auf der einen Seite Cicero und Nikolaos, die beide 
in ihren Werken über die Götter das All-Bine als ein Unbegrenztes, 
infinitam, hinstellen (Nikolaos außerdem als Unbewegtes), auf der 
anderen Seite Alexander, Hippolytos und Pseudo-Galen, die es als 
jteneQaoiiivov bezeichnen. Aber diese letzte Bestimmung scheint nur 
eine Folgerung aus der Krei^estalt zu sein: Alexander: nejugaafUpw 
avrd Mal aqxuQoeMs; Hippolytos: neTtegaafjLhov xal atpcugoetdij; tmd 
schwerlich wird es auf einem Zufalle beruhen, daß in dem Traktate 
über Melissos Xenophanes Gorgias gerade diese Bestimmung fehlt, 
während die übrigen bei Hippolytos angezahlten samtHch wieder- 
1s:ehren; s. oben S. 92 f. Dagegen mußte sich die Unendlichkeit des 
Alls aus Fr. 28 und A 41a ergeben, wenn man, wie die Stoiker 
(vgl. Fr. A 37), das All-Bine mit der Welt gleichsetzte. Die Unbe- 
wegtheit ließ sich aus Fr. 26 erschließen (tmd ist offenbar auch von 
Nikolaos daraus erschlossen), von dem es unbestimmt ist, ob es zu 
den Sillen oder dem Lehrgedicht gehörte. Auch konnte das Prädikat 
dxlvfßw sehr wohl in doppeltem Sinne gebraucht sein ; vergessen wir 
nicht, das ähnliche Widersprüche auch bei Parmenides vorkommen, 
der das Seiende in Fr. 8,4 äxiXßaxov, dagegen in demselben Fragment 
V. 42 Tstekßoiihw nennt. Und endlich, wo gäbe e^ einen alten Philo. 
i3ophen, bei dem in der doxographischen ÜberHeferung nicht einige 
Unstimmigkeiten unterUefen ? 

Reinhardt, Parmenides. • 



— 98 — 

naQjjevldrj^ fiev yäg ioüce xov xaxä xov Xoyov evd^ äyfaadai, 
MiXiaao^ di xov xaxä xrjv 'öXtiv ' dio xal 6 fjih jisTteQaa/jidvov, 
6 d* SjieiQOV qyyjaiv elvcu avxö * Sevoipdvrjg de tcqcoxo^ xovxcdv 
hlaaj^ (6 yäg IIoQ/bievldi^Q xoikov liyetm yeviaOm fwdfp:ijc,) 
ovdh dieaaipijviaev, ovde xfj^ (f/öaeo)^ X(y&t(ov oidexiga^ Soixe 
Oiyeiv, äXX* ei^ xov SXov ovgavov dmoßXiyxj^ x6 iv elvai (prim xov 
Oeöv. Arist. Metaph. A 986b 18. Es ist atiffallend, mit welcher 
Heftigkeit sich Zeller (I*, S. 478) an diese Worte, und nicht 
einmal an ihren Text, sondern an seine eigene Interpretation 
des Textes angeklammert hat, nur um ein Mittel zu gewinnen, 
den so lästigen Anonymus los zu werden. Das dieaa(p'^via£v 
soll, nach Zeller, nur bedeuten können, daß Xenophanes die 
Frage nach Begrenztheit oder Unbegrenztheit des All- 
Einen noch überhaupt nicht aufgeworfen habe, woraus folge, 
daß ein Bericht, der ihm dergleichen Bestimmungen unter- 
lege, gefälscht sein müsse. Eine unbefangene Erklärung, die 
vom Satzbau ausgeht, kann nur folgenden Sinn feststellen: 
,,Denn Xenophanes, der zuerst von diesen die Einheitslehre 
aufgebracht hat, hat überhaupt noch nicht genauer unter- 
schieden^, nämlich zwischen dem materialen und formalen 
Einen (d. h. Aristoteles konnte von seiner Fragestellung aus 
nichts mit ihm anfangen) , aber offenbar dachte er (unbewußt) 
auch weder an das eine noch an das andere, sondern im Hin- 
blick auf den gesamten Himmel kam ihm der Gedanke: das 
Eine ist Gott." Was Aristoteles mit diesen Worten geben 
will, ist eine philosophiegeschichtliche Konstruktion; am 
Anfang steht für ihn die uiigeldärte, ahnungsvolle Anschau- 
ung, aus der sich mit der Zeit die einzelnen Begriffe sondern. 
Und so wenig er sich scheut, Melissos und Parmenides mit 
offenkundiger Gewalt in seine eigene Denknotwendigkeit 
hineinzuzwingen, so wenig hat er die Charakteristik, die er 



* oi^no) dieaaq>eixo von noch unentwickelter logischer Unter- 
scheidung bei Budem Phys. Fr. 11 Spengel: nagjiAevtöov (Fr. A, 28) 
fjih QÖv <o(h€ dv suppl. Diels; dyaaOeiri tiq dvaSumlazoiQ dxolovdijaanog 
Xöyotg xal i^nd roioikoov dJtccttiddvxog, ä oi^nco x6xe öieaaq>eixo ' oike 
yäQ x6 7toXXax&Q iXeyev työöelQ, dXkdi HX&tfov ng^og xd öiaadv elaif^yayev, 
oike x6 9cad* cahd xcd xaxä avfißtßrpcdQ. 



— 99 — 

von Xenophanes entwirft, aus der Lektüre seines lyehr- 
gedichtes gewonnen. Dieser Xenophanes, der aus der an- 
dachtvollen Betrachtung der Gestirne und der ganzen Welt- 
ordnung zum ersten Male sich zu einer reinen und geläuterten 
Gottesidee erhebt, zeigt nur das typische Bild des ReUgions- 
stifters, ein Bild von solcher Macht der Tradition, daß 
es seit Demokrit die Griechen nicht mehr los geworden 
sind. Und Aristoteles selber hat sein gut Teil dazu bei- 
getragen, es zu verbreiten tmd zu verherrlichen, am meisten 
wohl in seinem Protrepticus: Sextus adv. math. IX 22 
(= Aristot. Fr. 10 Rose): Qeaadfxevoi yog fxeff 'fjfjLiqav fih 
'^Xuov TisQuioXovvxa, vAxtcoq di ri)r eikaxtov rcov äXXcov datiQcov 
xivfjaiv, ivöfuaav elval xiva Oedv tf\i rout&cti^ xivijaeü)^ xal 
€VTa£ia^ cäriov. Doch auch Metaphys. A 1074 a 38: eU äga 
ovQovd^ /juivog * TzaQadidoxcu de Tiaqa xibv &Qxalo}v xal Ttafjma- 
Xaiwv h ßjfdOov axijfjuni xaxaXeXeififjiiva xol^ üaxeQov öxi Oeoi 
x'eialv oikoi xal TtsQidxei xd Oelov ti)v SXtjv qydaiv, Oder endlich, 
um das beste Beispiel anzuführen, Sextus adv. math. IX 26: 
&a7ieQ yäq et xi^ inl xr\^' Tgcoücrj^ xaOeCöfievo^ "I^^ icoQa xijv 
x(ov 'EXXifjrcDv axgaxelav fxexä noXkov xöofiov xal xdieoo^ xoig 
TtedioiQ nqoauovaav, . . . o'Sxo)^ ol nq&xov elg o'ögavdv äva- 
ßXiipavxe^ xal Oeaadfievoi ijXiov fxkv xoi>^ and dvaxoXrl^ f^XQ^ 
&6aea)^ ÖQÖfwvg ata&is6ovxay amdgcav dk evxdxxov^ xivd^ X^Q^^^> 
iTteCijxow xdv di^/uovQyov xxX. Man hat von vornherein die 
Frage falsch gestellt, wenn man auf Grund der aristotelischen 
Charakteristik über Theismus oder Pantheismus des Xeno- 
phanes streitet und dabei der Intuition zuliebe über den 
Dialektiker Xenophanes hinweggeht, als wäre er in der Über- 
lieferung nicht vorhanden. Auch wird die Sache um nichts 
gebessert dadurch, daß man sich auf Timon glaubt berufen 
zu dürfen (Fr. 69 Diels) : 

ÖTtTtij yaQ ifjtdv vöov elQ^aaifu, 
ei^ iv xavxö xe Ttäv dveX'Aexo ' Tzäv d'iov alel 
Ttdvxfi dveXxöfievov filav ei^ (fdaiv tataO' 6fjU)li]v. 
Denn Timon glossiert mit diesen Worten nur vom Stand- 
punkte des Skeptikers die Formel Sv xd näv, und diese 
Formel ist für die eleatische Philosophie so falsch und irre- 

7* 



— 100 — 

leitend wie die Formel Ttdvza ^et für Heraklit. Die Griechen 
schon des vierten Jahrhunderts haben ihre alten Denker durch 
ebenso starke Brillen gesehen wie andere Zeiten auch, und 
diese beiden Sprüche zumal sind um nichts verbürgter als 
die Sprüche der sieben Weisen; wer da verlangt, sie müßten 
mit denselben oder doch mit ähnlichen Worten in den 
Schriften HerakHts tmd der Eleaten zu lesen gewesen sein, 
dem wird es auch nicht schwer fallen, in Solon den Urheber 
des Sprichworts ^oAeTra rä xcdd zu erbUcken. Wir müssen 
scheiden lernen zwischen antiken Auffasstmgen und antiken 
Zeugnissen, und nur auf letztere ist Verlaß, 

Die ÜberUeferung zwingt dazu, an Stelle des Mystikers 
Xenophanes den Dialektiker zu setzen. Man wird hoffent- 
Uch nicht einwenden, der Beweis an sich, zumal der dialek- 
tische, widerstreite der Natur des Lehrgedichtes. Bei Par- 
menides wie bei Empedokles gibt es ausführüche Beweise, 
und je leichter das Versemachen dem Rhapsoden fallen 
mußte, desto ungebundener konnte er seiner Dialektik freien 
Lauf lassen. Und wer so umständUche physikaUscheTheorien, 
wie die über die Sonnenbahn (Fr. A 41a), in Versen darzu- 
stellen unternahm, der brauchte sich als Dichter auch vor 
dialektischen Beweisgängen nicht mehr zu scheuen. Es 
ist nur unser Vorurteil, das sich dagegen sträubt, dem Dichter 
und Propheten einen so wenig dichterischen und propheti- 
schen Geschmack zuzutrauen, ein Vorurteil, das man im 
Altertum, wo man ihn las, nicht kannte. Oder wie hätte 
Aristoteles auf den Gedanken kommen können, auch über 
diese Philosophie in einer besonderen Schrift zu handeln, 
wie er über die Pythagoreer, über Alkmaion und Archytas, 
Gorgias, Zeno und Melissos in besonderen Schriften gehandelt 
hat, wenn ihn nicht das BegriffUche und Spektdative an ihr 
angezogen hätte ? 

Geben wir den Mystiker zugunsten der Dialektik preis. 
Was aber wird, nach dieser Zurechtrückung, aus dem Ver- 
hältnis zwischen dem Lehrer und dem Schüler? Ging der 
Schüler nicht vom Seienden aus? Und hatte der Lehrer, 
von rechtswegen, nicht von der Gottheit auszugehen ? Aber 



— 101 — . . :.- --• 

dem widerspricht einstimmig die gesamte Überlieferung: 
Miav de ti)v äßx^ ^oi iv x6 8v xal Tiäv . . Sevoqxtytjv rdv 
KoXoqxbvtov rdv üagfAevidov diAdaxaXov vTtoxlQeaOal q)7jaiv 6 
Oeö(pQaato^ o/wXoywv higa^ elvat /läXXov ij Tf\^ tzsqI (piaew^ 
laxoqloj^ xi^v /jivijfiriv xf\^ xo'öxov do^g ' xo yäg iv xovxo xal 
näv xdv Oedv iXeyev 6 Eevoq)dvri^. Simplic. Phys. 22, 22. 
— Unum esse omnia neque id esse mutabile et id esse deum 
neque natum umquam et sempitemum, conglobata figura. 
Cic. Acad. II 118. — Tum Xenophanes qui mente adiuncta 
omne praeterea quod esset infinitum deum voluit esse. 
Cic. de nat. deor. I 11, 28. — Sevoqxtvrjv fxkv neql ndvxwv 
^TtoQTjxöxOy doyfwxlaavza dk fiövov xd elvai ndvxa iv xal xovxo 
vjtdgx^^f^ '^^^ 6c Jy, TtcTieQaa/jidvov, Xoyixöv, dfiexdßXijxov. Galen 
bist. phil. 7. — 'Edoyfjuki^e di 6 Sevo(pdvri^ Tiaqä xa4 xcbv äXXo)v 
avdqdimav TCQoXijtpei^ iv elvai xd näv, xal xdv Oedv ivfJLtpvfj 
xoig Ttäaiv, elvai di atpaigoeidfj xal änaOrj xal ä/iexdßXtjxov 
xal Xoyixdv. Sextus P. H. I 225. Hier sind die Worte ivfjtq>vfj 
xoiQ Ttäai nur ein ungenauer Ersatz für das sonst allgemein 
_ überlieferte xal xovxo 'öndgxeiv (elvai) xdv deöv. Wer aus dem 
Worte Sv/jupvfj auf Immanenz des Xenophanischen Gottes 
schlösse, bewiese damit nur, daß er von recensio keine Ahnung 
hätte. — Sevotpdvfi^ . . iv elvai xd Tiäv Stprjae acpaiQoeiäi^ xal 
TteTieQaa/Lidvov, oi yevijxdv dXX' dldiov xal Ttd/Linav dxlvriftov, 
Theodoret IV 5. — 3. de 6 KoXotptoviog Idlav xivä oddv 
TienoQevfjiivo^ xal naqfjXXaxviav ndvxa^ xovc TtQoeiQTj/Jihovg 
oOxe yiveaiv oihe (pOoqäv änoXelTiei äXX' elvai Xiyei xd näv äel 
öfwiov ' et yoQ ylyvoixo xovxo, (priaiv, dvayxaiov nqd xo'öxov /ui) 
elvai ' xd fi'fj 8v dk oix äv yivoixo ovd* äv xd [xii Sv noiijaai xi 
ovxe 'ÖTtd xov jj/^ övxoq yivoa^ äv xi* ... dnotpaivexai dk xal 
neql %e(bv xxX. [Plut.] Strom. 4. — Aiyei dk 8u ovdev ylvexai 
ovdk (pOelgexai ovdk xiveixai xal 8xi iv xd näv iaxiv S^o) (jcexa- 
ßoXfJQ. q>fial dk xal xdv Oedv elvai dldiov xxX. Hippol- 
Ref. I 14. 'Es läßt sich in der Tat auch nicht ein 
einziges Zeugnis beibringen, wonach Xenophanes nicht 

von der eleatischen Einheitsformel, d. h. dem Seienden aus- 

* 

gegangen wäre und dies Seiende oder Eine erst nachträglich 
mit Gott gleichgesetzt hätte. Wie die späteren Doxographen 



:•.-• •.: ... — 102 — 

• ' • .■•■.'' 

sich mit dieser Auffassung an Theophrast anschließen, so 
hat wiederum Theophrast in Aristoteles seinen Vorgänger; 
auch Aristoteles erkennt im Xenophanischen Gotte nur eine 
Bestimmung und Auslegung des eleatischen All-Einen: 
rd Sv elval q>r)ai rdv Oeöv, Das [ist um so merkwürdiger, als 
beide, Aristoteles wie Theophrast, zu der Meintmg neigen, 
das Allwesen des Xenophanes gehöre weniger in die Physik 
als in die Theologie. Wie konnten sie dergleichen überhaupt 
noch erst erwägen, wenn Xenophanes ganz offen und un- 
zweideutig nur den reinen monotheistischen oder pantheisti- 
schen Gottesbegriff entwickelt hatte ? Und zu allem anderen 
kommt nun noch die Inhaltsangabe des Anonymus hinzu: 
ä&övaröv (prjaiv elvai, et xi San, yevdadai, rovxo Xiycov inl xov 
Oeov. Hier hilft kein Sichdrehen und Wenden mehr: wir 
müssen anerkennen, daß Xenophanes von etwas anderem 
ausging als von Gott, und was das andere war, lehrt die 
doxographische Überlieferung in Übereinstimmung mit dem 
Anonymus: es war das 8v, Nur auf das Seiende sind die 
Beweise zugeschnitten, die Xenophanes ganz äußerlich und 
roh für seinen Gott zurechtgestutzt hat, nur auf das Seiende 
angewandt hat allein das dichotomische Verfahren einen 
Sinn. Das Seiende, so lautete ursprünglich der Beweis, 
kann weder entstanden sein noch untergehen, denn alles 
Seiende ist entweder gleich oder ungleich; ist es gleich, so 
ist ein Werden unmöglich, da das Erzeugende und das Er- 
zeugte in demselben gegenseitigen Verhältnis zueinander 
stehen müßte; ist es ungleich, so müßte, vorausgesetzt daß 
etwas wird, das Ungleiche aus Ungleichem hervorgehen, 
d. h. ein Seiendes aus einem Nichtseienden. Folglich, fügt 
Xenophanes nun seinerseits hinzu, ist Gott ewig, denn Gott 
ist das Seiende. Kann ein Prophet aus seinem inneren Er- 
lebnis einen solchen Schluß zu Tage fördern ? Mit ein wenig 
mehr Geschick ist der folgende Beweis für den "Gottesbegriff 
zurecht gemacht, obwohl auch hier die ursprüngliche Form 
noch unter der Umgestaltung zu erkennen ist: das Seiende 
muß ein iv sein, denn gäbe es mehrere Svxa nebeneinander, 
so müßten diese wiederum gleich oder ungleich sein; wären 



— 103 — 

sie gleich, so müßte sich die Gleichheit auf Gestalt, Ort, Lage, 
kurz auf alle nur möglichen Bestimmungen erstrecken, bis 
zuletzt, nach Aufhebung aller Unterschiede, aus der Vielheit 
eine Einheit würde; wären sie ungleich, so könnten sie nicht 
alle zusammen övta sein. So zwingen die Beweise bei dem 
Anonymus uns zu demselben Schlüsse wie die Angaben der 
Doxographen : daß für Xenophanes das Seiende im eleatischen 
Sinne bereits etwas Gegebenes war. Ging aber schon er von 
demselben Worte aus wie Parmenides und häufte auf dies 
Wort dieselben Prädikate, in genau derselben Reihenfolge, 
immer eine Bestimmung auf der anderen aufbauend, die 
Einheit auf der Wesenheit, die Gleichheit auf der Einheit tmd 
auf der Gleichheit wiederum die Kuge^estalt, nur mit dem 
Unterschiede, daß Parmenides das Seiende nimmt, wie seine 
Natur es fordert, ohne Gefühlsinhalt und theologische Aus- 
deutung, Xenophanes dagegen dieses einzige in Wahrheit 
Seiende mit Gott gleich setzt — wie kann man, angesichts 
einer solchen Gleichheit und Verschiedenheit, den Fort- 
schritt des Parmenides darin erbUcken wollen, daß er aus 
dem reinen Gottesbegriffe des Xenophanes den reinen Seins- 
begriff herausgezogen habe ? Wer das behauptet, der wider- 
spricht nicht nur dem Pseudo- Aristoteles, sondern der ein- 
stimmigen Überlieferung des ganzen Altertums. 

Die Zeugnisse selber stellen uns vor die Frage: wer ist 
hier der Schüler, wer der Lehrer gewesen ? Wenn wir dabei 
zu einer anderen Antwort kommen, als sie sich das Altertum 
zum mindesten seit Piatos Zeit gegeben hat, so stürzen wir 
damit noch keine Tradition um, sondern machen nur Ge- 
brauch von einer Freiheit, die uns gegenüber einer jeden 
wahren tmd echten Tradition erlaubt sein muß. Wenn Xeno- 
phanes, der ältere und um so viel berühmtere Zeitgenosse, 
der gefeierte Dichter und Rhapsode, der im ganzen griechi- 
schen Westen und bis in die höchsten Kreise hinauf seine 
Hörer und Leser hatte, unter die Denker ging und, schon in 
vorgerücktem Alter, ein philosophisches Lehrgedicht heraus- 
gab, weim zu gleicher Zeit Parmenides, sein Mitbürger und 
jüngerer Zeitgenosse, im abgeschiedenen Elea, nur den aller- 



— 104 — 

wenigsten bekannt, den tiefsten und umstürzendsten Proble- 
men nachging, die es je gegeben hat, und ihre endliche 
I^ösung, seine Offenbarung, nur dem eingeweihten Ohr ver- 
ständlich, in eine poetische Form brachte — wer wollte da 
von femer Stehenden entscheiden oder gar wissen, wer 
von beiden der Gebende und wer der Nehmende war ? Eine 
Schtdtradition hätte ihr Verhältnis wohl in der Erinnerung 
festhalten können, obschon auch die Schule irren kann 
— man denke nur an Epikur, der von I/eukipp, dem Be- 
gründer des atomistischen Systems, schon nichts mehr 
wußte — aber die eleatische Schule ist bald nach der Mitte 
des fünften Jahrhunderts erloschen. Nehmen wir also die 
Tradition als das, was sie sein konnte, als eine Erinnerung 
an den Verkehr der beiden Männer und ihren Altersunter- 
schied, so steht uns frei, die beiden Gedichte in die 2feitfolge 
zu rücken, die dem Verhältnis ihrer Inhalte entspricht. 

Die Beweise lassen bei Xenophanes, trotz ihrer theologi- 
schen Überfärbimg, eine reichere, entwickeltere dialektische 
Kunst erkennen, als sie bei Parmenides zu finden ist. Wenn 
dieser die Dichotomie ausschüeßhch auf den Seinsbegriff 
beschränkt, so zeigt er das begriffliche Beweisverfahren 
noch in seiner urtümlichsten Form; denn es ist klar, daß sich 
der zweigeteilte dialektische Beweis erst aus der Unterschei- 
dung zwischen Seiendem und Nichtseiendem entwickelt hat. 
Von den drei Wegen der Forschung abgesehen, gibt es bei 
Parmenides nur einen einzigen Beweis von dieser Art; er ist 
so einfach, daß er sich lange genug dem Verständnis hat ent- 
ziehen können (Fr. 8, 5ff. Siehe S. 40 ff.). Wieviel mehr Be- 
weislust und Vertrautheit mit dialektischen Prozeduren ist 
dagegen bei Xenophanes zu spüren, wo er dieselbe These zu 
beweisen sucht! Für ihn ist bereits die dialektische Ver- 
wendbarkeit des Sfioiov ävöfioiov entdeckt, imd wie er mit 
dieser Unterscheidung den Begriff der Vielheit ad absurdum 
führt, so bedient er sich auch ihrer dazu, die MögUchkeit des 
Werdens und Vergehens zu bestreiten. Mit diesem dialekti- 
schen Mittel hat es aber seine besondere Bewandtnis. Bei 
Simpücius lesen wir im Kommentar zur Aristotelischen 



— 105 — 

Physik S. 116 Diek: üoQqydQU}^ di xal ainoQ xä fjtiv ix rdw 
Ila^/ievidelcov hmvy a< oliJUUy rd bk ix rcDv 'AQunoriXovg xal 
&v öv X14 TiiOavög ixOiaOai Ti)y IlaQfAevldov dö^av ßovXö/ASvog 
slnoi yQd(pei xama' 'et xi TtoQa x6 levxöv iativ, ixeivo o'ö 
Xbvx6v iaxif xcd el xi naqä xd öv iaxiv, ixeivo ovx öv 
iaxi' xd di oix 6v oidiv' xd Sv äga /lövov iaxl ' Iv äga xd 
dv. xcd yäQ el //i) Iv iaxtv AXkd TtXeio) xä dvxa, ijxoi X(p elvai 
diolaei äXXi^Xcav ij x(o fjbii elvai ' äXX^ oüxe t4> /^i) elvai diatpigoi 
dv (xaxä yäg avxd xd elvai öfjioid iaxiy xal xä Sfioia fi Sfioia 
ädidq>OQa xal oix ^^cga xvyxdvei dvxa, xä di ^1) IxeQa Iv icxiv) 
oike t4> /ui) elvcu ' xä yäg dwapiQovxa nQÖxeqov elvai del, xä di 
fxil övxa oidiv diafpigei dXXi^Xov' el xolwv nXelco, (pfjalv, 
vTtoxtBi/jieva fju/ße x(^ elvai fiiffte xtp piij elvcu duKpiqeiv otöv xe 
xal Sxega elvcu äXXijX(ov, dfjXov &g iv ndvxa laxai ' xal xovxo 
dyiwrftov xal Ä^^Oogrov*. Wie überall, so hat auch hier Porphyrius 
seine Weisheit aus den erlesensten Quellen geschöpft. Den 
ersten der beiden Beweise gibt er nach Theophrast : Simpl. 
phys. 115, 11 : xdv IlaQ/ievidov Xdyov (Fr. A28), &g 6 ""AXiSavdQog 
iaxoQei, d fiiv Se6q)Qaaxog o^oyg ixxlOexai iv xcp Tigcincp xfjg q)vatx^g 
iaxoQia; (Dox. 483) : xd Ttaqä xd öv oix 6v ' xd ovx Sv oidiv ' iv äga 
xd öv. Der zweite Beweis kann f reiHch von Parmenides selbst 
unmögHch herrühren, doch daß zum mindesten das Ähnlich- 
keitsproblem, so wie es hier gefaßt ist, in die vorsokratische 
Zeit gehört, ergibt sich aus Diogenes von Apollonia Fr. B 
5, 10: ov fjidvxoi ye axQexdcog ye öfxoiov ovdiv olöv xe yeviadai 
xwv ixeQoiovfiivcov ixeqov x(p ixiQqp, tiqIv xd aix6 yivtjxai. 
ErsichtUch hat Diogenes mit diesen Worten sich auf ein 
Axiom berufen wollen. Wo aber Axiome in der vorsokrati- 
schen Philosophie auftauchen, hat sich allemal unser Blick 
zuerst den Kleaten zuzukehren. Und es läßt sich auch noch 
zeigen, daß die dialektische Verwendung der Begriffe öfwiov 
dvdfwiov zur festen eleatischen Schultradition gehört hat. 
Bei 2^no muß dasselbe Begriffspaar neben den Begriffen der 
l^nheit und der Vielheit, der Bewegtheit und der Ruhe 
als ein dialektisches Mittel ersten Rangs benutzt gewesen 
sein, um die Unmöglichkeit der sinnlichen Erscheinung zu 
beweisen: Plat. Phaedr. 261 D xdv oUv "^EXeaxvxdv IlaXa/njöriv 



— 106 — 

iiyovra ovx lofiev xixvri &me (paiveaOai roi^ axoiovai xä avrä 
öfjLOia xal avofjLOiay xal Sv xal TtoXXd, /levovrd xe xal a^ 
(peQÖfieva; Und noch deutlicher Plato Parm. 128 i) avziXiyei 
öij oiv xomo x6 ygäfi/bia (sc. xd xov Zrfvuovo^) tiqo^ xoi>^ xä JtoXXä 
Xiyovxa^ xal ävxojtodldcoai xavxä xal nXeio), xovxo ßovXöfjievov 
ÖTjXovv, c&g' hl yeXoioxeQa Ttdaxoi äv [avxibv rj vn6Beai4 ei 
noXkd iaxiv fj ij xov Sv elvcu, el xi^- Ixavaf^ iTce^ioi, und daran 
anschließend: ov vofjU^ei^ elvai avxo xad' avxo eldö^xi o/üloiöttj- 
xo^ xal xcp xoioüxq) a'5 dXXo xi ivavxiov 8 iaxiv ävöfxoiov; dann 
kommen die Begriffe der Einheit und der Vielheit an die 
Reihe und zum Schluß folgt die Zusammenfassimg S. 129 D : 
iäv dd Ti^, d>v vvv öri iyd) SXeyov, TtQokov /jiev duuQtjxcu xcoqI^ 
avxä xaff avtd xä eidtj, olov öfioiöxrjxd xe xal ävo/jioiötrjta 
xal nXfjOo^ xal xd Sv xal axdaiv xal xivrjaiv xal ndvxa xä 
xoiavxa ... Es wäre danach nicht ausgeschlossen, daß der zweite 
Beweis bei Porphyrius, der sich gegen die Vielheit richtet, auf 
Zeno selbst zurückginge. Denn bei einer so engen Gedanken- 
gemeinschaft zwischen Schüler und lychrer, wie sie der Plato- 
nische Dialog geschildert hatte, mochte sich Porphyrius oder 
sein Gewährsmann wohl berechtigt glauben, einen Satz des 
I^ehrers auch durch einen Beweis des Schülers zu erläutern^. 
Aber wie dem auch sei, jedenfalls ist der Begriff der o/btotöxri^ 
und seine dialektische Anwendung echt eleatisch,wennauch un- 
verkennbar jüngerenUrsprungs als das Parmenideische Gedicht. 
Der Fortschritt, den die Dialektik seit Parmenides ge- 
macht hatte zur Zeit, als Xenophanes sein Epos schrieb. 



^ Wie ich nachträglich sehe, wird diese Vermutung zur Gewiß- 
heit durch Simplic. Phys. S. 139 : 6 fjUvxoi IJoQqfÖQiog xal xdv ix ttjg 
öixoto/jUoq Xöyov IlaQfjteviöov tptialv dvai iv xd dv ix xaikris neigd^fispov 
öeixvihcu. Bs folgt der Beweis über die Unmöglichkeit der endlichen 
wie unendlichen Teüung, darauf fährt SimpHdus fort (S. 140) : 
iq>i<ndveiv di äStov, el HoQfAevtdov xal fiij Zi^tovög iaiiv 6 Xöyog, dtg xal 
T$ *AXe(dvÖQq> öoxeZ, oike yäq iv rolg UaQfieviSeloig Xiyetal xi xo^vro 
xal i} Tckelatri laxogta x^v ix xrjg dixoxo/jUas djtOQiav eig x6v Zi^wva dva- 
Tzifutei. Das Problem ist in der Tat Zenonisch, vgl. Zeno Fr. A 22. 
Was für das Problem der Teüung gut, wird auch für das Problem 
der Ähnlichkeit zu gelten haben; wir dürfen die oben angeführte 
Stelle unter die Fragmente Zenos einreihen. 



— 107 — 

muß als um so größer eingeschätzt werden, als der Satz von 
der Unmöglichkeit des Werdens, sofern er durch die Begriffe 
der Gleichheit und Ungleichheit erwiesen wird, nur erst die 
eine Hälfte des gesamten Xenophanischen Beweises aus- 
macht; denn aus dem Anonymus geht klar hervor, daß noch 
em anderer Schluß als GHed einer umfassenderen Dichoto- 
mie voranging : el yoQ ylyvoao iS iaOevearigov xd laxVQÖreQov 
. . fj xovvavTiov Tct x^^Q^ ^^ ^^ TCQecrvöyatv, xd <Sv iS oix 
Sn% fl> xd oix dv iS övxo^ äv yeviaOai. Da der Begriff der 

•t 

Ähnlichkeit oder UnähnUchkeit sich nur auf das 8v anwenden 
läßt, so muß das odx 8v schon zuvor bedacht gewesen sein. 
Und daß in der Tat Xenophanes auch über das Nichtseiende 
und seine Unfähigkeit zur Zeugung irgendwie gehandelt hat 
— und zwar auch hier wieder ausführlicher als Parmenides — , 
steht klar zu lesen in Pseudo-Plutarchs Strom. 4 : oOxe yiveaiv 
o{fr6 (pOoQav anoXelneiy äkV elvai XSyei xd Tcäv äel SfjLoiov ' el 
yoQ ylyvoixo xoiko, q)Tjalv, ivayxdlov ngo x(y&tov fj/fj elvai * xd 
fjiil Sv di o'bx äv ydvoixo ovo' äv xd fxij Sv Ttoii^aat xi oüxe 
ind xov fii) 8vxo^ yivotx' äv xl Der vollständige Beweis 
bestand demnach aus einer doppelten Dichotomie: i^ ävxo^, 
ix firi 8vxo^' a öfiolov, ü ävo/wlov. 

Richtet man sein' Augenmerk auf die Entwicklung der 
eleatischen Hauptbegriffe, so gerät man hinter eine selt- 
same Erscheinung: sie alle haben ihren Ursprung in der 
knappen Charakteristik, die Parmenides Fr. 8 vom Seienden 
entwirft, aber während sie hier nur um des Seienden willen da 
sind, um es gegen die Welt des Scheines abzugrenzen und bei 
seiner Ungreifbarkeit nicht ohne Bestimmung zu belassen, 
lockert sich allmähHch das ursprüngUche Gefüge; was nur 
Prädikat war, neigt dahin, Subjekt zu werden, immer stärker 
lenkt es die Aufmerksamkeit auf sich selbst und erweckt zu- 
gleich damit das Bedürfnis nach besonderen Beweisen, bis end- 
lich, in der Dialektik Zenos, das ursprüngUche Subjekt, der 
Träger aller Prädikate, das, worauf allein ein dialektisches 
Verfahren anwendbar erschien, das 8v, ganz in Vergessenheit 
geraten ist, und nur die einstigen Prädikate des Seienden 
noch Problem sind. So begegnet der Begriff der Gleichheit 



— 108 — 

bei Parmenides noch fast wie zufällig inmitten der Masse der 
Bestimmungen über das Seiende : 

oidi öujUQexöv imiv, ijtel Tzäv iaxiv ö/wlov. (Fr. 8, 22) 
Welche dialektischen Kräfte in diesem Begriffe schlummern, 
ist so wenig noch erkannt, daß er zu weiter nichts als 
einer rein intuitiven Begründtmg der Unteilbarkeit ver- 
wandt wird. Bei Xenophanes erscheint derselbe Begriff 
zusammen mit seinem Gegenteil ganz unverkennbar nach 
dem Muster des 8v und oihe 6v als dialektisches Beweismittel 
benutzt. Bei Melissos ist er schon so selbständig geworden, 
daß ihm ein besonderer Beweis gewidmet wird ([Arist.] 
de Melisso 1, 4): h dk 6v Sfwuov elvai Ttdvxri * el yäq ävöfioiov, 
jtXelco dvta ovx äv hi iv elvai äXXä 7zoU,d. Für Zeno ist er 
eines der drei Hauptprobleme. Dieselbe Entwicklung ergibt 
sich für den Begriff der Einheit. Auch dieser Begriff ver- 
schwindet bei Parmenides tmter den übrigen Prädikaten, ja 
er wird, als etwas durchaus NebensächHches und Akzessori- 
sches, inmitten des Beweises über die Ewigkeit des Seienden 
nur ein einziges Mal, wie zufällig, erwähnt, geschweige denn, 
daß ihm ein eigener Abschnitt und Beweisgang wie den Be- 
griffen der Ewigkeit, Unteilbarkeit, UnbewegtheitJ und Be- 
grenztheit zustände : 

oidi nox* ^vJo^iJ' loxoxy iTtel vvv iaxiv öfiov näv, 
Iv, (Tvvexd^ ' Tlva yäg yiwav d^ijaeat airtov; (Fr. 8, 5) 
Bei Xenophanes wird er mit einem umständlichen Beweist 
bedacht, indem sein Gegenteil, der Begriff der Vielheit, 
durch das geschilderte dichotomische Verfahren ad absurdum 
geführt wird. Ähnlich bei Melissos I, 3: näv dk xal äjieiQov 
dv <h> elvai ' et yäg &6o ij nXeloi elti, niqax* äv elvai ravta nqd^ 
äUfila. Wiederum wird für Zeno der Begriff der Vielheit, los- 
gelöst vom Seienden, zum selbständigen Problem. Hätte sich 
umgekehrt die eleatische Seinslehre aus der Einheitslehre, d. h. 
die Dialektik aus dem Monotheismus entwickelt, so wäre die 
gänzliche Vernachlässigung des Hauptbegriffes bei Parme- 
nides auf keinerlei Weise zu erklären. — Nicht anders steht 
es mit dem Begriffe der Bewegung. Die Art wie Parmenides 
die Unbewegtheit des Seienden begründet, läßt von dialek- 



— 109 — 

tischen Erwägungen noch nicht die leiseste Spur erkennen: 
ctitäQ ixlvr{iov fieyAlcop h Tulgaai dea/jUbv 
iaxw SvoQXOv äjuxvaxovy ijiel yivsatc xal SXedqoq 
tfjXe fidX' inidyxßrjoav, djt&as di TÜmic äXtjO^* (Fr. 8, 26) 
Bei Melissos tritt auch hier an Stelle des einfachen, aus 
der Negation entsprungenen Prädikates der Beweis, in diesem 
Falle ein Beweis von unschätzbarem Werte, weil er uns zeigt, 
wie viel Vorarbeit schon innerhalb der eleatischen Schule 
für die kommend^ Atomistik geleistet war : I 5 dldiov di 8v 
äfiergöv xe xal 8/iO$ov Ttäwri dxlvrjtov slvcu xd iv * o'ö yäq äv 
Htnfifjvm fiii elc xi inoxcoQTJaav * vnoxcoß^aai^di ävd/Tcriv elvai 
ijftoi ek TtX^gec liv fj elc xevöv * xfyheov di xd /iiv <yix äv 
ii^aaOai [xd TcXfjgec secl. Diels], xd di oix elvcu ovdiv [fj xd xevdv]. 
Endlich wird bei Zeno wiederum das Prädikat des Seienden, 
die Bewegtmg, selber zum Problem. Wie man Xenophanes in 
dieser Entwicklungsreihe unterbringen will, wird davon ab- 
hängen, ob man den zweiten Teil des anonymen Auszuges für 
echt hält oder nicht. Ich sehe, wie gesagt, keinen hinreichen- 
den Grund, der gegen die Echtheit spräche. Aber wie man 
skh auch entscheidet, jedenfalls wird man soviel zugeben 
daß ein dialektischer Beweis über die Unmöglichkeit der Be- 
wegung, wie er hier geliefert wird, sich in die allgemeine 
dialektische Entwicklung, wie wir sie an anderen Begriffen 
nachwiesen, ohne Schwierigkeit einfügen würde. — Endlich 
die Begrenztheit. Daß das Seiende begrenzt sein müsse, 
konnte für Parmenides schon darum keinem Zweifel unter- 
liegen, weil es in allen Stücken das genaue Gegenteil der 
sinnlichen Erscheinung, das heißt der physikalischen Welt 
darstellte, deren restlose Erklärung die alte ionische Wissen- 
schaft für sich in Anspruch nahm. . Hatten Anaximenes und 
Anaximander das ewig bewegte Universum für ein äneiqov 
erklärt, so folgte daraus für Parmenides notwendig, daß sein 
unbewegtes, ewig sich gleichbleibendes Seiende nicht anders 
als begrenzt zu denken sei. Aber mit dieser Frage sollte die 
Schtde bald in eine unüberwindliche Schwierigkeit geraten: 
durch die Begrenztheit mußte die Einheit wie die Ewigkeit 
des Seienden gefährdet scheinen; omnis determinatio est 



— 110 — 

negatio, sagt Spinoza. Offenbar waren es solche Gründe der 
Dialektik, die Melissos oder schon seinen unbekannten 
I/ehrer (denn ich halte Melissos für einen Dilettanten) be- 
wogen, die Begrenztheit aufzugeben und das alte Unbegrenzte 
wieder an ihre Stelle zu setzen : äldiov di dv äneigov elvaiy Sri o'öx 
SxBi &Qxip^ 86ev iyiveto, oiöi reXetnijv el^ 8 yiyvöfievov heXeÖTTjad 
nore. Und wiederum würde es vortrefflich mit der Mittel- 
stellung, die Xenophanes allenthalben zwischen Parmenides und 
MeUssos einnimmt, übereinstimmen, was der Anonymus ihn 
zu derselben Frage äußern läßt: das Eine, GöttUche könne 
weder grenzenlos noch auch begrenzt sein, denn die Unbe- 
grenztheit schließe eine Verneinung in sich, während der 
Begriff der Grenze nur bei einer Mehrheit möglich sei. 

Zugegeben, daß die Straffheit und Gedruiigenheit des 
Ausdrucks, welche die religiöse und poetische Form der 
Offenbarung und ihr aufs Höchste gesteigerter Charakter 
des Ewigen mit sich brachte, von sich aus ein allzu reichliches 
Detail an dialektischen Erörterungen ausschloß: zugegeben 
also, daß Parmenides sein dialektisches Beweisverfahren 
ein Stück weiter ausgebildet haben konnte, als er es in seinem 
Gedichte zu zeigen in der Lage war — wogegen ich freilich 
unter keinen Umständen zugeben kann, daß er ein pädagogi- 
sches Experiment, eine Art Übungsbuch für Fortgeschrittene 
habe liefern wollen und die Beweise etwa aus diesem Grunde 
könnte fortgelassen haben — : aber all das zugegeben, bleibt 
die Tatsache doch nicht wegzuleugnen, daß Xenophanes ein 
fortgeschritteneres Stadium in der Geschichte der Begriffe 
darstellt als Parmenides, zum mindesten der Parmenides 
des I/chrgedichtes. Hätte die Nachprüfung der Prädikate, 
die Verdrängung der intuitiven Elemente durch die Dialek- 
tik, die Ausdehnung der Dichotomie vom Seienden auf 
andere Begriffe, kurzum hätte die Denkarbeit, deren Früchte 
wir bei Melissos, Zeno und Xenophanes erkennen, schon vor 
der Niederschrift der äXijBeia eingesetzt, so wäre zum min- 
desten zu erwarten, daß man wenigstens ihren Spuren hie und 
da begegnete. Aber man mag die einzelnen Prädikate des 
Seienden hin und herwenden, soviel man will, man mag die 



— 111 — 

Begründungen, an denen es Parmenides durchaus nicht 
fehlen läßt, mit noch so großer Freiheit ausdeuten, nirgends 
wird man auf eine Gedankenverbindung stoßen, die sich aus 
^er dialektischen Denkgepflogenheit herleiten ließe. Der 
deduktive Beweis ist nur erst für das Seiende entdeckt, 
das heißt nur für denjenigen Begriff, an dem er sich ent- 
wickelt hat, die Dialektik steckt noch in den allerersten An- 
fängen, der eigentliche I^hrinhalt, die döSa wie die äXi^Oeui, 
sind von ihr noch unberührt geblieben, und beide voneinerAlter- 
tümlichkeit , die unverkennbar ist . Das Parmenideische Gedicht 
tann nur begriffen werden als erster Anfang einer von Grund 
aus neuen Denkrichtung ; als erster Vorstoß in die unerforschte 
Region abstrakten Denkens, wobei der Entdecker selber über 
^e Richtung, die er einschlug, noch so wenig sich im klaren 
war, daß es ihm gar nicht zum Bewußtsein kam, wie weit er 
schon die Grenzen physikalischer Erklärungsmöglichkeiten 
überschritten hatte; offenbar ein Jugendwerk, und als ein. 
solches mit viel Eifer und vieler Mühe in die Sphäre jener 
überirdischen Erhabenheit gehoben, die das Erlebnis einer 
ungeheuren, plötzlichen Entdeckung brauchte, um mit 
dem Anspruch ewiger Gültigkeit sich selber ein Wahrzeichen 
und Monument zu setzen. Wir wollen gewiß das Wort nicht 
pressen, wenn der Dichter sich einen xovqo^, einen Jüng- 
ling nannte (Fr. 1, 24) ; aber soll man glauben, daß ein 
Oreis nach lebenslängUcher Beschäftigung mit dialektischen 
Problemen seine Himmelfahrt ztmi Lichthause der Wahr- 
heit in solch merkwürdig abgerissenen, kühnen und zugleich 
konventionellen, überschwenglichen und steifen Bildern hätte 
beschreiben können? Ich denke, mit einem solchen Kraft- 
gefühl und Glücksgefühl und einem Stolze, der mitunter fast 
schon etwas Ungeschicktes an sich hat, konnte nur reden, wer 
sich wirklich noch als xovqo^ fühlte, wer noch nicht am Ende 
seiner Kraft und seines Nachdenkens angelangt war und wohl 
auch noch über sein eigenes Werk hinauskonnte. Und wenn 
der ältere Xenophanes die I^hre seines jüngeren Zeitgenossen 
übernommen und ins Populäre übertragen hat — denn die 
Vergöttlichung des Seienden läuft doch letzten Endes auf 



— 112 — 

eine Popularisierung hinaus — so ist es nicht mehr das Ge- 
dicht gewesen, das er in seine eigene Weise übersetzte, 
sondern eine Lehre, die sich über das Gedicht hinaus ent- 
wickelt hatte. 

Für all diese Schlüsse stehen uns f reiüch nur Exzerpte 
zur Verfügung, Zeugnisse, die zwar nicht weniger schlecht 
beglaubigt sind als irgendwelche andere allgemeine doxo- 
graphische ÜberUeferung, die aber dennoch vielleicht für 
feinere Fragen und Unterscheidungen nicht ganz dieselbe 
Sicherheit gewähren könnten wie die Originale. Darum 
mag zum Schlüsse noch der Nachweis geführt werden, daß 
auch der originale Wortlaut der sehr spärUchen Xenophanes- 
fragmente zu denselben Folgerungen zwingt wie die Ex- 
zerpte: 

alel d' iv ravrcp (xI/xvei xivoii/devo^ o'öddv, 
ovdi /letigxsoOcU fuv htmqiTiei SXkoxs äXXji, 
äXX' ändvevds Jtövoio vöov q)Qsvl ndvxa xqcAaivsi} 

[Fr. 26 und 26.] 
In diesen Versen sind zweierlei Bestimmungen zu unter- 
scheiden. Daß Gott nicht bald hierhin bald dorthin gehen 
dürfe, weil das dem Begriffe der göttHchen Allmacht und 
Allgegenwart widerspreche, daß er keine Mühe haben dürfe, 
daß vielmehr sein bloßer Gedanke hinreiche, das Weltall zu 
erschüttern*, das alles sind Vorstellut^en, die sich aus dem 

^ Bs macht doch sehr den Bindruck, als habe erst Simplidus 
(Ph3n5. 22) seiner eigenen Interpretation zu läebe diese Verse von- 
einander getremit; man lese: &(ne xal &tav iv raöt^ [xivBiv Xiyjj xal fbtij 
9aveia$<u *del 6' . . . . äXXff oO >catä ti)v ^ge/ilav xi^v dvttxeifjiivrpf rg 
xtvijaei fjiiveiv aötö (ptiaw . . Npcdlaog di 6 AafiaaKrjpfÖQ <hg öneiga» Hcd 
äxlvfixov Xiyovtog ae&cov rijv dgxfjv ^ xfj Tte^ deSu» dno/jtvri/Mveikt . . . xtü 
ndna voeiv di q>riaiv ctötd Hycov 'dXX* . . . xoaöaivei\ Übrigens ist 
meine Beweisführtmg von dieser Frage unabhängig. 

' KgaöcUvo}, von xQddog, xgddrj (Wüamowitz, Herakl. II, S. 233) doch 
wohl „schütteln", „zittern, wanken machen", nicht „schwingen", wie 
Diels übersetzt. Ähnlich Aeschyl. Prom. 1045: x^Ahi ö* ix nvSfjiivcop 
ccöroSg ff^cuQ nveviw, xqadalvoi (gemeint ist Brdbeben; voraus geht 
Donner, Blitz und Sturm; der Dichter scheint eine pneumatische 
Theorie zu kennen; vgl. Bpikur an Pythokles Diog. Laert. dtw 



— 113 — 

Theismtis leicht erklären und sich überall wiederfinden, wo 
ein solcher Glaube auftritt. Aber warum in aller Welt soll 
dieser Gott ewig an demselben Flecke bleiben und sich nicht 
rühren können ? Reimt sich das mit seiner Allmacht ? Und 



xQddavüiv tg yß naQaaxsvd(fi [sc. rd Jttfevfjua]; Aßt. m, 15.4 (Ttsgl 
aeta/Awv yijg): 'AvaiayÖQOQ digog thtoöiSaet . . . tgöfiiprö Ttegtixo'i^ 
xQaöaivovxog). Theophrast de vert. 8: ütyyi&ai öi xal ol xä ihprfid 
Ttcd xä iieydla xal dndzofia dstoßWtaifxeg öid x6 avßji߀U»ew fiaxgd» 
dmn&tpofjihrf» aeieaSai xal XQaöalvBoOai ti)v 6%pw, Aristot. tibqI 
o^Qovov S. 290 a 22: ngdg öi xo^ fjiivopxag (datiQOQ) xgaöaivexai 
(4 Sy>*g) Sid xd /Jiiffxog, dnovsiifo/jihri nöggto Ua» ' 6 di xgöfiog ctMjg , . . 
Auch alxfAij xQodouvopiivi^ bei Homer bedeutet nicht die „geschwungene" 
I/anze, sondern. ,,vibrata tela". Daneben xqoMüw iyxog wie aelow 
iyxoQ- Aber von der Umschwingung des AUs als einem aeia/jtög 
zu reden, wäre doch wohl keinem Griechen eingefallen. Wenn Diels 
zur ^läuterung hinzufügt: ,,der immanente Gott ist in allem 
geistig r^;sam, ohne körperlicher Organe oder Bewegung dazu zu 
bedüiien", so muß ich offen bekennen, daß ich für eine solche Ißr- 
klärung in dem Texte keinen genügenden Anhalt zu finden vermag. In 
der Hias A 530 braucht Zeus nur zu nicken, um den großen Olymp zu 
erschüttern; dem Xenophanischen Gotte genügt der bloße Gedanke, 
nm das All vor sich erbeben zu lassen. Dieselbe Vorstellung (um 
nur zu geben, was ich gerade bei der Hand habe) bei Aristobul in 
dem erschwindelten Xenophonzitat, Qemens AI. Protrept., S. 54 
Stählin, Stromat. V S. 399, Stob. Anthol. II, S. 15 W. : 'O yovv tndna 
adojfp xal dxQe/jUC(ov, c5g fjiip /jiiyag n^ xotl öwaxög, qxtveQdg, Des- 
gleichen in dem gefälschten Aeschylusfragment 464, das auch sonst 
lebhaft an Xenophanes erinnert: 

;fc6^6 Bvrftcw x6v Oedv xal ^^ ö6xsi 

SfjLOuov aavx^ odQxivov xadeardvat ... 

xgi/Aei IfÖQVi xal yaUi xal 7ieXd>Qiog 

ßvSdg BaXiamfQ xal ögicov (5yfog fJtiya, 

indv iTußXi^ yoqydv öi^fia deandzov * 

ndvxa ötmnii yäg döSa ^xplaxov Oeov, 
D. h. : Ein Blick des Allmächtigen genügt, und es erzittern Erde 
imd Meer und die Gebirge. Daß die gleiche kritisch-religidse Propa- 
ganda gleiche Ausdrucksformen schafft, ist nicht zu verwundem. 
Hier wie wohl überall ist es vorwiegend der Begriff der Allmacht, 
der über die Vielgötterei hinaus zum Monotheismus geführt hat. Das 
innerste, letzte Wesen auch des Xenophanischen Gottes ist nicht 
Weltbeseelung, Wdtvemunft noch überhaupt Geistigkeit, sondern 
Allmacht. Das geht deutlich aus dem Pseudo-Aristoteles hervor, 
und die Fragmente stimmen damit überein; vgl. Fr. 23 und 14ff. 

Reinhardt, Parmenides. o 



— 114 — 

wo bleiben hier die Parallelen anderer Religionen? Ich 
wüßte keine einzige zu nennen, aber wohl weiß ich eine aus 
der Spekulation, der eleatischen Seinslehre: denn der Aus- 
druck iv ra6x(ü jbiheiv erscheint als regelrechtes Schulwort 
bei Parmenides, ja, was noch mehr zu denken gibt, er steht 
auch hier wieder verbunden mit dem /jirj xiveiaOcu:^ 
avräg dHivrjTov fieyalcov iv nelgaai deofjuov 
Icxiv ävoQXOv Snavmov, inel yiveat^ xal SXeOqo^ 
v^Xe fjuiX' iTtXdyxßrjOav, amboe d^ 7tlcxi4 äkriOrj^ ' 
xavx6v t' iv raör^ji tc fxivov xaff iavxö xe Tcelxcu, 
XoikcD^ ifxnBÖov aiOi (xivei. (Fr. 8, 26.) 

Daß aber dieser Ausdruck ganz und gar nicht für die Gottes- 
idee, sondern ursprünglich für das logisch zu begreifende 
Seiende geprägt war, geht allein schon aus dem berühmten 
Epicharmfragment hervor, das freiHch, sehr bezeichnender 
Weise, allgemein für HerakUtisch gilt und doch so eleatisch 
ist, wie überhaupt nur etwas sein kann (Fr. 2 Diels) : 
iv fiexaXXayqi di ndvxe^ ivxl ndvxa xdv %q6vov' 
S de /letcdXdaaei xaxä <pvaiv xovjtox* iv xavx(p /jiivei, 
Ixegov eirj xa xöd' ijdi] xov TtaQs^eaxaxöxog. 
Wenn hier von der Welt der dö^a, die nur Übergänge und 
Veränderungen aber niemals ein xaöxöv erkennen läßt, ge- 
sagt wird, daß sie oünox' iv xavxeo fiivei^ so folgt daraus 
für die entgegengesetzte Behauptung alel d' iv xavxco /jU/ivei, 

^ Bin zufälliges Zusammentreffen bloßer Worte ist hier au^e- 
schlössen, wie gesagt, schon wegen der Verbindung mit dem jui) 
xivelaBai) dazu kommt bestätigend Bpicharm Fr. 1 Diels: x6de d*äBl 
ndgead' öfwia öid xe x&v aöz&v dei. Damit steht selbstverständlich 
nicht im Widerspruch, daß iv xaöx^ /jiiveiv ganz allgemein zum Aus- 
druck der Beharrlichkeit und Ruhe diente: Burip. Ion 969 xä 
dvTftä xouiGx* * QÖdiv iv xaöx^ juivei, Soph. Aletes Fr. 102 oO ydg not' 
aöx^ ovdiv iv xaöx0 fiivei (vom ÖXßoQ ßQox&v gesagt). Aristoph. 
Wespen 969 xoööinot* iv xaöx^ pUvei (vom Himde Adßri^, hingegen es 
von dem andern heißt: 6 ^hegog olög iaxiv oIhovquv pidvov • aöxov 
fjiivcüv . .) ; Vögel 170 ävBQomog ögviq datdQfitfcoq, Jtexd/Msvog, dxdHfiOQxog, 
<yödiv (Minat' iv xaöx^ /Liivcov. Fiat. Buth. 288A dWi äoücev . . aikog 
fiiv 6 Xöyog iv xa^^ juiveiv, nal Su &<meQ xd naXcudv xaxaßaXdjv Ttinxew. 
Herodot I 5, 4 xifv ävOgomtiiffv öv imcftd/jisvog eöScufiovlffv odSa/id iv 
xdnn0 fUvovaa». 



— 116 — 

daß sie ursprünglich jedenfalls nur von dem Gegenteil der 
sinnlichen Erscheinung gelten sollte, das heißt von dem 
Seienden^. Der Gottesbegriff hat bei dieser Unterscheidui^, 
dieser ganzen Fragestellung nicht das mindeste zu suchen. 
Dieselbe kritiklose Vereinigung gänzlich verschiedener Vor- 
stellungen, die aus den doxographischen Berichten zu er- 
schließen war, tritt in den originalen Bruchstücken offen und 
unverhüllt zu Tage. Wie aber in dem einzigen mehrzeiligen 
Fragment, das uns erhalten ist, auch gleich zwei Aussagen 
verschiedenen Ursprungs nebeneinander stehen, so spaltet 
sich die ganze Xenophanische Theologie in zwei getrennte 
Reihen von Bestimmungen. Daß Gott allmächtig sei, daß er 
keine anderen Götter neben sich dulde, daß er von keinem 
anderen Wesen, weder stärkeren noch schwächeren habe er- 
zeugt werden können, daß er Geist sei, ganz Gesicht, ganz 
Gehör und ganz Gedanke, das alles sind Vorstelltmgen, wie 
sie jeder echte und natürliche Theismus mit sich bringt; 
wenn aber derselbe Gott noch außerdem kugelförmig, 
unbewegt und 8/Moto^ ndwri sein soll, so geht das über reli- 
giöses Erleben hinaus. Kann es ein Zufall sein, daß gerade 
die Eigenschaften, die sich am Xenophanisch^n Gotte nicht 
erklären lassen, zugleich Eigenschaften, und zwar sehr er- 
klärliche Eigenschaften, des Parmenideischen Seienden sind ? 
Und kann es Zufall sein, daß umgekehrt das Seiende auch 
nicht eine Spur aus jener anderen Reihe von Bestimmur^en 
aufweist, die nur für das GöttHche zutreffen? Wohl gibt es zwei 
Bestimmungen, die beiden Reihen gemeinsam sind : Ewigkeit 

1 Daher ist B^riff und Wort auch in den Platonischen Parmenides 
gelangt, der durchweg die eleatische Lehre, und zwar besonders in 
der Gestalt, die sie durch Zeno angenommen hatte, voraussetzt; 
S. 139 A: Kaxä näaav äga xlvriaiv rd iv dxlvtftov. "Axlvtftov. *AWl i^ijv 
xal ehai yd <pafjbev h xivi ctörd dövvaxov, Oafjih ydg, Qöö* äga Tiotä iv 
T(p a^^i^oTi. Tldij; "Ort fjdri dv iv ixetvq> etri, iv ^T(p aöt0 iavi. Ildvv 
ixh (yih. *AXk* oiks iv iavr^ oike iv äXkq> olöv re fy ctör^ ivetvai, OO 
yäg oiöv, Oööinaie äga iaxi rd iv iv r^ a^^. CHhc ioucev, *A^ iiif» x6 
ye fif^Siswte iv r4> a^Q) &» oike i^avxlav äyei oike iarrptev usw. (vgl. 
S. 146 A). 33s folgt der Nachweis, daß das iv auch kein twötöv sein 
könne: aUes Kritik der Kleaten. 



— 116 — 

und Einheit; aber selbst diese gemeinsamen Begriffe haben 
ein doppeltes Gesicht und schauen bald nach dem Göttlichen, 
bald nach dem Seienden aus. Kein Zweifel, sie haben den 
Hauptanstoß gegeben zu der ungeheuerlichen Gleichsetzung, 
die hier geschehen ist; nun bilden sie den Kitt, der beide 
Hälften aneinander bindet. 

Ich kann zur Gegenprobe nur empfehlen, den entgegen- 
gesetzten Weg zu gehen, also in iv ravrc^ fiheiv und ^ei) 
xivetodai aller ihrer Rätselhaftigkeit zum Trotz ursprünglich 
für das Göttliche ersonnene Prädikate zu erblicken: welche 
Virtuosität im dialektischen Jonglieren wird man dann 
nicht an Parmenides bewundem dürfen, daß er jene ihm 
zugespielten göttlich-mystischen Prädikate vom Standpunkte 
des l>)gikers zu fangen, umzukehren, auf den Kopf zu 
stellen, auf ihrer gew^esten und allerspitzesten Spitze zu 
balancieren wußte und dabei noch obendrein den Anschein 
zu erwecken, als könnten sie gar nicht anders stehen, ja als 
hätten sie nie anders als gerade so gestanden! 

Über die Tatsache, daß im Gotte des Xenophanes noch 
etwas anderes steckt, was nicht Gott ist, hilft man sich all- 
gemein auch heute noch mit derselben Auskunft hinweg, zu 
der schon Aristoteles seine Zuflucht genommen hat: man er- 
klärt seinen Glauben für Pantheismus, seinen Gott für 
immanent und letzten Endes mit der Welt identisch^. Aber 
lassen sich denn wirkHch jene so rätselhaften Bestimmungen^ 
wie Gleichheit, Unbewegtheit, Kugelform oder Kugelähn- 
lichkeit, aus einer pantheistischen Weltanschauung her- 
leiten ? Wollen wir ehrHch sein, so scheitern wir mit diesem 
Versuche schon an der Kugelform, obwohl diese an sich noch 
das Verständlichste von allem wäre. Denn Xenophanes 
dachte sich die Welt durchaus nicht kugelförmig, sondern 
den Himmel nach oben und die Erde nach unten ins Unend- 
liche sich erstreckend; gab er also Gott die Kugelform, so 
konnte das nur heißen, daß er Gott und Welt geschieden 

^ Die stoischen Doxographen gehen soweit, daß sie das Göttliche 
ohne Umstände mit dem Kosmos gleichsetzen: A6tius 11 4, 11 Sevo- 
^pdmig dydvijTOv xal dldujv xal ätpOogrov xdv x6a/i€v. 



— 117 — 

haben wollte, mithin die volkstümlichen Vorstellungen von 
den Göttern nicht zum wenigsten auch gerade ihres panthei- 
stischen Elements wegen bekämpfte. Dazu stimmt durchaus, 
was uns an Nachrichten über sein I^hrgedicht als Ganzes 
überliefert ist. Die Zweiteilung bezeugt ausdrücklich Sextus 
adv. math.VII, 14: xG>v bk di/bte^fj rijv <pdoao<piav vjtoarriaafjihcov 
Sevo(pdnj^ /liv 6 KoXo<pd>vio^ rd <pvaix6v äfjux xal Xoyixdv (!), &^ 
(päd rive^y /letiJQxeto} Ebenso unweigerlich ergibt sich die 
beabsichtigte strenge Scheidtmg zwischen Theologie — formal 
betrachtet Logik — und Physik aus Theodoret IV, 6 (nach 
A^tius : Fr. A 36 Diels) : Sevoq^dvrj^ /lev oiv . . Iv elvcu x6 näv 
Itpfjae aqxuQoeiSi^ xal neneqaafjiivov, ov yevrjftov dXÜ alöiov xal 
Ttdfjuiav äxlvrpcov' TtdXiv di aü rcövde r(öv Xöycov imXadö- 
fievo^ ix T^c yn^ (pvvai änavxa elQtjxev ' avrov yäg &fj 
xöde rd ino^ iaxiv 'ix yfj^ yäg rdde ndvxa xal el^ yfjv ndvxa 
relsm^. So redet, wohlgemerkt, derselbe Gewährsmann, der 
die beiden Teile des Parmenideischen Gedichts in ihrem Ver- 
hältnis folgendermaßen charakterisiert (Theodoret IV, 7 = 
Doxogr. 284) : xal naQfievl&q^ de 6 ü'dqQrixo^ 6 "'EXedzrjQ Ssvo- 
(pdvov^ iräiQo^ yevöfxevo^ «arce fjiev rdv tzqcoxov Xöyov 
i^jLupcüva t4> diSaaxdXq) $vyySyQa(pev ' avxov yoQ A) xode xä ino^ 
slvai <paai 'oiXov jbuyvvoyeviQ xe xal äxge/ie^ ri&^ äySvrjxov ' alxlav 
de x(üv 8Xo)v ov xijv yfjv fiövov xaBdjieQ ixeivo^ äXXa xal xo nvq 
ecQTjxev oixo^. Zusammengefaßt beweisen beide Auszüge (was 
übrigens auch aus allen anderen Nachrichten zu folgern wäre), 
daß die I^ehre des Xenophanes genau wie die seines Schülers 
oder richtiger I^hrers, äußerlich betrachtet, in zwei Teile aus- 
einanderfiel ; nur daß hier das Verhältnis beider Teile für die 
Alten noch weit schwieriger zu bestimmen war als bei Parme- 
nides. Denn ging man, wie man es nicht anders kannte, von 
der Aristotelischen Voraussetzung aus, daß Xenophanes sein 

* Diese Nachricht stammt aus guter und gelehrter Quelle und ist 
durchaus nicht unbrauchbar, wie Zeller behauptet hat (I*, S. 505), 
den hier wie überaU der Glaube an den monoüieistischen Pantheis« 
mus für die Tatsachen der Überlieferung blind gemacht hat. Leider 
fehlt die Stelle auch bei Diels. Und doch hat Diels die Nachricht über 
Archelaos aus derselben Quelle ohne Bedenken aufgenommen : 'ÄQxi- 
hog Si 6 *AdrpfdloQ x6 q)vaiHÖv xal ^$ix6v (Fr. A 6). 



— 118 — 

göttliches Prinzip im Hinblick auf das All gewonnen habe, so 
mußte in der Tat sein zweiter, physikalischer Teil wie eine 
kindliche Vei^eßlichkeit, ein Rückfall in den überwundenen 
Materialismus anmuten. Aber so ausgemacht die Sache für 
die alten wie die modernen Philosophiehistoriker auch seih 
mag, es bleibt doch immer noch die Frage, inwieweit man 
überhaupt ein Recht hat, sich in solcher Weise auf die 
Naturbeträchtui^ zu berufen, um die Schwier^keiten eines 
altertümlichen Denkens wie die größten Selbstverständ- 
lichkeiten zu behandeln. Schon bei den alten Milesiem 
wirkte das rein Ideelle stärker, als man es zumeist Wort 
haben will; und vollends bei Xenophanes begegnet nicht ein 
Wort, nicht eine Wendung, die auf pantheistische und 
mystische Gefühle und Anschauungen schKeßen ließe. Viel- 
mehr deutet alles darauf hin, daß sein Bestreben nicht 
darauf ausgii^, Gott und Welt einander anzunähern, also 
einen immanenten Gott zu predigen, sondern zwischen 
beiden eine möglichst tiefe Kluft zu schaffen. Gott und 
die Welt, das sind die beiden Inhalte seines Gedichtes: 

xal rd jbisv oiv aaq>i^ oiki4 dw)^ yivex* o'ödi xv^ larou 

eldcl}^ d/jiq>l ded}v re xal äaaa Xdyo) Ttegl Tzdvccov. [Fr. 34]^ 
Und wie Ttdvra hier gemeint ist, lehrt ein Vers wie Fr. 27 : 

ix yoUtj^ yoQ Ttdvza xal el^ ytjv Ttdvxa xeXevxq^ 
oder noch deutlicher Fr. 29: 

yf\ xal 'ddcoQ ndvr' iaO' 8aa ylvovz(ai) ^3i (piiovroL 
Es ist die Gesamtheit der vergänglichen, veränderlichen 
Dinge im Gegensatz zur ewig sich gleich bleibenden Gott- 
heit. 

Für den ausgesprochenen DuaHsmus, der das wahre 
Wesen dieser angeblichen und so oft geschilderten Einheits- 
lehre ausmacht, gibt es endlich noch ein Zeugnis von so 
hohem Alter und so tmzweideutiger Gewißheit, daß jeder 

* Mit diesen Versen formuliert Xenophanes sein Thema wie 
Alkmaion, Fr. B 1 : 'Jtegl xojv äqtaviwv, Ttsgl xwv Bvrftwv oatfrfyf&a» [xh 
Oeol Sxovti, d>g di dvBgdiJtoig xexfjudgeaBm* xal xä iSrjQ. Auch hier der 
Gegensatz des Göttlichen und Sterblichen. 



— 119 — 

Wideisprach davor verstummen muß: das schon einmal er- 
wähnte Bruchstück Epicharms, Fr. 1. 2 Diels. Wenn Diels 
die bei Diogenes überlieferte Versreihe zerteilt und zwei 
verschiedenen Nummern seiner Sammlung überwiesen hat, 
s6 hat er unbestreitbar recht daran getan; denn daß der 
eine Teil nicht so sich an den anderen angeschlossen haben 
kann, liegt auf der Hand^. Eine andere Frage freiUch ist, ob 
beide Stücke überhaupt in keinerlei Beziehung zueinander 
standen, d. h. ob sie verschiedenen Dramen angehörten 
(denn gehörten sie demselben Drama an, so standen sie auch 
in Beziehung zueinander), oder ob zwischen beiden nur ein 
Stück Dialog als unwesentfich unterdrückt worden ist. 
Fragen wir nach der Absicht des Berichterstatters Alkimos, 
so kann kein Zweifel sein, daß er das Ganze wirklich als ein 
wahres Ganze und Zusammengehöriges hat hinstellen wollen : 
o IIMzayif (prjalv alcfOrj[zdv /lev . . . vorpcdv di , . . xal /Mfjv 8 ye 
^EnlxaQfjjo^ Tteql x&v alcOrßcyv xal voijtcov ivagyco^ elqfrixev : es folgt 
das Zitat, wobei besonders zu bemerken ist, daß jetzt in um- 
gekehrter Reihenfolge die vorpcd vorangehen und die aicOrixd den 
zweiten Abschnitt ausmachen. An sich liegt kein Grund vor, 
an der Zuverlässigkeit des Alkimos zu zweifeln; die Tatsache, 
daß die beiden Teile ausgezeichnet zueinander passen, ist 
mit keinem Mittel aus der Welt zu schaffen; beide sind gleich 
gut eleatisch, offenbar die einzigen umfangreicheren Partien 
dieser Art, die Alkimos auftreiben konnte. Dazu kommt, daß 
aUes, was von vermeintlich] HerakHtischer, in Wahrheit 



^ [Ich muß gestehen, daß mir selbst das jetzt zweifelhaft geworden 
ist. Das xal, das Diels zwischen den beiden Teüen einschieben möcnte, 
hat Alkimos schwerlich geschrieben; hätte er die beiden vonein- 
ander trennen wollen, so wäre zu erwarten : Tteql fih xwv vwft&nß . . . 
sibqI öi x&nß cdaßffiwp. Die ewige Gleichheit des Göttlichen konnte sehr 
wohl der Veränderlichkeit des Menschlichen zum Beweise dienen, 
unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß Gott und Mensch 
in allen Stücken einander entgegengesetzt sein müßten. Zudem, was 
weiß man denn von Bpicharms Dialogtechnik ? Wer sagt uns, daß 
es da nicht mitunter Sprünge gab ? Und zumal, wo man sich über 
eine philosophische I^ehre lustig machte, brauchte man die Gedanken 
nicht allzu peinlich miteinander zu verknüpfen.] 



— 120 — 

eleatischer Philosophie und ihrer Anwendung zu allerhand 
Prellereien bei Epicharm uns sonst berichtet wird (bei Diels 
unter Fr. 2), sich zweifellos auf ein und dasselbe Stück be- 
sieht; es ist allein schon ein Gebot der Ökonomie, die inhalt- 
lich so nah verwandten Bruchstücke demselben Drama zu- 
zuweisen. Und man würde sich diesem Gebote wohl auch 
schwerlich widersetzt haben, wäre man nicht so fest davon 
überzeugt gewesen, daß im zweiten Teile klipp und klar 
der Grundgedanke der • Heraklitischen Philosophie ent- 
wickelt sei. 

Wie man zu dieser Überzeugung, diesem unerschütter- 
lichen Glauben an den „Herakliteer" Epicharm hat ge- 
langen können, allgemein und ohne Widerspruch zu finden, 
ist mir eins der allei^ößten Rätsel^. Was in jenen Versen 
bewiesen wird, und zwar auf dialektisch-induktivem Wege, 
ist die Behauptung, daß es [ein Tavröv in dieser Welt 
nicht gebe: 

al Tiox aqSfxdv ng Ttegiacöv, al de Xfj^, ndx aqxuov,' 
noxOifieiv Xfj %päq>ov fj xal xäv ijiaQXovoäv Xaßelv, 
ij doxei xd xoi y <iff> covxd^ el/Liev; — ovx ifxlv ya xa , . . 
xal xi> Äi) xäyd) xß^^ äXXot xal wv äXXoi xeXiBofjLe^, 
xaiBi4 äkXoi xoiSnox' oröxol xaxxov <a'öxdv a'5> Xöyov, 
Wenn etwas unherakliteisch ist, so ist es dieser Beweis, 
denn Heraklit lehrt das gerade Gegenteil : die Koinzidenz der 
Gegensätze, die Identität im Wechsel: odd^ ävco xdtco fua xal 
(hvxij (Fr. 60), xavxo t' Svi C(ov xal xedvrjxö^ . . (Fr. 88),^ 
Ttoxa/biol^ xoi^ avxol^ i/bißaho/Liev xe xal ovx sfißalvofiev, elfiSv 
xe xal ovx elfjisv (Fr. 49 a), und wie die Variationen dieses 
Themas alle, lauten. Und außerdem, wo hätte jemals Heraklit 
etwas bewiesen ? und nun gar auf eine solche Art bewiesen ? 
— um von der eleatischen Formel oünox' iv xavxcp f/hsi hier 
ganz zu schweigen. Dagegen hätten wir genau dieselbe Art 

des dialektischen Beweises als Grundlage der Parmenideischen 

i ■ 

I * Urheber dieses Glaubens ist derselbe, der auch in den Panne- 

! nides die Anspielung auf Heraklit hineingelesen hat, Jacob Bemays, 

,,Bpicliarmos und der a^Savöfievog Xöyog". Rh. M. 1853 = Ges. Abh. I^ 
; S. 111. 



— 121 — 

dö^a selbst dann anzuerkennen, wenn wir ihren Spuren sonst 
nicht mehr begegneten. Aber noch deutlicher als die Verse 
des Parmenides redet die Prosa des Melissos Fr. 8: doxel 6k 
flfüv x6 XB Oeg/Lidv tpvxQdv ylveoOou xal xd tpvxQ^v Bbq^v xal 
xo oxXriQov [MilBaxdv xal xd [Mildaxdv axXrjQdv xal x6 ^(pov 
moBvfjGTCBiv xal ex /Mfj fdirro^ ylveoBai^ xal xavxa ndvxa 
ixeQoiovaOai, xal 8 xi ijv xe xal 8 vvv o'ö8ez 8ijloiov 
elvai . . . ov xolwv xavxa äXXijXoi^ 6/jioXoyel' q>ayivoi^ yäg 
elvm TtoXXä xal äi8va xal elöt] xe xal laxi>v ^;^c^Ta, ndvxa 
sxeQouyvoOai i^/mv 8oxel xal fxexanlTfxeiv ix xov hcdcxoxs 6 gcofiivov 
Wie Epicharm nimmt auch Melissos unbesehen Wand- 
lungsfähigkeit des Stoffes und Relativität der Begriffe für 
dasselbe Phänomen: beide als Fortsetzer der Parmenidei- 
schen drffa. Es war ein Ungedanke, Heraklitisches Gut bei 
Epicharm aufspüren zu wollen; wie sollten die siziUschen 
Komödiendichter oder erst gar ihr Publikum den ephesischen 
Einsiedler gekannt oder gelesen haben ? Was da an philoso- 
phischen Gedanken vorkommt, ist, soweit es überhaupt 
für uns bestimmbar ist, eleatisch oder genauer gesagt Xeno- 
phanisch: so Fr. B 4 (= Xenoph. Fr. 16), so Fr. B 15 (= 
Aristot. Metaphys. 1010 a 4 atxiov 8i xfj^ 86^rj^ x(y&toi4 (des 
Relativismus) 8xi tzbqI xojv 8vxo)v xi^v akriOevav iaxdnovv, xä 
y 8na iniXaßov elvai xä alaOrjftä fiövov ' iv 8k xoixoi^ noXlii 
yj xov ioQiCxov qröai^ iwTiAQX^^ ^^l ^ "^ov 8vxo^ o'Sxw^ äoTteg 
eiTiofjLev ' 8id etxöxco^ /Likv XSyovaiv, ovx äXrjO^ 8k XSyovoiv ' o'Sxo) 
yoQ oQfidxxei fiäXXov elnelv i\ &07teQ ^Enlxaqixo^ el^ Sevoq)dvrjv: 
vermutlich aus demselben Stück, in dem die philosophischen 
Prellereien vorkamen), und so endlich auch Fr. 1, dessen Zu- 
sammenhang mit Fr. 2 nun hoffentlich keinem Zweifel mehr 
begegnen wird. 

Die Zweiteilung des I^ehrvortrags, die Unterscheidung 
und Entgegensetzung eines ewig sich gleich bleibenden und 
eines in fortwährender Veränderung begriffenen Wesens, ist 
der eleatischen Philosophie von Anbeginn eigen; wie die 
Lehre des Parmenides in äXijdeui und 86^a zerfällt, so 
scheiden sich bei Melissos scharf die Teile, die über das 
transzendente Eine und die Vielheit in den Sinnendingen 



— 122 — 

handeln. Wenn dieselben beiden Themen in genau der- 
selben Reihenfolge (und zwar trotz Alkimos, wie wir sahen!) 
nun auch noch bei Epicharm begegnen, so wäre es Willkür, 
wollten wir uns über diese so offenkundigen Zusammen- 
hänge hinwegsetzen. Der einzige Unterschied ist der, daß 
Epicharm die beiden Reiche nicht mehr als Erkenntnis- 
theoretiker, sondern als Theologe betrachtet: das Verhältnis 
zwischen Wahn und Wahrheit ist ihm zum Verhältnis zwi- 
schen Gott und Welt geworden; an die Stelle des philosophi- 
schen Monismus tritt der populäre Dualismus. Diese Um- 
biegung, diese Verdrehung des eleatischen Gedankens kann 
nur das Werk des Xenophanes gewesen sein. Was bei dieser 
Erkenntnis aus dem Xenophanischen Pantheismus werden 
muß, braucht nicht gesagt zu werden. Aber wohl müssen wir 
das erste Epicharmfragment, dem eine solche pantheistische 
Deuttmg widerfahren ist, von solcher Auffasstmg befreien: 

— äXX' äel TOI deol Tiagfjaav x^niXucov ov TKonoxa, 
raSe 6* ael Tidgead' öfioia dvd xe xa>v avrcbv äsL 

— dXXä Xiyexai fjuav x^o^ nqaxov yeviaOai x(bv 6s(öv. 

— 7uo^ dS xa; firj ixov y' oko xlvo^ iir\b^ £^ 8 xi nqaxov jliöXoi 

— 0V7C äq* efjfjoXe nqaxov ov6iv; — ovdk /m Ala de^eqov 
Xibvdi y &v äfiä^ vvv d>de XSyojbie^, äXX' äel xdd* ijv. 

Diels übersetzt den zweiten Vers: „Die Vorgänge hier 
(in der Natur) vollziehen sich stets gleich und durch die- 
selben Kräfte." Gesetzt, daß xdde wirklich in derselben hin- 
weisenden Bedeutung stehen könnte wie der Ausdruck 
8de 6 xöofjLOQ bei Diogenes (Fr. 2) und HerakUt (Fr. 30) 

— obwohl selbst dieser Vergleich nicht zutrifft, denn wie sich 
uns später zeigen wird, ist das Demonstrativpronomen in 
dieser Verbindung zeitlich und nicht räumUch aufzufassen — 
aber selbst gesetzt, das xdde ginge auf die Natur, so könnte 
es doch höchstens nur das GegenständHche in ihr bezeichnen 
aber niemals das, was überhaupt nicht zu zeigen ist und auch 
in xdde gar nicht liegen kann, die Vorgänge. Und ist es femer 
anztmehmen, daß die Dialogperson, die von der Ewigkeit 
der Götter redet, sich in einer solchen Weise unterbrechen 
sollte, um nach einer bedeutungsvollen Geste gegen den 



— 123 — 

Himmel plötzlich von deti Naturvoi^ängen anzufangen? 
Ks ist doch wohl klar: das tdde bezieht sich auf Oeol, nicht 
auf den Himmel, sondern das gesprochene Wort, wie es auch 
später wieder aufgenommen wird in den Worten t&vdi y &v 
ä/Lie^ vvv &de liyo/jie^.^ Das zweite Hindernis, worüber ich 
bei der Dielsschen Übersetzung nicht hinwegkomme, ist die 
Wiedergabe des jtoQelvcn: dies Wort heißt „da sein", 
„g^enwärtig sein", nicht aber „sich vollziehen". Und 
endlich drittens kann ich nicht glauben, daß diä r&v 
avrmv das heißen könnte, was Diels übersetzt: „durch 
dieselben Kräfte". Nach den Wendungen diä Ttdvrcov, 
dia raxicov usw. zu urteilen, kann dtä rojv avtcav nur heißen 
„in demselben Zustande verharrend", „sich gleich blei- 
bend" — wenn es, wie doch offenbar hier der Fall, in zeit- 
licher Ausdehnung gedacht ist. Räumlich zu verstehen ist 
es in den Bakchen des Philolaos Fr. 17: 6 xöofio^ elg ian, 
fjQ^axo dk ytyveoBm and xov fxiaov\elQxd ävco diä rcbv avröjv 
Toi^ xdxo). Hier wie dort bedeutet es — von der Verschieden- 
heit der Präposition abgesehen — nicht mehr als xatä ravrd 
{TCQd^ yäq r6 fjdaov xaxä ravrd iariv ixätega fährt Philolaos 
fort). Denselben Siim erfordert endlich auch, was überall 
und so auch hier bei Epicharm den Ausschl^ gibt, der 
Satzzusammenhang, in diesem Falle die Gegenüberstelltmg 
in V. 11 xßk äkXoi xal wv äUoi oder die wohlbekannte Formel 
oünox' h ravrc^ fxiveu So läßt selbst Epicharm noch unter der 
Parodie des Xenophanischen Gottes das Parmenideische 
Seiende erkennen; die Bestimmungen tavrrfr und dfioiov ver- 
raten nur zu deutlich, was als wahres Wesen hinter dieser Gött- 
lichkeit verborgen ist : die Logik. Auch der vierte Vers wird erst 
verständlich, wenn man den Gedanken seiner theologischenUm- 
deutung entkleidet hat. Dazu bedarf es freilich erst noch 
einer anderen Prozedur: der Sonderui^ dessen, was erst der 
Satiriker Epicharm hinzugetan hat. Man kann die Feinheit, die 
der Dichter in diesen Versen gesucht, die Fähigkeit erratenden 

^ xdlk auf deo( bezogen: za verstehen ist rä Beta; so steht bei 
Hippocr. de victu c. 7 (oben S. 58) xavta auf y>vxij bezogen, wo zu 
ergänzen ist xä jäS^ xfjq fpvxfjs» 



— 124 — 

Verständnisses, die er bei seinem Publikum vorausgesetzt 
hat, nicht gründlicher mißverstehen, als wenn man alles, 
was er sagt, im wörtlichen Verstände auf Xenophanes über- 
trägt und selbst das volkstümliche Chaos mit unter die Be- 
griffe eleatischer Theologie rechnet; kurz, wenn man den 
Gedanken in die Worte hineininterpretiert, das Chaos als 
der Anfang aller Dinge müsse selber ohne Anfang sein. Was 
das gebildete Publikum von Syrakus bei dieser Stelle als 
besonderen Reiz empfand, war gerade der Kontrast der 
volkstümlichen und der philosophischen Auffassung der 
Götter, war das MißverständHche und Komisch-Unwahr- 
scheinliche, das darin liegt, daß beide Unterredner mit voll- 
kommen inkommensurablen Vorstellungen gegeneinander 
reden und der I^ehrling schon nach ein paar bloßen Andeu- 
tungen über die paradoxe Wahrheit sich für überzeugt 
erklärt: „Dieses Wesen (die Götter) bleibt sich ewig gleich 
und ewig in demselben Zustande verharrend. — Aber man 
redet doch, das Chaos sei der Götter Anfang? — Wieso? 
Kann es doch weder von etwas anderem herkommen noch in 
ein anderes übergehen". Gälte der letzte Satz allein vom 
Chaos als dem Anfang aller Dinge, so wären die Worte 
i^ 8x1 TCQÖxov fwXoi ohne Sinn und Verstand. Es ist im 
Grunde vielmehr nicht der Volksglaube, worauf sie zielen, 
sondern der phüosophische, genauer Xenophanische Begriff 
vom Wesen Gottes, und was geleugnet wird, ist schlechthin 
jedes Werden und Vergehen, jeder Anfang in der 2feit und 
jedes Ende. In den Worten äjcd xlvo^ eXBov kann nur der 
Gedanke stecken: „Wie kann ein Seiendes von einem Nichts 
herkommen?" In den Worten i^ 8 ri nqaxov fjLÖXoi: „Wie 
kann ein Nichts zu einem Seienden werden". Also dasselbe, 
was der Doxograph der Pseudo-Plutarchischen Stromateis 
mit folgenden Worten ausdrückt (Xenoph. Fr. A 32) : el yäg 
yiyvoixo xomo, qyrjalv, ävayxdiov tzqo xo'&tov /Liij elvai * xo //i) Sv 
di oi>x äv yivoixo (ovo* äv xd fiij dv noirjoai xi) oüxb ino 
xov fjiii 8vxo^ yivoix' äv xi. Hier aber erhebt sich die ent- 
scheidende Frage : trifft diese Beweisführung denn auch nur auf 
die Gottheit zu? Ist nicht vielmehr die Gottheit selber nur 



— 126 — 

eine Benennung, eine Ausdeutur^ von etwas anderem ? Diese 
Analyse des Begriffes „Werden", seine Zerlegung in zwei zu- 
ständliche Momente, ein Vorher und ein Nachher, als in zwei 
unvereinbare Gegensätze, dieser Grundgedanke der Parme- 
nideischen Philosophie,, gehört er überhaupt noch unter die 
natürhchen, auch nur verständHchen Konsequenzen einer rein 
religiös gerichteten, pantheistischen Spekulation ? Und wenn 
der Philosoph bei Epicharm das Wesen, das er zu bestimmen 
sucht, von allen Dingen der Erfahrung trennt und abgrenzt 
durch die Einschränkung, die in den Worten liegt: x&vbi 
y &v a^ vöv &de Xfyo/jie^, äXX' äel xoS i}^ — ist eine so 
bewußte und gewollte Transzendenz des GöttHchen mit 
einem Weltgefühle vereinbar, das den immanenten Gott in 
allen Dingen regsam sieht? Und selbst gesetzt, das wäre 
denkbar: was aber soll die Gegenüberstellung dieses ewig 
sich gleich bleibenden Wesens mit der Welt fortwährenden 
Wechsels? Epicharm ist in der Tat unschätzbar; was sich 
sonst nur erschließen Heß, der ausgesprochene, zielbewußte 
Dualismus in der Weltanschautmg des Xenophanes, erhält 
durch ihn seine urkundliche Bestätigung. Ebenso wertvoll, 
als Bekräftigung der doxographischen ÜberHeferung, ist 
sein Zeugnis über die Xenophanische Dialektik; könnte nach 
der Tradition ja noch ein Zweifel an dieser so hartnäckig ge- 
leugneten Tatsache obwalten, so würde Ejricharm allein 
genügen, um auch seinen letzten Rest endgültig aus der Welt 
zu schaffen; oder wie wollte man es sonst erklären, daß die 
neue Kunst bereits bei ihm in ihrer schönsten Blüte steht? 



Bei der Frage, ob wir in Parmenides oder Xenophanes 
den originalen Kopf, den schöpferischen Geist, kurz den 
Entdecker eines neuen Reiches der Erkenntnis zu erbUcken 
haben, hat schließUch noch eine Erwägung ein Wort mitzu- 
reden, die sich nicht, wie die übrigen, auf Facta stützen kann. 



— 126 - 

der man vielleicht, weil sie atif dem Gefühle beruht, die 
Überzeugungskraft abstreiten wird, und die doch, für mich 
wenigstens, den Ausschlag gibt. Xenophanes war Dichter 
und Rhapsode; er besang die Gründung Kolophons und die 
Besiedelung Eleas in zweitausend Versen, machte Spott- 
gedichte, deren man in späterer Zeit zum mindesten fünf 
Bücher zählte, unter anderem auf Homer, Hesiod, Pytha- 
goras, Epimenides und andere Berühmtheiten, dazu besaß 
man von ihm eine Sammlung Elegien. Die Fragmente sind 
zwar im Verhältnis zum Verlorenen von verzweifelter Dürftig- 
keit, aber doch immerhin so zahlreich, daß sie eine wirklich 
tiefe, mächtige und reiche Geistigkeit, wenn eine solche in 
Xenophanes gesteckt hätte, auch heute noch zur Geltung 
bringen müßten. Trotzdem zeigen alle in merkwürdiger 
Übereinstimmung dieselben wenigen aber scharf ausge- 
prägten Züge, und diese Züge wiederum schHeßen sich zu 
einem durchaus einheitlichen Gesamtausdruck zusammen; 
es gibt wenig Überreste, die zur Analyse so herausforderten 
wie diese. 

Die erste, wohl vollständig erhaltene Elegie zeigt den 
Rhapsoden beim Symposion unter den Gästen eines großen 
Herren. Er hat die Ehre, nach der Mahlzeit die sanges- 
freudige Geselligkeit des Abends durch ein I/ied, das 
selbstverständUch nur ein neues I/ied sein durfte, zu er- 
öffnen^. Feierlich, mit einer stimmungsvollen Schilderung 
des schönen AugenbHcks, beginnt er, noch mit jedem Worte 
die Spannung auf das fönende erhöhend, um zum Schluß 
die Pointe, seine yvdifirjy um so wirkungsvoller und des Bei- 
falls um so sicherer herauszuheben : „So wäre denn der Estrich 
rein und aller Hände und Becher. Gewundene Kränze setzt 
ein Diener uns aufs Haupt, ein anderer reicht tms duftende 
Salbe dar in einer Schale. Köstlicher Freude voll steht in 
der Mitte der Mischkn^, und schon steht anderer Wein, der 
nimmer droht auszugehen, bereit in Krügen, lieblich und wie 
Blumen duftend. In unserer Mitte sendet der Weihrauch 

^ Daß solche Kröffnungsstrophen üblich waren, zeigt z. B. Ion, 
Fr. 2, Theognis v. 999. 



— 127 — 

heiligen Duft empor. Da gibt es kaltes, süßes und lauteres 
Wasser, blonde Brote liegen zur Hand, und vor uns steht 
ein reicher Tisch mit Käse und fettem Honig beladen. Rings 
mit Blumen geschmückt erhebt sich in der Mitte der Altar; 
das ganze Haus erfüllt Musik und Festesfreude." Aber so 
weihevoll sie ist, die Schilderung bereitet doch nur die Ge- 
danken, schonungslos gesagt die Schaustellung der eigenen 
Weisheit vor, auf die es dem Dichter ankoramt: „Da ge- 
ziemt es sich zuerst für rechtgesonnene Männer Gott zu lob- 
preisen mit gottesfürchtigem Rühmen und mit reinen 
Worten." Hätte der Dichter nur den Rat erteilen wollen, 
die SjÄude für die Götter, ohne die ein Symposion für den 
Griechen ganz undenkbar war, nur ja nicht etwa zu vergessen, 
so hätte er besser getan zu schweigen. Nur auf das Wie, nicht 
auf das Was kann sich sein Rat erstrecken. Aber was heißt 
„mit gottesfürchtigen Geschichten und reinen Worten", 
evq>rifioi4 fiiMoi^ Tcal xadagolai X6yoi4 ? Wer den Dichter kannte, 
kannte auch seine Rügelieder auf die Unvemtmft der Sage 
und des volkstümlichen Götterglaubens,| wußte, wie er über 
all jene Geschithten dachte, die man selbst im Gebet zu 
Preis und Ruhm des Gottes herzuzählen pflegte, und ver- 
stand worauf die Mahnung zielte. „Habt ihr aber gespendet 
und gebetet um die Kraft das Rechte tun zu können 
— denn die zu erbitten ist doch wohl das Wichtigere — 
dann soll's keine Sünde sein, zu trinken, so viel einer verträgt, 
will er noch ohne Dieners Hilfe sich nach Hause finden, 
wenn er nicht ganz altersschwach ist." Wiederum müssen 
wir den Gedanken erst von seinem Hintergrunde abheben, 
um ihn zu verstehen. Freilich wie die übliche Formel eines 
Tischgebets zu lauten hatte, weiß ich nicht zu sagen, aber 
mag sie nun, was immerhin recht wahrscheinlich ist, in ihrer 
Schlußwendung dem Gebete des Ion an Dionysos geglichen 
haben: xal rä dlxawL (pQoveiv^, oder mag ihr Text ein anderer 
gewesen sein, auf jeden Fall war es nichts Übliches, Ge- 
wohntes, was Xenophanes von den Göttern zu erbitten 



* Jedenfalls formelhaft: Hipparch, Fr. 1 <neixe öbtaw, <pQov&v. 



— 128 — 

mahnt: rä dlxaia divaoOai ngijaaeiv. Mit anderen Worten : 
wenn der Mensch auch noch so sehr das Gerechte denkt 
und will, es zu vollbringen ist doch nicht in seine Macht 
gegeben; er bedarf dazu der göttlichen Hilfe. FreiUch wird 
sich diese Hilfe nicht durch innere, seelische Erhebung an- 
zeigen — das zu erwarten wäre christUch — sondern durch 
die Überwindung der vielfältigen Fährlichkeiten des Lebens, 
durch den Segen und das Gedeihen, das eines Menschen Tun 
begleitet. Immer noch ist es äQetrj im alten Sinne' des 
Worts, um was auch Xenophanes die Götter bittet, aber 
ägeti] im alten Sinne nun nicht mehr als Selbstzweck, 
sondern als Mittel um die ägerij im neuen und sublimeren 
Sinne zu erreichen, um zum äyaßÖQ, oder noch ethischer aus- 
gedrückt, zum dixato^ zu werden. Was ist dgerij? %alqEiv re 
xaXoiai xal ö'ovaaBai war die Antwort, die ein leider durch die 
Überlieferung nicht genannter aber sicher sehr berühmter 
Dichter desselben Zeitalters, wahrscheinhch Simonides, ge- 
geben hatte ^. Die Gesinnung, das xalqeiv xakolai, ist wohl 
Vorbedingung, soll das Ideal erreicht werden, doch ohne 
den Erfolg, die Macht, die &6va/ju^, die von den Göttern 
abhängt, ist das Streben auch des besten Mannes umsonst. 
Der Begriff des äyadö^ war zum Problem geworden ; das besagt : 
die tonaiigebende Gesellschaft hatte an der Begrenzung, 
Nüancierung, Steigerung und fast Entrückung ihres Ideales 
mit derselben schöpferischen Energie gearbeitet wie beispiels- 
weise das Zeitalter der Renaissance, der Macchiavells und 
Castigliones, am Begriffe des Fürsten und des Höflings, die 
gesellschaftHche Kultur Frankreichs im siebzehnten Jahr- 
hundert am Begriffe der Größe (das Ideal grandeur geschaffen 
durch Potenzierung und Sublimierung der Standeseigen- 
schaften des grands), das ästhetisch-literarische achtzehnte 
Jahrhundert am Begriffe des „Genies" — um gleich durch 
Häufung sehr verschiedener Typen zu verhüten, daß man 
etwas Fremdes in das Griechentum hineintrage, vor allem 



1 Das Fragment in Piatos Meno 77a; Bergk, lyjrrid Graed. Fragm. 
adesp. 130. 



— 129 — 

aber um jede christlich-moralisierende Perspektive auszu- 
schließen. Fragen, wie die über die Möglichkeit der ä^TJ, 
über die Umstände und Bedii^ungen, unter denen der äv^g 
äyaßö^ als Ausnahme und Glücksfall durch der Götter Gunst 
zustande kommt, bedurften, um emporzuschießen, eines 
langher und soigfältig vorbereiteten kulturellen Bodens; es 
sind Standesfragen, freilich „ethische" Probleme, aber 
dennoch in ganz anderer Richtung weisend als dorthin, wo 
alles sich in Gut und Böse scheidet, ethisch nur für eine 
Gesellschaft, die das, was ihr Ansporn ist und was sie bindet, 
ihre „Moral" mit allen Pflichten und Rechten, die sie mit sich 
bringt, als ihr ausschließliches Privileg betrachtet; womit 
nicht geleugnet werden soll, daß dasselbe Ideal sehr wohl 
zugleich seine begeistertsten Wortführer und erhabensten 
Verklärer und Verherrlicher bei solchen finden konnte, die 
nicht selber, wenigstens doch nicht ganz als voll, in jener 
Gesellschaft mitzählten, die sich wohl danach dräi^en 
mochten, in jener I^uft auch nur zu atmen, bei den Ver- 
schönerem des I/cbens, den Dichtem und bildenden Künstlern. 
Die wertvollste weil ziemlich einzige umfangreichere 
Probe solcher moralistischeu aber durchaus nicht etwa in 
unserem Sinne moralischen Betrachttmgen ist das Skolion 
des Simonides an Skopas, für uns um so wichtiger, als sein 
Grundgedanke nut dem Gedanken des Xenophanischen Ge- 
bets, wie wir ihn glaubten verstehen zu müssen, auf das 
Genauste übereinstimmt, somit den Beweis erbringt, daß 
dieser Gedanke, so überraschend neu und seltsam er auch auf 
den ersten Blick erscheinen mochte, doch nur eine der vielerlei 
Ideen widerspiegelt, die für jene Zeit der vorsophistischen 
Aufklärung kennzeichnend sind: „Schwer ist es, nach dem 
Worte des Pittakos, ein wahrer äyaOÖQ zu werden, Tugenden 
des Körpers und des Geistes müssen zusammentreffen, die 
sich selten genug beieinander finden — und doch sagte ich 
noch viel zu wenig, wenn ich mit Pittakos es nur für schwer 
hielt, ein iaOXö^ zu werden: nur ein Gott allein könnte 
so hohe Ehre gewinnen, aber ein Mensch kann gar nicht 
anders als xaxö^ sein, wenn ihn hoffnungsloses Unglück über- 
Reinhardt, Pannenides. " 9 



— 130 — 

wältigt. So schwankt sein Wert mit seinem Schicksal, er- 
geht es ihm gut, so ist er.dyaOo^, ergeht es ihm schlecht, so 
ist er xaxöc, am höchsten aber steigen immer noch die I^ieb- 
linge der Götter. Darum will ich es aufgeben, das Unmögliche 
zu verlangen, einen Menschen ohne jeden Tadel, auch nur 
einen einzigen unter allen, die wir der weiten Erde Frucht 
genießen; jeden will ich gut heißen, der nur mit Willen keine 
Schande auf sich lädt, denn gegen die Not vermögen selbst 
die Götter nicht zu kämpfen." Damit ist die Standestugend 
ein für alle mal über den Stand hinausgehoben in eine Höhe, 
die sie dem Menschen unerreichbar macht: der Mensch hat 
nicht die Kraft, ein äyadoi^ zu werden, wenn es den Göttern 
nicht gefällt, und deren Gunst wird keinem so zuteil, daß er 
sich rühmen dürfte, dauernd im Besitze der äget'/j zu sein. 
Das I/ob des guten Willens ist, so gern wir darin eine neue, 
höhere Forderung erblicken möchten, in des Dichters Augen 
doch nur ein Verzicht: der Wille, die Gesinnung reicht 
nicht aus, dem Menschen seinen Wert zu geben, aber der 
Dichter will trotz allem sich an ihnen genügen lassen^. 
Deutlich spiegelt sich in dieser Überlegung das vielfältige 
Nebeneinander widerstrebender Begriffe, die sich mit der 



1 Das Verständnis des Simonideischen Gedichts verdankt man 
Wilamowitz, Sappho und Simonides, S. 159ff. Nur an den Hintersinn 
imd die geheime Brechimg des Gedankens, die er annimmt, kann ich 
nicht glauben, sondern verstehe das Gedicht, wie ich auch Theognis 
V. 384ff. verstehe: 

ijLUirig d'oXßov Sxovoiv djiijfjiova • rot d*ä7i6 öedd/p 

iQycov laxovrai dvfjLÖv, SjuLcog Ttevlrf» 
/ifftdQ* äfirixovlriQ SXaßov, rä ölxfua (pdevvreg, 

rj x*dvÖQCüv Tiagäyei dv/uidv ig äfutkaxlrpf, 
ßMjvTova* iv ar^Seaai q>Qivag XQoteQfjg vn* dvdyxrjg • 

xoX/x^ d* <yöx idiXcüv alaxea noXlä fpiQsiv, 
XQriofwovvij ehccov, Ij dij xaxä TtoXka öidäaxei, 

y>e-öÖ6d X* iSanäxag x* aöXofjLdvag t' igiöag, 
ävöqa xal ovx idiXovta - xaxdv öd ol aödh Soixev • 
1} yäg xal xo^en^ xbctei äfjLtjxavlipf, 
Audi was Simonides dem Skopas vorträgt, sind Gedanken seiner 
„ZeiV\ d. h. es stehen die geistigen Interessen imd Werturteile einer 
Gesellschaft hinter ihm. 



— 131 — 

Zeit in einem und demselben Worte äyaOöc vereinigt hatten. 
Um es schematisch auszudrückep, hatte dies Wort schon 
damals eine doppelte Verwandlung durchgemacht: es war 
zuerst von der Bedeutung eines allgemeinen Wertbegriffs 
zum Namen eines Standes avanciert und war dann zweitens, 
als der Inbegriff der Standestugenden, zu einem Typus, einer 
scharf umrissenen Idealgestalt geworden, ohne doch daß es 
seine Vorstufen hätte verleugnen, noch die Variierung und 
fortschreitende Moralisierung des allgemeinen Wertbegriffes 
hätte verhindern oder aufhalten können. Daraus mußten 
sich Konflikte und Probleme mannigfacher Art ergeben; 
es m^ nicht zu den Seltenheiten gehört haben, daß ein aner- 
kannter äyaOö^, um seine anerkannte ägerij zu retten, sich 
zu einer Handlung hingerissen sah, die anerkanntermaßen ein 
alaxQov war. Ein Problem aus dieser Sphäre ist es, worüber 
Simonides philosophiert. Was uns sein Skolion wichtig macht, 
ist, daß er dabei denselben Standpunkt einnimmt, von dem 
aus Xenophanes in seiner Elegie das altgeheiligte Gebet zu 
reformieren vorschlägt. Für beide ist die Abhängigkeit des 
sittlichen Menschen von den Umständen, dem Willen der 
Götter, eine Tatsache, die keinem Zweifel unterliegt. Aber 
während der eine ein vollständiges Gedicht dazu benötigt hat, 
um seine Gedanken darüber klarzulegen, hat der andere seine 
yvco/MT), nur dem Wissenden verständlich, in nur einen ein- 
zigen Vers hineingeheimnißt : offenbar doch, weil er sich auf 
frühere, ausführlichere Auseinandersetzungen beziehen konnte 
und beziehen wollte. Welcher Art diese Betrachtungen 
waren, bleibt uns unbekannt, nur soviel läßt sich sagen, daß 
der Gedanke, am Gebet Kritik zu üben, jedenfalls der 
Zeit nicht allzu fem lag. Unter den Theognideen steht der 
Spruch (V. 129) : 

Mijr^ äqexiiv eüxov^ IIoXvTtatdrjy i^oxoC elvai 
/btrjr' ä<pevo^' /btovvov d' ävdgl ydvoiro x'öxfj^ 



1 Der Sinn ist: Wenn mir nur die x'öx^ zu teü wird, für ägeiij und 
dXßog will ich dann schon selber sorgen. Was diesem Gedanken mit 
dem Xenophanischen Gebet wie mit dem Skolion des Simonides 
gemeinsam ist, das ist die Abgrenzung der göttlichen Einflußsphäre 



— 132 — 

Es läßt sich nicht bezweifeln, daß der Dichter dieses 
Distichons sich gegen die bekannte Formel wendet: didov 
d' ägev^v re xal SXßov (Homer. Hymn. 15. 20 am Ende). Alles 
in allem werden wir daher den Xenophanischen Vers, der 
über das Beten handelt, wohl nicht anders aufzufassen haben 
als den unmittelbar vorangegangenen: evq)'^fwi^ /i'ödoi^ xal 
xaOoQolai Xöyoi^: d. h. als leicht verhüllte Andeutung und Probe 
derselben aotpia, deren der Dichter sich auch öffentlich und 
unverblümt gerühmt hat (vgl. Fr. 2). — Vers 19 ff.: „Loben 
aber soll man den, der beim Trünke ernste und edle Proben 
ablegt, wie es ihm voit seiner fivrjfwavvri und mit seinem rövo^^ 
seinem Liederschätze wie mit seiner „Weise", einzig um die 
ägerrj zu tun ist, nicht die Kämpfe der Titanen und der 
Giganten zu besingen noch der Kentauren — Märchen der 
Vorzeit — noch die ungestümen Zwiste — Gegenstände, bei 
denen weder Nutz noch Frommen ist, sondern die Götter allzeit 
in gutem Gedenken zu behalten."^ Was bisher noch einiger- 
maßen tmbestimmt gelassen und hinter Andeutungen zurück- 
gehalten war, drängt jetzt zu voller DeutHchkeit hervor, 
und was heraustritt, was zum Vorschein kommt — ist der 
Rhapsode. Daß die hohen Herren selber sich zum Zeit- 
vertreib Gigantomachien und Titanomachien vorgetragen 

gegenüber der menschlichen: die Götter wirken nur von außen, 
durch die Tt5/iy, an das Innere dringen sie nicht heran, das büdet 
einen besonderen, imabhängigen Paktor in der Rechnung dieses 
I^bens, einen Paktor allerdings, der, tun in Wirksamkeit zu treten, 
unbedingt der äußeren Gunst bedarf, als einer Vorbedingung, ohne 
die das rilog ebenso unerreichbar ist wie ohne die inneren Quali- 
täten durch die bloße n^XH- lu der Theognissammlung kehrt dieser 
Gedanke häufig wieder imd auch Ion steht in seinem Banne, wenn 
er in seinem xQiay/jtög den Satz aufstellt (Fr. B 1, Diels) : ivdg ixdcrtov 
dger^ rgtäg * awiaig xal XQdvog xal tf^x^» 

^ Ich fasse die Infinitive öiinw» und ixeiv als epexegetische oder 
als Infinitive im finalen Sinn; sie geben den Inhalt imd die Richtung 
der /ivfjfwaihfrj und des rdiioc an. Beispiele siehe bei Bruhn, Anhang 
zu Sophokles § 126 f., Stahl, Syntax des griech. Verbums S. 601. 
Am Schluß ist dyadi^ überliefert, dyaBöv erst von Hermann herge- 
stellt, doch ohne daß ein guter Gedanke noch ein guter Satz zu- 
stande käme. 



— 188 — 

hätten, dieser Gedanke lohnt im Ernste doch wohl nicht 
die Widerlegung, vielmehr kann der Hieb, den die letzten 
Verse erteilen, nur einem Konkurrenten vom Metier ge- 
golten haben. „I/iterarische" Polemik innerhalb der Gelage- 
poesie war ja nichts Neues mehr; bei Athenaeus stehen mit 
demselben Xenophanischen Gedicht zusammen überliefert 
ein paar Verse des Anakreon, die schon genau dasselbe bieten 
(Fr. 94 B*) : 

ov ipdioD S^ xgtjTfjgi TtaQO, TtXdo) olvonordCcov 
velxea xai nöXe/Jov daxQvöevra i^yfj, 

äXk' Smi^ Movoioiv re xal äyXaa d&q ^AcpQodlxric 
avfjLfjilaymv ioaxf]^ fJLvrjaexai ev(pQooivr]^. 
Wie Anakreon für seine eigene Movaa TzcuötHrj den Vorrang 
vor dem Kriegslied fordert, so empfiehlt, nur in etwas ge- 
wundeneren Ausdrücken, in Wahrheit auch Xenophanes nur 
seine eigene Poesie. Oder sollen wir glauben, daß er allen 
Ernstes die Zechgesellschaft, die ihn geladen hatte, hätte auf- 
fordern dürfen, ihm zu I/iebe auf die altgewohnten Unter- 
haltungen zu verzichten, um von nun an nur noch Xenopha- 
nische Gespräche, Lieder und Epen unter sich zu dulden? 
Er gibt vielmehr ganz einfach eine Probe seiner Kunst, die 
ihm in eins zusammenfällt mit seiner „trefflichen" aocpia. 
Was Anakreon durch ov (piXiw ausdrückt, das und nichts 
anderes bedeutet bei Xenophanes der Vers: ävdqayv d' alvelv 
rovror, 8^ iadlä nvüyv ävaqxuvjj, denn jeder mußte spüren, daß zu 
denen, die so edle Proben einer ernsten Muse an den Tag 
legen, zu allererst der Dichter selber zu gehören beanspruche. 
Von hier aus läßt sich erst der folgende Vers verstehen : diese 
fivr]fio(r6vi] ist nichts anderes als das Repertoire des fahrenden 
Sängers, ist dieselbe Mvrjfjtvo'övri, die personifiziert zur Mutter 
der Musen geworden ist; und unter rövo^ ist der musikalische 
Teil des Vortrags zu verstehen, gemäß den Wendimgen iv 
tQi/i>hQco rövo), iv i^afihga) rönp (Herodot I 47. 174. V 60) 
oder auch (worauf Diels hinweist) gemäß dem Pseudo- 
Hippokrates de victu 1 8: ijv di /jl^ v6xn rf}^ ägfwvla^ . . jtä^ 
6 rövo^ fjLÖxavo^, Das Gedicht an sich ist weder neu noch 
eigenartig, was es einzig in seiner. Art macht, ist allein der 



— 134 — 

Anspruch des Rhapsoden auf eine aocpia, die das gerade 
Gegenteil von dem war, was man seinem Stande nach von 
ihm erwartet hätte. 

Daß wir in der Tat dem Dichter ganz und gar kein Un- 
recht tun, bei seiner Interpretation auch seine äußeren Um- 
stände, Beruf und Rang nicht zu vergessen, diese Gewißheit 
nehmen wir vor allem aus der zweiten Elegie, die hinsicht- 
lich der Deutlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig läßt. 
Zeigte ihn uns die erste in Konkurrenz mit seinesgleichen, so 
erblicken wir ihn in der zweiten, wie er, auf weit höherer 
Warte stehend, die Berühmtheiten des Tages, die Athleten 
in die Schranken fordert: 

ravrd xe ndvxa Xdxoi 

ovx €(bv ä^iog äansQ eyd)' gcb/birj^ yäg äfjLslviov 
ävÖQcbv rjS' IjtJtcov i^jLtsriQTj aocpcrj. 

dXX' eixfj jbidXa xovxo vo/btlC^aiy ovde dlxaiov 
nqoxqlveiv gcb/bLTjv rfj^ äyaO^^ axxpiri^. 
Man wird sich, zumal wenn man das Ganze liest, des 
Eindrucks kaum erwehren können, daß der Dichter selber 
sich in Szene setze. Daß ein guter Staatsmann oder Denker 
über einen Athleten gehe, war gewiß für die wahrhaft 
führenden, vornehmen Geister jener Zeit nichts Neues mehr, 
aber um ihrer eigenen Weisheit willen auch die gleichen 
Ehrungen und Sportein wie für die Athleten für sich selber 
zu verlangen, wäre ihnen schwerlich in den Sinn gekommen, 
denn sich um den Vorrang streiten heißt nicht sich erheben, 
sondern sich gleichstellen und unterordnen. In dem An- 
spruch des Xenophanes verrät sich der Rhapsode von Beruf, 
der aufzutreten, sich bekannt zu machen und nicht anders 
als der Ringer und Faustkämpfer von Fest zu Fest, von 
Agon zu Agon zu ziehen gewohnt war, und es nicht ver- 
winden konnte, bei all seiner Weisheit doch an Rang und 
Schätzung so tief unter den gefeierten Athleten stehen zu 
müssen. Ja diese Elegie ist selber solch ein Auftreten mxd sich 
Verkünden, schwerlich mehr ein I^ied für ein Symposion, 
noch viel weniger das heimliche Bekenntnis einer über- 
vollen Seele, sondern ein öffentlicher Vortrag, Vorgänger der 



— 185 — 

späteren Sophistenschaustellungen, wer weiß« am Ende gar 
an einem derselben Ägone gehalten, die dem Sänger wie dem 
Athleten seine Triumphe brachten? 

Die Behauptung der eigenen Würde und damit verbunden 
die abschätzigen Seitenblicke auf die Ehre der andern müssen 
in der Tat recht wesentliche Züge dieser heftigen Persönlichkeit 
gewesen sein. Es kann kaum Zufall sein, daß auch in Frag- 
ment 6, einem gereizten Ausfall gegen einen Zunftgenossen, 
wiederum Ruhm, I/>hn und Ehre ihre Rolle spielen (nachDiels) : 
,,Du sandtest die Keule eines Böckchens und erhieltest dafür 
den fetten Schenkel eines Mastochsen, wie sich das als Preis für 
einen Mann gebührt, dessen Ruhm über ganz Hellas reichen 
und nimmer verklingen wird, solange nur das Geschlecht der 
hellenischen Lieder am lieben bleibt." Und zu diesem Tone 
stimmt es wiederum, wie er in Fr. 8, kraft seines allerdings 
unglaubHchen Alters, als der Nestor von ganz Hellas auftritt, 
wie er den Beruf des Mahners in sich fühlt, weil er die alte 
ionische Üppigkeit, die zum abschreckenden Exempel ge- 
worden war^, noch selbst mit eigenen Augen gesehen und ihre 
Folgen erlebt hat (Fr. 3). Ein naiver Altersstolz, zugleich 
auch wieder das Vordrängen der eigenen Person, spricht 
auch aus Fr. 22: „Solch Gespräch ziemt sich beim Feuer 
zur Winterszeit, wenn man auf weichem Lager daliegt, wohl- 
gesättigt, süßen Wein trinkt und Kichern dazu knuspert: 
Wer und woher bist du der Männer ? Wieviel Jahre zählst 
du, Bester? Wie alt warst du, als der Meder kam?" Auch 
dieses Bruchstück ist, obwohl den Sillen zugehörig, doch 
wieder nur eine Selbstvorstellung wie die erste Elegie, wie 
diese beim Gelage vorgetragen, nur daß diesmal an die 
Stelle des Gesangs zur Flötenbegleitung bloße .Rezitation 
getreten ist. Übereinstimmend beginnen beide Stücke mit 
derselben, offenbar konventionellen Ausmalung der Situation, 
der köstlichen Behaglichkeit, welche die Zecher umfängt, 
beide Male ergibt sich, scheinbar aus der Situation, eine Auf- 



^ Theognis v. 603; 1103: T^^^ xal Mdyprjragdjtio^ae xal KoXty 



— 136 — 

f orderung an die Versammelten, die Eingangsworte der Parodie 
Tzäg Ttvgl XQ^ roimka Xiyeiv entsprechen der Mahnung in 
der Elegie: XQ^ ^^ nqunov fjiev dedv vfiveiv, beide Male be- 
deutet das nicht mehr als eine Form^: so wenig Xenophanes 
erwarten durfte, seine theologischen Reformpläne bei einem 
Symposion durchgeführt zu sehen, so wenig konnte und wollte 
er nach seinem Alter so befrs^ werden, wie das Gedicht es 
schildert. Die Wahrheit war, daß er von seinen Erfahrungen 
zu reden wünschte; dazu führt er ein Gespräch ein, und mit 
der homerischen Wendung r(^ nöOev el^ ävdq&v bringt er 
sich selber in die I^age, wie ein homerischer Held von seiner 
Vergangenheit erzählen zu müssen. Die Verknüpfung des 
Lehrhaften mit der Situation ist beide Male nur zum Schein, 
in Wahrheit war das Lehrhafte das Frühere, an sich Gegebene, 
das es galt als neuen Stoff des Vortrs^s für den Gebrauch 
in der Gelg^epoesie zurechtzumachen. 

Man wird gut tun, will man für die Beurteilui^ sowohl der 
Persönlichkeit wie ihrer Kunst den rechten Standpunkt 
finden, sich des klassischen Rhapsoden-Typus zu erinnern, 
der sich im Platonischen Ion darstellt. Denn wenn es sicher- 
lich auch verkehrt wäre, die Zustände einer um so viel späteren 
Zeit ganz ohne Abstrich auf die ältere zu übertragen, so er- 
öffnet doch der Platonische Ion wenigstens die Möglich- 
keit, den seltsamen Sophist-Rhapsoden in ein helleres, 
schärferes, auch kälteres Licht zu rücken als den weichen, 
idealischen, verschwommenen Glanz, womit die Philosophie- 
geschichte ihn umhüllt hat. Auch Ion, der Rhapsode 
und vnoxQixifi^y hat neben seinem Künstlerehrgeiz noch ein 
anderes, höheres Streben, er will nicht nur darstellen 
und mimen^ sondern auch die Weisheit seines Dichters 
zu Gehör bringen; er rhapsodiert nicht nur, er hält auch 
für ein Publikum, das nach mehr Witz und Salz und Neuigkeit 

^ Daß solche Aufforderungen zum allgemeinen Pormbestande des 
Tischlieds gehörten, das zu zeigen mag hier nur eiu Beispiel stehen für 
viele, Phokylides Fr. 9: 

Xgii ftiv av/ÄJtoaiq^ hvUkküv TteQiviaao/Aevdcov 
ifiia HcmiXkuvra xaMiiJLepw otvoTtatdietv, 



— 187 — 

verlangt, ganz nach der Art der fahrenden Sophisten Vorträge 
erbatilichen und allegorischen Inhalts, freilich diese auch nur 
wieder zur ^klärus^ seines Dichters (S. 530 C) : xal olfioi 
xaXkuna dvOQd>7W}v Xiyeiv negl 'OfiiJQOv, &^ oihe MtjTQÖdcDQog 
6 Aafitpaxfivdg oOte Zxrjalfxßqoxo^ 6 Odovo^ oike rXavxcDv oike 
ä}lo^ ovdel^ x(üv 7id>7ioxB yevojiidvcov iaxei> elTcelv oiko) TzoXXä^ 
xal xaldg duxvola^ negl ^O/iiJQov 8oa^ iy<b. Aber er berührt 
sich doch darin ersichtlich mit den Ambitionen eines 
Hippias, nur daß dessen Repertoire weit reicher und um- 
fassender ist und außer den Homervorträgen Prosareden 
aller Art imd über alle möglichen Künste und Wissen- 
schaften umfaßt, dazu an Poesie Tragödien, Epen und 
Dithyramben. Und wie das Handwerk des Rhapsoden 
wesentlich durch die Bedürfnisse der Feste gehalten und 
gestützt wird, so steht die gesamte Tätigkeit des Hippias, 
wie sie Plato schildert, in so naher, unverkennbarer Bezie- 
hung zu den Feiern in Olympia, daß der- Schluß fast unab- 
weisbar ist, auch Hippias sei von Haus aus nicht wie Gorgias 
Lehrer der Beredsamkeit noch Jugenderzieher gewesen, 
sondern Festredner imd Vortragskünstler. Zwischen dem 
Novellenerzähler, dem Rhapsoden und Sophisten dieses 
Schlages gibt es Unterschiede nur des Grades, nicht der 
Gattung. 

Freilich ist mit dieser Erkenntnis, was Xenophanes be- 
trifft, noch nicht viel gewonnen, solange es nicht gelingt, 
die fünfzig, sechzig Jahre Zwischenzeit, die ihn von der 
Sophistik trennen, zu überbrücken. Und es reden in der 
Tat noch Überlieferungen sehr viel älterer Zeit zu uns: die 
Anekdote und die Komödie Epicharms. Ms^ es immerhin 
nicht viel Wert haben, was man sich von der Armut des 
Xenophanes erzählte, die so groß gewesen sei, daß seine Söhne 
ihn mit eigenen Händen hätten begraben müssen, so erweckt 
doch folgende bei Plutarch überlieferte Geschichte einen 
sehr viel vorteilhafteren Eindruck (reg. apophth. S. 175 C) : 
ngog di Sevo(pdvr]v xov KoXotpwvvov elnövxa fiöXi^ olxha^ &6o 
xgiipeiv'^dXX' "OfxriQo^ elTtev (Hiero), *5v ai> dtaavgsi^, JtXeiova^ ij 
fAvqlov^ xqicpei x^vrjxw^.^ Xenophanes stellt seinem hohen 



— 138 — 

Gönner vor, daß seine Gage zu gering sei, da sie ihm kaum 
zwei Sklaven zu halten erlaube ; Hiero antwortet : „Und dabei 
spottest du über Homer, der doch nach seinem Tode noch un- 
zählige ernährt?*' NämUch das ganze Rhapsodenvolk mit 
allem, was darum und daran hängt. Die Anekdote ist für 
Xenophanes durchaus nicht schmeichelhaft, und eben darum 
hat sie ihren Weit. Und zu der Anekdote stimmt durchaus, 
was sich aus Epicharms Philosophenkomödie über Rang und 
Stand der Xenophaneer erraten läßt (Diels Fr. 2): 6 yäg 
Xaßcbv ndXai xo xq^oq vvv ovx 6<pelXec ysyovox, hegoQ' 6 di 
xXrjdel^ enl delnvov ä^ße^ äxXrjro^ rjxei nj/jisgov ' äXXoQ ydg icni, 
— xal ixcofjupörjaev avro im rov ojtaaovfjiivov avfißoXä^ xal 
äqvovfiivov rov avrov elvai dia ro rä /üisv JtQoayeyevfjaOaiy rä de 
äjteXTjXvOivai, enel de 6 äjtaacov ervTtxriaev avrov xal evexaXelrOy 
ndkiv xaxeivov cpdaxovro^ hegov fiev elvai rov rervTrvrjxöra, iregov 
de rov eyxaXov/bievov, Hier ist der Philosoph nur allzu deutlich als 
der tiefer Stehende,,sozial Verschiedene, mit seinem Erwerb auf 
Gönner Angewiesene charakterisiert, als einer, dessen Kunst 
nach Brot geht. In seinerVerlegenheit, da er die aufgenommene 
Schuld dem Gläubiger nicht zurückerstatten kaim, verfällt 
er auf den verzweifelten Ausweg, seine Kunst und Weisheit 
auch für dies Geschäft nutzbar zu machen; er erklärt dem 
andern, daß er die Schuld nicht zu bezahlen brauche, weil er 
bei dem ewigen Wechsel alles Irdischen inzwischen längst ein 
anderer geworden sei. Zu unserer Überraschung geht der 
Gönner darauf ein, er scheint aufs tiefste überzeugt von der 
erhabenen Weisheit, aber nun erst ergeht es dem armen 
Teufel schlimm: der Gläubiger hatte ihn zum Abendessen 
eingeladen — für den Philosophen offenbar, bei seinen 
mageren Umständen, keine geringe Sache — aber da er jetzt 
nicht mehr derselbe ist wie ehedem, muß er mit Schimpf 
tmd Schande, als ein „Ungeladener" abziehen, ja selbst 
Schläge bleiben ihm nicht erspart, und als er sich beschweren 
will, muß er zu seiner Betrübnis erfahren, daß sein Beleidiger 
in dem Augenblick, da er sich über ihn beschwert, ein anderer 
ist, als der ihn schlug. Hat man erkannt (was zu beweisen 
hier nicht der Ort ist) bis zu welchem Grade die Komödie 



— 139 — 

Epicharms sich nach dem Gcschmacke, den Formen und 
Wertschätzungen einer vornehmen Gesellschaft richtet, welche 
Klasse, um nur ein Beispiel herauszugreifen, an dem so teil- 
nahmvoll geschilderten armen Parasiten, der zum Schaden 
noch den Spott zu tragen hat, ihren besonderen Gefallen 
finden mußte, so kann man sich, was den Charakter des ge- 
prellten Philosophen anbetrifft, nicht länger mehr der Täu- 
schung hingeben^. Es ist zwar der Komödie unbenommen, 
alles, wie es ihr gefällt, ins Maßlose zu übertreiben, aber sie 
bedarf dazu des Anhaltes, sie kann, bei aller Freiheit, des 
Verständnisses und Einverständnisses bei ihrem Publikum 
nicht entraten. Hätte Epicharm die großen, vornehmen 
Gestalten eines Heraküt oder Parmenides auf seiner Bühne 
karikieren wollen, Männer königlichen Geblüts oder berufen 
ihrer Vaterstadt Verfassung und Gesetz zu geben, so hätte 
er sich nach sehr anderen Zügen und Erfindungen umsehen 
müssen — wenn man ihm das Handwerk nicht gelegt hätte. 
Man wende nicht dagegen ein, dem philosophisch ange- 
hauchten Dichter sei es nur um das Gedankliche zu tun ge- 
wesen: Epicharms Komödie ist so gut wie jede wahrhafte 
Komödie noch viel mehr auf die Charakterschilderung ge- 
stellt als auf die Handlung; ja es gibt Anzeichen genug, daß 
häufig nur die Handlung der Charakterschilderung zum Vor- 
wand diente; eine Person der Bühne aber, die ihre Schulden 
nicht bezahlen kann, die bei der Gasterei leer ausgeht, die 
geohrfeigt wird, ist sattsam schon durch diese Geschehnisse 
gekennzeichnet. So stellt sich uns Xenophanes auch in der 
Karikatur als Novum dar, als homo novus in der vornehmen 
Gesellschaft älterer Philosophen. Und dies ist das Neue an 
ihm: er hat ein Publikum, für das er philosophiert, und für 
dies Publikum zu philosophieren ist im eigentHchsten Sinne 
sein Beruf. 

Die aocpia, auf die seit Alters jeder Movacov Oeqdmüv und 



^ Zu Grunde liegt das Schwankmotiv des durch die eigene Kunst 
geprellten Lehrers wie in der Geschichte von Korax und Tisias und 
doch wohl auch in Aristophanes Wolken. 



— 140 — 

so auch der Rhapsode seinen Anspruch hatte ^, hat sich bei 
Xenophanes mit einem neuen Inhalte erfüllt, und dieser 
Inhalt überrascht durch seine Mannigfaltigkeit : Politik, Ethik, 
Theologie, Naturphilosophie, beinahe alle Fächer, die ein 
halbes Jahrhundert später die Sophistik umfaßt, finden 
sich in ihr vorgebildet. Trotzdem ist diese aoq)la nach wie 
vor nur das Rhapsodentum des Dichters, sie geht auf in 
seiner Kunst, sie ruht nicht auf dem Grunde eines tiefen 
Geistes als verborgener Schatz, der nur im Widerschiminer 
der Dichtung sich erbHcken und erraten ließe, nicht der 
Philosoph greift, um zu philosophieren, zum Rhapsoden- 
handwerk, sondern der Rhapsode greift, um auf eine gana^ 
neue Art zu rhapsodieren, zur Philosophie. Das Vortragen 
und Schauspielern schafft kein Genügen mehr, der Künstler 
strebt nach Höherem, er stellt sich in den Dienst der zeit- 
bewegenden Ideen, er wird zum Prediger der Nützlichkeit 
und der Vernunft. Durch seine nützliche und tüchtige 
Weisheit, deren Erfolg die evvo/jUa ist, erhebt er sich hoch 
über die gefeierten Athleten, die der Stadt nichts einbringen, 
und höher noch über die Zunftgenossen, deren Kunst durch 
ihre sagenhaften Stoffe nicht nur unnütz, sondern auch der 
evvo/btia schädlich ist. Es ist kein innerHches, gemütstiefes 
Erlebnis, wie bei Aischylos, kein Ringen um eine sittliche 
•Weltanschauung, was ihn zur Kritik der M3rthologie geführt 
hat — über solche Skrupel war der jonische Vortrg^skünstler, 
dem die Sage nur noch Stoff war, längst hinaus — auch ist 
es nicht eigentlich die sittliche Entrüstung, sondern das 
Emporstreben des Intellekts, die Einsicht in die Unwahrheit 
und Schädlichkeit der Göttersage, die sehr einfache Rechnung : 
Sage ist überwundener Standpunkt, nXda/jiaza xmv ngorigcovy 
xol^ oidev xqrjcxov Iveari, sie ist widersinnig, aller Vemtmft 
hohnsprechend, um nichts besser als die Phantasien eines 
Ochsen oder Esels, darum fort rait ihr. Und was für die 



^ Theognis v. 769: X^ij Movaicov OeQänovza xai äyyelov, et xi 
nsQiaadv döeiri, aoq>ltjg fjt/ii (pBweqdv xeXiOeiv, — Selon etq iavxöv v. 51 
"AHog 'OXv/iTuddcoP Movaiwv ndga öm^a dtöaxOeig IjiAeQx^g ooipCrig 
fiitQcv imard/jiepog. 



— 141 — 

Sage gilt, gilt für die Religion des Volks und was damit zu- 
sanunenhängt : philosophorum vero exquisita quaedam argu- 
menta cur esset vera divinatio collecta sunt, e quibus, ut de 
antiquissimis loquar, Colophonius Xenophanes, unus qui deos 
esse diceret, divinationem funditus sustulit (Cic. de divin. I 3). 
Ks muß wie über die Göttersagen so auch über die Mantik und 
das Orakelwesen einen besonderen Sillos des Xenophanes 
gegeben haben, und wie als Vertreter der Sagendichtung 
Hesiod und Homer, so hat als mythischer Theosoph und 
Seher Epimenides den Spott des Aufklärers erfahren müssen 
(Fr. 20). Daß Pythagoras mit seiner mjrstischen Seelenlehre 
gleichfalls der Kritik nicht standhielt (Fr. 7) , kann nicht über- 
raschen, wo nichts Anerkennung fand, was der Vernunft, 
dem Augenschein und der Hrfahruii^ widersprach: „Und 
als einmal ein Hund gestoßen wurde, da er vorüberging, soll 
er in Mitleid ausgebrochen sein und dies Wort gesprochen 
haben: Hör auf mit deinem Schlagen, denn es ist die Seele 
eines gar lieben Freundes, an ihrer Stim^ae habe ich sie er- 
kannt." Das Hundegeheul als traute Freundesstimme, das 
tiefinnerUche Mitleid und die ganze, so sparsam und doch 
so sicher karikierte Erhabenheit des großen Wundermannes 
ist unübertrefflich. — So wenig die religiöse Inspiration, so 
wenig konnte vollends die Autorität der Vorfahren und jed- 
weder Überlieferung auf Schonung rechnen bei diesem Radika- 
lismus, der kein Hehl mehr daraus machte, daß die Menschen 
nicht durch göttUche Uroffenbarung, sondern erst im Laufe 
der Zeit durch eigenes Suchen all ihre Einsichten und Güter 
sich errungen hätten und noch weiter sich erringen müßten 
(Fr. 18): 

oÜToi an' oQxn^ ndvra Oeol Ovrfcola* ijUdeiScLv, 
äkXä XQ^"^ ^Tjftovvxe^ iq)evQ(aHOvaiv äfieivov. 
Die Frische und der Geist der Freiheit, der durch solche 
Äußerungen weht, darf uns jedoch nicht davon abhalten, die 
Frage aufzuwerfen, welchen schöpferischen Anteil Xeno- 
phanes an den Ideen haben konnte, die er predigte. Im all- 
gemeinen treibt man Propaganda nur, wo man kein Schaffen- 
der mehr ist. Und vieles spricht in der Tat dafür, daß in den 



— 142 — 

Versen des Xenophanes nur die Debatten wiederklingen, die 
in den aufgeklärten Kreisen allgemein damals geführt wur- 
den, von denen nur keine andere Kunde mehr an unser Ohr 
dringt. Dahin rechne ich die Ähnlichkeit der ethischen Pro- 
bleme bei Simonides und Theognis, dahin vor allem die Darius- 
anekdote bei Herodot III 38 : wie überaus dürftig ist es doch 
um unser Wissen bestellt, wenn eine einzige, zufällig er- 
haltene Anekdote uns darüber Aufschluß geben muß, daß 
tatsächlich schon zu Darius oder Xerxes Zeit eine verglei- 
chende Betrachtung der verschiedenen Sitten und Rechte 
als ein Mittel im Dienste der Aufklärung und Emanzipation 
verbreitet war! Aus einer späteren 2^it tritt dann das 
Zeugnis des Empedokles hinzu (Aristot. rhet. 1373b 6): 
rovTO yäg ov xial jülsv dlxaiov rial ö* ov dixaiov ^dllä ro jbiev 
ndvrcov vöfiijbiov did t' evQVfxSdovxoc; aldSgo^ i^vexicog 
xixaxai did x' dnlixov avyf}C< Noch später, um 400, hat der 
sophistische Verfasser der Dialexeis eine ganze Sammlung 
widersprechender Sitten seinen Exerzitien einverleibt (Diels 
Vors. Nr. 83, 2). Wir würden das, schlecht und recht, wie so 
vieles andere, für „Sophistik" halten, wenn sich hier nicht das- 
selbe Beispiel wiederfände, das auch in die Dariusanekdote ein- 
gedrungen ist — denn wenn dort Inder, hier Massageten als das 
Volk genannt sind, das seine Vorfahren verspeisen soll, so macht 
das keinen Unterschied — so aber verbürgt die Überein- 
stimmung das hohe Alter des gelehrten Materials, das dem 
Verfasser zur Verfügung stand. So viel, nicht miehr ist uns 
gebUeben von Belegen einer Geistesrichtung, deren Wirkung 
gar nicht abzuschätzen ist. Doch geht das Eine wenigstens 
mit Sicherheit aus diesem Wenigen hervor, daß die Methode, 
die Xenophanes anwendet, um die anthropomorphen Götter- 
vorstellungen zu widerlegen, keinesfalls als seine Erfindung 
gelten darf. Und wenn er Äthiopen und Thraker, die für den 
Griechen typischen Süd- und Nordländer, einander gegenüber- 
stellt und schildert, wie die einen sich die Götter schwarz 
und stumpfnasig, die anderen blauäugig und rothaarig 
dächten, so erscheint in dieser geographischen Entgegen- 
setzung schon das ethnographische Schema vorgebildet, das 



— 143 — 

wir später in der hippokratischen Schrift negl äSgcov vddtcov 
xÖTuov und in den dorischen dicdd^ei^ wiederfinden. Von 
der Methode aber läßt sich die Tendenz nicht trennen, der sie 
dient: die I^osung äXXä fjuaX elxfj xovxo vofjilCeTai hat schwer- 
Hch erst auf den Rhapsoden warten müssen, um sich über 
die gärende Gesellschaft loniens zu verbreiten. Selbst der 
Xenophanische Theismus, sofern er wirklich nur Theismus 
ist und nicht noch etwas ganz anderes, ist etwas viel zu 
Allgemeines, durch die religiöse Entwicklung von selbst Ge- 
gebenes, als daß er die Schöpfung eines einzelnen und noch 
gar eines fahrenden Dichters hätte sein können, zumal in 
einer Zeit, in der die großen Denker längst schon über allen 
Volksglauben hinweg waren, als dessen letzter, feinster, un- 
möglicher Überrest der Theismus in der Geschichte auf- 
zutreten pflegt. Auch hierzu Hefert uns Empedokles ein 
Beispiel (Fr. 133, 134) : 

o'öx Sativ TteMaaaOai iv otpBaXfxoXaiv i(pixT6v 
rifieziQoi;^ ij x^Q^^ Xaßeiv, fpiiq re jbieyiatrj 
Tteißovc; ävOgcoTtouJiv ä/bui^ad^ el^ (pgdva niTvtei . . . 
ovde yäg ävdQOjudrj xetpakfj xaxä yvia xSxacnaiy 
ov jjLev anal vcoroio &6o xMöoi ätaoovxai, 
ov Ttöde^, ov Ooä yovv(a), ov fjbYjdea XaxvijevTa, 
äkXä (pQ^iv IsQTj xal äOia(paToc; enXexo /btovvov, 
(pQovxlm xoüjbtov oTtavta xaxataaovoa Oofjaiv, 
Hier ist nichts, was nicht auch Xenophanisch sein könnte, 
weder in der Bestreitung, daß sich Gott mit menschHchen 
Sinnen erfassen lasse, daß er KörperHchkeit oder gar mensch- 
liche Gestalt besitze, noch in der Behauptung, daß er Geist 
sei und durch den Gedanken allein das All regiere — und doch 
würde es von mangelnder Einsicht in die Entwicklung rehgiö- 
ser Vorstellungen zeugen, wollte jemand hier die Quellen- 
frage stellen. Dazu kommt, daß gerade das hier fehlt, .was 
bei Xenophanes als wirklich Eigenartiges hinzutritt: die 
besondere spekulative Beimischung, die diesen Gott zum 
Rätsel macht. Was bei Empedokles erscheint, ist erst die 
Vorstufe der Xenophanischen Theologie, es läßt erraten, wie 
der Xenophanische Gott aussah, bevor er die Verbindung 



— 144 — 

m 

mit dem unbekannten oder vielmehr uns nur allzu bekannten 
Wesen einging, das ihm seine mysteriösen Prädikate ein- 
brachte. Kaum etwas anderes zeigt so deutlich, welche 
Gewalt damit dem.Gotte geschah, als der Empedokleische 
Vers (pQovtlai 9c6a/iov Sbzqvra xaxataaovaa Oo^aiv verglichen mit 
dem Xenophanischen alel 6' iv Tavra> fu/jtvei xivo'6/jsvoc ovdh. 
Xenophanes muß erst denselben transzendenten Gott geglaubt 
haben, den auch Empedokles verkündet, ehe er auf den Ge- 
danken kommen konnte, das transzendente Sv mit diesem 
Gotte zu verquicken. • Es ist möglich, daß zur Zeit, da er die 
Sillen schrieb, die „eleatische" Spekulation noch nicht auf ihn 
gewirkt hatte; doch ist das freilich auch nur eine Möglich- 
keit, nicht mehr, denn die Fragmente sind zu spärlich, 
ihre Verteilung obendrein zu unsicher, als daß wir hoffen 
dürften, den Spuren einer Entwicklung zu begegnen. 

Bei aller Verschiedenheit in der Behandlung, aller Man- 
nigfaltigkeit der Gegenstände und der Anlässe bekundet sich 
doch in den Xenophanischen Fragmenten mit bemerkens- 
werter Konsequenz ein und dieselbe Richtung des Geschmacks, 
ein und derselbe Grundhang im Erkennen wie im Schildern : 
die sehr starke Vorliebe für Realität in jederlei Betracht: 
Erfahrung, Augenschein, Detail, Vemünftigkeit, Zweck- 
mäßigkeit, — es geht nicht an, hier zwischen dem Dichter 
und dem Denker einen Unterschied zu machen. Wie der 
Dichter, auch hierin ein ächter lonier, gleich Hipponax und 
Archilochos, die Wirklichkeit, ja selbst Alltäglichkeit mit 
allen ihren Umständen, sofern sie zum Behagen oder Unbe- 
hagen beiträgt, mit in seine Kunst hineinbezieht, wie er zum 
Beispiel die Behaglichkeiten beim Symposion nach der 
Reihe abschildert und selbst die Knusperei der Kichererbsen 
zu notieren nicht verabsäumt, oder wie er die altionische 
rQvq)TJ in ihren charakteristischen Erscheinungsformen, Hal- 
tung, Klleidimg, Haartracht und Parfüm mit ein paar Strichen 
hinzuzeichnen weiß, wie er auf seine Höhe kommt, wo er 
Geschichten vorbringt wie die von Pythagoras und dem ge- 
schlagenen Hund, dagegen merkUch abflaut, wo er groß, 
erhaben und bedeutend wirken will wie in dem Gedichte 



— 145 — 

über die Athleten — so erscheint uns auch der Denker überall 
dort am glücklichsten, wo seine Gedanken, einerlei 6b eigen 
oder fremd, am kräftigsten in das reale Leben eingreifen, wo 
er Kritik, Polemik üben, spotten oder agitieren kann, wo- 
gegen sich bald empfindliche Mängel einstellen, sobald er 
darauf ausgeht, selbst aus sich heraus zu spekulieren und auf 
eigene Faust sich ein System ziurechtzuÄimmem. Seine 
Richttmg auf das Augenscheinliche, Sinnfällige, von selbst 
sich Bietende, die ebenso leichte, leicht mit sich befriedigte 
wie aggressive, muntere Art zu denken und Kritik zu üben, 
wird ihm hier verhängnisvoU. Seine Physik, ein Empirismus 
allergröbster Sorte, müßte, verglichen mit der Welterklärung 
Anaximanders, für einen schon kaum mehr faßbaren Rück- 
schritt gelten, wenn nicht beiden damit Unrecht geschähe, 
daß man sie vergliche. In der Welterklärung kommt Xeno- 
phanes zum Vorschein als der philosophierende Dilettant^ 
sich überall an das Nächsterbeste, Gröbste haltend, nirgends 
fähig, ein Problem in seine Tiefe zu verfolgen. 

Zu Grundstoffen wählt er Wasser und Erde — warum 
doch? Weil an ihnen die allmähliche Verä^nderung im Ver- 
hältnis zweier Weltkörper dem Auge unmittelbar sichtbar 
wird. Wie Wasser sich in Erde und Gestein verwandelt, 
zeigen die Tropfsteinhöhlen; das stetige Wachstum festen 
I^andes lassen- die Flüsse erkennen, die ihre Mündungen 
immer weiter ins Meer hinausschieben; die Versteinerungen 
von Muscheln, die im Binnenland auf Bergen vorkommen, 
die Abdrücke von Fischen und Robben^, die man im Gestein 
bei Syrakus, auf Malta und Paros entdeckt hat, müssen aus 
einer 2Jeit stammen, wo alles Land in Meer und Schlamm ver- 
sunken war; und wie seitdem allmählich sich die Erde aus 



^ Gomperz Gr. D. I S. 437 vermutet für qxoK&v q>vx6)v, weü Ab- 
drücke von Robben, nach der Mitteüung eines Kollegen vom Fach, 
bei Syrakus nicht vorkämen; aber Sonnenfinsternisse von der Dauer 
eines Monats kommen auch in Wirklichkeit nicht vor, und doch will 
Xenophanes solche beobachtet haben. So wird man ihm auch seine 
Robben lassen müssen. Wo kämen wir schließlich hin, wenn wir die 
Texte nach den Mitteüungen der Fachleute berichtigen wollten? 

Reinhardt, Farmenides. 10 



— 146 — 

dem Wasser emporgehoben hat, so wird sie dereinst auch 
wieder in Wasser und Schlamm zurücksinken, um dann aufs 
neue wieder emporzusteigen und das Menschengeschlecht 
von neuem zu erzeugen, und so fort in alle Ewigkeit. So 
wenig man ihm selbstverständHch seine bei Syrakus und 
Malta gemachten Beobachtungen streitig machen wird, so 
darf man doch bezweifeln, ob Xenophanes der erste war, 
der auf Versteinerungen acht hatte und ihre Bedeutung 
würdigte. Wie wir durch Eratosthenes (bei Strabo I S. 49) 
erfahren, hatte der Lyder Xanthos gleichfalls in seiner 
Lokalgeschichte erzählt, er habe vielerorts im Innern von 
Kleinasien Muschelabdrücke beobachtet; auch Xanthos 
schloß daraus, das ganze Land sei einst ein Meer gewesen. 
Nun fällt zwar die Zeit des Xanthos etliche Jahrzehnte später 
als Xenophanes, doch wenn ein Reisender um diese Zeit 
sein Augenmerk auf solche Dinge richten konnte, so beweist 
das immerhin, daß die Anteilnahme an dergleichen Fragen 
schon damals allgemein war. Dazu kommt, daß der Naturvor- 
gang, den man durch solche Beobachtungen bestätigt fand, 
läufst schon Anaximandem tief beschäftigt hatte, und kein 
Physiker seitdem an dem Phänomen gezweifelt hat. Aber was 
diese nur als Grundlage betrachteten, um Schlüsse überUrstoff , 
Weltentstehung und Entwicklung des Organischen darauf 
aufzubauen, ebendas bedeutet für Xenophanes des Rätsels 
Lösung; Fragen, wie sie in den Worten nvxvcoai^ ägalcoai^ 
und cöyxQvai/^ duixQUJi^ zum Ausdruck kommen, treten in 
seinen Gesichtskreis überhaupt nicht ein, sie sind zu ab- 
liegend, zu weit vom Augenschein entfernt, zu fein, zu 
schwierig, zu abstrakt, um Einlaß in sein Denken zu ge- 
winnen; den Gedanken des didxoofio^ hat er im Grunde 
überhaupt nicht konzipiert. 

Die Primitivität der Kosmogonie wird überboten durch 
die Primitivität des Weltbildes. Hier hat Xenophanes sich 
erlaubt, was sich kein griechischer Philosoph seit Thaies 
mehr erlauben durfte : er hat es fertig gebracht, die Kugelform 
des Himmels tmd der Welt und damit den Zusammenhang 
der Stembewegungen rundweg zu leugnen. Damt iwar das 



— 147 — 

fruclitbarste Problem aller seitherigen Naturerklärung auf 
die Seite geräumt, mit einer Unbekümmertheit, die schwerlich 
ahnen mochte, was es hier zu fragen und zu lösen gab ; die Erde 
schien unendlich, in die Tiefe wie in die Weite gemessen, ebenso 
unendlich wie der Himmel, der sich über ihr wölbt. Und 
was ihn zu diesem Schritt verführt hat, ist derselbe selbst- 
gewisse kritische Geist, derselbe Glaube an den Augenschein 
und an die Richtigkeit gesunden Gefühls, gesunden Men- 
schenverstands gewesen, die ihm bei der Bekämpfung der 
Volksgötter und des Athletenwesens so erfolgreich beige- 
standen haben: 

yalrjc f^ tode Ttelga^ ävco Ttagä noaalv ögärai 
Tjiqi TtQooTiXdCov, rd xdxco d' i^ äjteigov IxvelxaL (Fr. 28) 
Ja, wenn man den Worten des Hippolytos, der offenbar 
auf Theophrast fußt, Glauben schenken darf, so hat Xeno- 
phanes von seinem kritischen Standpunkt aus sich auch 
ausdrücklich gegen die Angriffe verwahrt, die seine Vorgänger 
auf diesen felsensicheren Augenschein gerichtet hatten: 
Ti)v dk yrjv obteiQov elvai xal [xrfte 'bri olSqo^ juijte vno xov 
ovQavov TcsQiSxsaOai ( = [Plut.] Strom, äjtoqxxlverai de xal rijv 
yfjv äjteiQOv elvai xal fM^ xaxä näv fjdqoc TtsQidxsaOai ind äiQOc) \ 
denn diese Bestreitung scheint sich doch sehr deutlich gegen 
Anaximenes zu richten. Fr. A 7 : tiJv 6e yf\v nXaxeiav elvai xal 
en' äigo^ dxovjbiivrjv, und es scheint aus ihr derselbe Geist zu 
reden, der zwei Menschenalter später den Empiriker Herodot 
die Weltkarte des Anaximander kritisieren heißt. Wie anders 
doch Parmenides, der dank derselben Kraft der Abstraktion, 
durch die er zum Metaphysiker ward, allen mechanischen 
Bedenken seiner Vorgänger zum Trotz zum ersten Male 
auch die Kugelform der Erde gelehrt hat!^ 



1 Sehr mit Vorsicht aufzunehmen sind dagegen die Nachrichten 
über die Zonenlehre des Parmenides (Strabo I, S. 94; Achilles, S. 67, 
Maaß; Aetius III, 11), weil sie aus Posidonius stammen und man 
dem Posidonius, wo er über die Ursprünge der Dogmen berichtet, 
gar nicht genug auf die Pinger sehen kann. Ich sage das hier ohne 
Begründung, weil ich das Material zu überschauen glaube. Es würde 
z. B. für Posidonius schon genügt haben, wenn Parmenides gesagt 
hätte, die i^rde sei zur Hälfte bewohnt, zur Hälfte von Feuer ver- 

10* 



— 148 — 

Die Schwierigkeiten, die sich bei diesem Weltbild für die 
Erklärung der Gestimsbewegnngen ergaben, machten dem 
Xenophanes nur allzuwenig Sorge; er griff auch hier wieder 
zum Nächsten, Gröbsten: er erwartete und fand des 
Rätsels lyösung in der Beobachtimg der Wolke. Wie die 



sengt, um daraus eine verbramite lone von 90® zu machen : äXX' ixeivov 
fih axeö&if u ömXaalav dnoq)cUvetv x6 TtXdrog ti}v öicoceTcav/jidvrj» x^g 
fiexai'ö tctw x^oTwiiäv Strabo: d. h. also beinahe 2* 48®; wer die 
Strabostelle wörtlich nimmt, behauptet damit, daß bereits Parme- 
nides die Schiefe der Ekliptik auf dieselbe Zahl berechnet hatte wie 
Budemus oder Posidonius mid dann auf den rätselhaften Einfall kam, 
die Breite der verbrannten Zone, die von dieser Berechnung gänzlich 
unabhängig war, auf beinahe (!) das Doppelte des Raumes zwischen 
den Projektionen (!) der Wendekreise anzugeben! Fürwahr, 
für das Jahr 500 eine wundervoll exakte Breitenbestimmung; nun 
mußte es jeder wissen: beinahe das Doppelte triQ fietai'ö x&v 
xQ(mocaiv\ Mag's glauben, wer dazu imstande ist. Mir scheint klar, 
daß hier die Wendekreise nur durch Posidonius in die Rechnung 
hineingekommen sind, denn dessen Frage war ja: wie verhalten 
sich die Wendekreise zu der Ausdehnung der 9cexavfiivrj ? Ganz un- 
möglich die Vermutung Bergers Gesch. der wissenschaftl. Erdkunde 
der Griechen, 2. Aufl., S. 212. Ich verstehe überhaupt nicht, wie 
man verkemien kann, daß die Zoneneinteilung ursprünglich nur 
dem Himmel und dem Himmelsglobus galt. Die Tatsache, daß man 
auch später noch, als man die Erde in klimatische Zonen teilte, doch 
immer noch an dem wandelbaren arktischen Kreise festhielt, bis auf 
Posidonius, scheint mir für den Ursprung dieser Einteiltmg be- 
weisend. Bewohnbarkeit der Erde imd Einteilung des Himmels 
waren ursprimglich Fragen, die sich gar nichts angingen. Eine Erd* 
zonenlehre, etwas einem Piaton noch gänzlich Fremdes, begegnet 
zuerst bei Eudoxos (Diodor I 40, verglichen mit Aetius IV 1,7; die 
Stelle fehlt bei Berger), aber die Beziehung zu den Himmelskreisen 
ist auch hier noch nicht vollzogen und die Lehre selbst erscheint 
als etwas Neues, als Gedanke der s^yptischen Priester. Und auch 
für Aristoteles ist die Gleichtmg zwis<ien Erdzonen und Himmels- 
kreisen noch keineswegs als etwas Selbstverständliches gegeben; er 
argumentiert: da sich nirgends der Beobachtung ein Schatten, der 
nach Süden fiele, gezeigt hat, muß der Strich zwischen den Pro- 
jektionen der beiden Wendekreise unbewohnt sein, Meteor. II 510: 
xavta 6*olxeiaB(u /xöva dwaxä xal oik* inixeiva x&v XQon&v * oxid yäq 
oöx dv iji» ngdg ä^xrov, vvv d* äoUtßoi Ttgöregov ylvovKu ol xÖTioi tiqIv 
f\ rkio^Cjteiv ^ /AexaßiüXeiv xifv mciav ngdg fiearj/jißQlav, 




TITLE 



ie/K/^i^ 



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PMHeViß^ 



ID NUMBER 



PRINT NAME 



PRINT ADDRESS 



CITY 



TELEPHONE 







SIGN NAME 



' AGREE TP COMPLY WITH Lli^i^I^TlI^Jn^ 



linweggleiten und ohne 
bis sie am Horizont ver- 
a, so laufen auch Sonne, 
Erde hin, auch ihr Auf- 
ist nur Schein, in Wahr- 
nnen, Monde und Sterne 
ie tauchen auf im Osten, 
aals kehren sie wieder*, 
chtende Wolken ; wie die 
"len zusammenballen und 
bald hier, bald dort, in 
ime; sie verlöschen tags- 
■3 Abends, wie sich ver- 
en^; ebenso die Monde, 
aerer Gestalt am Himmel 
"m, und ebenso die Sonne, 
rfinstert und von neuem 
doch Sonnenfinsternisse 
ßt währten!' Und nicht 

elvai ^Aiovg xal aekijvag xaxd 
a Hcugdv ixTtüvteiv xdv öiaxov 
'p iq>* 'fifjLWv xaX oihcDg &aneQ 
erwartet: ,,so scheine er uns 
ihanisdier Ausdruck mißver- 
äjtetQov fjikv n^oiivcu, öonetv di 



vqmfiivwv (xo'ög daxiQog ylve- 

eig iSdipetg ehca xad aßiaeig], 
ai Sterne fangen zugleich mit 



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90 Foeulty (evrrsnt UCB) 

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21 22 23 24 25 26 37 g. ^ gelehrte Umschreibung für 
31 32 33 34 35 30 jy ^ vm 7te7tiXri/jihw (rijv ae^mf»). 



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(rijiv ixXeiyjiv iiUov yCveadcu), 



THE LIBRARY IS NÖTRSSSSTTSTr-^ 

i5iLÄ!!OA£ORES8 AB^E^^ Plut. cf. aeomed. S. 16, 

■ ' ^"-^ — ^onmuiK^ > Man.) xotg dvaxokug yiveadat • 

lov fifffa Hai ndXiv ine^, &<n6 
mn ich mir die Konfusion, die 



9 8 



— 160 — 

anders steht es mit den Kometen, Sternschnuppen und dem 
Sankt-Elmsfeuer, ja selbst der Regenbogen ist nichts anderes 
als eine buntschillernde Wolke ^ : 

rjv t' ^Iqiv HoXiovaiy vdq)o^ xal rovro niipvxe, 
noQ(pvqeov xal (pomxeov xal %Aco^6r löiaOai, (Fr. 32.) 
Man braucht diese Theorie nur gegen die des Anaximenes 
zu halten, um sich des abgründlichen Unterschieds sofort 
bewußt zu werden, der Xenophanes von jedem strengen, auf 
der Höhe seiner Zeit fortschreitenden Philosophieren trennte : 
Aetius III 5, 10: 'AvaSifJidvrj^ Igiv yiveoBat xax' avyaa/j>dv rjXiov 
nqd^ vi(pei 7tvxv(p xal naxel xal f/skavi nagä x6 (jlyi &6vaa0ai 
rä^ äxxlva^ el^ xö jidgav diwcomeiv inuswunafiiva^ amco. 

Es wäre ein lycichtes, solche Betrachtungen zu häufen, aber 
wozu schließlich Vergleiche, wo die allzu frische, allzu ein- 
fache Gedankensprache, die aus allen Bruchstücken des 
Lehrgedichtes redet, für sich selber zeugt? Eine Sprache, 
die lebhaft schon an jenen Grundsatz Epicharmischer Poeten- 
philosophie erinnert : rl tovtcdv ^oiejror; /xrjde h — wie denn 
auch beide Lehrgedichte die entschiedene Rücksicht auf ein 
philosophisch interessiertes Publikum gemein haben. Wie 
populär ist doch z. B. die Beweisführung in diesen Versen 
(Fr. 30) : 

TiYiyr^ & iarl OdXaaa(a) üdaxo^, Ttrjyij d' ävifjLoio' 
oike yoQ h viipeaiv <nvouu x^ ävdfju>io tpiioivro 
ix7tve(ovro^>^ iacoOev ävev novxov fieyaXoio 
oike ^oal Ttora/Luov oik* aWigo^ öfißgiov vdcoQ, 
äXXa jüiiya^ novxo^ yevhcoQ veq)d(ov dvijüuov ze 
xal Ttora/dojv, 



offenbar hier vorliegt, nur durch die Annahme erklären, der Xeno- 
phanische Ausdruck habe es zweifelhaft gelassen, ob Sonnenuntergang 
oder Sonnenfinsternis gemeint sei. 

^ Aätius II 18. 1 E, TO'ög inl x&v nXolcop <pouvo/jdvovg olov datigag, 
odg xad AtooKo^Qovg xaXoval xwsg, veq)iXia elvai xaxä z^ Tioidv iävtiaiv 
TtoQoXdpLTiovTa. III 3. 6 3. Jtdvta xd xoiavxa veq)(üv JtenvQiopidvcov 
avanflfjuna rj xtvij/juna. — Wir haben auch über den zweiten Teü des 
Xenophanischen Gedichts Nachrichten genug, um mit Sicherheit ur- 
teüen zu können. 

' Nach Diels' Ergänzung. 



— IBl — 

Die Abneigung und Scheu vor allen Fragen und Gedanken, 
die den Av^enschein in andersartige Elemente aufzulösen und 
zu zersetzen drohten, die VorHebe für alles Greifbare und 
Si nn l i ch-Analoge, die Geringschätzung für Gesetz, Zahl, 
kurz für alle Abstraktion — es zeigt sich in alldem nicht 
etwa, wie man wohl angenommen hat, die imbeholfene 
Schwere und Gebundenheit einer Naturerkenntnis, die erst 
flügge wird und unsicher zum ersten Male die unerprobten 
Flügel hebt, sondern im Gegenteil ein Denken, das sich schon 
ein wenig müde geflogen und geflattert hat und sich nun 
niederläßt auf möglichst festem Grund, noch immer freilich 
munter und jung genug, doch auch ein wenig jugendlich- 
enttäuscht bereits, ein wenig mißtrauisch und angehaucht 
von einer zarten Skepsis. Es ist unverkennbar Absicht und 
Methode dabei, wenn sich die so verhältnismäßig kurzen 
Theorien bei Xenophanes durch ihre Fülle von Belegen aus- 
zeichnen, wenn wir von Tropfsteinhöhlen hören, von Ver- 
steinerungen mit genauer Angabe der Fundorte, von Beobach- 
tungen über Sonnenfinsternisse usw. Er will nichts vor- 
bringen, wofür es an Beweisen fehlt ; und dazu mag vielleicht 
auch noch der Umstand beitragen, daß er nicht mehr für 
einen engen Schülerkreis seine Erkenntnis niederlegt, son- 
dern vor einem PubUkum zu reden hat, das von der Wahr- 
heit überzeugt zu werden wünscht. Die volle Wahrheit 
freilich, wer dürfte behaupten die zu lehren? Es gibt so 
viele Möglichkeiten, so Mancherlei haben die Weisen schon 
gedacht — und selbst wenn man das Richtige unter dem 
Vielen, was zur Wahl steht, trifft, so fehlt doch immer noch 
die Gewißheit, daß es das Richtige auch wirklich ist; der 
Mensch kann immer nur raten und meinen (Fr. 34) : 

xai rd jüiiv odv aa(pi^ oikt^ ävijQ yhex oibi xu^ iaxai 
sldd)^ afji(pl Oewv re xal äaoa Xiyoy neql Jtdvxcov' 
el yäq xal xä fmkvaxa xixoi xsxeXeafiivov eindiv, 
amoQ öfUü^ ovx olde' döxo^ d* enl näoi xetvxraL 
Es sind das die berühmten Verse, die ihm seinen Heroen- 
kult bei allen Skeptikern verschafft haben. Doch wohlge- 
merkt: das, was aus ihnen redet, ist nicht eine Skepsis, die 



— 152 — 

aus dem Argwohn gegen die Sinneserkenntnis erwächst, 
es ist vielmehr die Skepsis des Eklejd;ikers und Empirikers, 
der sich die Welt zurechtlegt, wie es ihm wahrscheinlich 
dünkt, und dabei doch ein stilles Mißtrauen gegenüber aller 
kühneren Spekulation nicht überwinden kann. Will man auch 
hier ein Gegenstück ? Nun denn, so stelle man diesen Versen 
das Bekenntnis gegenüber, das Parmenides zu Anfang seines 
Gedichtes von sich ablegt, so vergleiche man, mit welchen 
Empfindungen, mit welchen Farben er den Aufstieg schildert, 
der ihn auf den Gipfel aller Erkenntnis führte, wo er die Reiche 
beide, der Wahrheit und des Sinnentrugs, zu seinen Füßen 
ausgebreitet liegen sah. Und dann trete man von neuem an 
die längst von uns erhobene Frage heran, deren Beantwor- 
tung, wie wir uns eingestanden, freilich eine Sache des Ge- 
fühls ist, die aber darum nicht weniger gebieterisch eine Ent- 
scheidung von uns fordert : in welchem von den beiden haben 
wir den großen revolutionären Genius zu erkennen, der die 
Naturerkenntnis aus den Angeln hob ? Dem es zu danken ist, 
daß alle frühere Philosophie in sich zusammenbrach und 
aus den Trümmern rätselhaft, gespenstisch, ungeheuerlich, 
die große Sphinx, die Metaphysik, zum ersten Male ihr Haupt 
erhob ? — Kurzum die Frage : wer von beiden hat den besse- 
ren Anspruch, für den Urheber der eleatischen Seinsbestim- 
mungen zu gelten? 

Für Xenophanes gehörte das Dasein eines ewigen, all- 
mächtigen, außerweltlichen Gottes ebenso zu den Tatsachen 



der Erfahrung wie die gewordene, veränderliche Welt. Nur zu 
deutlich lehrte der Augenschein das Walten eines Wesexis, 
dessen bloßer Gedanke genügte, um das All vor sich er- 
zittern zu machen. Auch als Theologe war Xenophanes 
Empiriker, Rationalist und Realist, wie Herodot. Wenn er 
die Einheit, Ewigkeit^ und Allmacht Gottes rational zu 
machen und sich zu beweisen suchte, so entsprang auch dieser 
Wunsch demselben Bedürfnis, das ihn seine physikalischen 
Lehren durch Beweise stützen hieß. Da lernte er in dem 
Seienden ein Wesen kennen, das gleichfalls außerweltlich. 



— 153 — 

ewig und einheitlich war wie seine Gottheit, das sich durch Ver- 
standesschlüsse bewies, um die man nicht herumkonnte; das 
brachte ihn auf den Gedanken, dieses Seiende mit seinem 
Gotte gleichzusetzen : et id esse deum neque natum umquam et 
sempitemum. Seine Philosophie wurde dadurch zum Zwitter- 
wesen; sie verwandelte sich zur Hälfte in Metaphysik und 
Logik, ohne doch vom Empirismus ablassen zu könnend 
Noch ein Bedenken gilt es zum Schlüsse hinwegzu- 
räumen: das Bedenken der Form. Die Frage, was Xenopha- 
nes bewog, statt in der Prosa der Milesier in Hexametern zu 
schreiben, ist leicht zu beantworten: er war Rhapsode; seine 
Philosophie war dazu da, um rhapsodiert zu werden. So hat 
man sich denn nur zu schnell zu schließen gewöhnt, Parme- 
nides, sein Schüler, habe in blinder und geistloser Nach- 
ahmung des Meisters übersehen, daß die* äußere Bedingui^ 
und damit alle Berechtigung zu einer poetischen Form für 
ihn nicht mehr vorhanden war. Und man findet in der 
Hölzemheit und Steifheit seiner versifizierten Prosa einen 
neuen Beweis für die verhältnismäßig späte Zeit seines Ge- 
dichtes, treu dem alten stoischen Dogma, daß die Sprache 
Schritt für Schritt von ihrer alten poetischen Höhe inl tö 
loyoevbiaxeqov herabgestiegen sei. Aber das Rätsel, das 
Parmenides uns aufgibt, bleibt gleich groß, ob man ihn nun 
vor oder nach Xenophanes datiert. Wie hätte der Rhapsode 
jemals ihm Vorbild sein können, wo sein Gedicht dem Ein- 
geweihten galt, dem Eingeweihten nur verständlich war, 
die Form der Offenbarung an der Stirn trug und folglich seiner 
Gattung nach von aller Xenophanischen Dichtung himmelweit 
entfernt war? Und diese Ungeübtheit in der Handhabung 



* Jch kann es mir nicht versagen, um auf einen parallelen Vor- 
gang aufmerksam zu machen, auf das jüngst erschienene Buch 
Oldenbergs, Die Lehre der Upanishaden und die Anfänge des Bud- 
dhismus S. 278 ff. zu verweisen. Auch iu der indischen Philosophie 
hat sich die Idee des Absoluten imd All-Binen unabhängig von der 
Gottesvorstellung entwickelt, auch hier ist der Theismus erst nach- 
träglich von außen in die phüosophische Spekulation gedrungen und 
hat durch die Gleichung zwischen Gott und dem All-Einen Misch- 
« Vorstellungen imd Kompromisse erzeugt. 



— 1B4 — 

der Form, das Fehlen der Vergleiche, der gänzliche Mangel 
an jener poetischen Routine, die Empedokles so überreichlich 
hat, zuletzt die Seltsamkeit der ganzen Konzeption — kann 
das nicht alles ebenso sehr, wenn nicht noch mehr, für einen 
frühen Ansatz sprechen wie für einen späten ? Es ist wahr : 
in diese Verse ist zuviel Gedanke hineingepreßt; sie fließen 
nicht, sie bleiben in ihrem eigenen Inhalt stecken, statt sich 
über ihn zu erheben und mit ihm zu spielen. Sollte Parmenides 
so wenig von Xenophanes gelernt haben? Figuren, wie sie 
in den Versen des Xenophanes begegnen : 

Ttr^yil d' ioTi ddXaaa* vdaxo^, nriyri d* ävijuoio 
lassen sich wohl bei Empedokles nachweisen (Fr. 17, 3) : 

doi'^ de ßvrjrcbv yiveai^, dovri d' änöXeiy)!^, 
aber fehlen bei Parmenides gänzlich. Und die Behauptung 
des Hermippos, daß Empedokles sich in der Form nicht an 
Parmenides, sondern an Xenophanes angeschlossen habe, muß 
doch wohl auf literarischer Kritik beruhen (Parm. Fr. A 5 : 
''EgfUJiTto^ ov IlaqiJievidov, Sevoq>dvov^ de yeyovdvai C^Acor^yv, 
(^ Tcai avvdujXQlrpai xal /Mjbti^aaaOai ri^v ijtoTzouav). Und 
selbst gesetzt, die Schöpfung des Parmenides müßte als 
Form für uns ein Rätsel bleiben: so wäre das doch immer 
noch nicht das Rätselhafteste unter dem vielen Rätselhaften, 
das uns bei ihm aufstößt. Aber er mochte seine Gründe haben : 
die poetische Form hängt mit der Einkleidvmg zusammen, 
die doch so viel mehr ist als nur eine Einkleidung, sie hängt 
zusammen mit der Einführung der Göttin und der Sterb- 
lichen, sie hängt zusammen mit der visionären Zweiteilung, 
die wiederum ein Ausdruck seines metaphysischen DuaUs- 
mus ist — sie hängt mit allzu vielem zusammen, als daß sie 
sich ohne Schaden von den Gedanken trennen ließe. Sie 
bedeutet nicht zuletzt auch eine Steigerung des Selbst- 
bewußtseins, eine Stärkung des Gefühls der ewigen Gültig- 
keit : ein Gespräch unter vier At^en mit der Wahrheit selber — 
der abstrakteste, der unerreichteste Gedanke strebte wohl 
nicht umsonst nach Einkleidung in die altfeierliche Formen- 
sprache orphischer Offenbarung. 



III 



über das zeitliche Verhältnis zwischen den Systemen 
des Xenophanes, Parmenides und Heraklit gab es im Alter- 
tum zwei Ansichten; die eine hatte ihre Herkunft aus der 
peripatetischen Philosophiegeschichte, sie begegnet in be- 
sonderer Fassung bei Eusebios und Hippol3rtos, und geht 
in dieser Gestalt zurück auf Sotion; wesentlich ist ihr die zeit- 
liche wie inhaltliche Angleichung der Heraklitischen Philo- 
sophie an die Empedokleische ; für Sotion waren beide 
Schößlinge am Stamme des Pythagoreismus^. Aber diese An- 
gleichung an sich ist nicht erst abhängig von Sotions Pytha- 
goreerhypothese, sie reicht in erheblich frühere Zeit hinauf, 
sie findet sich schon ausgesprochen in Piatons Sophistes 
242 T>: ro de nag' i^fubv ^EXeaxvKov SOvo^, äjtd Sevoq)dvov^ re 
xal hl JiQÖadev äQ^d/Jsvov, &^ hoc Svto^ xcbv Jtdvtcov xcdovfiivcov 
ovrco die^QX^^^ ^^^S" fi''6doi^. ^Idde^ de xal ZixeXai xive^ üaregov 
Movaai (Hersudit und Empedokles) ^vvevörjaav, Sri avfjmldxeiv 
äaqxxXdaraxov ä/LKpörega xal XSyeiv, &c x6 Sv noXXd xe xal Sv 
iariv, ixßQ9 ^^ ^^* q^diq: avvixetai, ^ÖUKpeQÖfievov yäq äel ^v[x- 
q)iQevai\ (paalv ai awiovokegai icov Movacbv (Her. Fr. 12 B 10), 
al de jbuxXaxdneQai rd fjiev äel rav6' oikox; l^eiv ixdXaaav, iv fidgei di 
noxe juev Sv elval q>aai xd Ttav xal (plXov vtz ^AfpQodixri^y xoxe dk 
noXkä xal noXdfiiov avxo avxco dia Neixö^ xi (Emped. Fr. 21 B 17)*. 

* Die Zeugnisse bei Jacoby, Apollodors Chronik S. 229» Diels 
Doxc^aphi Graeci S. 144ff. 

* Daß zwischen Hippol3rto8 und Piaton ein Zusammenhang be- 
steht, scheint mir gewiß: vgl. Philosophumena H 4, 2 (Diels Dox. 
S. 558) : xad opdrdg öi (Heraklit) oxedhf» avfxqxfwa rß *Efi7tedoxlBi ifpdiy- 
Saxo, axdatv >cai q>diav <pi^aag xwv äjtdvrcov dgxiiv dvai — xal nvQ voegdv 
xdv deöv — avfjiq>iQea6ai xe xä jcdvta xal o^x ^^dvm. 



— 156 — 

Neben dieser rein auf einer konstrtderenden Betrachtung 
der Systeme ruhenden Kombination und gegen sie hat sich 
die kritische, gelehrte des Grammatikers ApoUodor behauptet 
und behauptet sich noch heute. Apollodor bestimmte, gleich- 
viel aus welchen Erwägungen, die „Blüte" des Xenophanes 
nach der sechzigsten Olympiade (540/37), setzte folglich seine 
Geburt um rund zehn Olympiaden früher (580/77), die Blüte 
seines Schülers Parmenides um rund zehn Olympiaden später 
(504/1), wie er wiederum dessen Schüler Zeno in einem Ab- 
stände von 10 Olympiaden seinem Lehrer folgen ließ (464/0). 
Für Heraklit ergab sich, da er den Xenophanes in seiner 
Schrift bereits zitierte (Fr. 40), dieselbe Blütezeit wie für 
iParmenides, also rund 504/1. Empedokles schied über- 
haupt aus dieser Gruppe aus, da sich ein festes Datum für 
ihn fand, das ihn in spätere Zeit verwies, sein Aufenthalt 
im jüngst gegründeten Thurii; wonach sich eine Gleichung 
zwischen seiner Blüte und dem Gründungs jähre der Stadt 
(444/3) empfahl. Man sieht, auch das ist alles in allem Kon- 
struktion, der einzige Fixpunkt war Xenophanes, und selbst 
dessen Lebenszeit war nicht, wie es wohl mögUch gewesen 
wäre, aus den chronologischen Angaben in seinen Gedichten 
ermittelt, sondern synchronistisch durch die Gleichung seiner 
Blüte mit dem Gründungs jähre der Stadt Elea (540 — 39)^. 
An Daten besaß Apollodor nicht mehr als wk auch heute 
noch besitzen, und so heikle Fragen wie die über Abhängigkeit 
und Priorität mied er grundsätzlich. Seine Chronologie wird 
wertlos für uns mit dem Augenblick, wo die Fragmente selber 
anfangen, uns Aufschlüsse zu bringen. 

Heraklit hat den Xenophanes zusammen mit Pythagoras, 
Hesiod und Hekataios als ein Beispiel jener noXvfwBiri ange- 
führt, die voov ov diSdaxei (Fr. 40). Ein solches Urteil 
konnte er erst fällen, als die philosophische Dichtung des 
Xenophanes bereits berühmt geworden war, das heißt nicht 
allzulange vor der Zeit, da auch Empedokles seiner Ver- 
achtung für die Philosophie „der Vielen" Ausdruck gab (Fr. 39) 
und damit jedermann verständlich auf Xenophanes hindeutete, 

1 Vgl. Bumet, l^arly Greek Philosophy S. 126. 



— 167 — 

und kaum viel früher als zu der Zeit, da Epicharm zum Gau- 
dium seines Publikums den Xenophaneer auf die Bühne 
brachte. Denn was auch den Aristokraten Heraklit zum 
Widerspruch aufforderte, war nicht zuletzt die volkstümliche 
Berühmtheit der vier Mäimer und des Ideals, als dessen Ver- 
körperungen sie der Menge erschienen. Für das Ansehen, 
dessen sich Pythagoras um dieses Ideals willen erfreute, 
bedarf es keiner Belege; wie man über Hekataios dachte, 
zeigen die Anekdoten bei Herodot V 36; 125. Aber noch 
mehr : ein Urteil, wie es HerakHt in dem genannten Bruch- 
stück fällt, ein Urteil, das eine Persönlichkeit samt ihrem 
lycbenswerk zum Typus macht, um diesen T5rpus zu. ver- 
werfen, scheint kaum anders möglich, jedenfalls nur dann 
natürUch und dem Stilgefühl zum mindesten des späteren 
Griechentums nicht widersprechend, wenn der Verurteilte 
dem allzunahen Anblick schon entrückt war, wenn er nicht 
mehr zu den Lebenden gehörte. Nun fallen aber die letzten 
Lebensjahre des Xenophanes unter die Regierungszeit des 
Hieron, und auch Hekataios hat den ionischen Aufstand 
noch bis zu Ende erlebt. Und damit stimmt wiederum über- 
ein, daß die poUtischen Zustände, die Heraklit für Ephesus vor- 
aussetzt, was man auch darüber geschrieben hat, sich doch 
am einfachsten erklären lassen, wenn man annimmt, Heraklit 
habe sein Buch erst nach dem Jahre 478 und nicht allzubald 
danach geschrieben. Denn sein Urteil über die Ephesier, sie 
hätten allsamt durch die Verbannung Hermodors den Strick 
verdient, bedeute doch diese Tat, daß sie von nun an keinen 
ovYiunov mehr in ihrer Mitte leiden wollten — dieses Urteil 
setzt doch eine KonsoUdierung demokratischer Zustände 
voraus, die dem Aristokraten keinerlei Hoffnung mehr auf 
eine so baldige Veränderung übrig ließ. Wir kommen also auf 
diesem Wege zu einer ganz wohl in sich gefestigten äußeren 
Chronologie, sobald wir uns nur von zwei alten Irrtümern 
befreit haben: dem einen, daß Parmenides als Schüler des 
Xenophanes den Schülern Heraküts den Krieg habe er- 
klären wollen, und dem anderen, daß Epicharm bei seinem 
Publikum Bekanntschaft mit den Gedanken Heraküts vor- 



— 158 — 

aussetze. Aber damit beginnt erst das Problem der inneren 
Chronologie, der Chronologie der Gedanken und der Systeme. 
Wenn das seither noch von keinem Zweifel angetastete 
Verhältnis der beiden ersten Eleaten auf den Kopf zu 
stehen kommt, muß dann nicht notwendig HerakKt Be- 
kanntschaft mit dem Seinsproblem verraten? Wiederum 
muß ich erst einen Umweg machen, um zum Ziele zu ge- 
langen. 

Fast ein Sechstel aller Heraklitischen Fragmente ist uns 
nur durch einen einzigen Autor überliefert, und dies Sechstel 
steht auf einem Räume von kaum drei Seiten beieinander. Es 
sind das die Kapitel 9 und 10 des neunten Buches der Philo- 
sophumena des Hippolytos, die einzige zusammenhängende 
Abhandlung über die Lehre Heraklits, die uns das Altertum 
vermacht hat. Die sehr dürftigen Angaben der Doxographen 
kommen dagegen nicht in Betracht, die Philosophie des 
Dunkeln widerstrebte der Einschachtelung unter doxo- 
graphische Rubriken. Aber wie kommt Hippolytos zu solcher 
Gelehrsamkeit ? zumal der Anlaß, den er haben mochte, über 
HerakUt zu reden, außer allem Verhältnis steht zu der Ausführ- 
lichkeit dieser Betrachtung, deren Ziel weit abliegt von dem 
Ziele, auf das er selber zustrebt. Was er selber zu erreichen 
sucht, und zwar durch jedes Mittel der Verleumdtmg und Ver- 
dächtigung, ist die Vernichtung des Noetianertums; um dieses 
heiHgen Zweckes willen scheut er selbst vor dem abge- 
schmacktesten Einfall nicht zurück, er wirft den Noetia- 
nem vor, Erneuerer des Heraklitischen Heidentums zu 
sein. Das ist sein großer Einfall, seine Entdeckung und in 
seiner Polemik einer seiner letzten Trümpfe. Daß die Noetia- 
ner selbst ganz, ahnungslos über die heidnische Gefahr in 
ihrem Glauben seien, muß er ihnen zugestehen, IX 10: 
(pavBQOv da Ttäai xov^ avorpcov^ Norjrov öuuboxov^ xal rfj^ alqi' 
aeco^ TiQoaxaxa^, el xal VQoxXeirov Uybt^ äv avroi>^ /w^ yeyovhcu 
axQoaxd^y äkXd ye xä Notjrcp dö^avta cuQOVjbidvov^ äva<pavddv xainä 
o/uoXoyeiv. Fragt man ihn aber, wodurch nur eigentlich das 
Heraklitische in ihrem Glauben sich bekunde, so weiß er mit 



— 159 — 

dem besten Willen nichts Gescheiteres zu antworten, als daß 
sie dadurch, daß sie Vater, Sohn und Geist für dreierlei Form 
desselben Wesens hielten, alle Unterschiede zwischen den 
Dingen aufhöben — wie Heraklit (IX 10): XSyovai yäg o'Srco^' 
Iva xal xov avxov Oeov elvat Ttdvrcov drj/LtiovQydv xal naxiga, 
evdoxfjaavra de 7te(p7jvivai xol^ oQxfjOev dixaloi^, övza äÖQoxov' 
Sxe fxh ydg ovx Sgävai, ijv äögoxo^, <8xe ök öqoxcu, 6Qax6^>, 
äxcoßtfto^ öiy 8x8 jLiii xcDQslaQat OiXei, xoaqrßd^ di, Sxe ;^ft)ße?Tat* 
<ySx(o^ xatä xov avxov Xöyov dxgatrjxo^ <xal XQar7)xö^>, ayivyrpcoc 
<xal yewrjx6^>, äOdvaxo^ xal dvrjxö^' 7ta>^ ovx 'HgaxXelxov ol 
xoioikoi deixßrjcovxai /wßrjxal; /w^ avxfj xfj Xi^et 8ui(p0ioa^ 
iqHXoaötprjaev 6 axoxeivö^; 8xi de xal xov axndv viov elvai XSyei 
(Noetus) xal naxiga, ovdel^ dyvoet' Xdyei de odxo)^' '8xe fjiiv 
oiv jUTj yeyivrjxo 6 TiatiJQ, dtxaico^ TtatrjQ TZQoarjyoQeiexo ' Sxe 
di rfvdoxriaev yiveaiv vjzojbieivai, yewrjdel^ o vld^ iyhexo avxo^ 
eavxov, ovx' ^^^Qo^ higov' oihco^ yaQ doxel fxovaqxlav avvunäv, 
iv xal xo avxd (pdaxcov vjidgxsiv naxiqa xal vldv xaXoifxevov usw. 

Je gekünstelter, hervorgezerrter dieser Vergleich ist, desto 
mehr fällt auf, daß die vorangegangenen Mitteilungen über 
HerakHt weit mehr enthalten, als was der Vergleich erfordert. 
Und seltsamer Weise haben diese Mitteilungen ebenfalls den 
Zweck in Heraklit den Vorläufer und Zeugen einer christ- 
lichen lyehre nachzuweisen, nur freilich nicht der noeti- 
anischen sondern einer anderen, unbekannten, gnostischen. 
Stellen wir, so weit das geht, die Merkmale dieser Doktrin 
zusammen, vielleicht daß sich dann auch die Sekte selber 
namhaft machen läßt. 

Vor allem ist der unbekannte Gnostiker, der HerakUt 
zum Zeugen ruft wie Valentinus den Pythagoras, Bekenner 
einer ausgeprägten Einheitslehre: 'HgdxXeixo^ fikv oiv q)r)atv 
elvai xo jtäv dvaigexdv äduugexov, yevrjxov äyivrjxovy dvrjxov 
äßdvaxoVf Xöyov aubva, naxiqa vlöv, Oedv dlxavov. 'ovx i/uov 
dXXd xov Xöyov dxo'öaavxa^ öfxoXoyelv ao(pöv^iaxiv Sv 
ndvxa elvai^ 6 'HgdxXectö^ (prjou Und zwar umfaßt die Ein- 
heit, die er in den Rätselworten HerakUts zu finden glaubt, 
die Gegensätze der Materie und des Geistes, des Gewordenen 
und Ungewordenen, des Sichtbaren und Unsichtbaren, des 



— 160 — 

Lichtes und der Finsternis, des Oben und Unten, des Guten 
und Bösen, des Sterblichen und Unsterblichen: Sri dd iariv 6 
TtaxrjQ ndvxcDV x&v yeyovorcov yevrjxd^ äyhrjro^, xriai^ drjibtiovQyo^, 
ixelvov Uyovxoc axo'öoiixev [folgt Fr. 53]. — &ti de iariv ..... 
^aQ/biovlri öxct)^ neq xöiov xal i.'ÖQrj^.^ "Chi de . . . a<pairfi^ 
6 äÖQOxo^ äyvcooTO^ ävOgconoi^, ev ro'&toig XSyei' ^aq^iovlri 
ätpavrj^ (paveQTJ^ xgeirrcovJ' iTtcuvel xal TtQodavjbidCei TtQo rov 
yivwoxofjiivov xo äyvaxnov avtov xal äoqaxov rfj^ dvvdjLiea)^' 
Sri de eaxiv ÖQOxd^ ävOgdonoi^ xal ovx äve^evgero^, iv rcy&toi^ 
Xdyei' 'Sacov öxpi^ äxotj /uddriai^, xavxa eyd) ngoxifiim^ 
{pfjoiy xomiaxi xä ogarä xa>v dogactcov. — o'Sxco^ 'Hgdxkeixo^ iv 
laf] fxoiqq. xiBexai xal xifjuq. xä i/Ufpav^ xoiq äq)aviaiv, d>^ Sv.xi 
xo efxq>ave^ xal xo d(pave^ ofxoXoyovfiivo)^ vndqxov, 
'eaxi ydg, (prialv, dg/Liovlr) dtpavrj^ fpavegf)^ xQeixxcov' xal' ^Sacov 
öxpi^y 6x01], fidOrjai^ (xovxiaxi xä ögyara), xaika, q)i]aiv, Syd) 
jiQOXi/jii(o\ ov xä dtpavfj ngoxifiriaa^* xoiyaqovv ovöe axoxo^ 
oike (pö)^, ovöe novrjQov ovöe äyadov ixegöv q>rjaiv elvai 6 
'HgdxXeixo^, älkä Sv xal xo avxö ' inixifm yovv Haiödco, dxi fffAigav 
xal vöxra <ovx> olöev* fifjbiqa ydg, <prial, xal vv^ iartiv Iv, Xiycov 
&di TtoD^ [folgt Fr. 57]. xal dyaßdv xal xaxov [folgt Fr. 58]. xal 
eWi) di, (pi^ai, xal axqeßXdv xo avx6 iaxi [folgt Fr. 59]. xal xo 
ävco xal xo xdxcD Iv icni xal xo aino' ^666^ ävco xdxcD /biirj 
xal &vxri^, — Xeyei di ofjLoXoyovfxivo}^ xo aOdvaxov elvai dvrjxov 
xal xd dvrjxov aßdvatov diä x(bv xoiovxo)v Xoycov [folgt Fr. 62]. 
Neben diesen Sätzen über die Einheit Gottes mit der 
Welt begegnen andere auch allgemein christlichen Inhalts* 
Lassen diese auch die Eigenart des Interpreten weniger 
scharf hervortreten, so zeigen sie doch immerhin wes 
Geistes Kind er ist: Sxi di icni twX^ xo nav xal dC auovo^ 
alcovio^ ßaaiXevc xcov SXcov o'Öxcd^ Xiyei [folgt Fr. 52]. — Uyei 
di xal aagxd^ dvdxnaaiv xa&trjQ <xfi^> (pavegä^ iv fi yeyevififjießa, 
xal xov deov olde xavxrj^ xfj^ dvaaxdaeo)^ alxiov ovxcd^ Xiyo>v' 
[folgt Fr. 63]. Xiyei di xal xov xoofjuov xglaiv xal ndvxcDV xcov 
iv avxco dvä nvgd^ yiveadai Xiycov o'Sxco^ * Td di ndvxa 
olaxi^si xegavvo^, xovxiaxi xaxev&övei' xegavvov xo nvg Xiycov 
xo alwviov. Aber zuletzt erscheint doch wieder etwas für einen 
Christen überaus Seltsames: der Gott, an den er glaubt, ist 



— 161 — 

Feuer: liyei de xal q>g6vi/jiov xovto elvcu rd nvQ 9cal rfj^ öiotxi^ecDC 
xa>v 8Xa)v curiov' xaXei öi avro XQV^M^^'^'^'^ ^^^ xöqoV X6^^' 
fjUHrbvfi öi iaxiv rj duvcöa/jii^at^ tcox avröv, ij dk ixTvÖQcoai^ 
xößoc ' Ttdvia ydQ, q)i]al, rd twq ijtekOdv xQivel xal xaxcdrjyfetcu. 
Faßt man diese Merkmale zusammen und vexgleicht, wo 
sie sich wiederfinden, so bleibt als die einzige I^hre, die zu- 
letzt, alles erwogen, überhaupt in Frage kommt, die Gnosis 
übrig, die unter dem Namen des Magiers Simon ging und in 
der Meydkrj äjt6q>aai^ auf eine höchst weitschweifige Art er- 
klärt war. Auch „Simon" hatte zum Urprinzip das Feuer 
erhoben und als Zeugen gleichfalls HerakUt genannt: Hip- 
j>olytos VI 9: Xiyei de 6 ZI/luov /jisraq>QdC(ov rov vö/jov Moyvaio}^ 
avoifßO}^ re xal xaxatdxvco^' Mcoaico^ yäg Xfyovro^, öxt 6 ded^ 
TtvQ q)Xiyov iarl xal xaxavaXlaxov, de^dfxevo^ xd Xexßiv 
vnd Mcoaict}^ ovx oqBq}^, tvüq elvai x&v Sixov Xiyei xijv oQX^f 
ov vo'^aa^ xd ei^fjiivovy 8xi Oeo^ ov tivq, äiJA xal nvq (pXiyov 
xal xaxavaXlaxov, ovx aviov dioüTmv /iövov xov v6[aov Mcoadco^ 
äXXä xal xov axoxeivdv ^HqdxXeixov avXayaya>v. Denn 
wenn Hippolytos dem Simon vorwirft, daß er nicht nur 
den Moses mißverstanden sondern auch den HerakUt ge- 
plündert habe, so bleibt uns nur zu schließen übrig, Simon 
habe alle beide unter seine Propheten gerechnet. Daß wir 
durch Hippolytos von seinem HerakHteertum nicht mehr 
erfahren, darf uns nicht beirren, da doch alles, was wir von 
Simon lesen, nur in stark verkürztem Auszuge vorliegt. Und 
daß Simon in der Tat auf seine Übereinstimmung mit 
älteren Philosophen großen Wert legte, zeigt die Gewalt- 
samkeit, mit der er selbst Empedokles seinen Zwecken 
dienstbar macht, VI 11: xotoikov de 8vxo^,d>^ öC öXlycov eljtelv, 
xaxä xov Zl/utyva xov nvqd^, xal ndvxiov x&v Svxcdv öqox&v xal 
äoQ6x(üv, (haaf&to)^ ivi]X(ov xal äv7]xcov, aQiß/Mrjx&v xal <äv>aQl6fjuov, 
iv xfj 'Ajtofpdaei xfj jbisydXij xaXel xiXeiov voegöv, ovxw^ c&C ixaaxov 
x&v äjteiqdxi^ djtelqoiv inivoridfjvai dwafidvcov xal XaXelv xal 
öiavoeladai xal heqyeiv, oihco^ &^ (prjolv 'EfuieöoxXfj^ (Fr. 109)' 
yalfi jbiiv yäg yaXav ÖTUünafxeVy 'Söaxi d* vdcog, 
aWigi d* aidiga <dtov>, äxäg Ttvgl nvg äldtjXov, 
xal <axogyf}> axogyi^v, velxo^ di xe velxeX Xvygcp. 

Reinhardt, Parmenides. 11 



— 162 — 

Tidna yoLQ, tpi^aiv, ivö/Litie rä fidorj xov nvQo^ xä oqoxä xai rä 
äÖQoxa (pQÖvriaiv ix^iv xal vco/luzvo^ alaav' ydyovev aSv 6 xöc- 
fjLO^ 6 yewTjxd^ and xov ayew^ov tzvqö^. Zugleich erscheint 
in diesen Worten auch noch eine zweite, noch genauere 
Übereinstimmung zwischen dem M^er und demHeraküteer: 
das göttliche Urfeuer, von dem der Magier aussagt, daß es 
(pQ6vr}öi4 besitze, ist dasselbe Vemunftfeuer, das auch der 
Gnostiker bei Heraklit zu finden glaubt: Xiyei de xai (pQÖvifxov 
elvai xovxo xo twq. Ebenso gemeinsam haben beide die Be- 
griffe yewrjfto^'äyiwrixo^ und oqaxo^'äoQoxo^ oder was dem 
gleichkommt, (paveQÖ^'XQVTzxö^ (ä(pav^^): Simon VI 9: xal 
xo jLiev q)aveQdv xov tzvqo^ Jtdvxa Sx^i iv iavxcp 8aa äv xi^ 
ijtivoijö]] ij xal XoByj Tiagakutihv xöjv öqox&v ' xo de xqvttxöv Tiäv 
8, XI iwoTJaei xi^ vorjxdv xal 7ieq>evyd(^ xtjv cdoOriaiv fj xal Ttaga- 
XeiTtei fjiii diavoTjOei^' xaßöXov di eaxiv elTielv, ndvtcov xcjv 
Svxcov alaQrß(bv xe xal vorjxdyv, d>v ixeivo^ xQv<p((ov xal q)aveQmv 
TtQoaayoQeiieiy Saxi OriaavQÖ^ xo nvq xo vTteQovgdviov, Ebenso 
das Bild des Lichtes und der Finsternis, samt seiner escha- 
tologischen Beziehung, deren Sinn ist: wenn das irdische 
Prinzip im Menschen sich nicht nach dem überirdischen, das 
Dunkel sich nicht nach dem Lichte formt, so wird es unter- 
gehen, wenn es sich aber formt, so wird es ewig leben 
(VI 12) : nqoaXaßovoa yäq rf d^vafu^ xixvriv <p(b^ x&v yivo/jLdvo)v 
ylvexai, fjLij nqoaXaßovaa de äxe/vla xal axöxo^, xal cog' Sxe ovx 
^r, oJtoBvifiaxovxi xeo avdqconcp avvdia<pOeiqexaL Und auch für 
Simon ist das Bild des Untergangs das Feuer VI 9 : ydyove 
jbtiv ydq, q)i]aiv, 6 xaqnö^, Iva el^ xtjv aJtoOTjxrjv xedfj, xo de 
äxvqov, Iva naqaSoBfl xq> Tivqi. Ebenso simonisch -gnostisch 
ist der symbolische Gegensatz von oben und unten, VI 17: 
Saxiv oiv xaxä xdv Zifuova xo juaxdqtov xal ätpOojqxov ixelvo iv 
Ttavxl xexqv/u/biivov dvvd/iei, ovx Sveqyeioy öneq iaxlv 6 eaxdi^ 
axä^ axTjaö/ievo^, iaxd)^ äv(o, iv xfj äyevwjxo} dvvdfxeiy axä^ xdx(o, 
iv xfi qofj xd)v vddxoyv iv elxövi yewrjdel^, axrjoöfjievo^ ävco, nouqä 
xijv jbuvcaqiav äniqavxov d^va/uiv, iäv i^eücoviaOfj. Und auch 
für Simon schließen sich all diese Gegensätze zu derselben 
untrennbaren Einheit zusammen wie für den HerakHteer 
(VI 17): d'öxrj, (ptjoiv, iaxl d^va/ui^ fila, difiqrjfidvrj ävco xdxco, 



— 163 — 

avTi^v yewöjaa, avn^ aif^ovaa, avrtjv ^i^rovaa, avf^v eigioKovaa, 
avrfj^ fJififjftriQ oüaa, aötfj^ naxiJQ, a&tf\^ ädelipfj, avrfj^ avCvyo^, 
oMj^ dvydtrjQ, oförfj^ vlö^, /^ti^TrjQ, nat^Qy Iv, oHaa §iCa rcov 
8lo)v. — (VI 18) ix fih X(üV ävco evQlaxevai &6vafii^y ix di rcbv 
xdto) inlvoia' iariv oi^v aihco^ xal rd <paviv an' aircbv, iv dv, 
&6o evqiaxeoBai, ägaevöOi^Xv^, lx(ov rrjv OrjXeiav iv iavr(p' oikm^ 
iml vov^ iv imvolq.' ä ;^(üßan:d an' äXXijXtov, iv övxe^ &6o 
evqlaxovxau Nach alldem scheint es mir nicht zweifelhaft, daß 
Hippolytos seine ganze Weisheit der jjsydhj djrrf9?cKT£^ verdankt. 
Denn auch die Interpretationskünste seines Herakliteers 
scheinen eines Simons durchaus würdig, der seine Gedanken 
gleichfalls allen mögUchen und immögUchen, christlichen wie 
heidnischen Autoritäten unterschob: Hippolytos VI 19: ravra 
fjiiv otV d Ztfjuov iq)evQ(bv oi) /uövov rä Mcoaico^ xaxorix'^^^ 
el^ 8 ißovXexo /LieOfjQ/Mijvevaev, oMä xal rd xüjv noirft&v, 8aa 
ßji£xdy<a}v el$> xä aöxov xaiväc (conieci: xal xfj^) inivolac 
nXacxoXoyel (Roeper: nXelaxov^ Xiyei). 

Das System der /Asyäki] än6<paai^ entstammt alexandri- 
nischer Religionsphilosophie, wie Waitz in der Realency- 
klopädie für prot. Theologie XVIII S. 359 bewiesen hat. 
Es wird kein Zufall sein, daß dieser Pseudo- Simon mit dem 
Alexandriner Clemens wie in der Verehrung so auch in der 
Auffassung der Philosophie des Dunklen, wie sich uns noch 
zeigen wird, überraschend übereinstimmt. 

Aber was hilft es für die Erklärung Heraküts, zu wissen, 
welche Hände ihn uns überliefert haben ? Was kann viel auf 
ein solches Wissen ankommen ? Nicht weniger als alles, wie 
ich glaube — wenn man zugibt, daß das Verständnis seiner 
Lehre an der Frage hängt, was seine Gedanken über Welt- 
gericht und Weltverbrennung waren. Wissen wir, daß unser 
Gewährsmann Gnostiker ist, so wissen wir auch, daß doppelt 
Vorsicht nottut, daß uns nicht am Ende noch Heraklit selbst 
unversehens zum Gnostiker werde. Nun ist von den Rätsel- 
worten des Dunklen, die dem Interpreten auf ein Weltgericht 
zu deuten scheinen, das erste mit ganz offenkundiger Gewalt 
mißdeutet: ndvxa olaxtCei xeqavvÖQ: mit einer xoafxov xglat^ 



— 164 — 

hat dies Wort wahrhaftig nichts zu schaffen. Beim zweiten 
ist es mindestens vollkommen unerwiesen, daß die Deutung 
auch die richtige ist; was überliefert ist, sind einzig und 
allein die beiden Worte xqriafjiocvvYi und xöqo^; alles übrige 
ist Interpretation^. Aber all unsere Zweifel überwindet 
siegreich, wie es scheint, das dritte und letzte Sätzchen: 
Tzdvra ydg, (prjot, rd twq ineXddv XQivei xal xaraX^^ercu. 
Wenigstens hat man seither diese Worte unbedenklich für 
ein wörtUches Zitat genommen. Nimmt man sich jedoch 
die Mühe, den Hippolytos einmal genauer auf seine Zitate 
durchzusehen, so stößt man auf unzählige Fälle, wo wie hier 
direkte Rede vorliegt, eingeführt durch ein fprjaiv, und doch 
eine genaue Wiedergabe nicht in Frage kommt. Ja dies 
(prjal kann dazu dienen, im geraden Gegensatz zu einer wort- 
getreuen Anführung, eine Erklärung einzuleiten, die des 
Interpreten unbestrittenes Eigentum ist; es bedeutet dann 
nicht mehr als: „damit meint der Autor . . ." Hier ein 
Beispiel (Refut. VI 26): 80ev 6 IHdrcov igcori^Oek vjtö xivo^' 
Tt iaxi q?doaoq>ia; iq)rj' x^Q^I^^^ W^TCH^ ^^ aco/butto^, IlvOa- 
yÖQov xal roikcüv xa>v Xöycov yevöfievo^ fMjßrjftri^y ev olg Xiyei 
xal dl* alviyjüidrcDV xal roi(y6r(ov Xöycov ' ex rfj^ iöla^ iäv äno- 
drjibtfj^, /btfj kniaxqiipov' eldk fx'/f, ^Eqivvveg Alxri^ inlxov- 
Qol ae jbteteXe'öaovraC iditjv xaXcov rd acj/zoy Eqiwvo^ Sä 

• 

Tct Jidßrj. iäv oiv, q>riaiv, dTtoÖTj/x^g, xovxianv iäv i^iQXfj ix 
xov adifMxtOQj fjiii avrov ävxmovov' iäv öi dvtmoiijaij, ndkiv ae 
xä Ttößr} xaOelq^ovoiv elg a&fjxi. Der Fall des HerakUtzitats hat in 
der Tat mit dieser Stelle eine verzweifelte ÄhnHchkeit ; auch ihm 
geht ein Tcakel voraus, und nur zu deutlich ist die Absicht, eine 
Erklärung für den HerakHtischen xoqog und die xw^f^^'^'^ 
beizufügen: Xiyei de xal (pqövifxov xovxo elvaixoTtvqxalxfj^dioi- 



* Diese Interpretation ist selbstverständlich stoisch; vgl. Philo 
de anim. sacrif. idon. Vol. II Mang. p. 242 (die Unterscheidung 
zwischen piigog und ßiiXog weist auf Podisonius; näheres kann ich 
hier nicht ausführen) : i} öi elg /jtiXri rov ^qiov ÖusvoiAJi ör^, ijnn c&g 
iv xd ndvxa ^ 6frt iS hdq ye xal elg Sv * ÖTteg 61 fjth xöqov xal XQV^ß^' 
aiivfiv ixdXeacof, ol 6* ixm^Qcoaiv xal öiaxöafAT^aiv. Aber es fragt 
sich eben, ob die Stoiker mit ihrer Deutung recht hatten. 



— 165 — 

xTJaect)^ xwv dixov alxiov* xaXel dk avrd XQ^<^f^oavvrjv xal xöqov' 
XQrjOfjtocfövri di iariv ?} duvcöa/jiriai^ xcaa'öxdv, fj dk ixTvöqmai^ 
xÖQo^. Tidvxa ydQt q^rjal, x6 nvq ineXOov XQivei xal xaxcdTJyfexoL 
Und worauf sollte sich auch das yoQ in diesem Satze be- 
ziehen als auf ixTtvQcoat^? Dazu kommt aber, was die Haupt- 
sache ist, daß der Begriff der xgiai^ als des Weltgerichts, 
verbunden mit der Vorstelltmg des richtenden Feuers, doch 
gar zu bedenkHch nah an christUche Lehren streift, als 
daß man ihn ohne Verdacht als Herakütisch hingehen lassen 
dürfte, zumal die Sprache, ausgenommen vielleicht dasVerbum 
xatcdi]y)etaiy auch nicht den geringsten Archaismus oder 
Heraklitismus aufweist; xqiveiv nvd „über jemanden rich- 
ten" (nicht jt€Q( rivo^ und nicht mit dem Objekt der Sache 
wie dlxr]v xglveiv) ist überhaupt erst spät, vom jüngsten 
Gericht verstanden durchaus christlich: xgiveiv C^ovra^ xal 
vexQ(y6^ 2. Timoth. 4, 1, ti)v olxov[xivriv Act. 17, 31, xöv 
xöa/jiov Römer 3, 6, ebenso htiqxofmi vom jüngsten Tage: 
and (pößov xal nqoodoxla^ xwv inegxo/xivcDV xfj olxovfjiivji 
Lukas, 21, 26. xXaAaaxe öXoX'öCovxe^ inl xal$ xaXautcoQiai^ vjbubv 
xaXg ^nsQxofihaui Jacobus 5, 1. Aber nun klammert man sich 
um so fester an das xaxakrf^)exm, vergleicht es mit dem Fr. 28 : 
dixri xatah^iperai tpevdoyif xixrova^ xal /juiqxvqoj^, sowie mit 
dem Sprachgebrauche des Antiphon, nach dem xaxalafxßd- 
veiv als das Gegenteil von &TcoX'6eiv und d(piivai und als Aktiv zu 
dX&vai einen Terminus der alten Gerichtssprache bedeute^. 
Aber mögen wir es hier mit „schuldig sprechen", „verur- 
teilen", übersetzen, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß 
der Begriff des Urteils oder der Schuld in der eigentlichen 
und bei Antiphon sehr klar empfundenen Wortbedeutung 
nicht enthalten ist; mit xaxayiyymaxeiv, xaxaxgiveiv, xarafioQ- 
xvgelv, xaxatpri<p(C£aOcu hat dieses xaxaXa/jißdveiv nichts gemein, 
es heißt „ergreifen", „festnehmen", wie djtoXveiv freigeben 
und lösen heißt, und ist entstanden aus derselben Vorstellung, 
für die der Kläger der Verfolger, der Angeklagte der Fliehende 



1 Vgl. Wilamowitz Hippoljrtos S. 237*; Dittenberger Hermes 
XXXn S. 34. 



— 166 — 

ist^. Dieselbe Vorstellung erklärt es auch, weshalb ursprünglich 
als Subjekt der Kläger, nicht der Richter auftritt; so bei Anti- 
phon Tetr. 3, 4, 9: rövxe yäg ÖKoxovra ov dlxcuov «araAa^/Jd- 
veiv, fxii aa^oj^ diSd^avra öxt ädüceixai' x6v xe (ps'öyovxa ävoaiov 
aXa>vai, fxii (pavegw^ iXeyjfiivxa ä iTiixaXeixaiy und ebenso in den 
Urkunden, d. h. den Inschrüften: aus Teos (523 b 56 Ditten- 
berger) 6 de äXiaxofiBvo^ ixxivexco ömXdaiov,.. xo de ijfuav 
xov xaxaXaßövxo^ ioxca; aus Olbia Anfang 4. Jahrh., Ditt. 
546, 20: TtQa^ovxat ök xo^ nagä xo \priq>iafjiA xi naQavofjmxa^ 
61 äv xriv (hvrjv nqlcDvxai xcbv Ttagavo/Lii^adncov dixrji xatcdaßovxe^. 
„Verurteilen" heißt xaxala/jLßdveiv streng genommen über- 
haupt nicht, grob genommen erst in übertragener und sehr 

* Antiph. Tetr. 1, 2, 10: dnoXveaOai öi %^(p* i^fiwv, ei xal 
etx&ccDQ /Jiiv SvxwQ öi fiii änisaewa xdv ävöga, noX'ö fwXkov (^ 9«ara- 
Xafjbßdveadcu) ölxaiög elfu; .iy(o xe ydg ipaveqdv Sn juieydXa döixo'ö/jLevog 
ilfivvofirf» — o^ yd.Q dv ebc&tcog idÖMOW änoKtuvai adx6v -r- 
to'ög xe äjioKielvaifXOQ xal od rovg aixlav ixovxag dnoKtelveiv 6q66^ 
äv HaxaXa/jtßdvoire. 1, 4, 4: dim 6* dfWjQ dnoX'öoavxdq f4s 
fiaxaglöcu fjboXkov rj icaxaXaßövxag iXefjacu. 1, 4, 11: xdv dvalxujv xaxa- 
Xaßövxag xdv dhuyv dq>eivai, 2, 3, 11: xaxaXaßdvxeg fiev ydga'öxdv. . .^ 
dnoXvaavreg öi dnahtoi xaSlataaSe, 2, 4, 9: odx oi^ idv dnoX'öarfxe 
flfjudg, dXk* idv xataXdßi]T6 ivBi^fjuov i^noXelipexe. 3, 2, 8: 'ö/iäg öi XQ^ 
xd 'ö/jiixeQOv axonovvxag dnoXvaaC /le ßäXXov ij xaxaXaßeiv ßo'öXeaSai * 
dö(xwg fiiv ydg d7toXvde(g. , jubij SgOwg öi xaxaXrigfOelg 'öq>* '^ja&v, « 
4, 3, 7: (ydö* oik(o ölxcuog t5^' vpL&p xaxaXapLßdveadal itni, 4, 3, 9: 
el öi xig xoiviiv fxiv xifv JigäSiv, xoiv^ öi riyv dxvxtav avx&v ^yoiifjtevog 
elvcu /zrjöiv dnoX^aifjLov /idXXjov i) xaxaXi^tpijuLOv ix xcop Xeyo/Jtivwv 
yiyvdtaxei a^dp &na, xal aöxcog dnoX'öeiv /jLoXXov rj xaxaXaßßdveiv 
ölxaidg iaxi, Subjekt in allen diesen Sätzen sind die Richter; inso- 
fern diese im Namen des Gesetzes Recht sprechen, kann auch der 
vdfMg deren Stellvertreter sein, wie man auch sagt: t5^6 xov vö/mv 
dnoX'öexai. 2, 4, 9: <5 v6fju>g dnoXi5mv tj/Mig xfjg aixktg xdv djioxvelvavxa 
xaxaXa/ißdvei, 3, 3, 2: xdv ydg ägiavxa xfjg nXrjy^g xovxov dhujv xwv 
jtQaxBivzcov yevö/ievov xaxaXa/ißdveadat 'ÖTzd xov vö/wv. 2, 3, 7: xd 
noQdnav öi doyot^fievog fiii djtoxxelvm aöxdv o^' t^^rö xov vd/wv »ara- 
XafjbßdveaBai (prjaiv, ög dnayoge'öet firße öixcUcog fAi^e dd(HQ}g djtoxrelveiv. 
Man kann freilich angesichts der anderen Stellen bei den letzten 
beiden Sätzen schwanken, ob der vd/iog nicht auch als der Klager 
vorgestellt seiu könne; wie es scheint, ist auch der Kläger, der Ver- 
folger, als Subjekt gedacht in 1, 4, 10: odx idv dno(pf5yo> aöx iaiiv 
i( <Jw iXeyxO^oovxai ol xaxovgyovvteg, dXX' idv 9eaX'aXfiq>B(bf o^/jUa 
dnoXoyia xoXg Öioyxofiivotg dQXovad iaxiv. 



^ 167 — 

abgeleiteter Bedeutung. Aber was soll man sagen zu dem 
Satze: navta yäg ro tzvq ineiBov XQivel xal xaxdkrixpsxai} 
Gesetzt, dies alles wäre Heraklitiscli: soll man glauben, daß 
ein Sprachgenie wie Heraklit die Bildlichkeit und Kraft des 
Wortes xaxaXijyjezai so ganz und gar verwischen und über- 
tünchen, ja bis zur Unkenntlichkeit hätte entstellen 
köimen? Welcher Gedanke! Das Feuer, als Richter oder 
Kläger gedacht, soll verfolgen und ergreifen! Wen ergreifen ? 
^ndvral Doch des Rätsels Lösung läßt nicht auf sich warten, 
sobald man nur, anstatt mit Worten und Zufälligkeiten der 
einzelnen Autoren sich herumzuschlagen, nach der Über- 
lieferung als einem Ganzen fragt, oder, um mit Lachmann zu 
reden, sobald man nur die recensio vor die emendatio stellt. 
Wenn alles dafür spricht, daß tivq, xqivbI und ndvxa Inter- 
pretationen sind, so bleibt als sicher Heraklitisch einzig 
xaxaXifirpexcu. Nun trifft es sich, daß noch ein zweiter Zeuge 
gleichfalls aus demselben Worte auf die Lehre von der Welt- 
verbrennung schließt, Clemens in den Stromata V cap. 1, 7: 
dia xoiko xal 6 änöatoXoc nagaxcdei, 'Iva fi nlaxi^ r^fjmv [Mq 
fj iv aoiplq. ävOQd)7tQ)v rcov neideiv iTzayyeXXo/Lihcov, 'a}X iv dwa- 
fxei deov ' rfj fiovji xal ävev r&v dnodei^etov dia \pikf\^ rrj^ Ttlareco^ 
acbCetv dvva/iivfj. 'doxiovta yäg 6 doxifjudnaxatoc yivcoaxei (pv- 
Xdaaei' xal fxivxoi xal^ 'dixrj xarakijtperai tpevöcov xixrova^ 
xal fjidQxvga^' (Fr. 28) 6 ^Eq)iai6^ (priotv* oldev yäg xal o'öxo^ 
ix xf\C ßaqßdqov <pdoao(pia^ /buxOobv- xtjv dua tzvqo^ xädagaiv 
x&v xaxa>c ßsßuoxöxcov, ijv vaxegov ixjz'ögcoatv ixdkeaav ol Zxcoi- 
xo(' xaß' 8v xal xov idico^ Ttoiov dvaaxijaeadai doyjuiaxlCovai, xom 
ixelvo xTjv dvdaxaaiv negthtovxei^. Wie Clemens oder vielmehr 
schon sein stoischer Gewährsmann die dlxt} auf das Weltfeuer 
deutet, so sind auch bei Hippolytos die Worte ndvxa xo nvg 
iTieXOdv xgivel nur Interpretation des Textes dlxfj xaxa- 
lijipexai. Ein dritter Zeuge für dieselbe stoische Exegese ist 
Themistios Paraphr. Arist., S. 231, 8 Spengel: majteg 'Hgd- 

* Die, Worte xal fiivtoi 9<al gehöreu doch wohl dem Clemens selber, 
nicht dem Heraklit; Clemens sieht in dem ersten Satze einen Hinweis 
auf die aog>Ui dvOgcmcov x&v Jteidetv öwa/jLivcov, in dem zweiten einen 
Hinweis auf das Weltgericht. (Nach einer Mitteilung Brinkmanns.) 



— 168 — 

xXecto^ t6 TtvQ olexm jliövov aroixelov xal ix toikcov yeyovivcu ro 
Tzäv. ivxevOev yoQ i^fjiä^ xal deidittetai, avfjupXey^aeadai noxe. 
x6 Ttäv dnefX&Vy iTtetd^ dtaXvdi^aexcu el^ tovro, ii oi xal yiyovev. 
Auch hier dürfen als Überüeferung nur die Worte gelten 
i^jbiäs ^^^ deidlrretai, und diese wollen wiederum nur das 
28. Fragment, dasselbe, das bei Clemens überliefert ist, um- 
schreiben. Als Tatsache der Überlieferung bleibt nur die 
Androhung des künftigen Gerichts: der dixt] nach dem Aus- 
druck HerakHts, des Feuers nach der Auffassung der Stoiker 
und Christen^. Die Zahl der Belege für die Heraklitische 
ixTvÖQcoai^ ist ohnedies im Altertum beschränkt gewesen; es 
sind dieselben wenigen Fragmente, die als Unterlage der 
antiken Erklärungen beständig wiederkehren. Daß Hip- 
polytos einen Beweis beibrächte, der sich sonst nicht wieder- 
. fände, ist an sich schon wenig glaublich; und da sich das 
xaxaXijipezai in Fr. 66 und in Fr. 28 nun als dasselbe darstellt, 
so fällt aller Grund in Zukunft fort, das erste als besonderes 
Fragment zu führen. 

Scheidet aber diese Stelle aus der Zahl der Heraklitfrag- 
mente aus, so fällt damit der einzige Halt, die einzige wirk- 
lich sichere Gewähr dafür, daß Heraklit dem stoischen Dogma 
von der Weltverbrennung angehangen habe. Ich weiß wohl, 
was ich damit behaupte, weiß auch wohl, daß man mir 
Aristoteles entgegenhalten wird. Aber ich kaim kein Hehl 
mehr daraus machen, daß ich es für einen schweren und ver- 
hängnisvollen Fehler der Zellerschen Philosophiegeschichte, 
in dieser wie in so vielen anderen Fragen, halte, daß sie es 
vorzog, sich die Wahrheit, formuliert und fertig, aus den 
Angaben des Aristoteles zu holen, statt sie aus den Frag- 
menten selbst durch unbefangene Interpretation heraus- 
zuarbeiten. Aristoteles war durchaus Philosoph und stand 
als solcher allen älteren Philosophen durchaus anders 

^ Auch in Fr. 14 trägt Clemens das Weltfeuer hinein (Protr. 22) : 
riai &fi /iovieiktm *HQdxXBnog 6 *E<piaioQ; vvHxm6kiHq, /Jf^yotQ» ß<bex^* 
XdjpcuQ, fjL'6atmQ * lotHrofC djiedei tä pietä Bdvcnov, TotHroi; /juxnefktm td 
nvQ. xä yäq vo/u^ö/meva xax' dvdQ(&7tovg fivanjgux dnegcoad ßvevvtcu. 
Vermutlich standen beide Fropheseiungen bei Heraklit zusammen. 



— 169 — 

gegenüber als der Philologe oder Historiker; in seinen Augen 
gingen die vorsokratischen Philosophien sämtlich auf in 
einem einzigen, wohl organisierten, einheitlichen Reiche, 
das es seiner eigenen, alles überwältigenden Spekulation 
nicht weniger zu unterwerfen galt, als etwa die Naturgeschichte 
oder PoHtik; sie waren in seinen Augen nur der Stoff, der 
seine Form erst durch die Einsichten erhielt, die sich ihm 
selber aufgeschlossen hatten, andererseits als ebensolcher 
Stoff zugleich ein Mittel, um die eigenen Fragestellungen und 
Lösui^en auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Fast überall, wo 
uns noch heute größere Massen von Fragmenten vorliegen, 
sind wir vor die Notwendigkeit gestellt, uns über seine Er- 
klärungen hinwegzusetzen; sein Fehlgriff in der Beurteilung 
der Parmenideischen dö^a ist für sein Verfahren überhaupt 
bezeichnend: er uniformiert, er setzt das ihm geläufige OeQ/uöv, 
\pvxQ6v für axöro^ und q)d)^, und um in der Angleichtmg 
an andere, ihm geläufigere Theorien noch weiter zu gehen, 
setzt er wiederum diese beiden Elemente dem Feuer und der 
Erde gleich. Um ein Verständnis war es damit ein für allemal 
geschehen. Mag er daher auch den Heraklit für einen Physiker 
nach Art der anderen Physiker gehalten haben, mag er ihm 
noch so sehr, nach Art der andern, eine Weltentstehungs- 
und Weltuntergangshypothese beigelegt haben, so erledigt 
sich doch damit noch keineswegs für uns die Frage, was die 
lyehre HerakUts gewesen ist, zumal die allgemein verbreitete, 
antike wie moderne Auffassung, die ihn zum Vater der Fluß- 
lehre macht, erwiesenermaßen falsch ist. Und wenn gar erst, 
gestützt auf Aristoteles, die Stoiker den HerakHt zu einem 
der Ihren machten, so hatten sie beinahe ein gutes Recht 
dazu ; war es doch ihr Prinzip, überall sich selbst hineinzuinter- 
pretieren. Aber soll' man es für möglich halten, daß selbst 
Zeller, ohne Verdacht zu schöpfen, eine Exegese hinnahm, 
der zufolge Heraklit zwischen dem ewigen Idlco^ noio^ x6a/io^ 
und dem vergänglichen xöojbu)^ der dtctKÖa/uTjai^ schulmäßig 
wie nur ein orthodoxer Stoiker unterschieden hätte ?^ 

^ Daß Heraklit den Weltbrand habe lehren wollen, haben von den 
älteren Brklärem bekanntlich Schldermadier und Lassalle be- 



— 170 — 

Clemens Stromata V 104, 1 : aa(pi(naxa 6' 'HgdxXevvo^ 6 Efpi- 
aio^, ra&trj^ iari rfj^ do^^, xdv fidv xiva xoofxov äidiov elvai doxifJuA- 
aa4 xdv di xiva (pBeiQdfievov xdv xazä xijv duaxdafMqaiv eidd)^ ovx Ixs- 
Qov övxa ixeivov jzcoc s^ovxo^' dAX 8xi jbtäv äidiov xdv i^ äjtdarj^ xfj^ 
ovaia^ Idico^ noiov xöa/btov jjdeiy fpaveqdv noiel kiycov o'Sxo}^' 'xöc- 
fiov <x6vde>^ {xdv aöxdv ändvxcDv) oüxe xi^ Oemv oüxe 

stritten; von den neueren nur Bumet. Aber Bumet irrt, wenn er 
die Theorie des Hippokratikers de victu zur Brklänmg Heraklits 
verwenden zu dürfen glaubt. Daß die Welt zwischen zwei Maximal- 
zustanden ewig hin und herschwanke, größter Wärmeentwicklung 
und größter Feuchtigkeit, tmd durch ihren Pendelschlag sich selber 
reguliere, findet sich in der Überlieferung über Heraklit mit kdnem 
Worte angedeutet. 

1 TövSe fehlt bei Clemens, steht dagegen bei Plutarch de anima c. 5 : 
'xöofwv TÖvöe*, qyyjalv ' Hgoxleirog, 'o'örs rig Oewv oihe dvßQdmojv inoiticev* 
wie bei Simplidus de cado S. 294 Hdberg : 9ccd ' HgöxXßixog öi 6«' alviy/i&v 
rijv iavxov aoq)lav ixq)iQO)v aö zavra, SbieQ doxei xots no^lq, ai]/Kdvei • 
6 yovv ixelva ehtcbv ytegl yeviaecDg, cog öoxei, xov xöafwv (vorausgeht die 
auf S. 138 Anm. angeführte Stelle: man sieht, Simplidus mißtraut 
dem Theophrast) 9«ü rdSe yiygaqje • 'xöa/wp xövöe oike xiq Bs&v oihe 
ävBQdmcov ijioiriaev, d}X ^ äeC, TiXiiv dri 6 *AliSavÖQog ßovXö/ASVog xdv 
' HqoxXbixov yevrjfiov xal q>daQxdv kiyew xdv x6a/wv äXk(og dxoi5ei xov 
xöofwv vvv. 'oö ydg fiaxo/uva, fpr)al, Hyet d>g ä» x(p Ö6((U • xöd/juiv yoQ, 
q>r}a(v, ivxavda ofö xi^e Xiyei x^ diax6a/ir}aiv, d^d xadöXov xd övxa xod 
xijv xovxiov öidtaiiv, xa&* ijv eig ixätegov iv /ligei ^ /lexaßoXij xov Ttavxög, 
noxi fxh elg nvQ, Tioxi öi elg xov xoiövöe xöafiov. ?J ydg xotoörrj xoikoyv 
iv fjUgei' fAsraßoXij xai 6 xoioikog xöa/wg odx rJQ(ax6 Jioxe, dJX* i^v del* 
Man darf dieser Kontroverse mit Sicherheit entnehmen, daß weder 
Simplidus noch Alexander den Zusatz xdv wöxdv dndvxcov kannte. 
Ebensowenig kannte ihn Plutarch. - Wenn aber zwd oder gar drei 
von einander unabhängige Zeugen gegen einen vierten stehen, so 
müßte ein sdtsamer Zufall walten, sollte die Wahrheit nicht auf 
ihrer Sdte sein. KonziHatorische Kritik ist schwerlich hier am Platz. 
Die Frage ist vielmehr : wie erklärt sich die Variante xdv aindv djidv- 
xoyv ? Wie mir scheint, sehr einfach : sie weist' auf die vorangehenden 
Worte xdv ii djrdarig xrig aöolag idlmg noidv x6a/wv und bezeichnet die 
Weltordnung, die ein imd diesdbe ist für alle xoafwi, zum Unter- 
schiede von dem Kosmos der öiaxoüfArioig, Mit dem Gedanken des 
Fragmentes selber steht sie in keinerld Zusammenhang, erst von 
der stoischen Fragestellung aus wird sie verständlich. So definiert 
z. B. Arius Didymus bd Euseb. praep. evang. XV 16 (Dids Doxogr. 
S. 464) : SJißv xdv x6ofM>v a'dv xoig iavxov /jidgeai 7tQoaayoQei5ovai deöv * 



— 171 — 

ävdgmTtcov iTtoirjaev, äkk^'^v äel xai iaxiv xal Sarai' 
TtvQ äelCcoov, aTtxofievov fjbixqa xal änoaßEvvifjLEvov 
fiixqd (Fr. 30). &xi di xal yevrjxdv xal q>6aQxdv avxov elvai 
idoy/bidxiCev, fjLrjvdei xä htupeQd^JLSva' ^nvqo^ xqonal nqojxov 
ddXaaaa, dakdaatj^ di xo (xer ij/ziav yfi, x6 de i]fjbiav Ttqtja' 
xriq (Fr. 31). dwä/üiei yäq Xiyei, 8xi nvq ino xod diotHovvxo^ 
Xoyov Tcal Oeov xä avfjmavxa dt äiqo^ xqdTisxcu elg vyqov xo d)^ 
öTtiqfjua xfj^ duvcoa/jiijaea)^, S xaXet ddXaaaav' ex 6^ xovxov ad- 
614 yivexai y^ xal ovqavo^ xal xä ifjmeqiexo^va' öno)^ de ndkiv 
ävcdafißdverai xal exjtvqovxaiy aaq)(b^ ötä xovxcov dtjXor ^Oälaaaa 
öiaxiexai xal fzexqiexaiei^ xov aixdv Xoyov oxolo^ nqoa- 
dev ffp il yevdadai yfj.^ojj^ico^ xalneqlxdyväXlcov crcoix^lcovxäaixd. 
TtaqajtXijaux xovxq) xal oi iXkoyifJuHnaxoi X(6v Zxcmxoov öoyfMxxlCovai 
Tteql xe ixjivqcoaeco^ öudafißdvovte^ xal xöa/Liov diotXTJaeco^ xal xov 
Idiü)^ Jtoiov xoafiov xe xal ävdqcoTtov xal xfj^ xcov i^fxexeqcov y)VX(ov 
imbvafjLovfj^. Die säuberliche Trennung, in der hier Text und 
Interpretation geboten werden, gibt uns die Möglichkeit, 
die Auffassung der Stoiker und ihres Vorgängers Aristo- 
teles auch heute noch zu prüfen. Denn auch Aristoteles zog 
seine Schlüsse aus denselben Worten, auf denen der Stoiker bei 
Clemens seine Erklärung aufbaut. Es ist eine Tatsache von 
größter Wichtigkeit, daß Theophrast beim Ausarbeiten der 
Entwürfe seines Meisters ebenfalls denselben Text zur 
Unterlage nahm und offenbar nehmen mußte, um die 
Gedanken Heraklits über Entstehung und Untergang der 
Welt zur Darstellung zu bringen: Diogenes Laert. IX 7: 
Sva elvm xoofjLov (^^xöa/Liov xörde")' yewäoOai xe avxov 

xovxov öi ha fiovov elval tpaoi xal TteneQaafihov xal ^^ov xal äiöiov xal 
Oeov. iv ydg w^rqt jidvta JieQiixsaOai xä cdifjuna, (aööevdg äjtXcög ixt 6g 
avrov 'ÖTidQxofvxoQ : aus Clieomedes c. 1 statt des sinnlosen xevöv öi firfiiv 
lüTtdQxeiv iv a^dr^} . rd yäq ix ndcfr)g xf\g aöaiag noidv nqoaayoqe'öeaBai 
<de6v, od suppl. Arnim Stoicor. vet. fragm. II S. 169> xd xaxä xijy 
ötaxöajuiriaiv xijfv toiaihrfv öidxaSiv ixov. Demnach haben wir in den 
Worten xov a'öx&v ändvxow eine stoische Erklärung zu erblicken, bei- 
gefügt, um die venneintliche Zweideutigkeit des Ausdrucks xöa/Mv 
xtSvde zu beseitigen. Übrigens würde ein solcher Zusatz auch der 
archaischen Wortbedeutung, wie sie sich uns später ergeben wird 
widersprechen. 



— 172 — 

• 

ix TtVQÖ^ xal naXiv ixTivQovaOai xaxd nva^ tzbqMov^ ivaXXaS 
rov avfjmavta aubva (—'dAA' ijfv ael xal iaxi xal Sarai' nvg 
äei^coov, änxöfievov fxixqa xalänoaßevvöfJLevov fjiixQa)^. 
xovxo de yiveadai xaff eljbuxQ/jiivi^v' xd}v de ivavtiwv xo fjih htl 
xfjv yheaiv äyov TcaXeladai TCÖXe/JLOV xal iqiv (=^*eldivai di XQ"^ 
xdv TtöXe/Liov iövxa fvvrfr, xal dixrjv iqiv, xal yivö/meva nivxa 
xax' iqiv xal xQed>fjLeva [xQecov? Diels] Fr. 80), xo 6' inl 
xijv ixTt'ÖQCoacv o/wXoyiav xal elqijvrjv, xal xijv fiexaßoXijfv oöov 
ävo) xaxü) {=606^ ävco xdxo) fxla xal (hvxij Fr. 60), x6v xe 
x6afiov yiveadai xox axnr\v (dies ist Interpretation), tvox- 
voiijbievov yäg xo nvQ i^vygaiveadai avvunafxevöv xe ylveaOax 
"ödcoQy Tzrjyvv/jievov di xo üöwq el^ yfjv xgijteadai {=7tv qo^ 
xQOTtal TtQOJXov OdXaaaa, BaXdaari^ di xo fiev ijfjiiav 
y^^) ' xal xa'&trjv odov inl xo x6x(o elvai (auch dies ist 
Interpretation). ndXiv xe a5 xijv yrjv xelaBaiy iS ^c xo iSdcoQ 
yiveadai (= ^OdXaaaa diaxiexai xal (xexqiexai el^ xdv 
avxov Xöyov, oxoio^ nqoaOev ijv ij yeviadai yff), ix de 
xo'&tov xd Xotndy axedov ndvxa (seil, xd o'öqdvui) inl xiiv dva- 
Ovjbilaaiv dvdycDv ri)v ojtd xfj^ OaXdaarj^ (= 'OaXdaaij^.. xd öi 
rifjLiav nQTjaxiJQy aikrj di iaxiv if inl xd' ävco^ ddo^} Auch 

^ Daß Theophrast sich ia der Tat auf dieses und kein anderes 
Fragment bezog, beweist Simplidus in Aristot. de cael. S. 294 Heib. 
xal 'HedxXenog öi Jtotk fAh ixnvQovaßai Xiyei tdv xöofwv, nori öi ix 
rov TtVQÖg; awiaiaadai Ttdhv wöröv xard riva/z xQdvoJv 7ieQi6öovg, iv olg 
(prjai * 'fjtiiQa djjptöjiievog xal /xhQa aßew^fjtevog*. Simplidus hat das Zitat 
zum Teil erhalten, das bd Diogenes ausgefallen ist. Bdde fußen auf 
Theophrast. 

* Auch bd Aetius I 3, 11 li^ dersdbe Grundtext vor: 'Hgöxlei- 
rog xal "Injiaaog 6 MerajiovTivog dgx^ rwv dndvrojv r6 nvg * ix 
nvQÖg ydg rä ndvra yivecBai xal elg nvQ Ttövra reXevrav Xiyovai, 
roikov öi xaraaßevw/iivov xoöfionoteiaBai rä Tidvra * JtQ^orov fjtiv yäg 
t6 JiaxvfJLßqiataxw aföxov dg a6r6 avoreXXdfievw y^ yivevai, ineira dpa- 
XaXcD/jLevipf r^v yrjv 'önd rov nvqdg tpiiaei i^Q>Q dnoreXeiadai, övaBvfudy- 
fAcvov öi äiga yiveadai. juihv öi rdv xöafwv xal rd a(&fiara Jidvra 'önd 
rov JtvQÖg ävaXovaBai iv rff ixnvQ(&aei, Vergldcht man bdde Berichte, 
so läßt sich gut beobaditen, wie die Unterschddimg zwischen Text 
imd Interpretation allmählidi sich immer mehr verwischt hat. Der 
originale Theophrast wird wieder eüi Stück genauer gewesen sein, als 
der Auszug, den Diogenes bietet; audi was Qemens an Bdegen an- 
führt, wird im Origitiale nidit gefdilt haben. 



— 173 — 

Theophrast verhehlt nicht, daß man die Worte Heraklits 
erst deuten müsse, um mit ihnen etwas anzufangen; und 
seine Interpretationsmethode, äußerlich getrennte Aphoris- 
men inhaltHch einander gleichzusetzen, um so unter den ver- 
schiedenen Hüllen den gemeinsamen Gedanken zu entdecken, 
läßt zum mindesten das Eine klar erkennen, daß eine voll- 
ständige, ausgeführte Kosmogonie im ganzen Buche des 
HerakUt nicht vorkam. Die Deutung Theophrasts stützt sich 
hauptsächlich, um von Neben- und Seitenstützen abzu- 
sehen, auf zwei Textstellen, das Wort von der ödo^ ävco xdtco 
und dasselbe Fragment, das uns durch Clemens überliefert ist. 
Zu diesen Stellen hat ein späterer Stoiker, vermutlich Posi- 
donius, dem daran noch nicht genug war, eine dritte hinzu- 
gefügt, die Worte über den x6qo^ und die xon^f^^'*^ \ über- 
liefert ist uns seine Deutung bei Hippolytus und Philo de 
anim. sacrif. II, S. 442 Mang. : 'fj dk el^ fdXri xov C4>ov öuxvojLiii dtj- 
Xoi, fpcoi c&C h rd ndvxri ^ 8xi ü evo^ re xal el^ Sv' Stisq ol fxh xd- 
Qov xal xjgriaiwaivriv bcäleoavy oi d* ixTvÖQoxjiv xal duvc6a/jii]aiv. 
Ebenso viel und ebenso wenig hat es endlich zu bedjeuten, wenn 
die Stoiker auch noch in einer rätselhaften Prophezeiung 
eine Stütze für ihre Auffassung zu finden glaubten und die 
Christen, Clemens und Hippolytus, wiederum den stoischen 
Weltbrand in das jüngste Gericht umdeuteten. All diese Ver- 
suche beweisen schon durch ihre Zahl das gerade Gegenteil 
von dem, was sie beweisen sollen. Nur aus dem Fehlen einer 
wirklichen Kosmogonie erklärt sich die behutsame Be- 
merkung des Theophrast am Anfang seines Berichtes : xal 
xä ijtl fiiqov^ &k airti^ (W ixei x&v doyfjuixcov * tzvq elvai axot- 
Xeiov xal tzvqö^ ä/jLOißrjv xä ndvxay oQaubaei xal nvxvioaei yi- 
vöfieva' aa<pa>^ 6k ovdev ixxldexau Nur bei dem Fehlen 
einer Kosmogonie konnte eine Auffassung laut werden, wie 
die bei Aetius (Doxogr. 331): 'HqdxXevto^ ov xaxä xQ^'*'ov 
elvai yerrpcöv xov xöa/jiov, dXka xax* inlvouav. Und wie hätte 
auch anders Piaton im Sophistes die Unwandelbarkeit 
und Ewigkeit des Heraklitischen Kosmos dem perio- 
dischen Wechsel des Empedokleischen entgegensetzen 
können ? 



— 174 — 

Um die bei Clemens überlieferten Fragmente zu ver- 
stehen, muß man vor allen Dingen wissen, welcher Sinn dem 
Worte xöajüu)^ in der älteren Sprache zukommt. Melissos 
Fr. 7: äXX* o'öSk /LLeraxoaiLiridfjvai äwcfxdv (rd 8v)' 6 yäq HÖOfio^ 
6 TtQÖaOev icbv ovh äjiöXXvrai oihe 6 fiii ithv ylveroL Es be- 
darf keines Worts, daß x6a/w^ hier weder die Welt noch 
ihren „Bau" bedeutet, sondern einen bestimmten Zustand, 
eine Phase dieser Welt im Gegensatz zu anderen x6a/iot, 
anderen Phasen, vergangenen oder zukünftigen. Diogenes 
von Apollonia Fr. 2: el yäg xä iv xa>de reo höo/j^ iövra vvv, 
yf\ xal üdcoQ xal di)ß xal nvq xai rä äXXa 8aa (patvexai iv tä- 
de T(p xöa/bUü iövra, el w&ccov ri "/jv Sregov xov ixiQov . . . 
Auch hier ist x6a/ju)^ zeitlich zu verstehen, als Ausdruck für 
die gegenwärtige Weltordnung, zum Unterschiede von dem 
Urzustand, wo Wasser, Erde und Luft noch ungeschieden 
eine gleichförmige, dünne Masse bildeten. Damit stimmt 
wiederum Parmenides überein. Fr. 2 : oi yäg änoxfiij^ei xd idv 
xov iövxo^ ix^cfOai oike axvbvdfxsvov JtdvTf) ndvxo)^ xaxä xöa/wv 
ovxe avviaxdjbievov, denn auch hier wird zwischen zwei kos- 
mischen Perioden unterschieden, der unendlichen Zerstreuung 
der Materie und ihrer Zusammenziehung und Weltwerdung. 
Empedokles Fr. 26: äXXoxe [xiv Odöxrixi avvegxd/jtev ei^ iva 
xdafiov, äXXoxe 6* aö 01% Ixaaxa q)oqEvixsva Nelxeoc ijfieu Der 
bU xöofjLo^, der Zustand der vollkommenen Einheit, gleichbe- 
deutend mit dem aq^aigo^ xvxXoxegijiy tritt der getrennten Er- 
scheinungsform der Elemente gegenüber, die in der gegenwär- 
tigen Weltgestalt die Herrschaft hat. So hat auch Anaxagoras 
zwischen der Welt als einer einheitlichen und vielfältigen Ord- 
nung unterschieden. Fr. 8: ov xexd>gujxai dMijXcov xä iv xm hl 
xöa/tup ovdi änoxixoTtxai neXixei ovxe xd Oegfxov and xov ywxgov 
oihe xd ywxgov änd xov Osgfwv. Auch hier ist 6 el^ xöc/wc; 
im Gegensatz gedacht zu einem anderen xöcfw^, kurz das 
Wort hat keine dingliche, selbständige Bedeutung, sondern 
steht bezogen tmd bedeutet einen Zustand, wie auch tp'öai^ 
ursprüngHch die natürliche Beschaffenheit, sei es des Men- 
schen, sei es der ganzen Welt ausdrückte tmd verhältnis- 
mäßig spät erst sich von diesen Beziehungen gelöst und zum 



— 175 — 

Begriffe , Jf atur" verallgemeinert hat^. Dieselbe Grundbedeu- 
tung für xdafwc ist auch aus den Bildui^en öidxoafioc und dta- 
xoa/ieiv zu folgern — jede Ableitung, die diesen Zusammen- 
hängen gegenüber versagt, spricht sich selbst das Urteil. Aid- 
xoafAo^ kann nur die Entwicklung sein, durch die die verschie- 
denen xöüfioi auseinander hervorgehen. Auch dies Wort ist 
altbezeugt : Pannen. Fr. 8, 60 : röv aoi iyd) dtdxoofiov iotxöta 
ndvxa (patlCco; dazu die Titel der Schriften des lycukipp 
und Demokrit: Miya^ öidxoofio^, Mtxgo^ dv&xoofjux^. Dasselbe 
gilt für duixoafjLeiv: Anaxagoras Fr. 12: xal önola ifieXkev ioe- 
aOai xal onola fjv, äaaa vvv /jiij San, xal önola San, ndvxa 
diexöafjLTjae vov^, xal rijv neQixiOQrjaiv xaAxriv, fjv vvv neqixoy 
giei xd xe äaxqa xal 6 ijXio^ xal i^ aeXijvri xal 6 äi)g xai 6 
aldiiQ oi anoxqivöfxevoL Ich muß nach alldem für wahrschein- 
lich halten, daß in dem Berichte des Theophrast über die Kos- 
mogonie des Anaximander der ursprüngliche Wortlaut wie 
aus anderen Wendungen so auch noch aus dieser hervorblickt, 
wo es heißt (Fr. 9): q)'6aiv äneigov, i^ ^g" änavxac; ylveadai 
xoif^ oiqavoi)^ xal xoi)^ iv axfxol^ xöafwv^; denn verschiedene 
xöa/bioi innerhalb desselben Himmels ist für spätere griechi- 
sche Begriffe ein Unding (eher schon innerhalb desselben 
xdofjLo^ die verschiedenen ovQavoi). Dagegen erweist sich 
als vollkommenes Phantasiestück das angebliche Fragment 
des Anaximenes, für dessen späten Ursprung übrigens ein 
jedes Wort und nicht zuletzt auch der Gedanke selber spricht 
(bei Aetius, S. 278 Diels) : olov ^ y^XH, <prialv, yj fifiexiQa ä^Q 
oiaa avyxQoxel i^fiä^, xal 8Xov xov xöafwv nvevfia xal aiiq negiixsi. 
Und was für Schlüsse und Luftschlösser hat man nicht auf 
dieser Vermutung eines Doxographen aufgebaut! 

Um zu Heraklit zurückzukehren, so muß jetzt einleuchten, 
daß xöa/jov xövöe nicht die Weltordnung, die uns umgibt 
imd ims vor Augen liegt, bedeuten kann, sondern nur die Welt 

* Bbenso stellt Heraklit dem elg xal xoivdg x6afioq der Wachen- 
den den Uuoq xöafAog der Schlafenden gegenüber, Fr. 89; auch hier 
bedeutet xöa/jtos nicht die Welt, sondern den Zustand der Zertren- 
nimg oder Einigung; Heraklit setzt schon den Sprachgebrauch des 
Anaxagoras voraus. Über den Sinn vgl. S. 216 Anm. 



— 176 — 

in ihrer gegenwärtigen Gestalt zum Unterschied von anderen 
denkbaren Gestaltungen. Und diese gegenwärtige Gestalt des 
AUs, die hat nach Heraklit weder Gott noch Mensch, d.h. kein 
wie auch immer geartetes Wesen^, geschaffen, sondern sie be- 
stand allzeit und besteht und wird bestehen : ewig lebendiges 
Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen verlöschend' : 
das heißt, die Welt kann weder ganz in Feuer untergehen noch 
ganz zu Wasser und Erde werden, ihr Entflammen und Ver- 
löschen ist an ein bestimmtes Maß gebunden, es ist propor- 
tional: was sich in ihr entzündet, ist nicht mehr als was in 
ihr verlöscht, durch ihren Wechsel hält sie sich im Gleich- 
gewicht. Der gang und gäben Auffassung zufolge müßte 
äm^jbtevov fihga nal änoaßewii/jsvov fihga heißen, daß eine 
jede Weltperiode, von der ixTfÖQCDai^ bis zu der duxxöofjLi^ai^ 
gemessen, dieselbe Zeit brauche, dieselbe Entwicklung dar- 

^ Über die polare Ausdrucksweise vgl. Wflamowitz Kommeutar 
zum Herakles v. 1106 u. S. 298. 

* Die Worte ijv te xal iazi xal Satcu formelhaft, ein Ausdruck 
für die UnveränderHchkeit; ebenso bei Anaxagoras Fr. 48 (Philodem 
de piet. p. 66 G.), wo trotz der indirekten Rede das archaische Kolorit 
noch durchschimmert: [6e]dv yeyovivm xe xal elvm xal iaeaßm xal TtdvTwv 
ägx&v xal XQaxehf. Ursprünglich mag gestanden haben: vovq ^ä ijv 
TB xal icti xal iatai xal ndvxwv äqxei xal x^atü. Der Nus bleibt ewig 
derselbe, während die anderen Dinge alle sich verändern; darum 
ist er auch sich selbst in allen seinen Teilen gleich, während die 
andern Dinge alle ungleich sind. Fr. 12: vovq öi jwfe 8pu)i6Q imi 
xal 6 /jielCcov xal 6 iMrtcov * heQov öi adöh imw 8pu)u>v o^evL Ähnlich 
steht dieselbe Formel bei Anaxagoras Fr. 12: xcd djioia ijuteUev itte- 
aOat xal ÖJtota ijv, äaaa vvv /xij Sari, xal önoia iati, ndna duHÖüfjoriae 
vovg, Bbenso Melissos Fr. 2 : Sie xolwv o^ iyivexo, iati xe xal diu ijp xal 
dsl iazcu. In all solchen Verbindungen dient dvai nie als Copula, sondern 
bedeutet Dasein imd Bestehen. Folglich kann der Sinn des HerakUt- 
fragments nur sein : die Welt ist nicht geworden, sondern ewig. Der 
Zusatz nvQ ddCcoov ist aufzufassen als erklärende Apposition, nach 
einer Konstruktion, die sich bei Heraklit als besondere Kunstform 
ausgebildet findet; vgl. Fr. 51: od (wiäaiv 8x(oq öiaipeQÖfievov imvx^ 
öfwXoydei ' TzaXivxovog dqfAOvlri Sxcdojuq xöSov xal Xi5Qr]g. Wie hier das 
TtaUvxwoQ (oder jujlUvx^ojwq) aus dem Voraufg^angenen den B^riff 
des Widerstreits wieder aufnimmt, so das äelCox)v den der Ewigkeit. 
Faßt man dag^en tivq delCcoov als Prädikat, so hat man nichts als 
leere Häufungen und einen Satz, der ohne Kola wäre. 



— 177 — 

stelle wie alle übrigen. Aber um das zu lehren, bedurfte 
es niclit 6rst eines Heraklit, das war der Gedanke des 
öidxoafwc von Anbeginn, wie ihn die alten Milesier längst 
gelehrt hatten. Und wie sollte auch ein solcher Sinn in 
solchen Worten stecken ? Mhqa muß vielmehr die Quantität 
der durch Verbrennui^ und Verlöschen umgesetzten Stoff- 
masse bedeuten, da auch [isxqeIxcu kurz danach in diesem Sinne 
steht: ddXaaaa duixiexai oial /xergietai sie xov airtdv Xöyov, 
öxolo^ nqoaOev ijfv fl yevdaOou yrj. Wenn das Feuer sich zu 
Meer, das Meer zur Hälfte in Erde, zur Hälfte in Glut- 
hauch sich verwandelt, so sollte man glauben, daß am Ende 
von dem also verwandelten Meere nichts mehr übrig büebe, 
aber nein, dasselbe Feuer, das zu Erde wurde, 2^rfUeßt auch 
wieder als Meer und nimmt dasselbe Maß, denselben Raum 
ein, den es eingenommen hatte, ehe es Erde wurde. Anders aus- 
gedrückt : das Maß des Meeres bleibt dasselbe, während der 
Stoff fortwährend wechselt: noxafwlc roi^ avrol^ ifißcuvofjiiv re 
xal ovH ifißatvo/btev (Fr. 49 a), das Wasser fließt vorüber, aber 
der Fluß bleibt stets derselbe: Tiora/Liotai totaiv avroiaiv 
ifjißaivovaiv hega xal Sxeqa üdara iTtigget (Fr. 12). Die Sonne ist 
mit jedem Tage neu (Fr. 6), und doch wird sie in alle Ewigkeit 
ihr Maß nicht überschreiten (Fr. 94) : ifXioc yäq ovx vneqßri' 
aeroti fjitqa * ei di fjiij, 'Eqivöe^ /uv Alxrii inlxovqoi iSevqi^aovoiv. 
Wie sollte diese Welt in Flammen aufgehen, in der ein Tag ist 
wie alle Tage (Fr. 106) : „unus dies par omni est^" ? So sind 
auch die nvqd^ xqonat, die Wandltmgen des Feuers, keine ab- 
wechselnden Perioden, sondern ein fortwährender Übergang 
zwischen den materiellen Gegensätzen, kraft des Gesetzes, das 
die Welt, so wie sie jetzt ist, ewig erhält. Das Himmelsfeuer 
wird zu Wasser, umgekehrt steigt aus dem Wasser als nqriaxjfiq 
die feurige Ausdünstung zum Himmel wieder empor; jedoch 

* Wenn Plutarch Camillus 19 schreibt: nsQl d* i^fieg&v änotpqdSoyv 
ehe xqh xiBeadalxivaq dxe jülij, ÖQd&g 'Hgcodeitog indnXrjiev *HaM{p rdc fJih . 
dyaOäg Tzotovpiivcp, rdc öi (paiiloQ d)g äyvoovvzi q)'6aiv i^/idgag dndarig 
fjUav oi^aav, higwOi dirptöqrirai, so hat er sich den Sinn nach eigenem 
Geschmack zurecht gemacht, so gut wie Marcus imd wohl jeder 
I^eser Heraklits im Altertum zu tun pflegte. Br hat dabei vor allem 
wohl an Fr. 67 gedacht. 

Reinhardt, Parmenides. 12 



— 178. — 

nur aus der einen Hälfte alles Wassers, aus der nämlich, 
die wieder auf dem „Wege nach oben" ist; die andere, die 
von oben kommt, muß erst zu Erde werden, um aus Erde 
sich wieder in Wasser zurückzuverwandeln^. Das Feuchte 
ist das Durchgangsstadium für die Welt wie für die Seele, 
denn auch für die Seele bedeutet es Ergötzen oder Tod, 
feucht zu werden, je nachdem sie von oben kommt oder 
nach oben geht, ob sie vom Geisterreich ins Leben eintritt 

1 Diels erklärt (Herakleitos S. 24) : ,//7e»?<mJe (später Windhose mit 
elektrischer Bntladiing) erscheint als Himmel imd Erde, Wasser imd 
Feuer verbindender Tjrpus des Wechselzustandes. Da die Erde durch 
Austrocknen des Meeres entsteht, so findet dabei durch das Auf- 
dampfen des erwärmten Wassers eine nach oben gehende Rückbildung 
des Wassers in Gluthauch (nQtjan^Q = nvg) statt. Die Weltzer- 
störungsepoche durchläuft umgekehrt die drei Stadien der Welt- 
entstehimg. Das zu Erde Gewordene verschwindet zuerst üi der all- 
gemeinen Sintflut. Das zu Wasser Gewordene nimmt wieder den- 
selben Ratun ein (Xöyog = Gesetz, Proportion, Maßverhältnis) wie 
bei der ersten Weltbüdimg, d. h. es umfaßt jetzt auch den früher von 
der Erde eingenommenen Teü des Kosmos. Dann dampft es empor 
und alles geht üi das Eine Feuer auf." Um mit dem I^etzten 
anzufangen, so steht von einem solchen Empordampfen nichts 
da, imd hätte etwas dagestanden, so würde es Qemens oder 
sein Gewährsmann schwerlich unterdrückt haben, da er doch diesen 
Satz nur anführt, um die ixTii^giomg zu belegen. Zweitens ergeben 
sich die folgenden Unzuträglichkeiten: das Feuer wird za Wasser: 
erstes Zwischenstadium, die Erde ist noch nicht entstanden; das 
Wasser wird zur Hälfte zu Erde, zur Hälfte zu JtQi](TTiJQ : erstes End- 
stadium, das Wasser ist verschwunden, alles ist Erde imd TtQTitmJQ; 
die Erde wird wieder zu Wasser, zweites Zwischenstadium; alles wird 
zu Feuer, zweites Endstadium; was unterdessen aus dem ngficnriQ 
geworden ist, bleibt ims verschwiegen. Das wäre also eine Kosmo- 
gonie, in der die gegenwärtige Weltordmmg, der Kosmos, überhaupt 
nicht mitzählte, der doch in allen Kosmogonien, selbst der Empedok- 
leischen, als der Endzustand betrachtet wird. Statt dessen verweilt, 
nach dieser Erklärung, Heraklit bei einem Zwischenstadium, das 
• weder an sich gegeben ist noch Dauer haben kann, er hebt hervor, 
das Maß iii beiden Zwischenstadien sei dasselbe, wo sich das doch 
von selbst versteht, wenn alle Materie Wasser wird. Und ist es auch 
dasselbe ? Ich dächte, es müßte um die Hälfte differieren, da doch 
der novioxr^Q in Abzug kommt. Oder soll sich auch der wieder in 
Meer verwandelt haben? 



— 179 — 

oder aus dem lyeben scheidet, Fr. 77: 80ev xal TlqdxXevtov 
ipvxfjoi (pdvai tiqxpiv ij ddvatov vygfjai yevdaOaty xiqxpiv de elvcu 
a'örcu^ T^v el^ ydveaiv mdbaiv. lyeben und Sterben ist nicht nur 
im Gleichnis für den Makrokosmos und Mikrokosmos dasselbe, 
sondern in aller Wirklichkeit, ein Übergang aus dem einen Ge- 
gensatz in den andern (Fr. 16) : f^ nvq rov yr\^ Odvatov xal äijQ 
^f\ xdv TZVQO^ Odvatov ' "Ööcoq Cfj "^ov äigo^ ddvaxov, yfj rov iSdaxo^. 
Denn enthalten diese Worte auch nur eine Paraphrase des 
Urtextes, erscheint vor allem der aTJg in dieser Reihe als zu 
viel, so ist das erste Glied doch darum als echt zu betrachten, 
weil es der späteren Elementenlehre widerspricht; ursprüng- 
lich mag gestanden haben: CS tivq rdv yfj^ Odvatov xal yfj 
Cfj tov TtvQo^ Odvatov. Doch mögen die Worte gelautet haben wie 
sie wollen, jedenfalls standen sie in wohlberechneter Beziehung 
zu Fr. 62: aßdvatoi Ovtjtol, Ovrjtol äßdvatoi, Ccovte^ tdv ixelvcov Od- 
vatov, tov öi ixelvcDv ßlov teOvecote^, wie denn die gesamte Psycho- 
logie aufs Kunstvollste, stilistisch wie gedanklich, zur Kosmo- 
logie in Parallele gebracht war, nach jenem Kompositionsprin- 
zip, das sich uns oben ergeben hat. So wenig daher ein perio- 
discher Wechsel zwischen der Gesamtzahl aller Toten und 
I/cbendigen stattfindet, so wenig kanji die gesamte Materie auf 
einmal zu Feuer oder zu Erde werden, der Übergang zwischen 
den Formen, hier wie dort, ist regelmäßig, ununterbrochen, 
ewig. Der Satz: 666^ ävco xdtco /btia xal dyvrrj kann gar 
nicht wörtlich genug verstanden werden: Erde ist nur 
umgewandeltes Feuer, Feuer umgewandelte Erde, wie Tote 
nur gestorbene Ivcbendige, Lebendige ins Leben wieder- 
erweckte Tote sind; erst mit dem Gegensatz tritt jedes Ding 
ins Dasein, und die innere Einheit, das tavtov, die „unsicht- 
bare Harmonie" (Fr. 54) wird sichtbar erst durch Zweiheit, 
Widerspruch und ewigen Wechsel. Feuer ist der Gegenwert 
für alle Dii^e und alle Dinge sind der Gegenwart für Feuer, 
wie die Waren gleich dem Golde gelten und das Gold 
gleich den Waren (Fr. 90): nvqoc te ävta/uLoißij tä ndvta xal 
TtVQ äjzdvtcov Sxcoaneg %qvaov xqifiiMxta xal ;fßiy^ra>r XQvadi^, 
Und Heraklit wird nicht müde über diesem Gedanken Varia- 
tion auf Variation, Gleichnis auf Gleichnis zu häufen (Fr. 88) : 

12* 



— 180 — 

xavro X Svi Cft>v xal teOvtjxd^ xal ro eyQtjyoQd^ xal ro xaßevdov xal 
vdov xal yfjQcuöv ' xdde yoQ /lexajteaövra hcelvd iaxi xäxetva Ttdkiv 
fuxajieaovca ravzcL Wie das Meerwasser zugleich süß und 
bitter ist, für die Fische trinkbar und lebenerhaltend, für die 
Menschen untrinkbar undtödUch (Fr. 61), wie die Ärzte durch 
dieselbe Operation den Kranken wohl und wehe tun (Fr. 58), 
so steckt in allem Zwiespalt eine unsichtbare Einheit, sei es 
Gesetz, sei es Verhältnis, sei es Gott, sei es Slibstanz. Wie das 
Opferfeuer, wenn es sich mit Räucherwerk mischt, bald so bald 
so benannt wird, je nach dem Gerüche, den es hervorbringt^, so 
sind auch Tag und Nacht, Sommer und Winter, Krieg und 
Frieden, Sättigung imd Htmger Formen, aber wesentliche und 
notwend^e Formen eines und desselben Urwesens (Fr. 67).* 

1 'KaO* ifioif^ htdmov : vgl. Anaxagoras P. 4. idioQ naanolaq ixovza 
xal XQ<>^ ^^^ i^Sovdg. Hippokr. de victu 29 : dxoij rp6q>ov, Syfig qxwe- 
Qwv, ffveg SöjLLfjg, yX&aaa i^öov^g xal drfditjg, Diogenes Fr. 5: xal äAlcu 
TtoXlal hegoiibaieg iveim xal i^öov^g xal XQoiriQ äjieiQOL Heraklit kennt 
bereits diese Terminologie. 

* Einen ähnlichen Sinn hat Fr. 7 : el ndvxa xä ovxa xanvög yivoixo, ffveg 
ä» a'örä dtayvoiev. Um die hypothetische Form zu verstehen, muß man 
Fr. 15 hinzunehmen : ei fiii ydg Atovöaqi Tzofjmifp htomvvio xal ^fivew ^a/Mz 
aldo(oiaiv, dvaiSiaraxa elQyaai\av * (hvzdg Si 'AlSfjg xcd Aiöwaog, Sxeq> ßuävov- 
xcu xal XrjvätCovaiv. Wäre nicht das I^ben der Tod, so wäre ihr Treiben 
tmerträghch schamlos; mm aber ist Dionysos gleich Hades; folgUch 
feiern sie, indem sie Dionysos feiern, ihr eigenes Gericht. So ist in den 
Augen Gottes alles gut imd gerecht, imd nur die Menschen vermögen 
die Coinzidenz von Gerecht imd Ungerecht nicht zu erkennen" (vgl. 
Fr. 102). Ebenso ist auch der Bedingungssatz in Fr. 99 zu verstehen: 
d juL^ ijXiog ^, hexa x&v öXkcüv ämqcüv e^fpqövri dv ^. Solche Bedin- 
gungssätze .sind verkürzte Beweise: „Tag und Nacht sind 
eins; denn fehlte dem Tage die Sonne (imd die Sonne ist do<±L 
niu: ein großer, erdennaher Stern) so könnten auch imsere Sinne keinen 
Unterschied mehr wahrnehmen." Ebenso Fr. 7: „In aller stofflichen 
Verschiedenheit der Dinge steckt eine verborgene Einheit; gesetzt, 
es würden alle Dinge zu Rauch, so sähen ^ir mit imseren Augen eine 
Einheit, imd doch würde die Nase noch zwischen den Gerüchen 
unterscheiden; nun ist aber zwischen dem Geruchsinne und den übri- 
gen Sümen kein .Unterschied." Heraklit kennt schon sehr wohl den 
hypothetischen Beweis; wir dürfen aus der Besonderheit seines be- 
wußten, sehr preziösen Stiles keine Rückschlüsse auf die allgemeine 
Entwicklung der philosophischen Rede- und Beweiskunst machen. 






— 181 — 

Aber sind nicht Sommer tmd Winter, Tag und Nacht 
periodische Wechsel, also Störungen des Gleichgewichts 
und Überschreitungen der ewig unverrückbaren Grenzen 
und Maße, die allen Dingen gesetzt sind ? Heraklit ist sich 
der Gefahr, die von dem Wechsel der Naturerscheinungen 
her seinem metaphysischen Grundsatze drohten, wohl be- 
wußt gewesen; seine gesamte Kosmologie kennt keinen 
andern Zweck, als aus dem Einwand, der ihm hier entgegen- 
stand, sich eine neue Stütze und Sicherung zu schaffen. 
Theophrast, der ihn für einen Physiker nach Art der andern 
hielt, mußte mit Verwunderung feststellen, daß er auch nicht 
ein einziges Wort für die Gestalt der Erde und des Univer- 
sums noch für die Gestimsbewegungen noch die Ursache der 
Himmelsdrehung übrig hatte, sondern all sein kosmologisches 
Interesse mit der Erklärung der Wechselerscheinungen er- 
schöpft war, alles kosmologische Detail nur dazu diente, 
Sommer und Winter, Tag und Nacht, Gewitter und Regen 
als verschiedene Formen eines und desselben Wesens zu be- 
greifen^. Die Atmosphäre, so lehrte Heraklit, besteht aus 
zweierlei Ausdünstungen, von denen die eine aufwärts, die 
andere abwärts steigt, die eine in Himmelsfeuer übergehend, 
die andere in Wasser tmd Erde, imd wie die eine sich im Hohl 
des Meeres sammelt, so die andere in den Hohlschalen, den 
OTcdqxu der Gestirne. Je näher der Erde, desto dichter und 
dunkler sind die Dämpfe, je höher, desto heller und reiner. 

^ Der Auszug des Diogenes (IX 9) aus Theophrast ist so ausführ- 
lich imd so ausgezeichnet, daß er sichere Schlüsse gestattet; ich 
setze ihn zur Kontrolle her: ylveaOcu di dvadv/judaeig dnö te yfjg xai 
BaXaxtriq, &q fxh Xa/jutgäg 9ccd xaOaQdg, äg öi axateivdg * ai^Seadai öi td 
fjikv 71VQ i5jc6 r&v Xafjmqcav, t6 öi i^yg^v 'önd r&v Mqojv * x6 öi nsqiixov 
dTiolöv itniv od öriXol' slvcu fxivxoi iv avx<^ axdqxig ineaxQafjifihag xaxä 
xoüov JtQÖg i/jfjiäg, iv alg ddgoiCo/jiivag rdg lajLUtQäg dvadv/judaeig djto- 
releiv (pXöyag, äg elvai xd äarga * lajumgordtipf öi elv<u ti)v ^3Uov (pXöya 
xal BeQfwtaxtf», xd fikv ydq £Ua äcxga lüzia» djcixeiv dnd yfjg xad öid 
tovxo iftTOV Id/Aneiv xaX ddhtew, n^v öi ae^vrpf TtQoayeiaxiQov oi^aav ^i) Öid 
xov xadoQov q>iQ€ad(u xdnov, xdv fxivxoi rjXtov iv öuxvyei wü d/juyei 9cei- 
aScu xcd ai^/jt/ASXQOV dtp^ ilj/jiwv ixBiv öidtntj/jia * xoiydgxot fAa}Xov OeQ/xalveiv 
Mal (pcoxiCeiv, iTdeineiv xe HXwv xcd aekffmp^ övco <nQ6q)o/ii(ov xwv cfxatpöjv, 
TotJg X6 wtrd /M^a xtjg aeXrjvrig axi]fKxtiafAOidg ytveaBai mQeq^o/Aivtig iv 



— 182 — 

Darum leuchtet die Sonne heller als der Mond, den irdische 
Dämpfe trüben. Geht aber die Sonne auf, das heißt die 
Schale, die nächst dem Monde in größter Erdennähe kreist, 
so sammelt sich in ihr wie in den anderen Schalen der auf- 
steigende helle Dunst als Sonnenscheibe, bringt die gesamte 
hellere Dunstmasse, die unter ihr liegt, zum I^euchten tmd 
tiberstrahlt die weiter entfernten Schalen der übrigen Ge- 
stirne; das ist der Tag; versinkt die Sonnenschale wieder, 
so steigt derselbe Dunst in höhere Femen zu den Sternen auf, 
tmd Dunkelheit nimmt wieder um die Erde überhand; das 
ist die Nacht: „Wäre die Sonne nicht, der übrigen Gestirne 
wegen wäre auch bei Tage Nacht" (Fr. 99 el fjuii ijXio^ "fjv, 
ivexa twv äXXcov äaxQojv €vq)Q6vr) äv fjv). Mit andern Worten: 
der Tag ist eine erleuchtete Nacht, die Nacht ein verfinsterter 
Tag, der Wechsel zwischen beiden und ihr Gegensatz besteht 
nur innerhalb der Erdennähe, eine Veränderung des Gleich- 
gewichts zwischen den dreierlei Erscheinungsformen der 
Materie hat nicht statt. ^ Aus derselben Ursache hat HerakHt, 
nach Theophrast, auch den Wechsel von Sommer imd Winter 
erklärt, d. h. nicht als periodisches Überwiegen bald des 
Feuers über die Nässe, bald der Nässe über das Feuer, son- 



a^zfj xcnd /UKgdv xfiq axdq>i]g, 'fjfiiQov xs xal vtjxra ylveoBai 9cal fdijvciQ 
Hai &Qag helovq Hol ivuiVTO'öq t3erot;; xe Hol utve^fjund xal xd xoikoig 
öfwia xaxd xdg öiaq>6Q0vg dvaOv/udaetg * xijv /ziv ydg XafjLJtqdv dva- 
BvfjUaaiv q>Xoy(odeiaav iv t4> xij>cX(p xoO i^Kov ^piiQav mneZv, xifp öi ivap- 
xlav inixQoxijaaaav vöxxa djunehtv * xal ix /liv xov XafutQov x6 BeQfiöv 
a^iöfjievov OdQog Ttoisiv, ix öi xov axoxeivov x6 i^ygov TiXem^d^ov x^^t*^^ 
dneQyd^eaOai ' dxoXo^dmq öi xoikoiQ xal Ttegl x&v ä^cov alxtoXoyei, negl 
öi x^s y^g aööiv djuxpahetai Jioia xlg iaxiv * d^' ovöi Tteql xwv axaq)6w, 
* So verstehe ich auch Fr. 120: ^vg xal ioTtigag xiqfjuna i} 
äQxtoq xal dvxtov xfjg ägxxov oi^gog alOglov Ai6g. „Die Grenzen für 
Morgen und Abend sind der Bär und gegenüber dem Bären der 
Wind des Äther-Zeus." ''ÄQxxog nicht der Pol sondern der Bär, 
die nördliche Region des Himmels, und ihr gegenüber der oi^gpg 
alOgiov Aiög, der Wind des Äthers, dem homerischen Aidg oi^gog (Od. 
6, 176; 15, 296) nachgebildet, die I^uft oder das Pneuma, worauf die 
E)rde schwebend ruht. Sie beide büden die Grenzen, an denen 
Morgen imd Abend aufhört, denn Tag imd Nacht kreisen nur um 
die Brde herum. 



— 183 — 

dem als wechselnde Gruppierungen der beiden an „Maß" 
stets gleichen Ausdünstungen; wenn die Sonne sich im 
Winter von der Erde entfernt, nimmt um die Erde die 
dunklere, kältere Luft überhand, indessen der hellere Dunst 
sich in entferntere Himmelsräume verzieht, während im 
Sommer der dunklere Dunstkreis, wenn er auch nach wie 
vor bestehen bleibt, so doch an Wirkui^ einbüßt, wie ihn 
auch Tag für Tag die Sonne überstrahlt. 

Man hat endHch gemeint, im sogenannten „großen 
Jahre" des Heraklit, d. h. einer zehntausendachthundert- 
jährigen Periode, ein unzweifelhaftes Zeugnis für den Herakli- 
tischen Ursprung der ixTi^igcoai^-Theotie zu besitzen. Aber 
mit diesem Zeugnis ist es eine eigene Sache. Censorin, nach- 
dem er über die ägyptische Sothisperiode gehandelt hat*, 
fährt fort 18,11: „est praeterea annus quem Aristoteles 
(Fr. 25)2 maximum potius quam magnum appellat, quem 
solis et lunae vagarumque quinque stellarum orbes con- 
ficiimt, cum ad idem Signum, ubi quondam simul fuerunt, 
una referentur; cuius anni hiemps summa est cataclysmos, 
quam nostri diluvionem vocant, aestas autem ecpyrosis, 
quod est mundi incendium. nam his alternis temporibus mim- 
dus tum ignescere tum exaquescere videtur. hunc Aristar- 
chus putavit esse annorum vertentium IlGCCCLXXXIIII, 
Aretes Dyrrachinus VdTji, Heraclitus et Linus Xdccc, Dion 
XdcCCLXXXIIII, Orpheus CXX, Cassandrus tricies sexies 
centum milium: alii vero infinitum esse neque umquam in 
se reverti existimarunt." Das Erste, was sich in diesen Worten 
unterscheiden läßt, ist eine große Konfusion. Das große Jahr 
der Astronomen und die Planetenumdrehung, die bald zur 

^ Die vorausgehenden Worte Censorins ,,hic annus etiam ^Xuxxög 
a quibusdam didtur et ab aliis Oeov iviavtdq'* beziehen sich nur 
auf das äg3rptische „große Jahr", und die ägyptische Periode hat mit 
den Perioden des Aristarch, Aretes usw. nichts zu tun. Die Vermutung, 
Beov ivuxmög sei Ausdruck Heraklits, entbehrt daher der Begründimg. 

2 Das Aristoteleszitat stammt wahrscheinlich aus dem Protrep- 
tikos des Aristoteles; jedenfalls hat es mit den übrigen Exzerpten 
nichts zu tun; vgl. Usener Rh. M. 1873 S. 391ff ; Kl. Sehr. III S. llff. 



— 184 — 

Sintflut, bald zur Weltverbrennung führen soll, sind die 
getrenntesten Dinge, die es auf der Welt nur geben kann; 
das eine durch exakte astronomische Berechnungen ge- 
wonnen, eine Zeitperiode, welche die Umlauf zeiten aller 
Planeten und des Fixstemhimmels auf denselben Nenner 
bringen sollte, das andere eine wilde astrologische Phan- 
tasterei, aller Berechnung spottend, nicht einmal grie- 
chischen Ursprungs, sondern ausgeheckt im fernen Babylon 
und ausgegeben für eine Uroffenbarung Bels. Als solche 
wenigstens hatte Berossos sie in seiner babylonischen Ge- 
schichte vorgetragen: wenn alle sieben Planeten, so war 
die Lehre, auf derselben Geraden im Tierzeichen des Stein- 
bocks aufeinanderstoßen, so müsse die Welt durch Wasser 
untergehen, vereinigen sie sich im Krebs, so breche der 
Weltbrand aus (Seneca nat. quaest. III 29). Aber den älteren 
Stoikern lag nichts femer als der Gedanke, kosmische und 
astronomische Perioden miteinander zu verknüpfen, und 
dasselbe, was von den stoischen Schtilhäuptem gilt, gilt 
noch viel mehr von aller älteren Naturphilosophie. Auch 
im Timaios 39 D, wo das große astronomische Jahr zum 
ersten Male uns in der Literatur entgegentritt, erscheint 
es lediglich als Rechenexempel, ohne kosmogonische und 
eschatologische Bedeutung^. Erst ein Babylonier, der zu- 
gleich ein Stoiker war, Diogenes, hat die astronomischen 
Perioden des Berossos in die stoische Lehre eingeführt. 
Wie aber das große Jahr bei Censorinus doppelter Herkimft 
ist, so scheiden sich auch die Autoritäten, die er aufbringt, 
deutlich nach zwei Gruppen; Orpheus, Linus und Heraklit 
als Zeugen geheimnisvoller Urweisheit sind erst durch 
Exzerptoren-Unkritik unter die Forscher geraten, die durch 
astronomische Berechnungen das große Jahr zu finden 
suchten. Es ist klar, daß die drei Namen zu den 
stoischen Weltperioden in Beziehung standen, anders aus- 

* Zellers Amiahtne, das Welt jähr Piatons seien die 10000 Jahre, 
die die Seele brauche, um ihre große Wanderung zurückzul^en 
(Phädr. 248 C E), Rep. X 616 A C, 621 D), entbehrt jeder Begründung 
(Phüos. d. Gr. II 3. Aufl. S. 684). 



— 18B — 

gedrückt, daß eine stoische Exegese vorliegt, die das Dogma 
der ixTWQCDOi^ in der • Erwähnung irgendwelcher Zeitmaße 
bei Heraklit, Linus und Orpheus wiederzufinden glaubte. 
So erhebt sich die Frage nach der wahren Bedeutung dieser 
Maße. 

Was Orpheus betrifft, so finden wir die Antwort auf 
diese Frage gegeben im Kommentare des Servius zu Vergils 
EklogenlV 10: „Nigidius de düs Hb. IV. quidam deos et 
eorum genera temporibus et aetatibus dispescunt, inter 
quos et Orpheus primum Satumi, deinde Jovis, tum Nep- 
tuni, inde Plutonis; nonnulli etiam, ut Magi, aiunt Apollinis 
fore regnum. in quo videndum, ne ardorem sive illa ecpyrosis 
appellanda est, dicant." Also handelte es sich bei Orpheus 
lediglich um eine Geschlechterrechntmg. Linus nannte 
dieselbe Zahl wie Heraklit, das heißt der Verfasser des Pseudo- 
nymen lychrgedichts Tiegl (piiaeo)^ xöc/wv, von dem noch 
bei Stobaeus 13 Verse erhalten sind (Eclog. X, I, S. 119 
Wachsm.), hatte den Heraklit selber zu Rate gezogen, wie 
denn die Anleihen bei diesem und der alten philosophi- 
schen Lehrdichtung auch in den erhaltenen Versen recht er- 
heblich sind. Was aber war der wahre Sinn der Hera- 
klitischen Periode? Er ergibt sich, wie ich glaube, aus 
Plutarch de defectu oraculorum 11, S. 415 Dff. 

Ich muß, damit man die Bedeutung dieser* Stelle 
würdigen könne, vorausschicken, daß ein gelehrtes C^t^jyua 
als Quelle vorHegt, nur sehr obenhin und äußerlich in 
dialogische Form gebracht und dem Gespräche der pythi- 
schen Festteilnehmer eingegliedert. Gebaut war dieses 
C^r^yua, wie eben ^rjxrnMixa gebaut zu werden pflegten: 
auf die Lösungsversuche der Früheren und deren Wider- 
legung folgte die eigene, neue Deutung des Verfassers. Der 
strittige Text waren die Hesiodverse über die Lebenszeiten 
der Krähe, des Hirsches, des Raben, des Phönix und der 
Nymphen (Fr. 171 Rzach): iwia tot !id)Ei yeveä^ kaxigvCa 
xoQd>vrj ävdgcbv i^ßcbvriov . Von den früheren Deutungen, 
die unter yeved „Geschlecht" verstanden hatten, hatte die 
eine sich auf Piaton und die Pythagoreer berufen, die 



— 186 — 

andere, stoische, auf HerakKt und Orpheus; nach der 
neuen Erklärung sollte yeved nicht das Geschlecht sondern 
das Jahr bedeuten. Aber nun mögen die Worte für sich 
selber sprechen: rovrov xov xQ^'^ov ek noXi) nXfjOo^ äqißfwv 
avvdyovaiv ol ^ii xald)^ dexöjuevoi xiiv yevedv ' Sari yäg iviavtö^, 
äare yiyveadai x6 aifjmav iwaxiaxtXux hrj xal iTtraxöaux xal 
elxoai xri^ x&v daijbtövcov ^orq^. Skaxxov jbiev b'5v vofjUCovaiv oi 
TtoXXol xöjv fw&YjfjuaxtKioVy nXiov de ovde IIlvdaQo^ eX^xev ebuhv 
xa4 vifjxpa^ ^tjv ^laoddvdgov xixjjuiQ aUbvo^ Xaxolaa^ (Fr. 165 B), 
dio xal xaXelv avxä^ äfjujdqvada^ (soweit die Widerlegung). — 
exi d^ avxov Xiyovxo^ Ayj^yjxqu)^ vnoXaßoyv ^tuo^, iq>ri, Xiyei^, e5 
KXeöjbißQoxe, yeveäv ävögo^ elgfjadai xov hiavxov; oüxe yäg 
^rißibvxo^ oike 'yrjQcovxo^^, cog' dvayiyvcbaxovaiv Svioi, XQ^'^^^ 
dvdQ(07t(vov ßlov xoaovxö^ iaxiv. alX' ol fisv ^ßcbvxcov dva- 
yiyvcbaxovxe^ exrj xqvdxovxa Ttoiovai xriv yeveäv xaff 'HqdxXevtov 
(Fr. A 19), ev c[> XQ^'^^ yewcovra noQixei xov i^ avxov yeyewrj/jLivov 
6 yewijaa^' oi de ^yrjQ(bvx(ov TtdXiv, ovx 'i^ßcovxcov yqdipovxe^ 
oxxd) xal exaxov exri väfiovai xfj yeveq.' xä yäq nevxijxovxa xal 
xiaaaga jbteaoiiarj^ Sqov ävdgaymvov fai^g' elvai, avyxelfxevov ix 
xe xf]^ dqxfi^ xal xcbv ngäncov dvelv inuiddcov xal dveiv xergayü>vü>v 
xal dvelv Tcößcov, od^ xal üXdxcov dgSfjuoi)^ SXaßev ev xf\ xpvxoyovlq. ' 
xal 6 Xöyo^ 8X(o^ fjvljfiai doxel xco 'Haiödcp ngo^ xijv ixjtijgcoaiv, 
oTiYjvlxa avvexXelneiv xoi^ vygol^ elxö^ iaxi xd^ N'öfKpau^y ^al 
t' äXaea- xaXd vifiovxm xal Ttrjyd^ Ttoxa/Lubv xal nlaea noirievxa 
(Hom. Y 8). — Kai 6 KXeöjLtßgoxo^ ^ohovco xavxy Sq)i]y noXXcov 
xal 6g(b xrjv 2xü)t;xrjv ixTtögcjoiv &aneg xd 'HgaxXeixov xal xd 
'Ogq)dco^ änivefJLoixhriv inri ovxo) xal xd 'Haiödov xal avveSdjtxov- 
aav ' äXX' ovxe xov xdofJLov xrjv (pOogdv dvdxojbuzi XeyojüLivriv xxX. 
Es folgt die grammatische Begründung der zuerst gegebenen 
Erklärung, die yeved für ivuivTtö^ nimmt, nach der Regel: xd 
TtoXXdxi^ xd fxexgovv xal xd fjbexgoifxevov xol^ avxol^ ovofjuiai ngoca- 
yogeveadai. 

Plutarch fand also bei seinem gelehrten Gewährsmann 
eine stoische Exegese, allem Anschein nach mit großer 
Ausführlichkeit berichtet und mit noch größerer widerlegt. 
Möglicherweise war auch der Gewährsmann selber Stoiker, 
da er, wie sich noch zeigen wird, zum Teil sich das gelehrte 



— 187 — 

Material des Gegners seinerseits zunutze gemacht hat. 
Aber wie kommt Plutarch dazu, die stoische Deutung nicht 
nur für Hesiod und Orpheus, sondern auch für Heraklit 
mit derselben Schroffheit von der Hand zu weisen, wo 
doch kein Mensch bezweifelte, daß Heraklit tatsächlich die 
ix7t6Q(üai4 gelehrt habe? Das Unberechtigte der stoischen 
Methode konnte für Plutarch nur darin liegen, daß sie mit 
Gewalt das Schuldogma auch solchen Stellen aufzwang, die 
ihm offenkundig widerstrebten. Was er verhüten wollte, 
war nur, daß der stoische Weltbrand zu so vielem, was er 
schon verschlungen, nicht auch noch die Heraklitischen 
yeveal ergreife. Also hatte der Stoiker die orphische, Hesio- 
dische und Heraklitische Geschlechterrechnung in denselben 
Topf geworfen und in ihnen allen Hindeutungen auf die 
stoische ixmjQcoaic gefimden. Aber Zeiträume von nicht 
mehr als dreißig Jahren konnten selbst in dem voreinge- 
nommensten Interpreten noch keine Erinnerung an die 
kosmischen Perioden wachrufen. FolgHch müssen die yeveai 
bei Heraklit zu einer größeren Zahl addiert gewesen sein. 
Gab etwa diese Zahl den Anlaß, daß man auch bei Heraklit 
ein großes Jahr erwähnt zu finden glaubte ? Es wird wohl 
nichts übrig bleiben als die Frage zu bejahen. 

Bei Censorintis finden wir zusammen erwähnt 1. das große 
Jahr des Orpheus, 2. des Heraklit, 3. den Weltbrand, endHch 
eine Reihe der erlesensten und ausgefallensten Astronomen- 
namen samteinemVerzeichnisse ihrer Berechnungen des großen 
Jahres. Das ist aber genau dasselbe höchst gelehrte Material, 
das auch der Stoiker bei Plutarch verwendet: Weltverbren- 
nung, Orpheus, Heraklit — und daß auch die astronomischen 
Berühmtheiten nicht fehlten, zeigt das Sätzchen: SXartov jülsv 
odv vo/xlCovaiv ol Ttoilol xcbv jbujßrubuirixdjv, „weniger" näm- 
lich als 9720 Jahre: was kann damit anders als das große 
Jahr gemeint sein? Und was sollen wir unter den „Mathe- 
matikern" verstehen, wenn nicht die Astronomen, die es be- 
rechnet hatten? Wenn dabei die Mehrzahl, wie Plutarch 
versichert, über 9720 Sonnenjahre nicht hinausgegangen 
war, so hatten also doch einige auch größere Zahlen genannt. 



— 188 — 



ein Verhältnis, das durchaus zum Kataloge des Censorinus 
stimmt. Wenn nun Plutarch und Censorinus oder, was das- 
selbe ist, Varro bei so grundverschiedener literarischer Be- 
tätigung, der eine aus einem Doxographen, der andere aus 
einem Grammatiker, dasselbe stoische Material zutage 
fördern, so versteht es sich für jeden, der in der literarischen 
Überlieferung Bescheid weiß, daß die Zeit des Stoikers, von 
dem sie beide abhängen, kaum später als in den Beginn des 
ersten vorchristlichen Jahrhunderts fallen kann, wahrschein- 
lich aber noch erheblich höher hinaufzurücken ist. Und dank 
Aetiu§ können wir diesen Stoiker auch noch mit Namen 
neimen: es war Diogenes aus Babylon, der Schüler des 
Chrysippos. 

Auch Aetius schaltet mit demselben Material wie Cen- 
sorin, wie folgender Vergleich beweist: 

Aetius, S. 363 Diels: Censorinus c. 18: 

Tdv di fiiyav ivuwrov ol fxev Hoc quoque tempus, quod 

iv Tfi dxtaerrjQidi rldevrat, ad solis modo cursum nee ad 

lunae congruere videbatur, 
duplicatum est et octaeteris 
facta . . . hunc circuitum 
vere aimum magnum esse 
pleraque Graecia existimavit, 
quod ex annis vertentibus soli- 
dis co'nstaret, ut proprie in 
anno magno fieri par est. . hanc 
octaeterida vulgo creditum est 
ab Eudoxo Cnidio institutam, 
sed aliiCleostratumTenedium 
primum ferunt composuisse 
et postea alios aUter . . . 

Praeterea sunt anni magni 
complures, ut Metonicus, 
quem Meton Atheniensis ex 
annis undeviginti constituit, 
eoque eimeadecaeteris appel- 
latur . . . 



Ol 



di iv rfj iweaxcudexaexf]' 



Qtdi, 



— 189 — 

ol de iv Tol^ iSrjxovxa ivo^ est et Philolai Pythagorid 

diovoiv , • . annus ex annis quiquaginta 

novem ... 

Est praeterea annus quem 
Aristoteles maximum potius 
quam magnum appellat . . . 
hunc Aristarchus putavit 
esse aimorum vertentium 
IlCCCCIvXXXnn, Aretes Dyr- 

'HQdxXeito^ ix fwgicov öxta- rhachinus VGCn, Heraclitus 

xujxdicov fihax&v. et I^inus XBCCC etc. 

AuoyivYi^ ix nivxB xal i^rpeovxa 

xal XQiwcoal(ov iviavrwv xoaoi- 

roDV, 8o(üv 6 xaxä HgdxXeirov 

ivuxvtö^. 

Es bedarf wohl keines Wortes, daß die Notiz über Heraklit 
bei Aetius nur aus Diogenes selbst geschöpft sein kaim; folglich 
geht auch Censorinus letzthin auf Diogenes zurück. Das- 
selbe Ergebnis läßt sich auch noch auf anderem Wege erreichen. 
Wie wir wissen, hatte Heraklit die yeved auf 30 Jahre ange- 
setzt; sein sogenanntes großes Jahr umfaßte also 360 ysvecU. 
Und offenbar war auch die Summe, die er angab, nicht die 
Zahl der Jahre, sondern der Geschlechter, denn nur so läßt 
sich die bessernde Bemerkimg des Diogenes verstehen, die 
Zahl sei viel zu klein, in Wahrheit möchten es nicht 360, 
sondern 360 mal 360 yeveal sein, die das große Jahr aus- 
machten. Damit hat Diogenes natürlich keine Berech- 
nung aufstellen, sondern nur eine ganz ungefähre Vorstel- 
lung der ungeheuren Zeitdauer erwecken wollen. Aber das 
setzt doch immerhin voraus, daß er bei seiner Kritik von 
einer sehr bestimmten Vorstellung geleitet war. I^assen wir, 
da doch nur runde Zahlen überhaupt in Frage kommen, von 
den 10800 Jahren HerakHts die letzten 800 Jahre fahren, so 
ergibt sich als Produkt äer 360 mal 10000 Jahre 3600000, 
eine Zahl, die sich mit keiner der erwähnten, astronomischen 
Schätzungen des großen Jahres auf 2484, 5552, 10884 



— 190 — 

Sonnenjahre auch nur von fem vergleichen ließe, ausgenom- 
men die des Kassandros auf ebenfalls genau 3600000 Jahre. 
Kein Zweifel, Diogenes hat den Kassandros gekannt, und alle 
Kenntnis, die wir von dem sonst verschollenen Manne be- 
sitzen, ist uns einzig und allein durch ihn vermittelt. Folglich 
hat dem unbekannten Doxographen, aus dem Varro-Cen- 
sorinus und Aetius gleichermaßen ihre Weisheit schöpften, 
eine Schrift des Babyloniers vorgelegen, und ein anderer, 
sehr verschiedener Weg muß auch den stoischen Grammatiker 
Plutarchs zu demselben Urquell hingeführt haben. Das 
Verhältnis der drei 2^ugen läßt sich also kurz durch folgende 
Zeichnung wiedergeben: 

Diogenes 




Plutarch Aetius Censorinus 

Auch von der Beschaffenheit der Quelle können wir 
uns jetzt ein ungefähres Bild machen: eine weit ausge- 
sponnene Untersuchung über die Dauer der Weltperiode, 
reich beladen mit gelehrtem Material und „Angleichungen" 
{avvovaeuhoei^) aller Art, zu Anfang paradierend die naXavol 
q)vaioX6yoi, Orpheus, Hesiod und Heraklit als die erlauchten 
Vorverkünder stoischer Doktrin, mit umschweifigen, wunder- 
lichen Deutungen bedacht, es folgten die Berechnungen 
der Astronomen, kosmische und astronomische Periode 
wurde nach dem Muster des Berossos miteinander gleich- 
gesetzt, kurzum es war ein Werk, so abenteuerlich, so ver- 
stiegen und barock in seinen Aufstellungen, daß es sich 
würdig der phantastischen Schrift desselben Babyloniers Ttegl 
zfj^ 'AOrfvä^ zur Seite stellt. FUeßt unser ganzes Wissen über 
das große Jahr des Heraklit allein aus dieser trüben Quelle, 
so taugt dieses unser Wissen herzUch wenig. Woher kommt 
es doch, daß von den anderen Zeugen, die doch alle mit 
dem größten Eifer nach einwandfreien Belegen für die 
ixTvÖQoai^ bei Heraklit gesucht haben, auch nicht ein ein- 



— 191 — 

ziger an das große Jahr gedacht hat?^ Offenbar doch, weil 
dergleichen überhaupt bei HerakHt nicht vorkam und die 
Zeitperiode, die genannt war, mit der Weltverbrennung 
nichts zu tun hatte. Ist es doch eben die Verquickung 
und Vermischung beider Vorstellungen gewesen, die den 
Widerspruch Plutarchs hervorgerufen hat. Aber wenn es 
falsch ist, mit Diogenes die 360 Geschlechter als Hinweis auf 
die Weltverbreimung aufzufassen, welche Auffassung bleibt 
als die wahre übrig ? Oder, um dasselbe besser und bündiger 
zu fragen, was bezweckte Heraklit mit seiner ganzen I^ehre 
von den yeveal ? Denn schwerlich war doch über denselben 
Gegenstand in einem so weni^ umfangreichen Buche doppelt 
und verschiedenen Orts gehandelt; beide Fragen müssen, 
bis nicht das Gegenteil erwiesen ist, in eine einzige für uns 
zusammenfallen. 

Darüber nun, was er sich unter einer yeved ge- 
dacht hat, sind wir durch verschiedene Zeugen wohl 
berichtet: Plutarch an der angeführten Stelle: oi ^h ^fjßAv' 
xoyv ävayiyvcbaxovxe^ ht] rgtaxorca noiovai t^v yeveäv xoff 
HQotxXeiTov, h ^ XQ^'^ yewwvxa naq^x^i rdv i^ aöxov yeyewrj- 
fjtivov 6 yewriaaj^. Philo Fr. Harris (Cambr. 1886) S. 20: 
dvvaxov iv XQvaxoar& hei aö zov ävOgconov ndjinov yeväoBai, rjßäv 
fikv Tzegl rriv TsaaeQeaxaiSexaexfj rjXvKlaVy iv fj aneigei, rd de 
amxqkv eviavrov yevöfxevov ndXiv Ttevxexavdexdtc^ hei zo S/uioiov 
iofvx^ yewäv. Aötius V 23 : HqaxXeixo^ xal ol Zxcotxoi äqxeadai 
xoi>^ ävOqdiTtov^ xr}^ xeXeiöxrjxo^ neql xijv devxigav ißdojüuida, 
negl '^v 6 OTteg/buxtiKd^ xivelxai öqqö^, Censorinus 17, 2: 
„quare qui annos triginta saeculum putarunt multum 

1 Die Worte des Simplicius in Aristot. phys. S. 24, 4, Diels noiei 
öi 9cai tdiiv tivd xal xq6vo» mqiaiAivov xfig xov xöofiov /jtexaßoXfjg xaxd 
xiva el/jMQfjUvrpf ävdyxrjv beziehen sich nicht auf das große Jahr, son- 
dern auf Fr. 30, wie sich aus Simplic. in Aristot. de cad. S. 294, 
Heiberg ergibt : xcu 'HoSc^snog öi Jioti fih kaivQovoBcu Myei xdv x6a/iov, 
Tiaii öi ix xov nvgdg awlaraoBcu JtäXiv a^6v xaxd xivag XQ^c^ JceQiööovg, 
iv otg tpriai ■ '/ihga dstxdfievog xcd fihqa aßew^fjLevog*. Des Simplicius 
Quelle ist an beiden Stellen Theophrast (siehe oben S. 172). Aber 
hätte wohl Theophrast sich so ausgedrückt, wenn Heraklit die 
Dauer einer Wellperiode bis auf Jahr und Tag" berechnet hätte ? 



— 192 — 

videnttir errasse. hoc enim tempus genean vocari Hera- 
clitus auctor est, quia orbis aetatis in eo sit spatio; 
orbem autem vocat aetatis, dum tiattira ab sementi 
humana ad sementim revertitur." Also verstand Hera- 
klit unter einer yeved den denkbar kürzesten Kreislauf von 
Geburten, durch die sich der Ring eines Geschlechtes, die 
Periode zwischen Großvater und Enkel, schließt. Mit zwei- 
mal sieben Jahren wird der Knabe zeugungsfähig, ein Jahr 
geht auf das Reifen der erzeugten Frucht, so kann ein Mensch 
nach frühestens einunddreißig Jahren Urgroßvater werden^. 
Wenn Heraklit diese Rechnung so ausführlich vortrug, so 
ist selbstverständlich, daß er das nicht der bloßen Kuriosität 
wegen getan hat, sondern um ein Gleichnis anzudeuten, ein 
Rätsel aufzugeben: wie das ganze Leben in seinen Augen nur 
ein Gleichnis ist des Todes, wie der Schlafende zum Wachenden 
nicht anders sich verhält als der Verstorbene zum Schlafen- 
den und in eben diesem Verhältnis eine Bürgschaft für die 
Fortdauer der Seele nach dem Tode liegt, so kaim auch der 
orbis aetatis als der denkbar kleinste Kreislauf der Geburten 
für ihn nur ein Gleichnis, eine geheimnisvolle Hindeutimg 
gewesen sein auf einen unendlich viel mal größeren, Leben 
und Tod umfassenden Ring des Werdens, auf die große 
Wanderschaft der Seele zur Verdammnis oder zur Seligkeit. 
Heraklits Psychologie ist ihrem innersten Wesen, ihrer 
letzten, geheimsten Absicht nach eine Rechtfertigimg und 
philosophisch möglichst einwandfreie Ausgestaltung religiö- 
ser Hoffnungen, die sich mit den pythagoreisch-orphischen 
auf das Engste berühren, ein Versuch, die Fortdauer der Seele 
nach dem Tode und zugleich damit das Walten einer aus- 
gleichenden Gerechtigkeit aus den Gesetzen der Physik 
und nach der allgemeinen Weltordnung als notwendig zu 
erweisen. Diese Einsicht springt sofort heraus, sobald man 
nur die allemötigste und allernächste Frage aufwirft, die 

1 Der Kreislauf läuft also vom Zeugungsakte des Großvaters bis 
zum Zeugungsakt des Dinkels; über den Volksglauben, der dem zu- 
grunde liegt, die Vorstellung, daß der Großvater im Bnkd wieder- 
kehre, vgl. A. Diet^rich, Mutter Erde, 2. Aufl. S. 23ff. 



— 193 — 

man bei einem jeden Philosophen aufzuwerfen hätte und die 
doch so oft verabsäumt wird: was will der Philosoph nur 
eigentlich? „Größerer Tod empfängt größere Belohnung." 
„Im Kriege Gefallene ehren Götter und Menschen." „Die 
Menschen erwartet nach dem Tode, was sie nicht erwarten 
noch glauben." „Wach werden Wächter über die Lebendigen 
und Toten^." „Strafe wird die I^ügenschmiede und falschen 
Zeugen ereüen." Das sind Worte, deren Absicht auf die 
Rettung göttlicher Gerechtigkeit und deren Zusammenhang 
mit religiösen Strömungen nicht wohl bezweifelt werden kann, 
so wenig, wie daß überhaupt die Philosophie Heraklits im 
Gegensatz zur Parmenideischen auf einen religiösen End- 
zweck abzielt. Für die Psychologie wird dieser Zweck er- 
reicht durch den Vergleich des Mikrokosmos mit dem Makro- 
kosmos, der uns hier zum ersten Male als Methode, als Prin- 
zip begegnet: als bewußtes Mittel, um die Bedürfnisse des 

^ Fr. 63 aus Hippolytos: Xiyei öi xai aagxdg dvdaraaiv raiktig (xfjgx 
qxipeQäg iv ij yeyevijjbieBa, xcd xdv dedv olöe Tavrrjg xfiQ dvaardaecDg ahtov, 
oihcog Xdyojv ' 'ivOa öiovxi inaviaxaaQaC xcd '(föXaxag yiveaQai 
iyegrl f cövtcov xai vexQ&v*. Hier scheint ddovn korrupt; und ich 
werde mich wohl hüten, irgend etwas zu konjizieren. Aber um der 
These des Hippolytos willen die Krwähnung eines mysteriösen Gottes 
aus den unverständlichen Buchstaben herauszulesen, muß ich für 
bedenkUch halten. Was Hippolytos in seinen Heraklit hineininter- 
pretiert, sind zwei verschiedene und sehr deutlich von einander ge- 
trennte Dinge, erstens die Auferstehung des Fleisches, zweitens der 
Gedanke, daß Gott selbst diese Auferstehimg bewirken werde. Den 
ersten Gedanken findet er in den Worten: evSa ddovti imxviaraadai, 
denn in dem Worte iTwvlaxaaBai erkennt er die dvdaxaaig, nüt wel- 
chem Rechte, können wir nicht entscheiden, den zweiten Gedanken 
in den Worten q>vku<aQ ylveadai iyegftl f d/vrow xai vexQCov, denn diese 
(pv^Dceg sind ihm doch offenbar die Gottheit, die den Gläubigen zur Auf- 
erstehung erweckt, während der Unbekehrte, in dem das göttliche 
Prinzip nicht obgesiegt hat, dem ewigen Tode verfällt (siehe des Ma- 
giers Simon Eschatologie) . D.aß er beide Zitate durch ein bloßes xai 
verbindet, ist durchaus nach seiner Art: 'eaxi ydQ, (priaiv, ägfiovCrj 
d<paviig qniveQfjg xgehraw' xcU ' 'oawv ötpig, dxoij, /jidStjaig (tovrdan rd ögyava) 
raika, q^alv, iyd> TtQOTifjiica, Daß die beiden Sätze miteinander zu- 
sanunengehangen hätten, ist mir nicht wahrscheinlich; das Sub- 
jekt in beiden ist ein anderes, die Auferstandenen sind jedenfalls ver- 
schieden von den q>'öXa9ceg : das sagt genug. 

Reinhardt, Parmenides. 13 



— 194 — 

Herzens, seinen tiefsten Wunsch nach Göttlichkeit, durch 
Wissenschaft und Forschung zu erfüllen — denn das angeb- 
liche Anaximenesfragment kann, wie wir sahen, unmöglich 
echt sein. Wie im Kosmos alle Dinge nur vergehen, um in 
anderer Erscheinung und Gestalt ein neues Dasein zu be- 
ginnen, wie im Kosmos jeder Tod zugleich Geburt ist (Fr. 76), 
so, schließt Heraklit, muß auch die Seele mit dem Tode in 
ein neues Leben eingehen; wie das Wasser nur als Gegensatz 
des Feuers Existenz hat, so könnte es keine Seelen der Leben- 
digen geben, wären nicht auch die Seelen der Toten. In beiden, 
in der Welt wie in der Seele, waltet einerlei Gesetz. Auch die 
Seele ist eine stoffliche Erscheinung, aber wie alles, was 
Dauer und Maß hat, hat auch sie Bestand nur durch den 
Wechsel; wie der Fluß nicht dauern könnte, wenn nicht neue 
und immer neue Wasser durch sein Bett strömten, so strömen 
auch der Seele ewig neue Stoffe als ihre Nahrung zu (Fr. 12), 
und ewig gibt sie die verbrauchten ab, weü ihre Sättigung 
zugleich ihr Hunger ist, und aller Stoff im ewigen Welten- 
kreislauf umgetrieben wird. So hält sie sich im Gleichgewicht 
und so erhält sie sich, als eine ävadvfiiouji^, ein ewiger 
Übergang, ein Hauch, der aufsteigt aus der Feuchtigkeit: 
tpvxfjoiv Odvazo^ vdcoq yeveadaiy ü^dari de ddvazo^ yfjv yeviaOcu, 
ix yfj^ de ado)Q ylvexaiy i^ vdaro^ yjvxrj (Fr. 36)^. Aber damit 
wird sie mit nichten selbst zu Wasser oder Erde noch 
verliert sie sich im Weltfeuer, so wenig die Erde aufhört, 
Erde zu sein, und Sonne und Meer ihr Maß überschreiten. 
Wird sie ihres Daseins müde, so erholt sie sich von ihrer 
Müdigkeit in einem anderen Dasein, einem Jenseits — so 
wie der Schlafende des Wachens müde geworden ist und der 
Aufwachende des Schlafens, und wie auch die Welt sich 
wandelt, u m sich auszuruhen*. So schafft die religiöse 

1 Gdvaxog in übertragöier Bedeutung, nicht im eigentlichen 
Sinne von dem Tode des Menschen, sondern von dem Wandel der 
Materie wie in Fr. 76L Ist vielleicht auch Fr. 77 so zu verstehen : SOev 
xai 'HQoxXeiTov fpvx^ai <pdvcu xiQfpiv ij Odvatov 'öyqfjai yeviaScu ? 

2 'AvoTta'öeadcu vom Makrokosmos Fr. 84 (Plotiti Enn. IV 8, 1): 
6 fihf yd.Q 'HgdbdBixog, 8q ^füv naQoxeXeiiexai Cv^elv rovro (wie die Seele 
in den Körper kommt), dfMHßdg re dvayxcUag Tidif4,evog ixxwv hamicov 



— 196 — 

• 

Forderung sich eine philosophische Begründung. Wie für 
die Psychologie des Volksglaubens, schwebt auch für Heraklit 
die Seele nach dem Tode unsichtbar im unsichtbaren I^uft- 
reich, im ^Aidtj^, körperlos, als bloßer Hauch; Gesicht, Gehör 
sind ihr genommen, da sie Hauch ist, nimmt sie wahr durch 
Wittern (Fr. 98): ou (pvxai dafjubvxai xaff äidrjv; aber sie 
bleibt, sie zerfließt nicht, denn es gibt nichts Sterbliches, 
was nicht zugleich unsterbUch wäre. Aller Tod ist Gegensatz 
und darum kein Ansich der Dinge, sondern nur eine andere 
Form der Ewigkeit, wie umgekehrt das Ewige nur eine andere 
Erscheinung des Vergänglichen ist, ein jedes durch das andere 
bedingt, nicht wechselnd, sondern gleichzeitig, und mehr 
noch, gleichen Wesens, wenn auch dem gemeinen Verstände 
nur als Gegensatz erkeimbar. So verhalten sich Vergänglich- 
keit tmd Ewigkeit zueinander wie lieben und Tod: dOdvaxoi 



6d(5v re ävco xal xdxo> bItiojv xal 'fAetaß6Xkov ävana'dejaC, xal 'xdfiarög 
iati rolg a&voiQ /wx^siv xal äQXßoBai* elxdCeiv SdcMcev äfieliiaag aa<pf} i/jfilv 
noifjaoi xdv Xöyov. 'AvoTtaijeaOai vom Mikrokosmus Fr. 20: yevöfievoi 
(^(heiv iOiXovai fiÖQOvg t' ix^iv, /jiaiUov 6i ävana^eodat, xal Ttalöag xaxa- 
Xehiovat /4,6^vg yeviaßai. ,,Smd sie geboren, so wollen sie leben imd 
— den Tod haben, d. h. sich wieder ausruhen, und Kinder hinter- 
lassen sie, damit — der Tod nicht aussterbe." Jtaidag und fiögovg ist ein 
wohlberechneter Kontrast, ebenso C^^tv imd fiÖQovg ix^iv ; das Ganze 
überaus pointiert. Vgl. Fr. 111: vovaog ^yteiav ijiolriaev i}(5v, xaxdv 
äyaOiSv, Xifidg x6qov, xdfiaxog ävdnavaiv. Bbendahin beziehe ich Fr. 75 : 
TO'dg xadei^Sovrag ägyärag elvai, denn den Zusatz xal awsQyo%>Q t&v iv 
t4> x6a/jL<p yivofjLitKov kann ich nicht für Heraklitisch halten. Man lese das 
Fragment in seinem Zusammenhang bei Marcus Anton. VC 42: ndv- 
reg dg iv dJtozdlBapia avvegyovfiev, ol [xh etSdicog xal JtaQaxolov- 
OfjTix&g, ol öi ävematdxcog * &<mBQ xal Tot)g xaOe^öovtagt olfjuai, 6 
'Hgdxlenog ägyätag elvai Xdyei, xal aweQyoi>g r&v iv tcp xöafit^ 
ytvo/jtivajv ' Ö^iXog di xax* äXlo awegyel' ix negiovalag öi xal 6 
/isfAq)6fievog, x€d 6 ävxißaiveiv 7ieiQ(hfievog xal dvcugelv rä yivöfAeva * xal 
ydg xo'&tov ixQV^ev 6 xöofiog. Dieser Begriff des awegyeiv und die- 
ser Begriff des xöc/iog sind doch gar zu ausgesprochen stoisch, vol- 
lends die Verbindung rd iv r^ x6a/4,(fi yivöfjieva doch gar zu un- 
archaisch, um für etwas anderes als eine Interpretation des Marcus 
selbst zu gelten (vgl. S. 237). Und wozu hätte Marcus auch ein 
oljbuu zuzusetzen brauchen, wenn er die Worte awegya^g t&v iv x^ 
x6afA(p yivojbiivcüv in dem Texte seines Heraklit gefunden hätte? 

13* 



— 196 — 

Bvrixoiy dvrjxoi aßdvaxoi, C^vre^ xov ixelvwv ddvarov, rov de ixelvcDV 
ßlov xeBveayte^} Und wieder finden wir das Endergebnis aus halb 
begrifflichen, halb physiologischen Spekulationen in Überein- 
stimmung mit religiösen Glaubenssätzen, denn auch für die 
Orphik sind die Seelen göttlich und unsterblich, Empedokles 
in den Katharmen (Fr. 115) redet von ihnen als den daifjLove^y 
olxe fjuDCQcdcDVO^ XeXdxoLOi ßlovo} 

Aber der Vergleich des Mikrokosmos mit dem Makro- 
kosmos leistet noch weit mehr als eine Bürgschaft für die 
bloße Fortdauer der Seele nach dem Tode, er bestätigt 
zugleich auch den Glauben an einen Kreislauf der Geburten, 
an eine Verflechtung jeder Seele in ihre eigene Kette von 

* Diels versteht dies nicht nur von den Menschen: ,, Überall in 
der Welt wird das unsterbliche Feuer zeitweilig in die Sterblichkeit 
gebamit und durch den Tod wieder daraus erlöst." Aber Heraklits 
Vorliebe geht gerade dahin, die Seele als parallele Krscheinung 
•zum Weltganzen aufzufassen; zudem scheint mir der Gedanke der 
Zeitweiligkeit imd eines Wechsels in der Zeit im Sinne der Worte 
nicht zu liegen. Und endlich spielte, wie ich glaube, überhaupt das 
Weltfeuer bei Heraklit eine viel untergeordnetere Rolle, als man ge- 
wöhnlich annimmt. 

* Es ist sehr schwer zu sagen, welcher Sinn in einem Worte wie 
ijöoc dvdqdmf^ öcUjäcüv (Fr. 119) liege; aber mir scheint, daß auch 
dies Wort Heraklits auf seine Jenseitshoffnungen Bezug hatte, daß 
er auch hier wie so oft einen religiösen Glauben phüosophisch umge- 
deutet hat; vgl. Plat. Phäd. 107 D Xiyerca di oikcog, c&g äga teXetm/j- 
acavxa hcaazov 6 ixdazov öaifAwv, Stmeg l^unna eUa^x^^ • • • Dagegen 
Piaton Rep. 10, 617 D ovx ^fjtäg öcUfiow ^Sevai, <UA' ^fxeig ötUfjiova 
alQijaeade, Vgl. Rhode Psyche^ 607; Vergil VI 743 ,,quisque suos 
patimur manes" und dazu Norden in der Kinleitung zu seinem 
Kommentare S. 32. Zur Personifikation des ijdog vgl. Fr. 85 „Mit der 
Begierde kämpfen ist schwer, denn was sie will, dafür gibt sie zmn 
Preis — die Seele." Der dyjnög als Seelenverkäufer: wohl absichtlich 
doppelsinnig, jedenfalls sehr preziös. V'^^^^ dipeiadal ri muß im üblichen 
Sinne bedeutet haben : ,sein Leben für etwas einsetzen*. Dieser Sinn 
wird imigedeutet: darum ist der öv/ioc als Gegner so unwidersteh- 
lich, weÜ er überall das Leben, d. h. die Seele einsetzt — indem er sie 
verdirbt. Also dasselbe Spiel mit den verschiedenen Bedeutungen der 
Worte wie in Fr. 124 mit xöofwg, in Fr. 114 mit v6/iog. — In dem 
Epigramm auf die in Potidäa Gefallenen heißt es : yfvxäg ö*&vxlQQ07ta 



— 197 — 

Geburt und Tod, und schafft dadurch die Möglichkeit, 
die sittliche Forderung eines Ausgleichs zwischen Schuld 
und Sühne, Tugend und Belohnung in der Welt auf speku- 
lativem Wege zu befriedigen. Überall, wo uns die I^ehre 
von der Seelenwanderung in einiger Ausführlichkeit ent- 
gegentritt, begegnen wir auch Angaben über die Dauer des 
Weges, den die Seele zu durchwandern habe, um an den- 
selben Ort zurückzukehren, von dem sie einst ausging. Bei 
Empedokles (Fr. 115) sind es tqI^ fWQiai d>Qai„ 30000 Jahre, 
offenbar für große Zeitperioden eine herkömmHche Zahl, 
da auch die Fesselung des Prometheus in der Trilogie des 
Äschylus so lange dauert. Nach Piaton währt die Reise 
{jioQeia) jeder Seele von je einem Erdendasein zum anderen 
1000 Jahre, ihre gesamte Wanderschaft, die sie an ihren 
Ausgangspunkt zurückbringt, das Zehnfache einer solchen 
Reise (Phaidr. S. 248 Cff.; Staat 614Bff.). Bei Vergil, VI 745, 
erlangen die Auserwählten im Kreislauf eines „großen Jahres" 
(donec longa dies perfecto temporis orbe!) ihre ur- 
sprüngliche Reinheit wieder, während die übrigen nach 
1000 Jahren wieder in irdische Geburten eingehen^. Auch 
Plutarch, De facie in orbe lunae, S. 943c, spricht von einem 
XQovo^ xexayfiivoc^. 

Der Gedanke einer Zeitrechnung war demnach in der 
orphischen Psychologie seit alters ebenso heimisch, wie 
er der Physik von Anbeginn an fremd war. Und nur folge- 
richtig war es, wenn man, um das einmal erwachte 
zahlenmystische Bedürfnis noch besser zu befriedigen, die 
typische Dauer oder Reife eines Menschenlebens mit einer 
heiligen Zahl multiplizierte. Eine solche Berechnung liegt 
z. B. vor bei Augustin de civitate dei XXII c. 28, der nach 
Varro berichtet: Genethliaci quidam scripserunt, inquit, esse 
in renascendis hominibus quam appelant naXiyyevealav Graeci ; 
hac scripserunt confici in annis numero quadringentis qua- 
draginta, ut idem corpus et eadem anima, quae fuerint con- 
iuncta in homine aliquando, eadem rursus redeant in con- 
iunctionem. 440 = 11 ' 40. Das elfte Geschlecht entspricht, 

^ Vgl. Norden, Kommentar, S. 19. 



— 198 — 

als die Vollendung der Wiedergeburt, dem ersten, die Periode 
zählt demnach zehen I^ebensblüten oder yeveal, die yeved zu 
40 Jahren gerechnet. Auf dieselbe Weise ist das Resultat 
gewonnen in den Commenta Bernensia zu Lucan S. 289 
Usener: AHi (dicunt animam) ire per corpora multorum 
animalium, quadringentesimo sexagesimo et altero anno rur- 
sus in corpora reverti humana; huius opinionis conditor Py- 
thagoras. 462 Jahre gleich 7 mal je zwei yeveal, wenn man mit 
Herodot (2, 142) die yeved zu 33 Jahren rechnet. Dazu kommt 
drittens ein Zitatennest von ausgesuchtester Gelehrsamkeit 
in den Theologumena Arithmeticae S. 40 Ast: ^Avdgoxiidr]^ 
de o IIvOayoQüid^ 6 neql xm avjLLßoXaicov yqdtpa^ xai EvßovXidi]^ 
6 ÜvOayoQtxoQ xat Agiarö^evo^ xal 'iTtnößoro^ xal NedvQtj^y 
oi<xä>xaxd xov ävöqa dvaygdyjavxe^, ai^ heai xd^ /nsxefjiyjvxcoaei^ 
xd^ avxco av/bißeßrjxvia^ etpaaav yeyovdvai, fiexd xoaavxa 
yovv hrj el^ naXiyyeveaiav iXOeiv ÜvOayÖQav xal dvaCfjaaL 
216 = 2 . 108 = 4 . 54. Dieselben Zahlen 108 und 54 
werden bei Plutarch dazu verwandt, um die Dauer {yeved) 
und Blütezeit des menschlichen I^ebens zu bestimmen (siehe 
oben S. 186); und der Name des Aristoxenus, zusammen 
mit den übrigen Autoren, bürgt dafür, daß solche Berech- 
nungen schon im vierten Jahrhundert gang und gäbe waren. 
Aber der Gedanke selbst muß noch viel älter sein: trügt 
nicht alles, so hat schon HerakHt ihn aus der Orphik 
übernommen und versucht, ihn philosophisch zu begründen. 
Auch Heraklit glaubt an einen Kreislauf, einen orbis aetatis, 
wie der Orphiker an den Kreislauf der Geburten. Und das 
Symbol der Schicksalsmacht, durch die der Makrokosmos 
wie der Mikrokosmos in den Ring rastloser Veränderung ge- 
bannt sind, ist für ihn dasselbe Zeichen, in dem auch der 
gläubige Orphiker die Macht erblickt, die seine göttliche Seele 
aus dem Himmel, ihrer Heimat, auf die Erde geschleudert imd 
dem Fluche der Geburten preisgegeben hat, der Blitz: xd 
de Tidvxa oiaxiCei xeqavvoi^ (Fr. 64) ; denn so spricht die Seele 
des Mysten, wenn sie vor die Richter der Unterwelt tritt 
(Goldplättchen aus einem Grabe bei Thurioi, Diels, Vors. 
66 B 19): 



— 199 — 

xal yäo iydiv Vfjubv yhoc evxojbuii dXßiov elvat, 
Tzoivav d* ävxajtheia(a) egycov ivexfa) oiki dtxalcov, 
ehe fjte Molgfa) idd/jiaa<a'> äro<^>^ areQon'^n xegavvip. 
Aber durch die Entdeckung der Zusammenhänge zwischen 
Welt und Seele wird ihm, was bei den Orphikem nur frommes 
Ahnen war, zur spekulativen Gewißheit. Wie der Glaube an 
die Schicksalsmacht des Blitzes sich aus der Physik bewahr- 
heitet, durch die Erkenntnis, daß das Feuer die Urform der 
Materie und die Seele des Universums ist, so wird die dunkel 
dem Geweihten geoffenbarte Lehre von dem Kreislauf der 
Geburten hell, durchsichtig und mit dem Verstände erkenn- 
bar dem, der in Mikrokosmos und Makrokosmos das ,, ge- 
meinsame Gesetz" zu lesen weiß und in den regelmäßigen 
Wechseln der Natur ein Gleichnis auf die wechselnden Daseins- 
formen der Seele erblickt. Wie der Tag in der Natur die kür- 
zeste Periode darstellt, deren Ende gleich dem Anfang ist, ein 
Jahr die längste, so muß auch die Seele ihren kürzesten und 
längsten Kreislauf haben; wie die yeved im Mikrokosmos 
einem Tage gleicht, so muß auch das Jahr der Seele, ihre 
Wanderung durch den Kreislauf der Geburten, 360 solcher 
Tg^e, folglich 30 mal 360 Sonnenjahre währen. So tritt an 
die Stelle bloßer Zahlenspielerei, der wir bei Piaton und 
Empedokles- begegneten, eine Berechnung, aufgestellt mit 
Hilfe derselben Entdeckung, durch die Heraklit den Schlüssel 
zum Geheimnis aller Geheimnisse in seine Hand gegeben 
glaubte. Erst Diogenes der Babylonier hat diese Rechnimg 
mit dem großen Jahre und dann alles beides mit den stoischen 
Weltperioden konfundiert. 

Um endlich noch einen letzten Grund gegen die Gleich- 
setzung der Heraklitischen und Stoischen Physik ins Feld 
zu führen: wohl niemand wird leugnen wollen, daß die 

1 cEtoc von mir hergestellt. Daß ein zweiter Satz mit ehe ausge- 
fallen wäre, ist mir darum unwahrscheinlich, weil die Frage, die 
der Myste offen läßt, doch offenbar die ist, ob er durch eigene Schuld 
oder das Schicksal der Geburt verfallen sei. — Kegawög als Schick- 
salsmacht, soviel ich weiß, nur orphisch; die bei üsener Rh. Mus. 
60, 3 verzeichneten Stellen reichen, wie ich glaube, zur Krklänmg 
Heraklits nicht ^ganz hin. 



— 200 — 

Äußerungen Heraklits über das Leben nach dem Tode mit 
der Ivehre von der Weltverbrennung unvereinbar sind. Sollen 
z. B. die Seelen der Tapferen dereinst zu Heroen und Wächtern 
über die Lebendigen und Toten werden, so ist unerläßliche 
Voraussetzung für solchen Glauben, daß weder an Toten 
noch Lebendigen in alle Ewigkeit ein Mangel sein wird. 
Nun liebt man es freilich, wo es sich um Fragen des System- 
zusammenhanges handelt, in der Beurteilung der alten Philo- 
sophen eine Milde und Toleranz zu üben, die fast Zweifel 
und Verdacht erwecken könnte, ob man sich auch gegen- 
wärtig halte, was für ein unbändiger Trieb und Ehrgeiz 
diese alten Denker und Weltüberwältiger beseelen mußte, 
daß sie so reden konnten, wie sie zu uns reden — was das 
war, das sie befähigte, so schnell mit immer höheren Forde- 
rungen, immer feineren Lösungen einander abzulösen und zu 
überbieten. Aber man will nun einmal, daß Xenophanes den 
offenen Widerspruch seiner Gedanken über das All-Eine 
zu seiner Elementenlehre nicht gewahr geworden sei, man 
will nun einmal, daß Parmenides in einem und demselben 
Gedichte zwei Lehren vorgetragen habe, die einander aus- 
schlössen — und so ist man denn nur zu geneigt zu glauben, 
daß es vollends einen so großen Geist wie HerakUt kaum 
überhaupt zu kümmern brauchte, wenn seine Gedanken über 
das Jenseits sich mit seiner Naturerklärung nicht vertrugen. 
Was jeder obskure Hippokratiker als Mindestmaß von 
Konsequenz von sich verlangt, das hält man noch für viel zu 
viel, sobald man es mit Namen wie Parmenides und Heraklit 
zu tun hat. Lieber noch läßt man die Folgerung aus Worten 
wie den Fragmenten BO und 41 {Sv to aotpov enlmcaai 
yvcbfjLtjv hefj' xvßsQvfjaai ndvxa diä Ttdvxcov^) ungezogen, 

^ Das Fr. ist bei Diogenes überliefert imd lautet : dvcu yäg h tö 
aoq)dv iTdaraadoLi yvwfiriv ötirj xvßeQvrjaai Ttdvza öiA nävtcov. Die Ver- 
derbnis muß in dem athj stecken, weil es als Form doch wohl immöglich 
ist; sollte nicht exeß zu lesen sein wie in Demokrits Fr. 6 itefjcvdiv lafuv ? 
Ferner kann inlazaadat yvdifirf» doch kaum heißen, ,die Vemimft er- 
kennen', sondern muß bedeuten ,die Vemimft besitzen*. Endlich 
macht es der ParalleUsmus mit Fr. 32 doch sehr wahrscheinlich, daß 
h t6 üoq>6v auch hier die göttliche und nicht die menschUche Vernunft 



— 201 — 

als daß man an die Stelle des genialischen Wirrwarrs ein 
System und einen Gedanken setzte. Und doch ist es 
eine Tatsache, die, einmal erkannt, ihre Wirkung nicht 
verfehlen kann: daß Heraklit genau so viel Natur- , 
erklärung bietet, als für den Vergleich des Mikrokosmos 
mit dem Makrokosmos in Betracht kommt; der Rest ist für 
ihn wertlos. Und was gleichfalls zu denken gibt, ist, daß 
uns überhaupt bei ihm zum ersten Male eine Psychologie 
begegnet, die des Namens wert ist. Den Milesiem hatte sich 
die Seele als Problem noch nicht gezeigt, Parmenides bekam 
nur die Erkenntnisfrage zu Gesicht; erst Heraklit „durch- 
forschte sich selbst", erst er entdeckte die Seele für die Er- 
kenntnis; er durchzog ihr unbekanntes -Reich in allen Rich- 
tungen und konnte an kein Ende gelangen, so unergründlich 
fand er ihren Logos. Daß es so kam, erklärt sich nur daraus, 
daß hier ein neuer Trieb, zum ersten Male ein religiöser Trieb 
zur Herrschaft in der Philosophie gelangt war. Brauche ich 
noch weiter zu erklären, weshalb mir gerade bei Heraklit 
ein Widerspruch zwischen der religiösen Forderung und dem 
Systeme, zwischen seinen Jenseitshoffnungen und seiner 
übrigen Philosophie nicht wahrscheinlich scheinen will? 

Wenn Heraklits Physik in Wahrheit nicht eine Er- 
neuerung, wie man geglaubt hat, sondern eine Widerlegung 



bedeutet, daß es auch hier Subjekt, nicht Prädikat ist. Aber dann 
muß das Prädikat in dem inlataaBai gesucht werden. Diogenes hat 
offenbar die indirekte Rede, die er in seiner Quelle vorfand, falsch 
gedeutet; er hat das Fragment auch in einen anderen als den ursprüng- 
Hchen Zusammenhang gerückt; er bringt ja auch noch an anderer 
Stelle eine Auslese von Heraklitworten. In direkter Rede lautete der 
Satz : iv x6 oo(p6v ejäaraxai yvAixrpf hefj • xvßeQvfjaca Tzdvxa dua ndvrcüv : 
,, Wahre Einsicht hat allein das Eine, das Allweise, als die da ist: alles 
diurch alles zu regieren." So liebt es Heraklit auch sonst, die mensch- 
liche und göttlidie Vernunft einander gegenüber zu stellen: Fr. 78 
ijBog ycLQ dvOgcoTteiov fikv ovx ixei yvco/uiag, Oeiov Sä ix^^' Oder Fr. 102 t^) 
fihf Oe(p xaXä ndvra xcd dyaOd xai dixaia, ävdQcoJtoi öi & fjihf äötxa 
^neiXij<paaiv, ä öi öixcua. Zur Form der Apposition vgl. Fr. 29, 30, 
34, 51, 52. 



— 202 — 

und Verurteilung des kosmogonischen Gedankens war, so 
hat sie aus der milesischen lyehrentwicklung ein für allemal 
für uns auszuscheiden. Mag uns die Gestalt des einsam 
schreitenden, tiefsinnigen Wanderers, dem sich in der Natur 
auf Schritt und Tritt, in Donner und Blitz, im Wellenschlage 
des Meeres, im Dahingleiten der Ströme und im Segen der 
Wolke die Gottheit offenbart, mag dieses Bild uns lieb ge- 
worden sein, so kann uns doch keine I^iebe auf die Dauer vor 
der Entdeckung schützen, daß die Wurzeln seines Denkens, 
die Bedingungen zu seiner Fragestellung und Methode nicht 
in ahndevoller Naturanschauung lagen, sondern im Probleme 
des Parmenides. 'Es bezeichnet die Hilflosigkeit, mit der die 
Philosophiegeschichte auch heute noch mitunter den Vor- 
sokratikern gegenübersteht, daß man nach Übergängen von der 
Flußlehre zur Lehre von der Relativität der Eigenschaften und 
von dieser wiederum zum Satze von der Koinzidenz der Gegen- 
sätze sucht, gleich als ob Begriff und Stoff für Denker wie Par- 
menides imdHeraklit etwaswesentlichVerschiedeneswäre. Wie 
die Aö^a des Parmenides darum nicht weniger als eine Ausein- 
andersetzung mit dem Probleme desWiderspruchs zu gelten hat , 
weil sie Physik ist, so will auch Heraklits Physik nur eine andere 
Ivösung desselben Problems darstellen; sie ist bedingt durch 
dies logische Problem, nicht umgekehrt das logische Problem 
durch die Physik; kurz gesagt: die Lehre von den Gegen- 
sätzen ist kein Beiwerk, das dem Denker neben der Haupt- 
arbeit gelungen wäre, dem er, um nichts umkommen zu 
lassen, in seinem Buche nebenbei noch einen Platz verschafft 
hätte, sondern sie ist die innere Bindung, durch die erst die 
Teile seiner Gedankenwelt zur Einheit werden, der Grund, 
auf dem das Ganze steht; es ist derselbe Grund, auf dem 
Parmenides gebaut hat. 

Wie das Problem des Widerspruchs die Eleaten trieb, die 
Welt der Sinne zu verwerfen, zeigt am deutlichsten Melissos 
als der beste Kommentar zur Ao^a des Parmenides. Melissos 
folgert: „Wenn die Welt, die uns die Sinne zeigen, wahr 
wäre, wenn das Wasser und das Feuer imd die Luft und das 
Lebendige und Tote wäre und wir richtig sähen und hörten, 



— 203 — 

so müßte jedes Ding so sein und bleiben, wie es sich uns ein- 
mal dargestellt hätte, und dürfte nicht in sein Gegenteil 
umschlagen {ßxeraninreiv) noch sich verändern {hegoiovadai). 
Nun aber behaupten wir zwar recht zu sehen und zu hören 
und zu begreifen, und doch scheint uns das Warme kalt und 
das Kalte warm zu werden und das Lebendige zu sterben 
und aus Unlebendigem lyebendiges zu werden . . . und all 
dies fortwährend sich zu verändern und nichts Gegenwärtiges 
Vergangenem gleich zu sein, so daß wir die Dinge weder 
sehen noch überhaupt erkennen können. Also liegt hier ein 
Widerspruch: wir behaupten zwar, es gebe eine Vielheit 
ewiger, bestimmter, standhaltender Dinge, und doch scheint 
uns, bei jeder neuen Wahrnehmung, sich alles zu verändern 
und in sein Gegenteil umzuschlagen {jueraninreiv). Daraus 
folgt, daß unser Sehen und jener Schein der Vielheit falsch 
war." Alles was diese Sätze negieren, bejaht Heraklit, und 
zwar nicht etwa nebenbei und zufällig, sondern mit einem 
Nachdruck, der uns zwingt, die Frage auf zuwerfen: muß er 
nicht, um so bejahen zu können, die Negationen gekannt 
haben? Melissos: xal xo l^tbov änoBvijaxeiv xal ix fzrj ^(bvxo^ 
yiveadai. Heraklit Fr. 88: xavxo r hi C(ov xal teOvrjxö^ . . rdde yäg 
fXBxaTteaovTa (!) exelvd eatixaxeXvandkiv ixetaTteoovxaxavxcL 
Melissos: x6 xe deg/bidv tpvxQov yiveaOat xal xo yfvxQov deg/biöv, 
Heraklit Fr. 126: xä xpvxqä Oegerai, Oeg/btov tpvxetaij vygov 
avalvsxai, xaqqxdiov voxiC^xai, MeHssos: ndvxa exegoiovcOai 
rjfxiv doxel xal jbtexaTtiJtxeiv ix xov exdaxoxe oQCo/btdvov, Heraklit 
Fr. 67: äkXoiovxai de SxcocTtsQ <71vq>, onoxav cv/jt/bLiyfj Ovcbfiaaiv, 
övo/bidCexai xaO' i^dovrjv ixdaxov. Der letzte Satz scheint freilich 
auf den ersten Blick die Relativität, wenn nicht gar Subjek- 
tivität der Eigenschaften aussprechen zu sollen, aber nur auf 
den ersten Blick : sein wahrer Sinn will auf das gerade Gegenteil 
hinaus: so wie es in der Natur des Opferfeuers liegt, als dieser 
und jener Wohlgeruch empfunden zu werden, so kann auch die 
Einheit in der Welt, Gott, IvOgos oder, ins Materielle übersetzt, 
das Weltfeuer, als Einheit, nur in gegensätzlicher Gestalt sich 
offenbaren : sei es als Sommer und Winter, Tag und Nacht, 
sei es als Krieg und Frieden oder Sättigung und Hunger. Die 



— 204 — 

Arzte heilen, indem sie brennen und schneiden (Fr. 58)*; so 
ist Krankheit und Gesundheit (Fr. 111), Gut und Übel ein 
und dasselbe^. ,,Das Meerwasser ist das reinste und ver- 
dorbenste: für Fische trinkbar und lebenerhaltend, für 
Menschen untrinkbar und tödlich." Es liegt ganz und gar 
nicht in der Absicht solcher Beispiele, die Eigenschaften und 
Wirkungen als etwas Äußerliches, Relatives von den Dingen 
loszulösen, sondern im Gegenteil die Kraft des Widerspruchs 
als etwas Wesenhaftes, aller Einheit Inhärentes zu beweisen. 
Die Wahrheit ist eine Paradoxie: das predigt, sollte man 
meinen, HerakUt wahrhaftig eindringHch genug ; und doch gibt 
es noch immer Erklärer, die versuchen, gerade dieses Para- 
doxe von seinen Gedanken abzustreifen. Zwischen der be- 
griffUchen und materiellen Welt gibt es für ihn so wenig 
eine Grenzscheide wie für- Parmenides; und auch Meüssos 
könnte sich genau derselben Beispiele bedient haben, es ist 
ein bloßer Zufall, wenn sie bei ihm fehlen; um so unzweideuti- 
ger erscheint dieselbe uns so befremdliche Verschmelzung 
des BegriffHchen und Stoff üchen als eleatische, d. h. Xenopha- 
nische lychre in der Parodie des Epicharm (vgl. S. 120). 
Der Schluß, der sich aus diesen Tatsachen ergibt, liegt 
klar: die Heraklitische Naturphilosophie beansprucht gleich- 
sam eine physikalische Losung des Problems des Wider- 
spruchs zu sein; erst unter diesem Gesichtspunkt läßt sie 

1 Bei der Bedeutung, die dem xamov in Heraklits Philosophie 
zukommt, kann kein Zweifel sein, wie das ravrd egyctiö/uLevoi in Fr. 58 
zu verstehen ist. Ebenso unverkennbar ist der Sinn in Fr. 23: „Ge- 
recht und Ungerecht ist dasselbe, denn wäre es nicht dasselbe 
(ei Tavrd ytii) ^v), so wüßten sie den Namen der Dike nicht." 

* Wenn in Fr. 111 (Stob.) Krankheit und Gesundheit neben Gut 
und Übel genannt sind (vovaog ijyieitjv eTioCtjaev ^ij, xaxdv dyaddv: 
d. h. das eine wäre nicht ohne das andere), so beweist das, 
daß Hippolytos das Beispiel von den Ärzten recht verstanden hat; 
es ist keine Polemik gegen die Ärzte, sondern ein Beweis dafür, daß 
Gut und Übel, als Gegensätze, einerlei Wesens sind. Wenn der Ver- 
fasser der Heraklitischen Briefe aus denselben Heraklitworten auf 
schlimme persönliche Erfahrungen des Autors schloß, so tat er das 
nach einer allgemein im Altertum verbreiteten Methode; aber diese 
Methode ist für uns nicht verbindlich. 



— 20B — 

sich verstehen. Nichts liegt ihr femer als der Versuch, die 
Welt aus einem Urzustände durch mechanische Prozesse 
stufenweise in ihre jetzige Gestalt zu überführen. Welcher 
innere Vorgang hinter dem Phänomen verborgen sei. daß 
Feuer zu Wasser und Erde werde, wie es komme, daß die 
Erde in der Mitte, der Himmel um sie her sei, kurz die alte 
Frage der Milesier, die erst mit Anaxagoras und lyeukippos 
wieder ihre Auferstehung feiern sollte, machte ihm kein 
Kopfzerbrechen, oder vielmehr, sie war für ihn, nach semer 
Art, die Dinge anzusehen, gar nicht vorhanden. Theophrast, 
sein Interpret, geriet, als er die I^ücke bemerkte, in eine nur zu 
begreifliche Verlegenheit; er mußte zu Vermutungen und 
Auslegungen seine Zuflucht nehmen, um die Aristotelische 
Auffassung der Heraklitischen lychre vor sich selbst zu retten 
tmd zu rechtfertigen. Die Wahrheit war, daß er die Philoso- 
phie des Dunkeln nicht verstand, weil ihm entgangen war, 
nach welcher Frage hin sie orientiert war; der Stoffwechsel 
geschieht nach Heraklit nicht, wie er annehmen zu müssen 
glaubte, durch dgcUcoai^ und Jtvxvcoai^, sondern kraft des 
Gesetzes, das die Gegensätze zur innern Einheit, zum Tavröv, 
zur Harmonie zusammenzwingt. 

Heraklits Prinzip, das, was bei ihm dem dbieigov 
des Anaximander und dem ov des Parmenides entspricht, 
ist nicht das Feuer, sondern ro ooq>6v oder noch deut- 
licher h xo aoq>6v. *Das Weise' ist keine Bestimmung, 
kein Prädikat das Feuers, sondern umgekehrt das Feuer 
gleichsam eine Erscheinungsform, ein Ausdrucksmittel 
der Weltvemunft, die Form, durch die sie sich in der 
materiellen Welt manifestiert: oxöoiov Xöyov^ ijxovaoy ovdel^ 
ajpvKvelxai i^xoiho, &(ne yivd>oxeiv, 8xi aoq)6v eoxi ndvxcov xexcoQio- 
/ihov (Fr. 108) : „So vieler Rede ich hörte, keiner kommt dahin 
zu erkennen, daß es eine Vernunft gibt jenseits aller Dinge." 
Mit denen, deren Wort er hörte, können doch nur die Philo- 
sophen gemeint sein. Das Bewußtsein, die Welt nicht nur 
aus einem andern, sondern auch andersartigen Prinzip 
erklärt zu haben als alle seine Vorgänger, ließ sich kaum 
stärker ausdrücken. Es ist dieselbe Weltvemunft, die Zeus 



— 206 — 

genannt sein will, weil sie alles regiert — so hat auch Anaxi- 
mander von seinem äjtsiQov behauptet : Jtdvra Kvßeqvq. — und 
doch nicht Zeus genannt sein will, weil alles PersönHche ihr 
fehlt, weil sie Prinzip ist (Fr. 32) : „Wahre Einsicht hat allein 
das Eine, das Allweise, als die da ist: alles durch alles zu 
regieren" (Fr. 41; vgl. S. 200 Anm.). Inhaltlich bestimmt, 
ist dies Prinzip die Einheit aller Gegensätze, so wie das Feuer, 
seine sichtbare Erscheinungsform, die Einheit aller materiellen 
Gegensätze ist: 6 Oso^ Vf^QV ^vtpQÖvrjy ;^etjBta>v Oigo^, nöXe/bLO^ 

m 

elgijvrj, xogo^ Xi^o^ [zaravTia SjtavTa). (Fr. 67.) Doch um die 
letzte Einheit aller Dinge nicht nur zu ahnen und zu er- 
schließen, sondern zu verstehen, dazu reicht die mensch- 
liche Vernunft nicht hin: „Denn des Menschen Sinn hat 
keine Einsichten, wohl aber der göttliche" (Fr. 78). Oder 
dasselbe mit anderen Worten : ,,Für Gott ist alles schön und 
gut und gerecht, die Menschen nur halten das eine für unge- 
recht, das andere für gerecht" (Fr. 102).- Auch das Wissen 
des Weisesten bleibt subjektiv, bleibt dö^a: doxiovra yäg 6 
doxijbubraxo^ yivcoGxei, (pvXdoöSL (Fr. 28). Wahres Wissen hat 
allein das Wesen, das es versteht, die Welt geheimnisvoll 
zugleich in Widerspruch und Harmonie und in Zwietracht 
und doch in Eintracht zu regieren. Alle Dinge sind eins, 
so lehrt der X6yo^ (Fr. 50) ; und doch ist aller Dinge Vater 
der Krieg (Fr. 53; 80) : das ist das Rätsel, an dem der weise 
Homer zugrunde ging — Knaben gaben's ihm auf; es lautet: 
was wir sahen und griffen, das Heßenwir, doch was wir weder 
sahen noch griffen, das bringen wir — ja das bringe ich 
euch, die ihr's nie versteht (Fr. 56). 

Braucht es endUch noch gesagt zu werden, daß auch die 
Flußlehre als Lehre Heraklits nur ein Mißverständnis ist, her- 
vorgesponnen aus dem immer wiederkehrenden Gleichnis von 
dem Strome, der derselbe bleibt, während das Wasser in 
ihm fortwährend zu- und abströmt ? Nicht ein einziges Frag- 
ment drückt den Gedanken aus, daß alle Dinge sich im 
Flusse befänden, überall nur Übergang und Wechsel, nirgends 
Dauer und Beharrlichkeit zu finden sei — es wird sich uns 
noch zeigen, wo in Wahrheit das ndvxa gel zu Hause ist — 



— 207 — 

der Grundgedanke Heraklits ist vielmehr das denkbar ge- 
nauste Gegenteil zur Flußlebre: Beharren im Wechsel, 
Konstanz in der Veränderung, ravröv im /bteraTzlTtreiv, fihQov 
im jLtexaßükXeiv, Einheit im Zwiespalt, Ewigkeit in der Ver- 
gänglichkeit^. Wie stellt sich, nach dieser Klarlegung, die 
lychre Heraklits zu der der Eleaten ? 

* Auch Pr. 91 darf keineswegs im Sinne des ndvta ^et verstanden 
werden; die hier auftretende Form des Gleichnisses vom Strome 
n€ftafA,(p yäg ovx iaxiv ifi,ßfjvm Si^ r(p a'ör^ gehört nicht Heraklit, 
sondern den Herakliteem (über deren Unterschied von Heraklit 
siehe S. 245) : Aristot. Metaph. 1010 a 13 KQdivlog . . 'HQcodehq) 
ijierlfia ebtövri, 6u dlg T(p ot&t^ Tiorafitp ovx imiv ifjißfjvcu • acördg yäg 
4>CT0 ovo* daiai. Plato Krat. 402 A Uyei tiov 'H^ditXuToq. ort navta 
X(OQ6i xai ovdh fAevei, xai noräfiov ^ofj dneixäCcov xd &vxa Hyei c&c Sig 
ig x6v avrdv Ttora/idv ovx äv ifxßcUrig. Auf Aristoteles oder Plato, 
jedenfalls auf indirektem Wege letzthin auf die Herakliteer gehen 
^ Simphkios imd Plutarch zurück: Simplik. in Ar. Phys. S. 77. 88 
Diels; Plut. Qu. nat. 2 S. 912 A: Tunafwlg yäq ölg xoig avxolg ovx äv 
ifißali]g, Sg qyrjaiv 'Hgoodeixog • irega yäg iniggel 'Ööara (hier ist die 
Verschmelzung der Platonischen Fassung mit dem Originale evident : 
TimafJLoloi xoiaiv aöxolaiv i/j>ßaivovaiv ixega xai heqa 'öSaza iniggeX. 
Fr. 12). Ebenso Plut. de B S. 392. Doch um an dieser letzten Stelle 
das Plutarchische vom Heraklitischen zu scheiden, bedarf es erst einer 
Betrachtung des Zusammenhangs: ^/mv fih yog ovxcog xov elvcu ixi- 
xeaxiv ovSdv, (LUd näaa Bvrjxii q)'6atg iv juLdaq) yeviaemg xai <pdoQäg yevofiivri 
qniofjui nagixBi xai ööxriaw dfAVÖgav Tcai dßdßcuov a'öxijg ' äv öi xijv dtd- 
votav inegelofig Xaßiadai ßovXö/jevog, &ajt€Q ij aqjoögd Tiegldga^ig 'ßSaxog 
x& nti^eiv dg xa'öxd xai awdyeiv öiaggdov dndXkvoi x6 TteQthxfAßavdfievov, 
ovxo) xcüv JtaBrjxcüv xai fjLexaßXrfi(üv hcdmov tj^ äyav ivdgyeiav 6 Xöyog 
du&xcüv dnoatpdXkEzai xfj fih elg x6 yiyvdfievov airtov xfj ö* elg x6 (pBeiQÖ- 
jLtevov, oööevdg laßiadai fiivovxog ovo* övxog ovrwg öwdfxevog • 7wxafi,0 ydg 
ovx ioTiv ifißrjvai dig X(p avx^ xaG* 'HgdxXeixov oööä Svrjxfjg o^alag öig 
ätpaaBai xaxd i^iv * dXX* divxrfti xai xdx^i juexaßoX'^g axldvrjai xai ndhv 
awdyei, fxäXXov ö* oödi ndXw odd' i^axegov dXk* ä/ia ovviaxaxai xai 
dnoXelnei xai jigöaBiai xai äneioi * SSev oöö* elg xd elvai TtegaCvei 
xd yiyvofievov a'öxfjg . . . dXX* '^fieig iva (poßovfieBa yeXolojg Odvaxov, rjdrj 
xoao'6xovg xedvtjxdxBg xai dvijaxovxeg. Man hat bisher für Heraklitisch 
nur die Worte axldvrjoi xai ndXiv awdyei xai jigöaeiai xai äjutm er- 
klärt und das Dazwischenstehende in Klammem gesetzt. Ich halte 
diese Lösung für unmöglich, nicht nur wegen ihrer 5501 taktischen 
Gewaltsamkeit : ax(dvrjai xai ndXiv awdyei, von der övt/n) oöola gesagt, 
entspricht durchaus der Ausdrucksweise kaiserzeitlicher Moralphiloso- 
phie ; da war axeödwvadai in diesem Sinne LiebHngswort : Marcus VII 32 



— 208 — 

Auf ihre kürzeste Formel gebracht, besagt die lyehre der 
Eleaten: alles in der Welt ist Gegensatz; die Gegensätze 
schließen einander aus; folglich ist diese Welt der Gegensätze 
falsch, und wahr ist nur das ewig unveränderliche ^Ov. Die 
Lehre Heraklits: alles in der Welt ist Gegensatz, aber die 
Gegensätze bedingen einander; das ist das große Geheimnis, 
das vor aller Augen liegt und doch allen verborgen bleibt, 
daß Widerstrebung Einheit ist und alles miteinander har- 
moniert, indem es sich widerstreitet; folgUch ist der Gegen- 
satz das Wesen aller Dinge, und die Welt der Gegensätze 
ist die einzig wahre Welt. Wer ist hier der Abhängige ? Denn 
jede Möglichkeit, sie beide als von einander unabhängig zu 
betrachten, entschwindet angesichts der Gleichheit in den 
obersten Problemen, in den Formulierungen und Zuspitzun- 
gen der Gedanken, endlich angesichts der gemeinsamen 
Kluft, die beide von den Milesiern trennt. 

Das Problem, das sich Parmenides gestellt hatte, war 
dies: wie kann etwas nicht widersprechend sein, was nicht 

Ttegi Bavaxov * ^ axedaafidq, eiäiofwi. X 18 Siakvö/xevov xai iv juetaßoXg xal 
ohv oifjtpei xai axeödaei yivö/ÄSvov, VI 4 ndwa xä ^Jt09ce£fA£va xdxifJta 
/üLexaßaXei, xai tfroi exdvfuaBrjaexai, ehteg rjvanai ^ aöala, i] axeöa- 
ad^aetm, VIII 25 ort öeijaei ijxoi oxeöaaBfjyai xö avyxQtjjAxtdv aov ^ 
aßeaSfjvai. Dagegen kann ich aus archaischer Zeit oxidvdvai in dem- 
selben Sinne nicht belegen : Pannen. Fr. 2 oike oTodvd/jievov Jidvxfi 
jtdvxcDQ xaxd xöofiov oike awioxdfievov bedeutet etwas ganz anderes; 
Plutarch denkt an die Auflösung des I^eiblichen (vgl. xfi [xh elg x6 
yiyvdfjLevov a!^ov, xfi ö*eig x6 q^deiQÖjbievov) , Parmenides an kosmische 
Perioden. Formen von axiövdvai hat Plutarch auch sonst : de fade in 
erbe lunae. 933 D axlövrjai ydg ?} deQ/j,(ktjg xai öiaxet. 939 B 6 dijQ oxidvriat 
xai diaxel xijv a'öyijv. Qu. conv. VI 688 B Bq'öntovxa xijv iUtyv ötaq>OQei 
xai axldvriaiv. Für O'wdyeiv, das bei den Vorsokratikem ebenfalls fehlt, 
bedarf es aus späterer I^iteratur keiner Belege. Nim hat man sich freilich 
auf den sechsten Heraklitischen Brief berufen: ovx Xaaaiv &ti Osog 
iv x6a/j>q> fxeydXa ad>fiara latgevet inaviaajv a'öxcov xd äjuexQov * xd dgvn- 
xöfxeva hofAOiei, xd dhadijaavxa i57toq>6dQ nii^ei, avvdyei xd axiÖvdfieva, 
q>aiSQ'6vei xd dngenfj usw. Aber auch das ist alles stoisch, nichts in dem 
ganzen Briefe Heraklitisch, und man könnte mit demselben Rechte 
daraus^ daß Plutarch wie der Verfasser der Briefe beide juiCeiv 
neben ox)vdyeiv, gebrauchen (x0 miCeiv elg xavxd xai awdyeiv), schließen, 
auch die Worte niiCet, awdyet hätten bei Heraklit gestanden. Oder 



- 2ÖÖ - 

ein Ganzes, Einheitliches, o'öXov ßjtovvoyevi^ ist? Wie kann 
aus der Vielheit, die uns die Sinne zeigen, eine Einheit 
werden ? Die Frage war für ihn unlösbar, die Erfahrung mit 
den Begriffen unvereinbar, das machte ihn zum Metaphysiker. 
Empedokles glaubt sie gelöst zu haben (Fr. 1 7) : 

dlnX" igio)' xore fiev yäq h rjvSi]Ori fxovov elvai 
ex nXeövoiVy xoxe d' ai 6Uq)v nXlov ef ho^ elvai. 
Es ist nur eine andere Antwort auf dieselbe Frage, was 
im zehnten Heraklitfragment zu lesen steht: awdtpie^ 8Xa 
Hat ovx 8Xa, avßjtq>eQ6ibLevov duzqjSQÖjbtevov, avvqjbov diqdov,xal 
ix TtdvTiov iv Kai ef evo^ navTa. — Für Parmenides be- 
ruhte jeder Gegensatz und jede Veränderung letzthin auf 
dem Gegensatze des Seins zum Nichtsein: 

yiyveaOal re xai dXXvaOm, elvai re xai ovxi, 

xal TOTtov äkXdaaeiv did re XQ^^ q?av6v dfieißeiv (Fr. 8, 40). 

Melissos Fr. 8: ijv de jLterojticfj, x6 juev iov äjzdyXero, ro 

de ovx iov yiyovev usw. Dagegen Heraklit Fr. 49 a: noxa- 

fwlc toi^ avrol^ ifißaivofiiv xe xai ovx ifxßalvofxevy elfxiv xe 

xai ovx elßjtev. Wie hängt das Seinsproblem mit der Kon- 

man könnte z. B. mit genau demselben Rechte aus Nemesios 
c. 2 S. 70 Matthaei eine Anspielung auf Heraklit herauslesen: rd 
od>fAaxa rfj ohceiq (pvaei r genta övxa Kai OHedaard . . Sehai xov avvri- 
OivTog xai avvdyovroQ. Dagegen ist awlatarai xai o^oXeljiei im Sinne 
von Entstehen und Vergehen tadellos archaisch: Kmpedokl. Fr. 17, 3 
öoiij öi BvtjTCüv yiveaiQ, öoiij 6* äji6XeitpiQ', Diogenes Fr. 7 xal airzd fiiv 
xovio xai äldu3v xai dddvaxov a&ixa, xwv öi xä fiiv ylvezai, xä öi dJcoXehtei. 
Empedokl. Fr. 35, 6 awiaxafxev* äXloOev äXXa, Diog. Fr. 2 oike fakw 
o^jöi öXlo yevdaOai <yööiv, el fiii oöxco awCniaxo &axe xavxd elvai. Also 
behalten wir als Heraklitisch nur die Worte äfia awlaxaxai xai ojco- 
Xeljiet xai ngöaetai xai äneiai. Subjekt wird wohl der Strom gewesen 
sein, der späteren Zeiten als das Sinnbild der Bvtftij aöaia galt. 
Doch kommt im Grunde wenig darauf an, ob der Naturvorgang bei 
Namen genannt oder durch sein Sjmibol bezeichnet war, ob wir die 
Seele oder den Körper oder den Fluß uns als Subjekt denken. Zur 
Bedeutung von ngöaeim xai äneiai vgl. Plato Tim. S. 42 A: onöxe dij 
acbfjLaaiv ifKpvxevBeiev {al xpvxal) ii dvdyxrjg, xal xo fxkv TiQoaloi, x6 
ö* dnloi xov Ofbfiaxog a'öxdw, S. 33 B (vom Kosmos, der weder der 
Nahrung noch der Ausscheidung bedarf) dnfjei xe ydg ofdöh odöi 
JtQoafjeiv a^4> JtoOcv — aööi yäg i^v -— a'öxö ydg iavx^ xQO<pijv x^ 
iavxov q)Blaiv naqixw usw. 



Reinhardt, Parmrnide«. 



14 



— 210 — 

stanz im Stoffwechsel zusammen? Wie das Gleichnis mit 
der These ? Es ist klar, es sollte die I^ösung des Problems 
enthalten ; aber dann mußte das Problem zuvor gegeben sein. 
— Die Zurückführung des Werdens imd Vergehens auf Sein 
und Nichtsein ist der Angelpunkt des Parmenideischen 
Systems. Heraklit behauptet, wie die Coinzidenz des Seins 
und Nichtseins, so auch die des Werdens und Vergehens, er 
gebraucht dieselben Gleichnisse, um beides zu veranschau- 
lichen: <noxafJL6^> äfjua avvloxaxax xal anoXelnei xal ngöoeiai 
xai äneioi (Fr. 91; s. S. 207 Anm.). zw oiv x6^ifi övofm ßlo^, 
Iqyov de Bdvarö^ (Fr. 48) usw. ; aber die beiden Gegensätze 
sind nun von einander unabhängig, beide nur ein Beispiel 
mehr für das Gemeinsame, das alle Dinge und alle 
Gedanken lenkt nach seinem Willen. — Die Eleaten lehren : 
es gibt in der Welt der Sinne kein ravröv, da das Warme 
kalt und das Kalte warm wird usw. ; wie könnte Ein Dit^ 
nicht zweierlei sein, das von einem Gegensatz in den andern 
übergeht? Heraklit lehrt: es ist alles in der Welt ravzöv, 
da das Warme kalt und das Kalte warm wird usw.; wie 
könnten zwei Gegensätze nicht Ein Ding sein, die fortwährend 
miteinander wechseln? tamö r^evi C(ov xal TeBvtixd^ xal ro 
iyQTjyoQo^ xal ro xaOevdov xal viov xal yrjQaiöv' rdde yäg fjLSxa- 
neoövra ixeivd iarL xäxeiva ndkiv fjLsxojteoövxa ravra (Fr. 88). 
rä tpvxQa Odgercu, OsQfidv tpvxetai, vyQov avalvezai, xaqxpaXiov 
vonCerai (Ff. 126). — Die Eleaten hatten alle Verwandlung 
{hegoicoai^, äXXoiiooi^) als Entstehen und Vergehen erklärt 
und diese Begriffe zurückgeführt auf Sein und Nichtsein: 
Melissos Fr. 7: el yäg heqoiovxai, ävdyxrj ro iov fxrj öjnolov 
elvaiy äXXd änöXXvadai ro ngoadev iöv, ro de ovx iov yiveaOaL 
el roiwv rgixl jbufj ßjtvgioi^ ereaiv hegolov yivoiro, olelrat näv 
iv r(p Ttavrl XQ^'^^* Ebenso Parmenides Fr. 8,40 f. Vom 
Probleme des Seins aus kamen sie dazu, die Frage aufzu- 
werfen: Ist Verwandlung eines Seienden möglich? Sie 
konnten die Frage nur verneinen. Dem 67. Fragmente 
Heraklits läßt sich ein eigentlicher Sinn erst abgewinnen, 
wenn man von derselben Frage an es herantritt: 6 Oeo^ 
i^fjUgr) evfpQÖvrj, x^^f^'^ Oiqo^y nöXe/uo^ ^Iq^v^, xÖQog XlfAjo^* 



— au — 

äXXoiovrai di ÖHoycTieq <nvQ>, onörav avfifUy^ Bvco/üuiatv' 
dvofm^ezca Koff i^dovijv ixdarov. Darin steckt an Gedanken : 
1. Gott ist die Einheit aller Gegensätze. 2. Als die Einheit 
aller Gegensätze muß Gott sich verwandeln, denn Verwand- 
lung ist das Auseinandertreten einer Einheit in zwei Gegen- 
sätze. 3. Aber wie ist das zu verstehen, daß die Einheit 
in zwei Gegensätze auseinandertritt, daß sie zu Sommer und 
Winter, Ts^ und Nacht, zu Krieg . und Frieden und zu 
Sättigung und Hunger wird ? Oder um dieselben Beispiele 
verständlicher in eleatischer Terminologie zu geben (denn 
Heraklit liebt es, die Ausdrücke der Schule zu umschreiben 
oder durch, konkretere, geheimnisvollere Begriffe zu ersetzen; 
vgl. z. B. Fr. 126), wie kann das Sv xal dv zu axöxö^ und 
(pa>^, OeqfJLov und ywxQdv, iqo)^ und iqi^y JiXfjqe^ und xevov 
werden? Wiederum muß ein Gleichnis helfen. Wie das 
Bild des Stromes die Einheit und den Zusammenfall von 
Sein und Nichtsein, Werden und Vergehen erklärt, so das 
Bild des Räucherwerks das Problem der Verwandlui]^. Wenn 
das Feuer mit Räucherwerk gemischt wird, so verschwindet 
scheinbar seine Einheit und an ihre Stelle treten die ver- 
schiedenen und einander entgegengesetzten Düfte ; und doch 
könnte es keine Verschiedenheit der Düfte geben ohne die sie 
bedingende Einheit, das Feuer. — Die Eleaten lehren: was einen 
Anfang und ein Ende hat, kann nicht ein und dasselbe sein und 
bleiben ; folglich kann es überhaupt nicht sein ; Melissos Fr. 2 : 
Sre xolwv ovx fyivero, San te xal äel fjv xal äel Scrtai, xal äqx^v 
ovx Sxei ovdk TeXew/jVy du* äneiqöv icrtiv, el fxev yäq iyhero, 
äqx'^v äv elxev {ijq^axo yäq äv Ttote yevöfievov) xal xeXevxrjv [he- 
Xe&tTjoe yäq äv noxe yevöfxevov), öxe de /jf^xe ijq^axo fJLTjxe he- 
Xevxrjaev äel xe fjv xal äel iaxal, ovx Ix^i dßX^^ ^^*^^ xeXernijv, 
ov yäq äel elvai äwcfxöv, 3 xi juij näv laxi, Parmenides Fr. 8,3: 
d>^ äyivTjxov iov xal ävd)Xe0q6v icfxiv, odXov ßxovvoyevi^ xe xal 
äxqe/jte^ iqd\äxiXeoxov' o'idi no'f ^v ov^ iaxaiy ijtel vvv laxiv 
ojbiov näv: d. h. es hat weder äqx'^ noch xeXevxi]; und ähnlich 
Epicharm in Fr. 1. Heraklit lehrt die Coinzidenz des An- 
fangs mit dem Endet ^wdv yäq äqx'^ ^o-l niqa^ inl xvxXov 
7teqi<peqeia^ (Fr. 103). Daß der Kreis ihm nur als Gleichnis 

. 14* 



^ 212 — 

und Symbol diente, und welche Tragweite dies Gleichnis 
für ihn hatte, darüber belehrt, wenn es denn der Belehrung 
noch bedarf, die Hippokratische Schrift de locis in hom. 1 
(VI 276 lyittre : ijbtoi doxei aqxv A^^ ^^ ovdeßxia elvai xov 
oco/biaTo^j äkXä ndvxa 6/jtoi(o^ ^QXTi ^^* Ttdvra TsXevnj' xvxXov 
yaQ yQaq)ivTo^ rj clqxyi ovx evgiOrj, Meine Frage ist: mußte 
nicht erst der Gegensatz als Gegensatz entdeckt sein, 
ehe man sich auf die Suche nach Sinnbildern machen konnte, 
um seine Vereinigung zu veranschaulichen ? — Für Parmenides 
kann diese Welt die wahre Welt nicht sein, weil sie 
entstanden ist und sich fortwährend noch verändert; was 
in Wahrheit ist, muß sich ewig gleich bleiben, es darf 
weder Vergangenheit noch Zukunft haben, es muß ewig 
gegenwärtig sein: el yäg Syevr' ovx ßanv ovo' ♦ el noxe 
fiiXkei eaeadai (Fr. 8, 20); d yäg xöofxo^ 6 Ttqoodev id)v ovx 
änoXXvxai ovre 6 /lly} icbv yivexai (Melissos Fr. 7). Dagegen 
Heraklit: xoc/llov xövde oike xi4 Oecbv oike dvOgconcDv inoirjaevf 
aXX* fjv äei xai laxiv xal iaxai . . (Fr. 30) — : die Welt in 
ihrem jetzigen Zustand bleibt sich ewig gleich, weil 
sie in unaufhörlicher Veränderung begriffen ist. — Parmenides 
folgert: soll das Seiende mangellos sein, ein und dasselbe, 
ungeworden und unvergänglich, so muß es unbewegt sein: 
avxäg äxivrjxov fieyalcov iv neiqaai dea/bubv eaxiv ävagxöv Smavcnov 
(Fr. 8,26). Heraklit dagegen: xal 6 xvxethv duavoxai <firi> 
xivövfxevog (Fr. 125) : Ruhe wäre Zerfall, nur durch Bewegung 
ist Bestand, xadxöv, Identität der Dinge möglich. — Bei 
Parmenides ist das Problem des Werdens und die I^ehre 
von den Gegensätzen mit Notwendigkeit aus dem Probleme 
des Seins hervorgegangen; Heraklit verwendet das Problem 
des Werdens und die Lehre von den Gegensätzen zur Be- 
gründung einer sittlich-religiösen Weltanschauimg ; er geht 
aus von diesen Fragen — aber sein Blick ist auf ein anderes 
Ziel gerichtet. — Parmenides schließt aus dem Widerspruche 
der Sinnenwelt, die Sinneserkenntnis müsse fälsch sein: 
vcofjäv äaxojtov ö(jLfjui xal rix^iecoav äxovi]v (Fr. I 35) ; vov^ oQfj 
xal vov^ äxovei' xdlXa x(o(pä xal x\)q)Xd (Epicharm Fr. 12 Diels); 
vvv dd (pafiev oqBco^ oQäv xal dxoxfeiv xal ovvUvai (Melissos Fr. 7 ; 



— 213 — 

man beachte die drei Glieder!). Dagegen Heraklit: dacov 
8\pi4 axoii jbuißrfai^, ravra iytb Ttqoxt^o} (Fr. 55). „Was man 
sehen, hören, lernen kann, Symbol und Gleichnis ziehe 
ich abstrakter Logik vor."^ Das Fragment ist echt, 
Hippolytos bürgt für seine Echtheit; an seiner erkennt- 
nistheoretischen Bedeutung kann kein Zweifel sein. Aber 
wie konnte es einem Philosophen einfallen, die Sinne 
in Schutz zu nehmen, wenn niemand sie zuvor ver- 
dächtigt und »verworfen hatte? Ja, wie konnte überhaupt 
die sinnliche Erkenntnis zum Problem werden, wenn nicht 
durch die Entdeckung einer übersinnlichen Erkenntnis? 
Welche Nötigung lag für den Physiker vor, eine Erkenntnis- 
theorie zu erfinden ? Wo dagegen gibt es einen Metaphysiker, 
der nicht zugleich Erkenntnistheoretiker sein müßte? Ist 
aber Heraklit ein Metaphysiker ? Kennt er zwei Welten wie 
Parmenides, von denen die eine falsch, die andere wahr ist ? 
Seine Philosophie will vielmehr auf das Gegenteil hinaus, 
auf die Versöhnung zwischen den a^'crö^Jaet^ und dem iöyo^; 
sie entdeckt auch hier, wie überall, die Harmonie im Wider- 
spruch, die Eintracht im Zwiespalt. Wohl sind auch seiner 
Überzeugung nach die Sinne trügerisch, doch nur für den, 
der ihre Sprache nicht zu deuten weiß: „Schlechte Zeugen 
sind Augen und Ohren für Menschen mit kauderwelschen 
Seelen" (Fr. 107). Wohl ist auch seine Erkenntnis Logos- 
Erkenntnis, aber sein Logos ist ^vvö^, er wohnt allem und 
jedem inne, ja selbst den Gedanken derer, die ihn nicht be- 
greifen. Das ,, Gemeinsame", ^vvov, gibt keine Richtschnur 
für das Handeln, sondern für das Erkennen, und insofern erst, 
als. das Erkennen auf das Handeln rückwirkt, auch für die 
Moral, Fr. 2 dio del ineadai x(o ^v(p (was vorausging, war 
gleichfalls Erkenntnistheorie, da es sich an das erste Bruch- 
stück anschloß: öllya TtQoadieldwv sagt Sextus). rov loyov 

1 In demselben Sinne hat Heraklit wohl auch das Sprichwort 
angewandt (Fr. 101a): 6q>dakfjioi yäg xmv &to)v dxQißdaTeQoi fidg-' 
rvQSQ. ,,Die Wahrheit ist etwas kaum Glaubliches (Fr. 86) ; sie läßt 
sich nicht durch Hörensagen begreifen, man muß sie schon mit eigenen 
Augen sehen." Vgl. auch das auf S. 63 über Fr. 93 Gesagte. 



— 214 — 

de iövTo^ {vvov ^(oovaiv ol noilol &^ Ibtav i^ovre^ (pgövrjaiv: 
„die meisten leben, als ob sie ihre eigene Einsicht hätten, 
während sie in Wahrheit mit ihren Gedanken nur ein Teil 
des Gemeinsamen sind; darum muß man dem Gemeinsamen 
folgen, denn es führt allein zur Wahrheit." 

Derselbe Gedanke, nur mit anderen Worten ausgedrückt, 
kehrt wieder in Fr. 72 : <5 jbidXuna dirjvexo)^ 6/jtdovai I6yq> {reo rä 8Xa 
dioixovvxi) TO'&tq) dtaq^igovrai, xal ol^ xaff i^fidgav iyxvQOvai, xaiha 
avxol^ Sdva qxxiv.exai. Oder in Fr. 17: ov yäq q>Qovdovai rotavxa 
[7toXXol]\ 6x0001 iyxvQsvai, ovöe fjuiBovre^ yivwaxovaiv, ecovroiaide 
doxdovai^: all ihr Reden und Tun zeugt von dem I/Ogos, ja sie 
kennen ihn, sie wissen um ihn sehr wohl {juavOdvovai) , aber ihr 
eigenes Wissen bleibt ihnen verborgen; so scheint ihnen das All- 
tägHche fremd, das Offenbare dtmkel: iSrjndxTjvrai oi ävOgconoi 
TtQo^ rijv yvcbaiv rwv (pavegcov 7taQa7ti.rjol(o^ 'OfiiJQ(p usw. (Fr. 56). 
Derselbe Gedanke kann so paradoxe Form annehmen, 
daß er das delphische Gebot: „Erkenne dich selbst", die 
schwerste Aufgabe, welche die alte Sieben- Weisen- Weisheit 
dem Menschen zu stellen gewußt hatte, für erfüllt erklärt, 
und zwar erfüllt von allen Menschen ohne Ausnahme: äv- 
BQiüTtovai Ttäci fiheaxi yivcoaxeiv iavtov^ xal q)Qovelv (Fr. 116). 
^vvov iari jzäai ro q)Qoveiv (Fr. 113): womit selbstverständlich 
nicht gesagt sein sollte, daß jeder Dummkopf, wenn er nur stre- 
bend sich bemühe, es noch zum Weisen bringen könne — wenn 
Einer an eine natürliche Rangordnimg der Geister glaubte, so 
war es Heraklit, er, dem jedwede Ordnung, von der größten bis 
zur kleinsten, in der Natur wie in der Gesellschaft, und der 
Gegensatz von Herren und Sklaven ebenso gut wie der von 
Göttern und Menschen, als geschaffen galt durch das allen ge- 
meinsame Gesetz, den Krieg, den Vater aller Dinge (Fr. 53) — 
sondern auch diese Sätze sind erkenntnistheoretisch zu ver- 

^ Ich halte noXXo( für eine alte Erklärung, beigefügt aus Stellen 
wie Fr. 2, 29 oder 104; daß wir mit solchen Erklärungen im Texte des 
Clemens zu rechnen haben, zeigt Fr. 26, worüber die übernächste 
^Anm. 

> Übersetzt: ,,Denn sie denken an solches nicht, so viel ihrer auch 
darauf stoßen, und wenn sie es auch erfahren, so verstehen sie es nicht, 
büden siqh'§ aber ein/* ♦ 



— ai5 — 

stehen: sie alle haben Teil (/jdxean) am I/Ogos, aber, so müssen 
wir ergänzen, sie merken 's nicht, mit hörenden Ohren sind sie 
taub: ä^veroi äxo'öaavTe^ >c(oq)oiaiv io/naül' qxxri^ avroiaiv fjuiQ- 
rvQel' TtoLQeövra^ djieivai (Fr. 34). 

Hiemach ergibt sich endlich auch der Sinn von Fr. 114: ^v 
v6(p UyovToc laxyQiC^oOai xQ^fj r(5 ^v&jzdvrcov, 8x(oc7ieQ vö/up 716X14, 
xal noli> loxvQOxiqm^. xqi(povx(u yäq ndvxe^ 01 dvOgfoneioi v6/joi 
ino evdc rov Oeiov ' xQotel yäg xoaoihov öxöcov iOiXei xal i^agxel 
Ttäai xal neqiylvexaju „Um mit Verstand (fi)r v6(fi) zu reden, muß 
man sich stützen auf das fvvrfr." Das ist zunächst ein Wortspiel 
derselben Art wie Fr. 25: fJLÖQoiyäq fiil^ove^ fxii^ova^ fxoiqa^Xay 
XdvovcL Und weil es ein Wortspiel ist, wird man es lassen müssen, 
wie es überliefert ist: wollte man, dem Sinne zu I^iebe, hinter 
Xiyovta^ ein xal notovvta^ einschieben, so würde das Übergewicht 
des doppelten Ausdrucks die wohl abgewogene, sehr gewählte 
Fassung des Gedankens aus den Fugen bringen: während doch 
jede HerakHterklärung, die zum Ziele kommen will, vom Satz- 
bau ausgehen muß^. FolgUch kann es sich auch hier nur 
wieder um das Prinzip der wahren Erkenntnis, nicht des rechten 
Handelns handeln. Zu demselben Ergebnis führt noch sicherer 
eine zweite Überlegung : der politische vöjllo^, auf den der Staat 
sich gründet, soll ersichtlich hier nur zumVergleiche dienen; 
folglich m^üssen die dvOgionetoi vofjoi von den staatlichen 
Gesetzen und Sitten wesentlich verschieden sein: es sind 
die Satzungen der ganzen Menschheit, vöfioi in demselben 
erkeimtnistheoretischen Sinne, den wir bei Parmenides ent- 
deckten, und ihr Gegenteil, der 6eio^ vößjto^, ist das Ding 
an sich, die q/dai^, die über alles obsiegt und deren Macht 
sich selbst bis in die Menschensatzungen hinein erstreckt. 
Also auch hier wieder ein Wortspiel, nur diesmal mit ver- 
schiedenen^ Bedeutungen desselben Wortes, ähnlich wie 

* Darum halte ich auch Wüamowitz Erklärung von Fr. 26 für 
die einzig mögliche: SvOgtoTtog h eöq>Q6vfi q>Qog äntexca iavt<l> [djro- 
Oaofd^] äjtoaßeaOelg dyfeig * C&v öi äjttercu xeBve&toc eiiöcov [dnoaßsaOelQ 
^V^eic] iygriyoQ^ äntexca e{)öovTos, „Der Mensch zündet in der Nacht 
ein Licht sich selber an, wenn seiner Augen Licht erloschen; im 
Leben aber ist er im Schlafe wie im Tode imd im Wachen wie im 
Schlafe." 



— 216 — 

in Fr. 124: adg/ua elnfj xexvfxevov 6 HakXusTo^ HÖOfjio^. Im Ge- 
danken stimmt mit Heraklit genau der Hippokratiker nsgl 
diaitrj^ überein, c. 11: ndvxa yäq ofjxywL ävofioia iovra, xal 
av^(poqa ndvxa didq)OQa iovra (Herakl. Fr. 10), öudeyojueva 
ov ötaXeyöjbieva (alles redet, indem es stumm ist), yvfojüirjv 
Sxovra äyvco/btova (alles hat Vernunft, indem es dumm ist), 
vnevavxlo^ 6 rqoTco^ exdaxcav öfA^XoyeöfJievo^' vofio^ yäq xal 
(px>OK^y oloi ndvxa öiaTtqrjoaöfjieday ov% ofioXoyelxai öjbboXoyeö/uLeva 
(all unser Tun und Denken ist (pvai^ und vöjülo^ zugleich, 
vojLio^ sofern wir dabei unseren falschen und beschränkten 
Vorstellungen folgen, (pvöi^, sofern dieselben falschen Vor- 
stellungen sich in Übereinstimmung befinden mit dem gött- 
lichen Gesetz), vö/liov /btev ävßqonoi edeaav avxoi eoyoxolaiVy oi 
yivcoaxovxe^ neql d>v edeaav, (piiaiv de ndvxcDV deol dtexoafiijaav ' 
xd jLiev ovv ävdqwTioi dddeaav, ovöinoxe «arct xcdvxo exei ovxe 
öqdcb^ ovxe jültj öqdco^ (die menschHchen Gedanken sind in 
einem Betrachte richtig, im anderen falsch, so sind sie niemals 
xaxd xcdvxo) oaa de Oeol öiedeaav, dei öqdcb^ ixei xal xd d^Öct 
xal xd piTj öqdd (das göttliche Gesetz ist richtig, selbst da, 
wo es falsch ist : im menschlichen Erkennen) * xoaovxov 
duKpdqei^, 

1 Ebenso verstehe ich auch Fr. 89 6 'HQoxXeitdg <priai xolg iyqri' 
yoQÖaiv iva xal xoivov xdofjiov elvaij xwv öi xoi/jLcofjUcov ixacrcov 
elg tdi'pv dJto(JTQi(peadca, Die Wachenden befinden sich im Zustande 
des elg xoofjioq, die Schlafenden im Zustande der Büizelexistenz 
(über xdajxoq siehe S. 174). So ist der Mensch zugleich ein lÖwv und 
Iwov. Aber auch sein Idiov, seine Absonderung, sein ,, Schlaf", sein 
Mißverständnis über sich selbst und über die Welt ist wiederum doch 
nur ein Teü des Ganzen und Gemeinsamen. Wie der Schlafende sich 
zur mngebenden Welt verhält, verhält sich der gewöhnliche Verstand 
zum Wesen alles Seins : Tot)g ök äUovg ävBqdiTiovQ Xavddvei 6x6aa iyeqOivxeQ 
Twtovmv, SxcoojtsQ öxöaa eööovreg indavSavaircai (Fr. 1). Und das ist 
wiederum derselbe Gedanke wie in Fr. 2: rov Xoyov öi idvrog iwov 
Xfoovaiv oi no^Xol d>g iölav ixovreg (pqdvriaiv. In dieselbe Gedanken- 
reihe gehört Fr. 21: 6dvax6g iariv öxöoa eyeQßdvreg öqiofAev, öxöaa Si 
eööovteg <j7tvog. So wie Schlaf das ist, was wir im Schlafen sehen (d. i. 
ein subjektives Trugbild, töiog xöa/wg), so ist das, was wir im Wachen 
sehen, in WirkHchkeit nicht Leben, sondern der Tod. Wer weise sein 
will, darf nicht handeln wie im Schlafe (Fr. 73) : cw öel SoTteg xaSev- 
öovTog Ttoielv xal XdyeiVj er darf nicht leben, als ob er eine löla (pQÖvrjatg 



— 217 — 

Auch das berühmte Rätsel, das der Anfang des Heraklit- 
schen Buches aufgibt, läßt sich, wie ich glaube, restlos dann 
erst lösen, wenn man ihm von dem erkenntnistheoretischen 
Grundgedanken Heraklits aus beizukommen sucht. Tov 
Xoyov rovde iövro^ äst ä^'övsroi ylvövrcu ävOgcoTtöi^. .Die merk- 
würdige Prägnanz und Spannung Heraklitischer Sätze be- 
ruht zum nicht geringen Teile darauf, daß die Satzglieder 
als weit stärkere, selbständigere Kräfte wirken, als es die 
spätere, rhetorisch durchgebildete Sprache verträgt; man 
muß, um solchen Satzbau zu verstehen, imstande sein, im 
Subjekte die Antithese seines Prädikats, im Attribute die 
Antithese seines Verbums zu empfinden. Die Gedanken- 
striche, die ich hie und da in meinen Übersetzungen ange- 
wandt habe, um diese Eigentümlichkeit hervortreten zu 
lassen, sind freilich ein nur sehr unvollkommenes Ausdrucks- 
mittel, lassen aber vielleicht doch wenigstens verstehen, wie 
sie gemeint sind. In späterer, verständlicherer Stilisierung 
würde der erste Satz ungefähr lauten: <5 /llsv Xöyog öde iaxiv, 
ävdqoinöi d^ovddnore ^vvtäaiv airtov. ,,Dies Denkgesetz besteht, 
ist wahr, und doch begreifen es die Menschen nie.*' Es ge- 
hört fast schon Bekanntschaft mit dem eleatischen Problem 
dazu, um den doppelten Gegensatz zwischen dem elvm und 
dem fxri ^vUvai, zwischen Xoyo^ und ävOqoynot und die sich 
überkreuzende Entsprechung der vier Glieder, diese von 
Heraklit so überaus beliebte Figur, als archaische Kunst- 



besäße, sondern muß dem Gemeinsamen folgen, denn Weisheit ist: das 
Wahre sagen und tun in richtiger ^Erkenntnis (Fr. 112, erklärt auf 
S. 223 Anm. 1). Danach ist kaum daran zu zweifeln, daß auch Fr. 26 
im erkenntnistheoretischen und nicht im physikalischen Sinne zu 
deuten ist; vgl. S. 215 Anm. 

^ Diels und Bywater schreiben tov de X6yov rovSe. Aber das öi 
beruht nur auf der Gewährschaft des Hippolytos; tov Xoyov tovös 
Aristoteles, Xoyov xovöe Sextus. Nun wäre freilich nichts dagegen 
einzuwenden, wenn nach der archaischen Überschrift mit einem de 
fortgefahren würde. Aber dann kommt man kamn darum herum, 
unter dem Logq^s Heraklits eigene Rede oder I^ehre zu verstehen. 
Dem aber scheint mir Fr. 50 imd 72 und besonders Fr. 2 und 45 
zu widersprechen. 



^ 21Ö — 

form nachzufühlen. Und wieder echt archaisch, wird nun 
der Begriff ael geteilt, das heißt erklärt und ausgeführt: 
xal TtQoadev fj äxovaai xal dxo'öaavie^ x6 TtQ&tov. Im Grunde 
bleibt der köyö^ immer unbegreiflich, auch wenn ihn der 
Mensch vernommen und selbst wenn er ihn hat einsehen 
lernen. Aber inwiefern besteht dies Denkgesetz und inwie- 
fern begreifen es die Menschen nie ? Die erste Antithese 
wird erklärt und aufgenommen durch die zweite : den Worten 
rov X6yöv xo'öd^iovxo^ entspricht: yivofjUvcov yäg ndvxöv xaxä 
rov Xoyov rövde. Das Denkgesetz besteht, denn alles in der 
Welt geschieht danach. Das zweite Glied äel äSiivetoi ylvovrcu 
ävdQconoi erklärt der Nachsatz: ojceiQOujiv iolxaai. Wie ist 
es mögHchr daß die Menschen ihre eigene Denknotwendigkeit 
nicht einsehen? Antwort: Sie gleichen den Unerfahrenen, 
scheinen wie die Unerfahrenen (denn im Gnmde sind sie 
wohl erfahren, wenn auch unbewußt erfahren; Fr. 116), so- 
oft sie sich versuchen in Worten und Taten, iTtrj xal igya . . . 
Die Absicht des doppelten Ausdrucks kann nur sein, das 
ganze menschliche Gebahren ^u umschreiben, nicht be- 
stimmte Einzelphänomene aus dem Gebiete der Erkenntnis 
und Moral herauszugreifen, die allein für sich zu deuten 
wären. Aber da das menschliche Gebahren vom Standpunkte 
des wahrhaft Erkennenden aus betrachtet wird und über- 
dies der Gedanke sich einstellt: ebendies sich selber miß- 
verstehende Gebahren will ich jetzt nach seiner wahren 
Beschaffenheit {xaxä qyöaiv) erklären, so hat der ganze Satz 
die Form gewonnen: arteiQoioiv ioixaai, tzsiqcoijsvoi xal inicov 
xal igyoDV xoiovxcov, öxoicov iyd) dirjyevjbuu duuQkov äxaaxov xaxä 
(piiaiv xal (pQd^cov Sxco^ ixei\ ,,So oft sie sich versuchen in 
Worten und Werken solcher Art, wie ich sie erkläre ein 
jedes nach seiner wahren Natur zerlegend und zeigend, wie 
es sich damit verhält. " Endlich der letzte Satz, der wiederum 
den vorangegangenen präzisiert: xoi)^ de äXlov^ ävOgtinovc 
XavOdvet öxöaa iysQddvxe^ noiovaiv, öxcooneQ öxöaa eödovze^ 
ijtiXavddvovxcu. Tov^ äXkovQ ävBqihnov^ im stärksten Gegen- 
satze zu dem hervorgehobenen iyd}. Wie ist eS möglich, daß 
ein einzelner, daß Heraklit das Tun der Menschen deuten 



— 219 — 

kann und alle übrigen es mißverstehen ? Die Antwort ist : 
die Menschen sind im Wachen wie im Schlafe; so wie der 
Schlafende seinen physischen Zustand vergessen hat und 
falsch interpretiert, so der gewöhnliche Erkennende und 
Handelnde das Wesen alles Seins und seiner selbst. — Der 
lyOgös Heraklits ist, wie ich glaube, nicht Weltgesetz noch 
Weltvemunft noch überhaupt göttliches Prinzip — dafür ge- 
braucht er ro aocpov, — sondern die Denknotwendigkeit, das 
logische Gesetz, die philosophische Einstellung, die er ge- 
funden, ioyo^ in demselben erkenntnistheoretischen Sinne 
wie bei Parmenides Fr. 1,36: XQivai de köycp nokiidrjQiv eXeyxov, 
und wie auch noch bei Sokrates und Plato : Phaedo S. Vd9 E : 
iöeufOy fxii Ttavrdnaoi rrjv xpvxfiv W(pXoDdelriv ßUTuov nqo^ rct 
TtQayjüuna xol^ S/btjbtaai xal exdatfj xcbv aiadijaecov imxeiQojv 
&TvteoBcu avTcov. ido^e dij fwi ;fe?yvat elg roix^ köyov^ Haratpvyovra 
iv ixeivot^ axönelv xa>v övxcav rrjv älijdsiav . . . xal VTcodijütevo^ 
ixdarore köyov Sv äv xqIvco iggco/bteviavatöv elvai, ä [abv äv fwi 
doxfj xövxq> av/J'(p(oveiv, xlOrifu d)^ äXrjd^ övxa, xal tzbqI ätxia^ 
xal TteQi xcov äXkcov äjidvxcov xcov dvxcov, ä d^äv fjuiq, d)^ ovx dXrjdfj. 
Faßt man den I^ogos Heraklits als Weltgesetz, so gerät man 
zumal mit dem zweiten Satze in einen kaum mehr verständ- 
lichen Gedankengang: „Denn obwohl alles nach dem Welt- 
gesetze geschieht, so gleichen sie doch den Unerfahrenen, so- 
oft sie sich versuchen in solchen Worten und Werken, wie 
ich sie nach ihrer wahren Natur erkläre.'* Heraklit beginnt 
vielmehr sein Buch damit, daß er in Rätseln von dem rätsel- 
haften und doch zwingenden Denkgesetze redet, gleichwie 
Parmenides und Empedokles die Darstellung ihrer Systeme 
mit methodischen, erkenntnistheoretischen I^ehrsätzen er- 
öffnen. Das 50. Fragment, welches, vielleicht zum ersten 
Male, die neue lyOgoserkenntnis inhaltlich bestimmt, setzt 
die erkenntnistheoretischen Bestimmungen der Einleitung 
voraus, nicht umgekehrt diese erkenntnistheoretische Be- 
stimmung den I^ehrinhalt: „Nicht mir, sondern dem lyOgos 
in euch selber müßt ihr Recht geben und eingestehen, daß 
alles eins ist (Fr. 60) ; wird doch ein jeder bis in seine kleinsten 
und alltäglichsten Gedanken hinein bestimmt durch das Ge- 



— 220 — 

meinsame, das eben dieser Logos ist (Fr. 2) ; es gibt keinen 
Augenblick, wo er nicht mit ihm verkehrte (Fr. 72), denn 
nur durch ihn denkt und handelt er; darum muß, wer ihn 
verstehen will, damit anfangen, daß er sich selbst erforscht, 
gleich mir (Fr. 101)." 

Meine Frage, angesichts all dieser Beziehungen, ist diese: 
mußten nicht erst die Gegensätze als Gegensätze entdeckt, 
als etwas mit sich selbst im' Widerspruche BefindHches 
empfunden und gelehrt werden, bevor die Entdeckung ihrer 
Vereinigung wie eine neue Offenbarung wirken konnte? 
Mußten nicht erst die beiden Erkenntnisarten, die sinnliche 
und die geistige, für unvereinbar miteinander gegolten haben^ 
bevor man danach trachten konnte, beide miteinander zu 
versöhnen ? Mußte nicht erst das Werden, als der Gegensatz 
zum wahren Sein, für etwas Unwahres, Unwirkliches, Un- 
mögliches angesehen werden, ehe man sich die Mühe nehmen 
konnte, seine MögHchkeit mit allen nur verfügbaren Mitteln 
zu beweisen? Und bekanntlich dreht sich Heraklits Philo- 
sophie um die Behauptung, daß ein Werden wirklich möglich 
sei, ja daß das Sein nur durch das Werden möglich sei. Aber 
wo wäre einem Anaximander eingefallen, eine UnmögHch- 
keit darin zu finden, daß Eins aus dem andern wird? daß 
td tpvxQä Biqezaiy deqfidv xpixBxcUy vyqöv avaivetai, xagqxxXdov 
voriCerai ? Man sagt, Heraklit habe die unbewußte Grundlage 
der älteren Systeme sich zum ersten Male bewußt gemacht und 
das Gesetz der Abwandlung in allen Erscheinungen als wirk- 
sam nachgewiesen. Aber damit setzt man voraus, daß Heraklit 
den Fluß der Dinge, das ewige Werden schlechthin hätte lehren 
wollen — was erwiesenermaßen falsch ist — davon abzu- 
sehen, daß dies nicht die Art ist, wie Systeme auseinander 
hervorgehen. Die Geschichte der Philosophie ist die Ge- 
schichte ihrer Probleme; will man Heraklit erklären, so 
zeige man zuerst, wo sein Problem lag. — Und endlich fallen 
auch die Parallelen aus dem Indischen für die Entscheidung 
ins Gewicht, daß das Problem des Werdens vom Probleme 
des Seins untrennbar sein müsse: Mändükya-Kärikä 4, 3f. 
(nach Deussen Upanishads des Veda S. 593) : 



— 221 — 

„Ein Werden ist nur des, was ist", 

So sagen manche Denker uns; — 

„Nein des, was nicht ist", so andre. 

Gegenseitig im Widerspruch. 

„Was ist, das kann doch nicht werden!" 

„Was nicht ist, kann auch werden nicht!" — 

So streitend, für das Nichtwerden, 

Gleich Nichtzweiheitlern, zeugen sie. 
Wenn so die philosophische Entwicklung auf dem Wege 
über Parmenides zu HerakHt auf glatterer, natürlicherer 
Bahn zu schreiten kommt als auf dem umgekehrten Wege 
zu den Eleaten über Heraklit, so bestätigt sich dadurch nur 
ein Ergebnis, das für jeden, der sich nicht vor Konsequenzen 
fürchtete, auch ohnedies durch die gegebenen äußeren 
Daten feststehen mußte: wenn es wahr ist, was die Über- 
lieferung einstimmig bezeugt, daß schon Xenophanes die 
fertige, voll ausgebildete „eleatische" Spekulation seiner- 
seits voraussetzt, so muß HerakUt, der den Xenophanes mit 
Namen nennt, erst recht auch ihit Parmenides bekannt ge- 
wesen sein. Piaton behält recht damit, daß er ihn mit Em- 
pedokles zusammenstellte und beider lychren als gleich- 
strebende Bemühtmgen auffaßte, die eleatische Negation 
zu überwinden, über sie hinaus zu einer neuen Welterklä- 
ruug zu gelangen; äußere und innere Indizien kommen 
überein, um der Platonischen Konstruktion gegen die jetzt 
herrschende Recht zu geben. Jahrzehnte mußten nach der 
Entstehimg des Parmenideischen Gedichtes vergangen sein, 
ehe die eleatische Frage alt und reif genug geworden war, um 
neue Lösungen und Systeme aus sich aufkeimen zu lassen. 
So stehen wir vor zweiMögHchkeiten : entweder Parmenides 
soweit hinaufzurücken, bis der nötige Abstand erreicht ist, 
oder Heraklit soweit hinabzurücken; ohne Zweifel hat das 
zweite die weit größere Wahrscheinlichkeit für sich. Er- 
innern wir uns all dessen, was bei HerakHt als spät und der 
Sophistik nächst verwandt erscheint, der Wortspiele, Anti- 
these.n, Gorgianischen Figuren, die er mit bewußter Kunst, 
als Schmuckmittel der Prosarede handhabt, und bereits mit 



— 222 — 

einer Übertreibung handhabt, daß ihm auch kein Wort vom 
Munde fällt, das nicht durch die Kunst der Form Aufsehen er- 
regte ; erinnern wir uns, daß sein Stil noch unter den Hippo- 
kratikem I/iebhaber und Nachahmer findet, folglich zur Zeit 
der entwickelten Rhetorik noch empfunden werden konnte; 
halten wir uns klar, daß Heraklit zum Ausdruck geist^er 
Beziehungen und Gesetze im Naturgeschehen nicht mehr, wie 
Parmenides, die Sprache der Mythologie zu reden sich ge- 
zwungen sieht, daß er, um vom Weltgesetz als einer Ordnung 
über imd außer dem selbstschöpferischen. Urstoff der Milesier 
zu reden, weder Götter noch Göttinnen, weder Aixr] noch ^'Eqi^ 
noch "E^cüC zu zitieren braucht, sondern ein rein geistiges Ver- 
mögen zum. Prinzip erhebt, das Weise, ro aoq>6v, gleichwie 
Anaxagoras den. rov^, daß ihm erst recht also dasselbe 
Wort als Ausdruck für ein menschliches Vemunftideal ge- 
läufig sein mußte, demnach ro aotpöv schon ihm bereits in der 
entwickelten Bedeutung vorlag, die es bei Euripides gewonnen 
hat^ — mir scheint unzweifelhaft, daß auch für Heraklit Wort 
und Begriff etwas Gegebenes war, so. gut wie für den 
syrakusanischen Komödiendichter, dem das vierte Epicharm- 
fragment gehört — man hat ihn, wie ich glaube, zu Unrecht, 
wegen eben dieser Übereinstimmung zum Herakliteer machen 
wollen^ — ; vergessen wir ferner nicht, daß <fy6ai^, allbereits 
absolut und ohne Genetivbestimmung, von der wahren Be- 
schaffenheit der Dinge ausgesagt, bei Heraklit erscheint: 



^ Bakchen 395 td ao<p6v d* (rö ao<pla x6 re fiii Qvrjtä <pQoveiv. 897 
r/ xö ao<pdv tj xl x6 xdUiov Ttagd Bediv ydgag iv ßgcioig ij x^^Q' ^^6 
xoQVipäg x(bv ixOgcöv xQelaam xaxixeiv, 

* Bpicharm Fr. 4 : E'öjbKue, xö aoq>6v iaxiv od xaß* h ix6vov, 

äXk* Saaa tibq lifj, ndvza xal yvfhixav ixei. 
xcd ydg xd Bfjkv xäv dhcrjfxoQlöcDv yhog, 
al Xfjg xarafjiaßeiv dxevig, <rö xlxrei xhcva 
l^ünrtip), äXk* in^^ei xal noiel y>vxov ixßi'V» 
xd öi ao(pdv ä <pijaig xoö' olöep d>g ixei' 
fji6va • Jtenalöevxai yäg aöxaihag ^no. 
Hier ist von oo<p6v im Sinne eines göttlichen Gesetzes wie bei Heraklit 
überhaupt nicht die Rede ; die Natur weiß xd üoq>6v. Und im übrigen 
scheint mir alles so unheraklitisch wie nur möglich. 



— 223 — 

qp'öai^ xgiJTrteadcu q>iXel (Fr. 123)^, daß sogar vofio^ in er- 
kenntnistheoretischer Bedeutung bei ihm vorkommt, endlich 
daß auch xöojbu)^ seiner späteren Bedeutung schon sehr nahe 
kommt in jenem schillernden und spielerischen Rätselworte: 
aaQfia elxfl xexvfihov 6 xaXXujxo^ xöc/lio^ (Fr. 124): ,,es ist 
nichts als lauter Zufall und doch der allerschönste xocfjux^*' 
(die Entdeckung der unsichtbaren Harmonie hat ihm 
wohl auch über diesen tiefsten aller Widersprüche hinweg- 
geholfen): halten wir uns diese Erscheinungen alle gegen- 
wärtig, so werden wir uns zum mindesten soviel eingestehen 
müssen, daß sie einer späteren Datierung Heraküts viel eher 
günstig als ungünstig zu sein scheinen, mögen sie immerhin 
an sich allein und ohne zwingendere Beweise nicht Gewicht 
genug besitzen, um eine Datierung, sei es welche es wolle, zu 
begründen. 

Doch soll es uns, über Möglichkeiten und WahrscheinKch- 
keiten hinaus, auch noch gelingen, wenigstens an einer Stelle 
zu einem wirklich festen Anhalt zu gelangen: HerakHt kennt 
bereits die in der späteren Physik kanonischen vier QuaH- 
täten: OeQ/ütöv, tpvxQov, SrjQÖv, vyqov (Fr. 126): xä xpvxqä 
Biqexaiy deg/btov xpvxsrai, vygov avaivetat, xoQcpcdiov vouCerai^. 

^ Auch in Fr. 112: ro <pQoveiv ägerij fiByiaxri, xal aoiplri äXrißia U- 
yeiv xal noielv xavä q>'öaiv incäovrag heißt xarä <p'6aiv nicht ,, gemäß 
der Natur" in unserem und im stoischen Sinne, sondern ,,nach 
der wahren Beschaffenheit der Dinge". Ebenso Fr. 1 öuagionf ixaaxov 
xard (p'öaiv xal <pQd^o)v öxcog Sx^i. Vgl. Piaton Theait. 157b (in dem 
Berichte über die Lehre der ^iovteg) ; ro ö* aö Set, (hg 6 tüjv ao<p6)v 
Xdyog, oike xi avyxfOQsTv oike xovxo oike xode oik' hteXvo oike öXko ovdhf 
ÖvofjLa 8 XI äv larfj, dXlä xaxä tpija^v <p6dyyea6<u yiyvöjULeva xal jwtoij- 
fxeva xal äiuMöfieva xal d^ioiJfAeva. Kaxä q>'öaiv inateiv heißt dem- 
nach : etwas nach seiner wahren Beschaffenheit wahrnehmen und ver- 
stehen. Das ganze Fragment übersetzt: ,,Die größte Tugend ist die 
Vernunft; und Weisheit ist, das Wahre sagen und tun (durch Tat 
und Wort der Wahrheit dienen) in richtiger Erkenntnis." — Die 
Titel der philosophischen Schriften negl tp'öaemg sind, wie bekannt, 
erst späten Ursprungs. 

* Vgl. Diels, Elementum S. 15, Anm. 2. Über die ältere Lehre von 
den Qualitäten handelt C. Fredrich, Hippokratische Forschimgen 
S. 31 ff., 134ff.; über die spätere vgl. W. W. Jaeger, Nemesios von 
Emesa S. 76 ff. 



— 224 — 

Angesichts der I^eere, die sich überall auftut, wo man in der 
späteren vorsokratischen Physik nach Heraklitischen Ein- 
flüssen sucht, und angesichts der unverhohlenen Gering- 
sdiätzung, die HerakHt, als erklärter Anti-Physiker, für 
physikaHsche Fragen an den Tag legt, fällt es schwer zu 
glauben, daß die Theorie der vier Stoffqualitäten sich aus 
einer absichtslosen, nur zufällig hingeworfenen Aufzählung 
im Buche Heraklits auf eine rein Hterarische Art entwickelt 
hätte, vielmehr muß die typische Vereinigung der vier 
Qualitäten schon vor HerakUt vollzogen worden sein, er 
selber erweist sich wiederum als abhängig von einer fremden 
und in diesem Falle uns unbekannten Schule. Es wird viel 
damit geholfen sein, wenn es gelingen sollte, diese Schule 
zu benennen. Die Milesier scheiden bei dieser Frage aus; nach 
ihrer Lehre gab der Stoff sich selber seine Form, indem er 
das mit sich vollbrachte, was am meisten seiner Stoffnatur 
entsprach und gleichsam sein angeborener Trieb war: sich 
verdickte und verdünnte, durch ägalcoai^ und nvxvoxjic] 
so waren Wärme und Kälte, wie laicht tmd Finsternis, nur 
Folgeerscheinungen, nur Begleitzustände, nichts Primäres, 
Ursächliches, Wirkendes. Und was für die Milesier gilt, gilt, 
wie sich von selbst versteht, auch für die Eleaten: auch 
sie kennen als Prinzipien physikalischer Welterklärung nur 
Tzvxvöv und aqaiov oder axXrjQov und /Ltcddaxöv, und beides 
fällt für sie zusammen mit xpvxQov und Oeq/ülöv (Melissos 
Fr. 7: tzvxvöv de xal ägaiöv ovx äv eXrj). l^yqov und ^riQov 
in Aufzählungen materieller Gegensätze begegnen weder 
bei Parmenides noch bei Melissos. Merkwürdig erscheint, 
als Glied in der Geschichte dieser Begriffspaare betrachtet, 
Anaxagoras. Wohl ist ihm der Gegensatz zwischen dem 
Feuchten und Trocknen bereits ebenso geläufig wie der 
zwischen dem Warmen und Kalten, aber trotzdem hat er es, 
wenigstens in der Mehrzahl der Fragmente, noch vermieden, 
diese Begriffe zur typischen Vierzahl zu vereinigen, offenbar 
in der Absicht, sie den Grundbegriffen der milesischeu Physik, 
TZVXVÖV und äqaiov, zu unterwerfen und anzugliedern. So 
steht bei ihm iriQov auf Seiten des oqoiov, Oeqfidv, hxfjuiqov, 



— -^ ü 



— 226 — 

vyqov auf selten des nvxvöv, yjvxQov und lioq)BQ6v, I^r. 16: 
TÖ (MV Tcvxvdv xal öieQov xal y)VXQdv xal ro Co<peg6v ivddde 
avv€X(Oß^oev, äv6a vvv <i5 yi]>, ro de ägatov xal xo OsQfidv xal 
TÖ ^QÖv i^exdygrjoev el^ x6 ngöaco rov alBiqo^. Fr. 12: xal 
änoxQlvszai ojtö xe xov ägaiov xo nvxvdv xal djto xov y^vxQov 
xo deQfiov xal and xov l^otpeqov xd Xa/ümQdv xal änd xov öiegov 
xd ^Qov. Doch erscheinen an einer Stelle bei ihm auch schon 
die Qualitäten in der Vierzahl ; also muß er sie gekannt haben : 
Fr. 4: dnsxcoXve yoQ tj O'ifXfii^i^ Tcdvxcov ;^^?y//dTö>v, xov xe öie- 
Qov xal xov ^Qov xal xov dsQ/btov xal xov xpvxQOv xal xov 
Xafjmqov xal xov Co<peQov. Es mag damit zusammenhängen, daß 
in seinen Augen auch schon die Kälte eine Kraft darstellt, 
nicht mehr, wie bei den Milesiem, eine Begleiterscheinung 
der Verdichtung und Zusammenziehung, vielmehr deren 
Ursache, Fr. 16: I« /ixiv yäg xcöv ve(peX(öv vdcog äjtoxglvexai, ix de 
xov 'Sdaxo^ yfj, ix di xfj^ yfj^ XlOoi ovfjmr^ywvxai vno xov tpvxQov. 
So zeigt sich, wie die !Lehre von den vier Qualitäten als etwas 
Neues und nach Ausgleich Suchendes zur alten I^ehre von 
den Aggregatzuständen sich hinzugesellt. Aber die alte An- 
schauung bleibt herrschend, wie bei Anaxagoras so auch 
noch bei Archelaos und Diogenes von Apollonia^; und doch 
zählten, wenigstens für diesen letzten, die vier Qualitäten 
zu den allergangbarsten Begriffen: um zu erklären, wie die 



^ Diogenes Fr. A 5 (aus Theophrast) : ddgog , ,i^o^ nvxvovjuiivov xdi 
fiavovfihfov xal jÄeraßdXXovtog roig nadeai t?)v töw äkkoyv ylveaßca fwg^ijv. 
Bei Archelaos scheint die Überlieferung sich selbst zu widersprechen : 
Aetius: A, äiga äneigov xal nji» tisqI a'öxdv Jtvxvikrfta xal /lävcDOiv , 
Toikcov di t6 fjiiv elvai nvg rd ö' ^coq. Dagegen Hippel, ref. dvat <5' 
äQxf/v xiv^aeoDg <x6> änoxqlveaBai dn' d^ijXcov z6 6eQfj,6v xai xo yfvxQ<^v, 
xal TÖ fjiiv BsQfiöv xiveioßai, ro öi y>vxQ^ rjQefielv, xrix6fievov öi rd i^ScoQ 
elg fiiaov ^eiv, h ^ xal xaxaxaiöjbtevov äiga yiyeaOai xai yfjv, c5v rd fikv 
ävco (pigeaSm, rd öi 'ö(plaraaBai xdrw. Aber auch hier bedeutet rd 
y}vxQdv deii Teil des Stoffes, der in geschmolzenem Zustande zu 
Wasser, getrocknet und gebrannt zu Luft und Erde wird, kurz rd 
nvxvdv. Der Unterschied ist nur, daß nach Hippolytos das Warme 
und das Kalte, das Lockere und das Feste in dem Urzustände 
miteinander gemischt und folglich zwei verschiedene Stoffe waren, 
während Aetius beides für die Aggregatzustände eines und des- 
selben luftartigen Urstoffes erklärt. Hippolytos mag recht haben. 

Reinhardt, Parmenides. 15 



— 226 — 

Luft, als allgemeiner Seelenstoff, in den verschiedenen Or- 
ganismen die verschiedenartigsten Beseelungen bewirke, 
weist er auf ihre Wandlungsfähigkeit (Fr. 5): San yäg 
TtokikQOTto^y xai BeQfi6xeqo(^ xal xpvxQoxeqo^ xal ^qoxsqo^ xal 
vyqoxeqo^ xal cxaaifuSneQo^ xal o^igriv xivrjaiv ixoiv xal 
SXkai TtoXlal heQOuooie^ Sveun xal i^dovfj^ xal XQ^^V^ öjieiqou 
Die QuaUtäten sind Eindringlinge in der Physik; daran kann 
kein Zweifel sein. Das zeigen schon die mancherlei ver- 
geblichen Versuche, ihre Vierzahl mit den vier Elementen 
in Übereinstimmung zu bringen. Axistoteles band sie zu 
diesem Zwecke paarweise zusammen und erhielt so für den 
Äther die Bestimmungen ^q6v und BeQ/möv, für die Luft deg/biöv 
und vyQÖv, das Wasser vyQÖv und xpvxQov, die Erde \pvxQ6v und 
^q6v (de gener. et corr. II c. 3 — 4). Aber die Stoiker wider- 
sprachen; sie beharrten dabei, daß die Luft ein tpvxQov sein 
müsse, und verschafften einer einfacheren Gleichung wieder 
Geltui^, wonach Feuer gleich deQ/jtöv, Luft gleich ywxQov, 
Wasser gleich vygov, Erde gleich SrjQÖv war (Chrysipp Fr. 249 f. 
Arnim; Plutarch de Stoicor. repugn. c. 43). Sie griffen 
damit auf eine ältere, voraristoteHsche Theorie zurück, 
die nach dem Londoner Anonymus schon Philistion von 
Lokroi, der Arzt, gelehrt hatte (Pap. Lond. XX 25) : Oikunioyy 
di otsxai ix d' Idewv avveoxdvai i^fiäCy tovt loxiv ix d' axoix^iiov* 
TcvQÖ^y ddQO^, vdaxo^y yfjC- elvai de xal ixdaxov dvvdfietc, xov 
fiev nvqd^ xo OsQjbiöv, xov di &iQOC xd y^vxQov, xov öe üdaxo^ 
x6 vyqovy xf\(^ öe yij^ xo ^q6v. Ja, nach Theophrast hatte schon 
Anaxagoras zwischen Äther und Luft in der Weise zu scheiden 
gesucht, daß er den Äther für ein deg/btöv, die Luft für ein y^vx' 
QÖv erklärte, de sensu 59: Sxt xo fikv fwvov xal Xejtxov Beqfidv, 
xo dk Twxvdv xal naxv xpvxQov" äaneg ^Ava^ayöga^ öiaiget xov 
äiqa xal xov aldiqa. Das Ursprüngliche kann aber auch in 
dieser Gleichung nicht enthalten sein; denn wie sollte die Luft, 
der zweitleichteste Körper, auf natürlichem Wege dazu kom- 
men, als der stärkste Gegensatz zum leichtesten, dem Feuer 
und Äther, zu gelten ? Und wie schwankend und ungeregelt in 
früherer Zeit die Beziehungen zwischen den QuaUtäten und 
Elementen waren, dafür Hefert die Hippokratische Schrift neql 



— 227 — 

aaqxiov ein recht lelnreiches Beispiel, c. 2: doxiei di fwt, S 
xaXiofjLev OeQ/növ, dddvaxöv re elvcu xal voieiv ndvza xal ÖQtjv 
xal äxo'öeiv, xal eldhai ndvxa iövza re xal iaöfieva. rovro o'öv 
rd nXelaxoVy dre haqdjfiri ndna, i^excoQijaev el^ xi^v ävotndxco 
7i€QUpoQijv. xal dvojbtfjvcä jbiot a^o öoxdovatv ol naXaioi alBiga, i^ 
<de>devxiQa /Ltoiga xdxcjOev oiJti)^ xaXiexai /mev yfj, ywxQov xal ^qov 
xal novXi) xivovv. xal iv ro'&cq> Ivi dij novXv rov deq^v. tJ dk 
xqIti] fwlqa, 1} xov i^dQo^, fxiaov x^qIov etkrjqps, Oegfidv xal iyQÖv. 
1} di xexdgxYj rj xov iyyvxdxo) ngd^ xf} yfj, vyqoxaxov xal Ttax&taxov* 
Gent^, man hat es im ganzen Altertum nicht dahin bringen 
können, die vier Qualitäten einwandfrei mit den vier Ele- 
menten zu vereinigen. So fremd und unverträglich aber all- 
zeit die Qualitäten im Makrokosmos waren, so untrennbar 
waren sie von jeher von der .antiken Theorie des Mikrokosmos. 
Alle Hippokratiker, soweit sie einem Systeme folgen, kennen 
sie und bauen auf ihnen als einer gemeinsamen und uner- 
Schütterüchen Grundls^e. Es ist schon eine chronologische 
Unmöglichkeit, die Stammbäume so vieler verschiedener 
Schulen, wie sie im Hippokratischen Corpus vereinigt sind, 
um dieser Gemeinsamkeit willen sämtlich auf den einzigen 
Empedokles zurückzuführen, vielmehr wird Empedokles, 
als Arzt, die Vierzahl aus der Medizin gekannt und erst vom 
Mikrokosmos auf den Makrokosmos übertragen haben. 
Dazu kommt, daß auch Sinn und Funktion der Qualitäten 
oder dvvd/jLei^, wie sie medizinisch heißen, erst aus dem 
Mikrokosmos zu verstehen sind, denn im menschlichen 
Körper sind allerdings Hitze und Kälte nicht mehr Eigen- 
schaften, wie im Makrokosmos, sondern Kräfte, von denen 
Krankheit und Gesundheit, I^ben und Tod abhängt, und 
bilden, zusammen mit dem Trocknen und dem Feuchten, 
eine Art Koordinatensystem, dergestalt, daß jedes ^qöv 
und jedes 'öyQÖv sowohl tpvxQÖv als auch Oeqfidv sein 
kann. Und das war wohl doch auch der lychre ursprüngHchster 
Sinn. In dieser Gestalt gehörte sie zum festen und erblichen 
Besitz der unteritalischen und siziHschen Ärzteschulen von 
Alkmaion b is auf Philistion: Aetius V 30 "Ahcfmiurv xfj^ /xev 
* Korrupt. 

15* 



— 228 — 

"vyBla^ elvai avveTcrtxrjv xfjv loovo/uav rcov dvvdjuecov, vyQov 
SrjQov, ywxQOV deg/Mv, tcihqov yXvxdo^ xal rwv Xomcbv, n)v d* 
iv aixol^ ^voQxlav vdaov TtoitiTuHijv. (pdoQOJtoidv yäg ixaxdgov 
fWvoQxioLV, xal vöaov av/jm(m:eiv a>c Aii> ^99' oi vjtegßoXfj 
0eg(i6tYjfto^ ij ywxQÖrtjxo^ usw.^ In dem Maße, wie die Rück- 
sicht auf den Mikrokosmos an Bedeutung für die Theorie 
des Makrokosmos zunahm, drangen die Qualitäten tiefer 
und. tiefer ein in die Physik, bis sie am Ende die alten 
physikalischen Grundbegriffe ganz aus ihr verdrängten» 
Der Verfasser nagt ißbo^iMoyv hält es noch für nötig, darauf 
aufmerksam zu machen, daß er die Qualitäten von dem 
Mikrokosmos atif den Makrokosmos übertrage, c. 13: „übt 
ergo dico hominis animam, illic me dicere originale calidum (x6 
(TÖfjLfpmov Oeg/LLÖv) /rigidum concretum . . . et qtcando <dicam> 
aerem (L virum A aerum P) frigidum aut aridum spriritum, 
non originale aut ipsius animae hominis frigidum dico, sed totius 
mundi animae"^ ; bei Aristoteles haben sich dieselben Quali- 
täten bereits so fest im Makrokosmos eingenistet, daß sie schon 
anfangen, dem Verständnisse der vorsokratischen Physik im 
Wege zu stehen. 



* Kbenso Hippon von Rhegion, Anom. I/>nd. Col. XI 32 : iv ä^<o di 
ßvßXifp (i&tdg dv^Q (Hippon) Xiyei tipf Hoxojvofjuaafiivrjiv i^ygöttira fiexaßdXXeiv 
öt* vnegßoXfjv 6€Q/j.6ttßog xai ÖC vjteQßoki^ y>vxQ(kriTog xal oihcog vöaovg 
inKpigeiv * /jLetaßdXXeiv di (priaiv athn)v ij im rö nXetov gov tj ijtl x6 
SfjQoveQöv ij ini t6 naxvfUQioteQov rj inl ro XenroiMegiaiegov fj elg evega. 
Und ebenso auch Petron, An. Lond. Col. XX, 1 : 6öi A[lyivi^r)g] Ilhgcov 
cweaidvai tprjaiv xä ijfjJxega aco/mata ix öiaawv moix^l(f)v, \pvxQOv xe xcu 
ßeQfwv, i<p* ixigqt öi xo^kcüv äjcoXeinsi xi dvxloxoixov, x^ fjiiv Bagfiip x6 
(fiQdv, x(p öi ^vxQ^ x6 löygdv, xal iy fiiv <5i) xovxojv aweaxdvai xd adkfiaxa, 

* ISbenso in c. 15 (VIII S. 641 Littre): calidum quidem solis 
parte; liquore autem omnem aque; quod autem frigidum flatimi erit; 
quod autem ossosiun et camosum (d. i. x6 SvQ^) terre. Der Ver- 
fasser stellt also ossosum und camosum in !Eine Reihe mit ßegfidv 
vygdp yfvxQdV' Das konnte er nur dann, weim er als den ursprüng- 
lichen Bereich der Quahtäten ausschließlich den Mikrokosmos be- 
trachtete. Daß im Körper Fleisch und Klnochen gleich (rigdv sei, 
ist ihm selbstverständlich ; daß im Makrokosmos das SVQ^ die Erde 
sei. erst ein Ergebnis der Spekulation. (Ich brauche wohl nicht zu 
sagen, daß mir Roschers Beurteilung der Schrift verfehlt scheint.) 



— 229 — 

Ziehen wir die Konsequenz aus dieser Entwicklung für 
die Stellung Heraklits in der Geschichte der Philosophie, 
so muß der Abstand, der ihn ohnedies von den Milesiem 
trennte, durch seine Bekanntschaft mit den Qualitäten noch 
um ein gutes Stück vergrößert erscheinen. Um so dringender 
wird die Frage nach dem Verhältnis Heraklits zum Kreise 
des Alkmaion. Es sind ja nicht nur die QuaHtäten, was beide 
miteinander gemeinsam haben, es ist noch viel mehr die ver- 
änderte Gesamtauffassung der Welt als eines Gegenübers zu 
der Seele, die entschiedene Abkehr von der Physik, die reli- 
giöse Grundstimmung, die alle beide nach Gesetzen, nach 
geheimnisvollen Beziehungen zwischen Mikrokosmos und 
Makrokosmos zu forschen antreibt. Wenn Alkmaion das 
Sterbliche mit einer geraden lyinie, das Unsterbliche mit 
einem Kreise vergleicht und den Grund des Sterbens darin 
findet, daß dem Vergänglichen die Fähigkeit abgehe, das 
Ende mit dem Anfang zu verknüpfen, wie es bei den Ge- 
stirnen der Fall, wenn er die Göttlichkeit und Unvergäng- 
lichkeit der Seele wie der Gestirne lehrt und damit zugleich 
die Unvergänglichkeit und Göttlichkeit der ganzen Welt, 
wenn er die Phasen und Finsternisse des Mondes aus den 
Drehungen seiner mit laicht gefüllten Hohlschale erklärt 
(Fr. A 4: xaxä xriv xov cxatpoeviov^ aTQO(pijv), so drängen 
sich die ÄhnHchkeiten mit Methode, Anschauungen und 
Sätzen HerakHts so stark hervor, daß man nicht zögern 
sollte, beide auch in der Philosophiegeschichte zu einer 
besonderen, von den Milesiem unabhängigen, westHchen 
Gruppe zu vereinigen. Ein dritter, der in denselben Kreis 
gehört, ist Hippasos aus Kroton oder Metapont, dem sich, 
gleich Heraklit, der Grund der Seele wie der Welt im gött- 
Hchen, beseelten Feuer geoffenbart hat; denn nur um der 
Seele willen hat auch Heraklit im Feuer das Urwesen der 
Welt erkannt. Und daß Heraklit durchaus nicht nur der 
Gebende in dieser Gesellschaft war, beweist seine Bekannt- 
schaft mit den Qualitäten, die er gewiß nicht selbst er- 
funden hat ; und irre ich nicht, so spricht auch seine Vertraut- 
heit mit der Theorie der Hohlschalen für seine Abhängigkeit 



— 230 — 

vom Westen: war diese I^ehre doch, nach Theophrasts Ver- 
sicherung, das Einzige von Astronomie, dem Heraklit den 
Einlaß in seine Gedanken nicht verwehrt hatte, und auch 
dies Einzige hatte er nur darum nicht verbannt, weil er es 
zum Beweise für sein Weltgesetz benötigte. So ragt es 
mitten hinein in seinen eng umgrenzten Tiefsinn wie ein 
Teil aus einer anderen, helleren, regeren Welt, als käme es 
von jener noXv/uuidirj und oo(piri her, auf die er selber sonst 
so erhaben blickte, darum, weil sie für das Eine und Ein- 
zige, was ihm alle Weisheit in sich zu schließen schien, kein 
At^e hatte. 



IV 



Aber vielleicht hat man schon allzu lange sich im stillen 
gewundert, bei diesen Versuchen, eine neue Entwicklungs- 
reihe herzustellen, nicht längst schon einem Namen begegnet 
zu sein, der uns gewiß im Sinne und öfters auf der Zunge 
lag: Pythagoras. Waren nicht Hippasos und Alkmaion 
Pythagoreer ? Und muß folglich nicht auch Heraklit pytha- 
goreische Einflüsse erfahren haben? Und ist es nicht ein 
Hauptziel in der Geschichte der vorsokratischen Philosophie, 
die wahre und ächte I^ehre des Pythagoras aus ihren Nach- 
wirkungen zurückzugewinnen? Ich muß gestehen, für all 
solche Fragen und Hoffnungen am Ende nichts als Skepsis 
übrig behalten zu haben. Woher soll man die Beweise neh- 
men dafür, daß Pythagoras ein Philosoph war? Etwa aus 
dem Pythagoreer-Kataloge des Jamblichos? Darin strotzt 
es allerdings von Namen wissenschaftlicher Berühmtheiten, 
von Namen wie Hippasos, Alkmaion und denen Alkmaions 
Schrift gewidmet war, Brontinos, I^eon und Bathyllos 
(denn der Bathylaos aus Poseidonia soll doch wohl die- 
selbe Person vorstellen), aber, was bedenklich macht, da 
stehen .auch Namen wie Parmenides, Melissos, Hippon, 
Heraklit, daneben Förderer der Mathematik aus aller Welt, 
und nur allzu deutlich verrät sich in der ganzen Zusammen- 
stellung die Absicht, dem erwiesenen Mangel an jeder festen 
und zusammenhängenden I^hkradition. k von dem alten 
Pythagoreertum bis auf die Zeit des Philolaos und Archytas 
reichte, durch die Willkür philosophiegeschichtlicher Kon- 
struktion nach Kräften abzuhelfen. Den Alkmaion nennen 



— 232 _ 

wir wohl heute einen Pythagoreer; aber mit welchem Rechte ? 
Aristoteles stellt ihn geradeswegs den Pythagoreem gegen- 
über (Metaph. I 986 a 22). Was für Daumenschrauben wir 
auch der Überlieferung anlegen, wir vermögen ihr doch kein 
Zeugnis über eine altpjrthagoreische Philosophie zu ent- 
pressen; alle Aussagen, zu denen sie sich herbeiläßt, gelten 
nur für die Bewegung einer pythagoreischen Romantik, 
die gegen Ende des 5. und im Anfang des 4. Jahrhunderts in 
den aristokratischen und zugleich spekulativ und religiös er- 
griffenen Kreisen Unteritaliens und Siziliens sich ausgebreitet 
hatte. Und es gibt kein Mittel, die Schlußfolgerung zu ent- 
kräften, daß der Philosoph Pjrthagoras erst eine Schöpfung 
dieser Zeit und dieser Kreise sei. Mag noch so viel von 
ächter Pythagoreer-Moralität und -Religiosität, das wie unter 
der Asche eines großen Brandes fortgeglommen hatte, da- 
mals sich aufs neue wieder entzündet haben — Wissen- 
schaft, zumal in diesem so erfindungssüchtigen Zeitalter, 
war etwas viel zu Regsames und Wechselndes, als daß es 
sich wie religiöse Vorstellungen über hundert Jahre auf dem- 
selben Punkte hätte festhalten lassen. Wenn unter den zehn 
Pjrthagoreischen Gegensätzen unter anderm auch xtvovfJLEvov 
äxlvrjtov, axöxoc und (p(b^ erscheinen, so empfiehlt es sich 
immer noch mehr an eleatische Einflüsse zu glauben, als 
an eine alte Pythagoreer- Weisheit, die schon auf Parmenides 
gewirkt hätte. Es hilft erst recht nichts, das unzweifelhaft 
Gemeinsame, das Männer wie Heraklit, Alkmaion und 
Hippasos in ihrem Denken aufweisen, synthetisch zu ver- 
einigen, um aus dieser Mischung die geklärte, lautere I^ehre 
des Pjrthagoräs herauszudestiUieren; denn man kann die 
Quellen geistiger Strömungen nicht „rekonstruieren", wie 
man die Quellen von Exzerptensammlungen rekonstruiert; 
und es ist nicht im geringsten ausgemacht, daß, wo geistige 
Gemeinsamkeiten auftreten, auch immer ein großer und be- 
rühmter auctor an der Spitze stehen müsse. Der Pythagoras, 
den uns die älteste Überlieferung zeigt, von dem Empedokles, 
Ion, Heraklit und Xenophanes zu erzählen wissen, der 
erhob freilich den Anspruch, mehr als alle andern ein oo(p6^ 



— 233 — 

zu sein, doch seine cotpia war nicht Wissenschaft und For- 
schung, sondern Offenbarung und Erleuchtung. Alle Dinge 
im Himmel und auf Erden wollte er wissen, alles Zukünftige 
und Vergangene, jedem Menschen seine Vorexistenzen sagen, 
über alle Strafen und Belohnungen im Jenseits Auskunft 
geben können. Aber davon, daß derselbe Mann ein großer 
Mathematiker und Philosoph gewesen wäre, scheinen diese 
ältesten Zeugen jedenfalls noch nichts gehört zu haben. 
Auch Heraklit macht keine Ausnahme; sein Urteil über 
Pythagoras gilt nicht dem wissenschaftlichen, nach Er- 
kenntnis dürstenden, der Menge unbekannten „wahren" 
Menschen, sondern gehört in die Reihe seiner Proteste gegen 
das volkstümliche Ideal des Weisen. ,,Zum Lehrer haben die 
meisten den Hesiod ; ihm legen sie das größte Wissen bei, der 
doch selbst Tag und Nacht nicht einmal kannte; sind sie 
doch eins" (Fr. 57). „Sie halten den Homer für weiser als 
alle anderen Hellenen (Fr. 56), und doch hat Homer den 
Wunsch getan, es möge der Streit aus der Welt verschwinden, 
derselbe Streit, der doch der Vater aller Dinge ist" (Fr. A 22). 
„Pythagoras gilt ihnen für weise — in Wahrheit war er ein 
Betrüger, ein Erzscharlatan, xonldwv äqxrjyo^^ ; er sammelte 

1 Schul. Buripid. Hek. 131 H6niQ\ 6 Adiog • SBev xal (Srifjioxönog 
X€U} xößaXog, 6 xofjApdg . . feorUöaiQ te rd^ t&v Xöyatv xexyct; <iXeyov> 
öXkoi te xai 6 Ti/Acuog oiktog yQd<po)v [FHG IV S. 640] '&(ne xcu q>al- 
veaOai /ii) rov IJvSayoQov eöqdfAevov {äq^dfjLsvcv Diels Arch. f. Gesch. 
d. Philos. III S. 454) t&v äXr^Biv&v xonldwv ö}X avtdv ndv} 'Hgobdei- 
Tov dvat rdv aXa^ovevdfievov , Philodem Rhetorik I S. 361 u. 354 Sud- 
haus: rd fikv yäq oöOkv edq>viQ nQoaq>iQei<u tcqöq djidxrjv fie- 
^flX^vYifiivov, ij öä xwv ^rßÖQCDv elaaycoyij Ttdvta rä BewgijfMxza jiqoq 
rovt' ixet, xeivovra xal xcad rov 'HQaxXeixov *xonlöo>v iarlv 'dgxijyog'. 
Daß Heraklit rhetorische Kunstgriffe oder dialektische Rabuliste- 
reien mit xonideg habe bezeichnen können, davon kann selbstver- 
ständlich, keine Rede sein ; auch geht aus Philodem zur Genüge hervor, 
daß für den Stoiker Diogenes xonldwv dgxnydg soviel bedeutete 
wie „Erzbetrüger'*; es entspricht den Worten ^göc dmkriv fie/jLfjx^^- 
fjLivov. Wenn Timaios, wie es den Anschein hat (d. h. wenn nicht 
der Unsinn erst durch einen Grammatiker hereingekommen ist), 
den Vorwurf des Betruges auf Rhetorik, Rabulistereien, Adyow rdx'^i 
deutete, so beweist das nur, daß er den Vorwurf mißverstand, und 
zwar darum, weil xdmg allerdings in späterer Zeit m einem Schimpf- 



-^ 234 — 

die Traditionen und das Wissen seines Volkes wie kein ande- 
rer, las alle Urkunden und Schriften, deren er habhaft werden 
konnte, und machte sich seine Weisheit aus Vielwisserei 
und Betrug": üvdayÖQrjC MvrjadQxov laroQlrjv ijaxtjaev dvOgco- 
Ttcov [juakiaxa ndvxwv xal hcXe^dfievo^ TOf&ca^ rä^ avyyQdtpä^ 

werte für Rhetoren geworden war: Schol. zu Lykophr. Alex. 763 
u. 1464 H67tiQ 6 4^(0Q nagd td xdjtzeiv roi^g Xöyovg, fj 6 i/jineigog. 
Und so auch schon Buripides Hek. 130 von Odysseus: 

ajtovöal Sä X6ywv TcaxaxuvojbUpcov 

^aav laai jicdq, tiqIv 6 7iotxtX6(pQ(av 

k6juq ^dvXöyog dtifioxagioziig 

AaeQTiddrjg Jielßei mgoxidv xxX. 
Daß Heraklit den Vorwurf des Betruges gegen P3rt}iagoras erhoben 
haben könne, das zu bezweifeln Hegt nicht der geringste Grund vor, 
zumal diese Beschtildigung vortrefflich mit der Anklage wegen 
xaxütexvla übereinstimmt; Fr. 81 imd 129 stützen sich gegenseitig. 
Und endlich scheint mir die Beziehung auf P3rt}iagoras schon da- 
rum festzustehen, weil es in späterer Zeit ein auf Pythagoras Na- 
men gefälschtes Buch mit dem Titel xonldeg gab (vgl. Diels Arch. 
f. Gesch. d. Philos. III 455) : Diog. VIII 8 ctörov Xiyovai xal xäg xonlöag 
(Diels : 9cai toi^g xaxaaxoJudSag), o-ö ^ dQXH ' f^^ dvaÖlöev [Diels : dvaidev] 
firfievL — Ich verstehe übrigens unter xoTddeg nicht, wie Diels, 
Schlachtmesser sondern ,, Streiche", Ränke, Betrügereien; vgl. 
Athen. IV, S. 173 c: 'Axcudg d' 6 'Egergieiög iv 'AXh/juiIcovi rcp aarvQix^ 
xaXei roi^g AeXipoi^g öid tovtcdv (S. 749 N). 'xaQtwxoTtotot^g nQoaßkhtoy» 
ßöeXihTO/jUu, naQÖaov xd legeta JteQiti/ivovreg öfjXov d>g i/iayelgsvw ctötd 
xal ixagvxevov . . xdv totg iS^g ö* 6 'Axcuög fpriaiv 'xlg 'ÖJioxexQVfifjihog 
jüiivei aoQaßaxwv xonldcov awofidwvjLie'' iniaxdmtovai ydg ol ZdxvQoi 
xo'dg AeX(po'dg <bg negi xdg 6va£ag xal Oolvag diaxglßovxag. Hier kann von 
Schlachtmessem wohl ebensowenig die Rede sein wie von dem spar- 
tanischen Volksfeste xonlg, mag Athenaeus immerhin die Stelle so 
verstanden haben. Vielmehr sind die ZoQaßixai xoniöeg doch wohl 
Schwindeleien wie die des berühmten platäischen Weinhändlers 
Zdqafißog oder JSdgaßog; vgl. Pollux 7, 193: xänriloi öi od fidvov oi 
fietaßoXeXg, dXXd xal ol xdv olvov xsQowihfxeg • ößev xal Zagdßcwa 6 UXöxiOV 
(Gorg. 518 b) 'xdnriXov' dwöfiaaev, inatvwv o'dxdv in* olvovgylq. Der An- 
geredete bei Achaios könnte z. B. Gineus sein. Aber wie dem auch 
sei, an der Stammesbedeutmig von xdnig, xonig, xoTtlCeiv, dem Vor- 
. würfe des Betrugs imd Schwindels lassen die zahlreichen Zu- 
sammensetzungen desselben Stammes keinen Zweifel: dfjfwxönog, 
^ifpLOxoniöeg, neben a:^oaxedld€g als Schuhwerk eines feinen Volks- 
helden, etwa des Alkibiades, genannt in den Demoten des Hermippos 
(Pollux 7,89); ifioixonelv Polybios, Pollux, Septuag.; iXJitpfoxoneüf 



— 23B — 

inonjaccto iavrov aoq?irjv noXyjuadelrjv, xaxorexvitjv (Fr. 129).^ 
Man kann sich doch darüber nicht täuschen wollen, was 
xaxorexyirj nach ionischem Sprachgebrauche heißen muß: 
xaxorexveiv bei Antiphon Tetral. 1, 22 und Herodot VI 74 
heißt intrigieren und betrügen, xaxörexvo^ „betrügerisch" in 

Polyb. 20, 10, 7; Soio9€6nog] dx^Mc67ioq, dx^ioxoneiv; aTrjloHÖnas 'In- 
schriftenschwindler', Spitzname des Periegeten Polemon; xoTÜ^eiv 
yfevöeaSai Hesych; ngay/AoroxonBiv 'intrigieren* Polyb. 29, 30, 10; 38, 
11, 8; nQaSt9con€tv 'überrumpeln* bei demselben 1, 18, 9; 1, 55, 6 u. 
öfter. Die betrügerischen Freunde des Selon hießen x6£09tfo^/i3ai (Plut. 
Solon c. 15) nicht, wie die Lexica erklären, weü sie die Schulden ab- 
gehauen, sondern weü sie ihre Gläubiger beschwindelt hatten. Die- 
selbe Bedeutung hat auch später xQ^f''^9eo7tetv, z. B. bei Plutarch de 
vitando aere alieno c. 5: adtoi öi nagcwöficDg davelCovai teXcovoimeg, 
fiak^ d*, d öel xdkfjBig elneiv, ipx^ öavelCeiv xQ^^f^^^onovrieg , 6 yaQ o'ö 
yQdq>€i Xajütßdvwv iXarrov, x^^^^^^^ojceiToi ; dasselbe Wort in der Bedeutung 
'unterschlagen* bei Herakht Quaest. Hom. S. 14, 10. Auch Wen- 
dungen wie Aeschyl. Agam. 479 (pQev(bv HsxofjLfihog 'mn den Verstand 
gebracht' und Herondas 6, 84 Sxa>g xdv oyöxfjg fi^ terQcoßökov xöfpjj 
mögen hierher gehören. Die ältesten Zeugnisse, verbunden mit den 
Belegen aus der Koine, lassen darauf sdiließen, daß xöjug, xojtk, 
xoJtiCeiv in der Bedeutung des Betrügens und als Schimpfwörter 
dem altionischen Sprachschatze angehört haben. Denn auch Achaios 
ist lonier, seine Heimat ist Eretria. 

1 Gesetzt, daß Fr. 129 (bei Diogenes VIII 6) gefälscht wäre zu 
dem Zwecke, eine Fälschung auf den Namen des Pythagoras zu 
akkreditieren, so müßte jedenfalls der Fälscher sich die Sache selber 
imbegreifHch schwer gemacht haben, denn aus den Worten ixXe" 
idfievoQ Toörag tag avyygaqxig folgt noch nicht im mindesten, daß 
Pythagoras die Aufzeichnungen {avyyodcpsiv = literis mandare), 
die er sammelte oder auswählte (nämlich für seine Zwecke : so wie ein 
XonofwXdyoq einer ist, der sich aufs Sammeln von Orakelsprüchen 
gelegt hat; und auch dessen Kunst bestand nicht nur im Sammeln, 
sondern auch im Auswählen, IxUyeaBai: vgl. Herodot VII 6) selbst 
geschrieben haben müsse, viel eher noch das gerade Gegenteü; 
und die Gewißheit, mit der der Interpret den Worten eine solche 
Bedeutung unterschiebt (HQdxXevrog yovv 6 (pvaixdg fwvovovxi xixQaye 
xal qftiaiv), spricht doch entschieden sehr dafür, daß er tatsächlich 
nur der Interpret imd nicht zugleich noch im Geheimen der Ver- 
fasser ist/ Wenn taikag tag avyygaqxig auf lazoglrj bezogen steht 
und solche Schriften bedeutet, die auf latoglrj Bezug haben, so ist 
das eine Härte, die man nur in archaischer Sprache vertragen kann ; 
vgl. Demokrit Ft. 182: tä fxh xaXä x&iß<^<^ ""^««C ^«^oi^ j} /iddtiaig 



— 236 — 

der Ilias 15, 1^ (fj fwXa dij xaxörexvo^, afirixave, ao^ döXo^y '^Qv)f 
xaxorexvla^ öiTcri im Attischen die Klage wegen Stellung falscher 
Zeugen, Heraklit beschuldigt den Pythagoras, das Volk durch 
scheinbare Beweise übermenschlichen Wissens hinters laicht 
geführt zu haben, wie z. B. dadurch, daß er den Schild des 
Euphorbos wiederzuerkennen vorgab, daß er den Myllias 
zum Grabe des Midas schickte, daß er Erdbeben und Todes- 
fälle voraussagte, und was man sich dergleichen mehr von 
ihm erzählte; er setzt ebenso die populäre Tradition voraus, 
die in Pythagoras einen Albertus Magnus sah, wie Ion und 
Empedokles, und er brandmarkt, ähnHch wie Xenophanes 
in seinen Sillen, diesen Wundermann Pythagoras als Arche- 
geten aller %pEvö(bv xixxove^ xal fjuiqxvQE^ (Fr. 28), die ihre 
Sünden im Jenseits würden zu büßen haben. 



Die Lehre von den Gegensätzen ist entsprungen auf den 
Höhen der Logik und der Metaphysik, nicht in den Tiefen 
und dem Dämmer der Mystik und der Theosophie. An diesem 
Ergebnis kann auch die Aufzählung der Gegensätze in dem 
Sühnegedichte des Empedokles nichts ändern. Fr. 122: 

iSegya^etat, rd ö* cUaxQä ävev növcav whö/jtaxa xagnovrai. xal yaq o6v 
ovx iSiXovia noXkdxu; iSelQyei roiovxov elvai, wo toioihov auf rä cdaxQd 
bezogen werden muß. Wie hätte ein Fälscher auf dergleichen ver- 
fallen können ? Und endlich müßte in diesem Falle die Fälschung auf 
den Namen des Pythagoras das Frühere, die auf den Namen HerakUts 
das Spätere und Abgeleitete sein; aber das Umgekehrte ist der Fall, 
die pythagoreische Fälschung hat den Tadel Heraklits genau so 
zur Voraussetzung wie das unter dem Titel xonlöeg gefälschte Pytha- 
gorasbuch das Heraklitwort von den xonideg : o^frca di ehtev inetöi^neg 
ivoQxof^tevog 6 üvSayögag xov (pvaixov avyyQd/A/AOzog liyei dids* ov 
/id t6v diga xov dvajtvio), od fm x6 {^cdq xd Ttlvoy, oihun' olaco (Diels: 
aö xaxolao}) tpöyov negi xov Xöyov xovde: so begimit auch Heraklit: 
wv Xöyov xovde . . . Und man braucht die beiden Fragmente nur 
g^^einander am halten, um in dem einen alle Spuren der Echtheit, 
in dem anderen alle Spuren des ungeschicktesten Fälschertums zu 
entdecken. Wie soll demselben Manne der Betrug das eine Mal so 
schlecht, das andere Mal so täuschend gut gelungen sein ? 



— 237 — 

ivO" fjöav XOovlrj re xai ^HXiÖTtrj ravacont^, 
AtjqI^ 0* alfÄoröeaaa xat ^Aq/mövit] de/ji€Q<07ti4, 
KaXXioxd} X AloxQij te, 06a}ad re Arjvalrj re, 
Nrifieqrrj^ t' igöeaaa (xeXdyxovqd^ r ^Aadq)eta. 
Fr. 123: .<h^ yaQ ^E/inedoxirjc (pvaixojg i^agißfuirai 

Ovao) re Oifiivri re, xai ^Evvalrj xai "EyeQai^, 
Kivd> r ^AorefjKprj^ re, noXv<ni(pavo^ re Meyiard) . . 
xai OoQ^v xai ZwTti^v re xai ^OjLi(pa(rjv xai noXXä^ Öila^. 
Dunkel und laicht oder, um genauer zu sein, nvxv6v und 
äQOidv, der Gegensatz des dichten, dunklen Erdstoffs zu 
dem dünnen, hellen'Feuerstoff , Streit und Eintracht, Werden 
und Vergehen (oder Wachstum und Tod), Wachen und 
Schlafen, Bewegung und Ruhe, Schnell und I^angsam, Groß 
und Klein — denn der Megisto, als der Personifikation des 
Großen muß die Personifikation des Kleinen gegenüber- 
gestanden haben; Comutus, unser Gewährsmann, hat die 
Reihe mit dem zweiten Verse abgebrochen und nur noch 
drei Namen aus der Fülle der übrigen herausgegriffen — 
Schön und Häßlich, Ordnung und Zufall [<poQvr6^ heißt 
Kehricht), Wahrheit und Ungewißheit, Rede und Schweigen: 
es sind dieselben Begriffe, die uns aus Heraklit undParmenides 
bekannt sind. In der Bildersprache des Dunklen nehmen 
sie sich freilich wohl ein wenig dunkler und prächtiger aus: 
„Tag und Nacht sind eins" (Fr. 57). „Der schönste Affe ist 
häßlich, mit dem Menschen verglichen" (Fr. 82). ,,Per 
weiseste und schönste Mensch ist nur ein Affe gegen Gott" 
(Fr. 82). „Der schönste xöc/ülo^ — ein Kehrichthaufe" (Fr. 
124). „Die unendliche Sonne — eines Menschen Fuß breit" 
(Fr. 3)^: d. h. schön und häßlich und groß und klein sind 
ein und dasselbe, da uns das HäßHche schön und das Große 
klein erscheint. ,,Als ein und dasselbe wohnt den Wesen 
die Kraft des Lebens und des Todes inne und des Wachens 
und des Schlafens und des Jungseins und des Alterns" 
(Fr. 88). Der Gegensatz der Ruhe und der Bewegung kehrt 
wieder in den Fragmenten 125, 84, 111, 75, und daß auch 

* Epikur muß seine übereinstimmende Schätzmig der schein- 
baren Somiengröße aus der Vprsokratik haben. 



— 238 — 

der Gegensatz der Rede und des Schweigens dem Heraklit 
oder doch dem Kreise, aus dem die Philosophie des Heraklit 
hervorgegangen ist, nicht unbekannt war, dürfen wir wohl 
aus der Schrift de victu c. 11 schließen: diaXeyöfjisva ov diale- 
yö/xeva, yvm^riv ^;jövra ayvio^ova, insvavxlo^ 6 xqdnq^ ixdaKov 
ö^oXoyedfxevo^. 

Die Übereinstimmung mag überraschen, aber es geht 
nicht an, sie dadurch zu erklären, daß man den Empedokles 
von Heraklit abhängig sein läßt — von der Verschieden- 
heit der Fassungen abgesehen, schon darum nicht, weil Hera- 
klit im Zwiespalt ein Problem erblicktT ihn zu versöhnen 
trachtet und über ihn hinaus zur Harmonie und Einheit strebt, 
während für Empedokles wie für Parmenides die Gegensätze 
schlechtweg Gegensätze sind, von einer Einfachheit und 
Offenheit, die nichts an ihnen zu deuteln läßt. So 
bleibt nur Eine Erklärung: beide als Repräsentanten Einer 
Tradition und abhängig von einer und derselben Frage- 
stellung zu betrachten. In der Tat begegneten wir denn 
auch schon in der eleatischen Ableitung der Gegensätze, in 
der öo^a des Parmenides, dem Dreiverein Tod, Schlaf und 
Altern, der als sein Komplement die Kräfte des I^ebens, des 
Erwachens und der Jugend erfordert. Und daß auch schon 
bei Parmenides die Zuonri, zusammen mit dem Tode, der 
Finsternis, der Kälte und dem Vergessen, auf der Seite der 
Verneinung stand, als Gegensatz zur Macht des Lautbaren, 
ergibt sich aus den Angaben des Theophrast über die Sinnes- 
wahrnehmungen : 8x1 6k xai TCO ivavxlq) xaß' avro noiel xiiv 
aladTjaLv, (paveqov iv ol^ (prjai rov vexQov qxoro^ fiev xal deg/iov 
xai q?(ovr}^ ovx alaßdvecfdcu dta Trfv exXeiyfiv rov tzvqö^, tpvxQov de 
xal auoTtfj^ xal twv ivavcicov alaOdveaOaL Überhaupt mag 
die Aufzählung der Mächte bei Parmenides, die mit Eros 
und Eris begann, von der Empedokleischen nicht allzu 
verschieden gewesen sein. Der Gegensatz der Ruhe und 
Bewegung ist ein eleatischer Hauptbegriff und wenn nicht 
aus Parmenides, so ist doch aus Epicharm (Fr. 2) . auch 
der Gegensatz des Großen und Kleinen als eleatisch hin- 
reichend gesichert. Für die Gegensätze xaXöv aiaxqdv, aya- 



— 239 — 

66v xaxöv (Herakl. Fr. 58) sind allerdings eleatischj& Parallelen 
nicht vorhanden, doch daß auch die Heimat dieser Begriffe 
der Westen ist, darf aus Alkmaions Schrift geschlossen 
werden, Fr. A 3 : q?rjol yäg elvcu &6o rä jtoXXä rcov dvOgcoTtivcov, 
XiycDV rä^ ivaimörrftag ovx &oneQ (ySroi (die Pythagoreer), 
öwiQiafxiva^ akXa xä^ wxoiaa^, olov Xevxdv juiXav, yXvxi> Tttxgöv 
dyaOov xaxöv, [xiya fxvxQov, Hier sind eleatisch die Begriffe 
Xsvxov jbidXaVy fifya fitxQÖv] und yXvxif TttxQÖv kehrt wieder in 
dem Heraklitischen Gleichnisse vom Meerwasser, Fr. 61. Als 
einen Absenker derselben Entwicklung haben wir endlich 
auch die Kategorientafel der Pythagoreer zu betrachten 
(Arist. Metaph. S. 986 a) : ndga^ xat äjteiQov, negirrdv xal ägnov, 
Sv xal TtXfjdo^, deSiov xal aQiaxeQov, äqqev xal df]Xv, rjQefiovv xal 
xivovfxsvov, €vdi> xal xajUTt'öXov, (pcö^ xal axöro^, äyaßov xal 
xaxöv, TSTQaycovov xal hegofjifjxe^. Davon sind eleatisch ndga^ 
xal änsiQoVy iv xal nX'^dog, äggev xal OfjXv (Parmenides Fr. 12 
Tiifjmova ' ÖQaevi dfjXv fjuyrjv x6 x ivavxiov ahi^ äqaev OrjXvxdQq)), 
riQSfwvv xal xivovjüLevov, <p(b^ xal ax6xo^\ in den Kreis des 
Heraklit und Alkmaion weisend ayaQov xal xaxöv und ev6i> 
xal xafjmvXov, denn um die Koinzidenz auch dieses Gegen- 
satzes zu beweisen, hat Heraklit das Gleichnis von der 
Walkerschraube doch wohl recht an den Haaren herbei- 
gezogen (Fr. 59) : yvaq?e((p odöc evdeta xal oxoXiii fjila iaxl xal 
ij avxTJ. Wie denn auch der HerakHtische Gegensatz des 
oben und unten zugleich pythagoreisch ist: Simplicius zu 
Arist. phys. S. 386, 20 (Diels Vors. 45 B 30) xo yovv deiiov 
xal äv(o xal SjUTtQoadev xal äyadov ixdXovv, x6 de ägtaxegov xal 
xdxo) xal ÖTtiadev xal xaxov SXeyov, ct>^ avxo^ ^AgUfxoxdXrj^ 
laxÖQrjaev iv xfj xcov üvOayoqeloi^ äqeaxövxtov avvayayyfj. So 
bleiben, nach der einfachsten Regel der recensio, als rein 
pythagoreische Bestandteile der Kategorientafel nur die 
mathematischen Begriffe übrig, und selbst von diesen haben 
den Gegensatz des Geraden und Ungeraden die Eleaten den 
Pythagoreem gleichfalls schon vorweggenommen: „Wenn 
man zu einer geraden oder ungeraden Zahl eins zufügt oder 
von ihr wegnimmt, bleibt dann noch dieselbe Zahl?" fragt 
schon der Xenophaneer bei Epicharm. Nur ist freilich bei 



— 240 — 

Epicharm der Gegensatz noch ohne geheimnisvolle Be- 
deutung, nur eines der beliebig vielen Beispiele für die 
Unmöglichkeit des Werdens oder, entsprechend der Xeno- 
phanischen Umdeutung des eleatischen Gedankens, für den 
Wechsel und die Zwiespältigkeit des Irdischen im Gegensatze 
zur Gottheit. Die Mystik hat sich all dieser Begriffe erst 
bemächtigen können, nachdem die Philosophie des Seins das 
Denken aus dem Banne der Physik befreit und auf die 
geistigen Phänomene gelenkt hatte. Zum ersten Male er- 
wachen sehen wir diesen Trieb zur religiösen Deutung bei 
Xenophanes, er steigert sich alsdann ins Mystisch-Erhabene 
bei Alkmaion, in der Lehre von dem irdischen Dualismus, 
der als tieferer Sinn der medizinischen Theorie der Qualitäten 
erkannt wird, und — wie wir ergänzen dürfen — der gött- 
liehen Harmonie, um seinen stärksten Ausdruck zu erreichen 
im Symbolismus Heraklits, des Priesters, der in das Problem 
des Widerspruchs sein übervolles Herz ausschüttet und es, 
wie Piaton die Ideen, mit dem Tiefsten erfüllt, was des 
Menschen Brust bewegt, gleich einem Tonkünstler, der uns 
mit der einfachsten Melodie durch alle Tiefen und Höhen 
der Seele führt. Und so ist denn schließlich die I^ehre von 
den Gegensätzen auch in die Orphik eii^edrungen und hat 
die Gestalten hervorgebracht, die bei Empedokles die Seele 
bei ihrem Eintritt in den irdischen Leib umringen. Der 
Gedanke freilich, daß das Werden und der Zwiespalt Ur- 
sache des Leidens sei, daß die Erkenntnis des All-Einen und 
des Sinnentruges die Seele auf den Weg führe, sich von dem 
Leiden zu befreien — um diesen Gedanken zu erfassen und 
durchzuführen, dazu waren, wie es scheint, die Griechen 
doch nicht Inder genug. Der Pessimismus hat in ihrem philo- 
sophischen Denken wohl hie und da den Ausdruck bestimmt, 
doch hat er kein Problem erzeugt, er hat wohl Nebengedanken 
erregt, wie bei Parmenides in den trüben Worten: Ttdvta yäg 
fj Gxvyeqolo xoxov xal fxl^io^ ^QX^^ oder in den noXvxXavxoi 
yvvalxBQ bei Empedokles oder in der Behauptimg des 
Melissos, das All-Eine kenne weder Schmerz noch Krankheit, 
doch solche Ansätze und Möglichkeiten sind nur Möglich- 



— 241 — 

keiten und Ansätze geblieben — hat es vielleicht nur an 
einem Buddha gefehlt, um eine ReUgion daraus zu machen ? 
Aber nicht gründHcher könnte man jedenfalls die Tatsachen 
der Überlieferung auf den Kopf stellen, als wenn man die 
willkürUche Verwendung der Gegensätze in der Orphik für 
ihre ursprüngliche Bestimmung halten und die eleatische 
Logik aus einer orphisch-pythagoreischen Mystik ableiten 
wollte. Auch die Lehre von den Gegensätzen, auch die 
Kategorientafel eröffnet keinen Weg, der von den P3rtha- 
goreern hinauf zu Pythagoras fährte. 



Daß eine Philosophenschule sich aus freier Wahl nach 
einem Manne benennt, der auf die Entwicklung ihrer Lehre 
nicht den geringsten Einfluß hatte, dieser Fall steht nicht 
vereinzelt da in der Geschichte der Philosophie des aus- 
gehenden fünften Jahrhunderts: in noch befremdlicherer 
Lage als die Pjrthagoreer befinden sich, was ihren Namen an- 
langt, ihre herakliteischen Zeitgenossen. Freilich ist es bis 
jetzt, soviel ich weiß, noch keinem Philosophiehistoriker in 
den Sinn gekommen, an der UrkundHchkeit und historischen 
Berechtigung des Herakliteemamens einen Zweifel laut 
werden zu lassen, ja man hat nicht einmal eine Schwierigkeit 
dabei gefunden, dem Einsiedler eine Schule anzuhängen, die 
sich bis in Piatons Jugendzeit gehalten und es sogar in dem 
Athen der Sophisten zu einigem Erfolge gebracht hätte ; 
noch mehr, man hat den Ursprung der etymologischen 
Forschungen eines Kratylos bei Heraklit selbst zu entdecken 
geglaubt, und daß vollends die Flußlehre, zu der sich diese 
Männer bekannten, von dem Ephesier herstamme, schien 
über allen Zweifel erhaben. Nun begibt sich das Erstaunliche, 
daß Piaton im Theätet dieselben Herakliteer mit Prota- 
goras zusammenwirft, und was noch seltsamer berührt, daß 
in der Tat kein wesentlicher Unterschied in ihren Theorien 
aufzuspüren ist. Folglich ist auch Protagoras ein Herakliteer ? 

Reinhardt, Parmenides. 16 



— 242 — 

So hat man allerdings geschlossen. Aber wäre da nicht eine 
andere Frage ebenso am Platze : ob auch diese HerakHteer — 
wirklich HerakHteer sind ? 

Mir steht fest, daß auch Protagoras vor allem Schüler der 
Eleaten war, daß auch sein Relativismus aus der eleatischen 
dö^a entwickelt ist. Hatte das Problem der GegensätzUch- 
keit Parmenides dazu verführt, die Sinnenwelt als leeres 
Wahngebilde zu betrachten, so sucht Protagoras dasselbe 
Problem dadurch zu lösen, daß er die Widersprüche und 
Wechsel der Erscheinungen aus den Beziehungen des 
Menschen zu dem „Dinge an sich" erklärt. Was den Eleaten 
gleichsam auf dieselbe Fläche projiziert und darum als 
Trugbild, als ein Bild des inneren Widerspruches erscheinen 
mußte, teilt sich in seinen Augen, rückt auseinander und 
schiebt sich zu einer Perspektive zurecht. Die Widersprüche 
bestehen, so lehrt er, weder in den Dingen selbst, noch in 
dem Menschen selbst, sie finden ihre Lösung weder in einer 
mystischen Vereinigung von Dissonanz und Harmonie, 
der Lehre Heraklits, noch in der Unterscheidung eines 
reinen, wahren Seins von einer trügerischen Welt der Sinne. 
Sie erklären sich vielmehr aus dem wechselnden Verhält- 
nis* des Erkennenden zu seinem Gegenstande. So wird der 
Erkennende selbst, der Mensch, zum Maße für alles Sein und 
Nichtsein; einzig und allein von seinem Zustande hängt es 
ab, ob eine Wahrnehmung in ihm entsteht oder ausbleibt, 
ob sie so oder so beschaffen ist, ob die Benennungen, die er 
den Dingen beilegt, möglich oder unmöglich, wahr oder 
falsch, ob sie Swa oder ovx övxa sind. Hatten die Eleaten 
aus dem Wechsel zwischen Sein und Nichtsein auf die Falsch- 
heit aller Benennungen und Wahrnehmungen geschlossen: 
ov yäq äv fieriTtiTtzev, ei äXridrj ijv . . rjv da /bierajiiarj, rd fxkv 
idv äjKoXeTo, rd di ovx iov yiyovev (Mel. Fr. 9), so zieht 
Protagoras den entgegengesetzten Schluß: ndvicov ;fß?y//dTCüv 
fihqov laxlv ävOgcoTto^, Td)v /llev Svtcov c&C Sari, T(bv de ovx dvrcov c&c 
ovx ioTiv. Es läßt sich schwerlich daran zweifeln, daß „der 
Mensch" in diesem Satze zunächst und ursprünglich, wie auch 
bei den Eleaten, generell gedacht war, aber der generelle Sinn 



J 



— 243 — 

des Wortes schloß zugleich den individuellen in sich. Schon 
um des Problemes willen durfte hier Protagoras nicht scheiden, 
selbst gesetzt, daß er es überhaupt gekonnt hätte; schon 
um des Problemes willen mußte er davon ausgehen, daß der 
Erkennende, als Genus, etwas durchaus Schwankendes, Viel- 
fältiges und in fortwährendem Übergange und Flusse Be- 
griffenes sei, und daß der generellen Wandelbarkeit des 
Menschen eine unendHche Vielfältigkeit des individuellen 
Erkennenden entsprechen müsse. So schien sich ihm die 
Relativität aller Erkenntnis ebenso sehr durch das Genus 
Mensch wie durch das Individuum zu beweisen. Der Ge- 
danke an eine Subjektivierung und Kritik der Erkenntnis 
im modernen Sinne lag ihm ebenso fem wie der Wunsch, 
die Wirklichkeit der äußeren Welt zu leugnen oder den 
Skeptizismus als die einzig mögliche Denkart zu empfehlen. 
So ist es nicht verwunderlich, sondern im Gegenteil nur 
in der Ordnung, daß er, wiederum als getreuer Schüler 
der Eleaten, als Grundlage und Komplement zu seiner Er- 
kenntnislehre einer Stofflehre bedurfte, daß er sich selbst 
seinen Relativismus nur durch metaphysische Voraus- 
setzungen zu erklären wußte. Waren die Wahrnehmungen, 
die Begriffe und alle Erkenntnis etwas Schwankendes und 
Fließendes, so konnte das nur daran hegen, daß der Mensch, 
als Stoff betrachtet, etwas FUeßendes und Übergehendes, 
niemals in derselben Form Beharrendes war; und da nach 
altem Eleatengrundsatz das Erkennende seiner Struktur 
nach dem Erkannten gleich sein mußte, so ergab sich gleich- 
falls für das Ding an sich, daß es aller Bestimmtheit bar in 
ewigem Flusse begriffen war, zwar alle Möglichkeiten der 
Gestaltung und Prädizierung in sich trug, doch niemals 
selbst Gestaltungen hervorbrachte. Nur wo zwischen den 
beiden Strömen eine Verbindung stattfand, wo von beiden 
Gleiches sich mit Gleichem traf, entstand ein Sein, Erkennt- 
nis, Urteil, Wahrnehmung und Form, Wenn daher dasselbe 
Ding bald groß, bald klein, bald warm, bald kalt, bald süß, 
bald bitter erscheint, so folgt daraus nicht, wie die Eleaten 
geschlossen hatten, daß alle empirische Erkenntnis falsch 

16* 



— 244 — 

r 

sein müsse, sondern im Gegenteil, daß jede Erkenntnis 
wahr sein, ja daß der Begriff der falschen Erkenntnis eine 
contradictio in adiecto sein müsse. Erinnern wir uns der Mi- 
schungen von Dunkel und Licht, die nach Parmenides nicht 
nur im Menschen, sondern in allen Dingen ohne Ausnahme, 
wo sich zwei gleiche Mischungen begegnen, auch Erkeimtnis 
hervorrufen, bedenken wir dazu, daß auch Parmenides nicht 
anders konnte als sich zu jedem Stoffe einen Begriff, zu 
jedem Begriffe einen Stoff hinzuzudenken, in der dö^a wie in 
der cdijOeta, daß sich auch ihm jede begriffliche Operation 
als materieller Vorgang, jeder materielle Vorgang als begriff- 
liches Phänomen darstellte, so werden wir nicht zweifeln, 
wo wir die historische Anknüpfung für die Erkenntnis- 
lehre des Protagoras, sofern sie zugleich Stofflehre ist, zu 
suchen haben. Der einzige wesentliche Unterschied zwi- 
schen ihr und der dö^a ist, daß an die Stelle der Mischungen 
der „Fluß" getreten ist; und daß dieser Ersatz der Theorie 
an sich nicht eben sehr zum Vorteil war, liegt auf der Hand^. 
Die Herakliteer des ausgehenden fünften Jahrhunderts 
haben mit Protagoras Problem wie Lösung gemein; auch sie 
sind Anhänger der Flußlehre lediglich, weil sie Erkenntnis- 
theoretiker und als solche Relativisten sind; i^gaxXeaiCeiv 
und Relativist sein ist für Aristoteles dasselbe. Ich glaube, 
es versteht sich und bedarf nicht erst der Auseinander- 
setzung, daß dieser Relativismus ganz und gar nicht sich als 



1 Daß der Bericht des Sextus (Pyrrh. Hyp. I 216) durchaus 
zuverlässig ist und nicht etwa von Piatons Theätet abhängt, be- 
weisen, von allem anderen abgesehen, die eleatischen Begriffe, 
die sich in ihm vorfinden: tprialv oihf 6 dvi^Q Ti)f i^Xfjv ^svarifv elvai, 
^so'6ariQ di avr^g awexQ)g ngoaSdaeig ävxl r&v ämxpoQriaeow ylyveadcu 
(vgl. Hippokr. de victu I 6 oike ngoaddaicg oike ägjaigiaiog öeofihri 
twv fjLBQiwv) Kcd rdq aladijaei^ fjiexaxoa fiel a Bai xe xai dXXoiOvaOai 
TzoQd xe i^XtKÜis xai nagd xäg äXkoQ xaxaaxeväg xmv aco/juhcw : dieselben 
beiden Arten der Veränderung, die räiunliche und die qualitative, 
bei Melissos Fr. 7: d yäg ixegoiovxai . . . äXX' <yööi fiexanoa fitiBfjvai 
6vvax6v. Zu dem Argumente von den Altersunterschieden vgl. Bpi- 
charnis Fr, 1: 6 fih yäq aöSeS' 6 öi ya /judv q>Blvei . . xai rt) A) «dyeb 
xBi^ ö}}m xai VW äXkoi teXiOo/ieg. 



-- 24B — 

eine natürliche und folgerichtige Fortentwicklung aus der 
Lehre von dem materiellen Flusse und Werden aller Dinge dar- 
stellt, daß durchaus nicht das erkenntnistheoretische Problem 
erst durch das Problem der Materie hat gezeitigt werden 
müssen, sondern daß umgekehrt die logische und erkenntnis- 
theoretische Frage das war, was hier kommandierte und voran- 
ging, daß die Flußlehre nur eine Auslegung und Löstmg dieser 
Frage, nichts als eine Folge und Konsequenz war aus dem 
Relativismus. Nun ist es Tatsache, daß Heraklit weder eine 
solche Flußlehre noch einen solchen Relativismus kennt — das 
einzige Fragment, das sich in diesem Sinne mißverstehen Ueße, 
das Gleichnis von dem Strome hat in Wahrheit, wie wir sahen, 
eine ganz andere Bedeutung — geschweige denn, daß jene 
für Protagoras wie für die Herakliteer so charakteristische 
Verbindung zwischen Erkenntnistheorie" und Flußlehre bei 
dem ächten Heraklit in irgendwelcher Weise angedeutet 
oder vorbereitet wäre. Wenn er die Sinne schlechte Zeugen 
schilt, so tadelt er an ihnen, daß sie die Einheit im Zwiespalt, 
die Identität in der Erscheinungen Flucht nicht wahrnehmen, 
wogegen die Herakliteer die Vorstellungen für eine Täusch- 
ung erklären, weil sie Beharren und Identität vorspiegeln, 
wo nur Fluß und Wechsel sei; das eine ist Kritik der Sinne 
und nicht wesentlich verschieden von den Betrachtungen 
über die Paradoxie des Weltgesetzes wie Fr. 86: änujrifj öta- 
q>vyydvei jurj yiyv(oaxea6cu, das andere Kritik des Denkens, die 
die Erkenntnis überhaupt in Frage zieht, das eine zugunsten 
des ravröv, das andere zugunsten des etsQoiovaOai.. Kann es 
noch größere Unterschiede geben ? Dagegen finden wir alle Be- 
dingungen, die für die letzte Vorstufe und Vorbereitung dieser 
Theorie zu fordern sind, erfüllt in dem Beweise des Melissos 
über die Trüglichkeit der Sinnenwelt (Fr. 8) : doxet de i^/uv rö 
X€ deg/biov tpvxQov yiveadai xal xo tpvxQov deg/jidv xal xo axXfjQdv 
fjuxXOaxdv xal xo fjuxXOaxdv axXrjgdv xal xo ^coov änoOv^cfxeiv xal ix 
fjtrj ^(bvxo^ yiveadai, xal xavxa ndvxa hegoiovoOcu, xal S xi ijv xe 
xal S vvv ovöev öfioiov elvai, d}X 8 xe alörjQOi axlrigd^ ithv xcp 
öaxx'öXq) xataxQißeoBai ofjLov ^icov, xal XQvooi xal Wo^xal SXXo 
8 XI laxvQOv doxei elvai nävy i| ^dax6i xe yfj «ai XlOo^ yiveoOai. 



— 246 — 

Auch das Allerhärteste, Eisen und Stein, ist zugleich^ etwas 
Fließendes, wie umgekehrt das Allerflüssigste, das Wasser, 
sich in Erde und Stein verwandelt. Und diese Wandelbarkeit 
der Materie, die schon hier als Fluß gedacht ist, die Form- 
losigkeit des Stoffes, dessen et&r] eitler Schein und Miß- 
verständnis sind (§ 4), dienen schon bei Melissos dem er- 
kenntnistheoretischen Satze zur Begründung: äme avfjL- 
ßcUvei firjfte oqäv fxrfce xä övxa yivibaxeiv. Hätten diese Hera- 
kliteer sich nach ihrer wahren Abstammung benennen 
wollen, so hätten auch sie sich Eleaten nennen müssen. 
Aber daran hinderte sie die Überschätzung dessen, was sie 
von den Eleaten trennte, was im Grunde doch nur eine 
Negation war: daß sie den charakteristischen und als das 
Wesentliche auch heute noch betrachteten Teil der eleatischen 
Lehre, die äXi^eia, verwarfen, um dafür sich aus der eleatischen 
dö^a eine neue und eigene Wahrheit zu gewinnen*. Und da 
sie nebenbei derselbe hie und da bei den Sophisten auch sonst 
auftauchende Wunsch beseelte, der sich bei den Stoikern, 
den Erben all solcher sophistischen Neigungen, bis zur 
Manie gesteigert hat, der Wunsch, die eigenen Ansichten 
durch ältere, womöglich allerälteste Autoritäten bezeugt 
zu finden, da sie darum den Empedokles und andere Philo- 
sophen aber auch den Musaios und Homer in ihrem Sinne 



^ Ich muß gestehen, kein genau entsprechendes Beispiel für 
einen solchen Gebrauch des 6/xov zur Hand zu haben; aber wie ich 
glaube, muß der Sinn entscheiden. 

* Auch was Anaxagoras imd mit ihm die Herakliteer an Bei- 
spielen für den Wechsel, die ^ aller Erscheinungen anführen, deckt 
sich genau mit Sätzen derBleaten; tpvxQÖv degf^öv Theait, S. 152 B, 
jjMav hßvx6v S. 153 B: dieselben Beispiele wie bei Melissos. Und 
das Rechenexempel mit den Astragalen stimmt doch gar zu auf- 
fallend mit Bpicharms aOiavö/Aevog Xöyog überein: Theait. S. 154 C 
doTQayd^jovQ ydig tiov i$, äv fiiv xhTOQag atötotg nQoaeviyx^mq, Ji^elovg 
q>afiiv elvca x&v xexxdQcov xal '^fAM^lovg, iäv öi dc&öexa, iXdxrovg xal 
'f^fdaeiQ' xal (ydö^ dvexxdv dAAcog Xiyeiv ^ av dvi(et; (Wx iycDye. TL 
oihf; äv ae UgcoTayögag iQTßca tj xig äXXog' & Bealxrfte, iaB' önoDg xi 
jLisiCov rj nXdov yiyvexai öXkmq tj aö(fjBdv; xl djioxQivet; usw. = Bpicharm : 
oL nöx dgiB/jidv rtg JteQiaaöv, cd di Xfjg, ndr ägzuiv, TtozSi/jLetv ^ y>ä(pov 
ij xai xäv ^noQXOvaäv Xaßeiv, ^ doxet xd xol y* iB* ftw5rdc dfiev; 



— 247 — 

auslegten^ und mit derselben Erwartung auch den wahren 
Sinn der Wörter zu erforschen suchten — denn Etymologie 
und Mjrthendeutung haben beide diesen Wunsch zum Vater — 
so verfielen sie auf Heraklit, erblickten in ihm, als dem Gegner 
der Eleaten, ihren eigenen Propheten, nannten sich stolz 
HqaxXeixevoi imd haben damit bewirkt, daß Heraklit 
als Vater der Flußlehre, als Verkündiger des ndvxa gel xal 
ovdev fjLhei durch die Jahrhunderte gegangen ist*. 

Die Lehre von dem Seienden, in der sich alles Denken 
der Eleaten zu erschöpfen schien, war doch nur der ver- 
gänglichste imd schwächste Teil ihrer Philosophie: was von 
ihr fruchtbar wurde und zu immer neuen Lösungen hin- 
drängte, das Problem, dessen Erscheinen zum entscheidenden 
Ereignis in der Geschichte des abendländischen Denkens 
werden sollte, war die do^a oder das Problem des Wider- 
spruchs. Aus ihm haben sich, als Triebe einer Wurzel, 
Lösimgen so grundverschiedener Art entwickelt, daß darüber 
die Gemeinsamkeit des Ursprungs in Vergessenheit geraten ist. 
Und dabei dürfen wir nicht einmal hoffen, mit den Namen 
Heraklits, der Herakliteer, Demokrits, Empedokles, Prota- 
goras alle Erzeugnisse, zu denen dies Problem anregen 
mochte, aufgezählt zu haben. Gibt es auch der Lücken in 
der Überlieferung der Vorsokratiker weniger als in den 
Überlieferungen anderer Literaturgattungen, so enthebt uns 
das doch nicht der Pflicht, wenn nicht mit bekannten so doch 
möglichen Ausfällen auch in dieser Überlieferung zu rechnen. 



1 Theaitet S. 152 E, 153 C D; Kratyl. S. 402 A B. 

• Wenn Piaton im Theätet schreibt, S. 179 B: nal ydg, & Zdh 
xQozeg, tuqI xoikcDv xtov ' HqoxXbixbIow, rj mansQ av leyeig 'O/jLtfQslwv, 
xal hl naXcuoziQwv, a&iolg fikv roig neqi riiv ''Eq>eaov, Stjot nQOOTtoiovvTai 
ifATceiQOi dvai, odSiv /läXlov ol6v xe ötctlBx^^voii ^ TOig olatQ&aiv, so darf 
man daraus schwerlich schließen, daß es eine Schule der Herakliteer 
in Bphesus gegeben hätte. Ol negl xijv ''Eq>eaov imischreibt die sich 
von Heraklit selbst ableitenden 'Herakliteer' zum Unterschiede von 
ihren Vorläufern. Auch würde ich aus S. 179 D nicht zu schließen 
wagen, daß die Schule sich besonders in lonien ausgebreitet hätte; 
vgl. das *EXsaxixdv idvog und die *Id5eg xal Zvxehxal xiveg Movaat im 
Sophisten S. 242 D. 



— 248 — 

Wir stoßen auf eleatische Sätze bei Xeniades aus Korinth, 
bei Gorgias, bei dem Sophisten Antiphon^ bei Philolaos^, 
bei Diogenes, bei dem Megariker Herakleides, bei den „Ideen- 
freunden", die der Fremdling aus Elea in Piatons Sophisten 
zusammen mit den Eleaten nennt und deren Lehre ihm aus 
seiner Heimat, wie er sagt, vertraut sei^, und wir treffen in 
Piatons eigenen Lehren, die er im Sophisten und Theätet 
entwickelt, so lebendige Nachwirkungen eleatischer Ge- 
danken, daß man mehr darin zu spüren glaubt als bloß ge- 
lehrtes Studium des Parmenideischen Gedichts; es wird auch 
hier an Interpreten, Weiterbildnem und Vermittlem sehr 
verschiedenen Ranges nicht gefehlt haben. Aber die Be- 
ziehungen Piatons zu den Eleaten fordern ihre eigene Unter- 
suchung; nur zum besseren Verständnis dessen, was Parme- 
nides gewollt, und um uns klar zu werden, was es heißen will, 
daß ihm die hundert Jahre dialektischer Entwicklung ab- 
gingen, die einem Piaton zu statten kamen, sei hier an die Art 
erinnert, wie Piaton im Sophisten die Parmenideischen Gegen- 
satzpaare ov, ovx öv, xavxov, Oaxeqov (ov xavxov), 0x6.014 xivr}- 
0(4 kritisiert, umbildet und sich zu eigen macht. Mag die 
do^a noch so sehr im anschaulichen, urstofflichen Denken 

1 Fr. 1 &aneQ xal 6 'Avn<p&v iv tq> ngotiQtp ztjg ä^Selas oßto) U- 
yojv (Diels: iv z0 Xdyov)* ramd ök yvo'ÖQ taov re aödiv aör^ oike öw 
Sfpei ÖQgi [fMotQdtata] oike dw yvcbjj*; ywdxncei 6 /juvegöraxa yivtbaxmv 
(so von mir hergestellt; überliefert ist xov xd5e yvo'dg dg h xe oödh 
a'dtib) : es gibt in der Welt kein xadiöv und laov, alles ist in besten- [ 

digem Wechsel; derselbe Gedanke in Fr. 15: e? t*c xaxoQvieie xXtwjv 
xal 1} atjJteödjv xov ft;Aov ijüißiog yivoixo, o^« äv yivoixo xUvri dJUct (i5Aof. 

* Vgl. oben S. 65 und Fr. 20: ioxi yäg '^ye/zcbv xai ägxfov dnäv- 
xcov Bedg elg, äel &v, fjiövifjiog, öxivrjtog, aöxög iavr^ ö/junog, hegog x&v 
äXXo)v. Das Fragment scheint mir gut und echt; Subjekt ist selbstver- 
ständlich nicht die Siebenzahl, sondern Öedg; auch mit dexTaigOevog 
dfMJxcDQ hat es nichts zu tun; I^ydus hängt ab von Phüo, das 
Verhältnis ist dasselbe wie bei dem Heraklitfragment A 19. 

• Soph. S. 248b: xdx' oihf, & Beahrjte, aföxüiv xifv jcQdg xama änd- 
xQiaiv aö /ih ad xaxaxo^eig, iyd> d' taoK diä ovpijBeiav, Ganz anders, 
wo Antisthenes in Frage kommt, S. 261 c: invyxdofetg ydq, e5 öeo^ 
xrjtB, c5g iyq^/uu, noXkdoag xä xotaüta ioTtovdoocöaiv, ivioxe nQeaßvxiQoig 
äv$Q<&notg. Hinter der ersten Wendung scheint Platon sich selber 
zu verstecken. 



J 



I 



l 



— 249 — 



t 



festgehalten und befangen sein, in ihrem Leitsatze von den 
beiden Urstoffen, von denen jeder iü>vra> Tidvroas tcovröv, tq> 
& hioq) firi tcovröv ist, steckt doch im Keime schon der- 
selbe Gedanke, der den Platonischen Kategorien zugrunde 
liegt, Sophistes S. 255 d: nifjmxov &rj rfjv daxdgov qyvaiv Xe- 
xvdov iv xol^ eldeaiv o^aav, iv ol^ Ttgoatgov/bieda, NaL Kai dia 
TtdvrcDV ye avrrjv avrcbv q)riaofjLev elvai dieXrjXvdvIav (vgl. das 
Parmenideische dia nano^ ndvra jieQwvra Fr. ^ 1 |,,,3|L. i bin "* ^akt 
ist xä doxovvra, aber das ist nureJLa-^"***^ n:dv 

xai ov xavxoVy^fiU^'^ * Ivai 

x&v ^^^ xf\^ 

"VCU 

\X 

(O 
V 






V 

Lehnten wir es ab, die Seinslehre, wie bisher geschehen, 
als Frucht monotheistischer oder pantheistischer Spekula- 
tionen zu betrachten, glaubten wir erkannt zu haben, daß 
Gott mit dem Seienden erst nachträglich geglichen wurde, 
zu einer Zeit, als das Seiende an sich längst entdeckt war, so 
bleibt uns zuletzt, nach Überwindung aller anderen Hinder- 
nisse, noch die Frage nach dem Ursprünge der Seinslehre 
zu beantworten als einer reinen und von theologischen Bei- 
mischungen freien IvOgik; einer Logik freilich nicht in dem 
modernen Sinne einer Wissenschaft von den Gesetzen gültigen 
Denkens, sondern im Sinne einer Methode rein begrifflichen, 
grundsätzlich von aller Erfahrung und Anschauung ab- 
strahierenden Denkens. Diese Frage fällt zuletzt zusammen 
mit der Frage, wie überhaupt der spekulierende Verstand 
dazu gelangte, seine Aufmerksamkeit von den Gegenständen 
seiner Sinnes- und Selbstwahmehmung weg auf allgemeine 
und allgemeinste, abstrakteste Begriffe zu richten und diese 
so lange zu fixieren, bis sie ihm unabhängig und zu seinen 
]5rfahrungen im Widerspruche zu stehen schienen. Abstrak- 
tion ist allerdings Bedingung alles, auch des primitivsten 
Sprechens und Denkens. Aber je weiter Sprache und Denken 
sich entwickelt, desto mehr verdichten sich, verdinglichen 
und potenzieren sich die Abstraktionen, zumal die aus Eigen- 
schafts- und Zustandsbegriffen abgeleiteten, desto stärker 
neigen diese dahin, sich von den Vorstellungen, aus denen sie 
durch Reihenbildung und Zusammenfassung gleicher Merk- 
male entstanden sind, abzulösen und zu unabhängigen, rein 



— 2B1 — 

geistigen Symbolen zu erstarren. Hand in Hand mit ihrer 
Hypostasierung geht ihre Ausbildung zur Übernahme kausaler 
Funktionen; sie werden Subjekte, sie werden als Kräfte und 
Mächte gedacht, sie werden im weitesten Umfange personi- 
fiziert, sie werden imter die Götter versetzt. Die Kategorien 
des Subjekts und Prädikats, ursprünglich nur für die Wahr- 
nehmufigsinhalte ausgebildet, werden auf Abstrakta zweiten 
und dritten Grades übertragen. Damit entstehen im formu- 
lierten Denken neue Arten der Verknüpfung, die im intui- 
tiven, wenigstens im primitiven intuitiven Denken kein 
unmittelbar einleuchtendes Gegenbild mehr finden; es bedarf 
erst einer Übertragung und Zergliederui^, um einen solchen 
in abstracto formtilierten Gedanken in seine intuitiven 
Elemente aufzulösen. Und je lebendiger und selbständiger 
die Abstrakta werden, desto stärker das Bewußtsein, in ihnen 
die größere und der Erfahrung gegenüber unabhängigere 
Wahrheit zu besitzen. Endlich kann die Spannung zwischen 
dem abstrakten Denken und den Wahmehmungsvorstellun- 
gen, auf die sich alles Denken letzthin zurückbezieht, so 
groß werden, daß ein Riß entsteht, daß den Abstrakten, 
dank der Eigentümlichkeit ihrer Verknüpfung, die Zusammen- 
hänge mit den Inhalten, aus denen sie gewonnen sind, ab- 
handen kommen, daß sie losgerissen von ihrer empirischen 
Verankerung den Boden unter sich verlieren, jede Fessel 
der Kontrolle von sich abwerfen, bald mit der Erfahrung 
in Konflikt geraten, um nach leichtem Kampfe über sie 
den Sieg davonzutragen. So entsteht die Dialektik, welche 
immer eine Feindin der Erfahrung und der Sinne ist und nur 
durch diese Feindschaft groß wird. 

Es liegt in der Natur dieser Entwicklung, daß sich Dialektik 
nur da bilden kann, wo die Aufmerksamkeit sich auf solche 
Abstrakta hinlenkt, die nicht in Gefahr sind, mit den konkre- 
ten Gegenständen, aus denen sie sich herau^ehoben haben, 
so bald wieder zu verschmelzen. Solche Abstrakta besitzt 
das Griechische in den substantivierten Neutren der Ad- 
jektiva und Partizipia: rö xodöv, ro alaxQÖv, ro deg/LLÖv. Wir 
mögen sie mit Schönheit, Wärme usw. übersetzen, aber 



— 2B2 — 

die alten, durch besondere Wortbildung geschaffenen 
Prädikatsbegriffe xdXlo^, Oigfirj, aloxo^ werden doch immer 
zu leicht noch als gebunden an konkrete Träger vor- 
gestellt, als daß sie für das spekulative Denken in Betracht 
kämen. Merkwürdig ist dagegen die Anziehungskraft, der 
gute wie der böse Zauber, den jene substantivierten Neutra 
von jeher auf das Denken ausgeübt haben; es gibt kaum eine 
Prinzipienfrage in der älteren griechischen Philosophie, die 
nicht, grammatisch betfachtet, sich um eines jener Neutra 
drehte: das öjtecQov des Anaximander, das m)xv6v und äQcuöv 
des Anaximenes, das eleatische Sv, iv, ßfiotov, ravtöv, das aoq>6v 
HerakHts, die QuaUtäten vygöv, StjQdv, Oegfjuiv, tpvxQov usw.^ 
Was man sich z. B. unter den Qualitäten vorstellte, war frei- 
Hch Stoff, aber es war zugleich noch mehr als Stoff. Der Name 
dvvdjbiei^, den sie bei den Medizinern führen, besagt an sich 
allein schon, daß sie zugleich als hinter und über den 
stofflichen Erscheinungen, als höhere Wesenheiten gedacht 
wurden, kraft ihrer Allgemeinheit, ihres Rätselwesens, ihres 
wechselnden Auftauchens und Verschwindens, kurz kraft 
ihrer prädikativen Grundbedeutung. Aber daß man sie nicht 
mehr als Eigenschaften, sondern als Subjekte und Mächte 
empfand, dafür sorgte der Geist der Sprache, der -sie ge- 
schaffen hatte, der Drang zur Subjektivienmg. Konnten 
sie es trotzdem zu keinen losgelösten logischen Gebilden 
bringen, so lag das an dem zu geringen, auf das Stoffliche 
beschränkten Umfange ihrer Bedeutungen. Günstigere Be- 
dingungen boten die ethischen Abstrakta dyaßövy xaxöv, 
TtaXoVy an denen sich die sokratische Dialektik entwickelt 
hat, noch günstigere die tmiversalsten Abstraktionen, zu 
denen das ionische Denken schon bei seinem ersten kühnen 
Fluge sich erhoben hat, das aneiqov des Anaximander, das 
öv des Parmenides. 



* Das geht so weit, daß Heraklit Formen wie JcSf xal xeSvrpedg xai 
x6 iyQfiyoQÖg xal rd xaBevöov bildet (Fr. 88): ,,Als ein und dasselbe 
wohnt den Wesen das Prinzip (oder die Kraft) des Lebens und des 
Todes und des Wachens und des Schlafens und des Jungseins und des 
Alterns iwie." 



*- 263 — 

In der Tat beginnt die Logik in dem Sinne, in dem wir sie 
faßten, streng genommen schon bei Anaximander. Auch sein 
äjteiqov ist freilich Stoff, so gut wie auch das eleatische 8v 
noch Stoff ist; aber schon hier wird der abstrakte Begriff, 
das Wort, Herr über die Anschauung, indem es sich durch 
seine eigene Kraft und ohne Rücksicht auf Vorstellbarkeit 
beweist: Aristot. Phys. 7^4 203^ 6 dio xaOdjte^ XiyofjLsv, ov 
xomri^ äqxri, akV ccSrt] röjv äXXcov elvai doxsT xal neqiixeiv änavxa 
xal ndvra xvßegväv (archaisch), &^ (paaiv daoi fii^ noiovat 
Tiagä To ÖJteiQov äXka^ altia^ olov vovv (Anaxagoras) fj q)dlav 
(Empedokles), xal xom elvat xo OeioV äddvaxov yag xal 
ävcoleßgov, &^ qrrjaiv 6 'AvaSlfiavögö^ xal oi nXeXcxoi xcov 
(pvaioXöycDv. Wir wissen zudem aus Theophrast (Fr. 2, aus 
Simplicius), daß Anaximander das äneigov als die ägxri xcov 
övxiov bezeichnet hat: wobei aqxriy wie sich von selbst versteht, 
nicht in dem späteren physikalischen Sinne alsUrstoff , sondern 
logisch und begrifflich zu verstehen ist: der Anfang und der 
Urgrund aller Dinge ist das Unendliche kraft seiner Unend- 
lichkeit, kraft eben seines Begriffs; es ist unsterbHch, unver- 
gänglich; da es selber ohne Anfang ist, so müssen alle Dinge, 
die einen Anfang haben und endlich sind, aus ihm geboren 
sein. Die Art, wie schon hier aus dem Begriffe der Unend- 
lichkeit die Prädikate äddvaxov und ävcoXedgov (vermutlich 
waren es ihrer noch mehr) entwickelt sind, gemahnt an 
die Prädikate des Parmenideischen öv: &^ äydvrjxov iov xal 
äv(oXe6g6v( \)i(niv,o'SXov /btovvoyevS^ xe xal äxge/ie^ tjS'axiXeaxo v. 
Es ist eine müßige Frage, ob Anaximander an die Unendlich- 
keit des Raumes oder der Zeit oder die qualitative Indifferenz 
des Urstoffes gedacht habe ; so müßig, wie es ist, zu fragen, ob 
Parmenides mit seinem 8v im Grunde die Substanz oder das 
logische Sein im Sinne der Marburger gemeint habe. Am 
nächsten mag man diesem altertümlichen und uns vielleicht 
nie ganz erreichbaren Denken kommen, wenn man dem ,Un- 
endHchen* zugleich dynamische Bedeutung gibt; worauf die 
angeführten analogen Bildungen wie auch die Überlieferung 
am ehesten zu führen scheint. Denn die von Ewigkeit her 
zeugende Kraft {xo ix xov aubiov yovifxov degfjiov xe xal tpvxgov 



— 254 ^ 

Fr. 1*), aus der, nach der Wiedergabe Theophrasts, die Welt 
in ihrer heutigen Gestalt hervorging {xaxä xriv yheaiv rovde 
xov xöajbtov), läßt sich schwerlich anders deuten als auf eben 
das »Unendliche*. Und damit übereinstimmend hebt Aristo- 
teles seine Kraftnatur hervor, wenn er unter den fünferlei 
Erwägungen, woraus dieser Begriff sich habe bilden kön- 
nen, anführt: hi reo o'Sx(o^ äv fxövo)^ firi vnoleinew yiveoiv 
xai (pdöQav, ei äneigov ett) öOev äq)aiQelTai to yiyvojbievov* 
Ebenso Aetius I 3: liyei yovv di^ri ojtiQavxov iariv, ha 
fjirjdev iXXsiTtrj ^ ydveoi^ 77 v(punafjLivr}, Parmenides will 
Anaximander noch überbieten; er wählt als Prinzip einen 
noch höheren, umfassenderen, abstrakteren Begriff als das 
Unendliche: das Seiende. Tä Svra, das bedeutete bis 
dahin die Gesamtheit aller Dinge, eben das, was man zu 
bestimmen, dessen Wesen man zu ergründen suchte: el 
Ttdvxa rä 6vxa xcmvo^ yivoixo (Herakl. Fr. 7); xa>v dvrcov Ttdvrcov 
Xevaaeaxev Sxacrvov (Empedokl. Fr. 129); ögäv, axoveiv xäövxa 
(Melissos Fr. 8); ndvta xä övxa äjid xov avxov exegoiovadcu 
(Diogenes Fr. 2); dvdyxa xä eövxa eljLiev Ttdvxa ij neqalvovxa fj 
äneiqa (Philolaos Fr. 2). Wenn Parmenides das öv selbst 
zum Prinzip erhob und damit die ganze bisherige Frage- 
stellung umkehrte, so war ihm auch mit dieser Art der 
Umkehr schon Anaximander vorangegangen. Hatte Ana- 
ximander geschlossen: die Welt ist unendlich, folglich muß 
das Unendliche ihr Ursprung sein, so schließt Parmenides: 
die Welt ist — xd iövxa, folglich ist die wahre Welt (denn 
auch der Begriff der Wahrheit lag in dem Worte elvai) 
— xd iov. Nun aber gab es keine Ableitung, kein Werden 
mehr, sollte das Seiende beim Worte genommen werden, 
alles mußte aus ihm hinausgetrieben werden, was bisher 
darin war, und das war die ganze Welt. Aus dem Unendüchen 
konnte das Endliche hervorgehen; aber gab es ein Hervor- 
gehen des Nichtseienden aus dem Seienden ? Und gab es in 
der Welt ein Ding, das nicht in einer Hinsicht ovx ov war ? 
Anaximander hatte in dem Unendlichen den Urgrund alles 
Seins erkannt. Ist es nur Zufall, daß die Lehre des Parme- 
^ Ich folge der Erklärung Heideis classical Philol. 22, 148. 



— 256 — 

nides in dem entgegengesetzten Satze gipfelt: daß dem Un- 
endlichen ein Mangel, eine Verneinung anhafte, das Seiende 
vielmehr begrenzt sein müsse? 

oüvexev ovx axeX&ixrixov x6 iov difjii^ elvai' 
lern yatQ ovx inidevd^, iov d* äv navxd^ idelro, (Fr. 8,32.) 
Ist es nur Zufall, daß Parmenides gerade t^ach. diesem 
Satze, wie zu einer letzten Vergewisserung, die Hauptge- 
danken seiner- Beweisführung noch einmal rasch durchläuft^, 
um dann als letzte Konsequenz aus dem Begriffe der Be- 
grenztheit, als all seiner Weisheit höchsten Schluß die 
Kugelform zu folgern? 



In unserer Zeit, dem Zeitalter der Religionsgeschichte, 
mag es eine an sich berechtigte, vielleicht notwendige 
Erscheinung sein, wenn man bestrebt ist, auch die Ent- 
wicklung der griechischen Philosophie als Wirkimg eines 
rehgiösen Triebes, als eine der vielen Formen religiösen 
Erlebens zu begreifen und dem Herzen näher zu bringen, 
wenn man hinter jedem alten Philosophen einen Mystiker 
und Theologen hervorziehen möchte und bei einem 
Agrippa von Nettesheim und Jakob Böhme Aufschluß 
über das Geheimnis sucht, das in dem Denken eines 
Anaximander oder Parmenides für uns verborgen Hegt. 
Im Anfange, so argumentiert man, war das religiöse Erleb- 
nis; nur aus ihm konnte die Idee des Absoluten entstehen, 
die alsbald sich alles wissenschaftHche Denken unterwarf: 
des All-Einen, des Unendlichen, des IvOgos oder wie immer 
man es nannte ; erst allmähHch habe sich das Erkennen aus der 
Totalität der Gemütskräfte, in denen es gebunden lag, be- 
freit und sich zum eigenen Zweckzusammenhang herausge- 

* V. 36 ff. ist so zu verbinden: 

ovöiv yag <fl> iativ ij Sarai 
äUo ndgeS rov iovxoQ' inei x6 ye Moiq* ini&riaev 
o^Xov dxivrizdv t' ijuevai, t4> ndvz' dvofji(a) iazm, 
öaaa ßgorol xaxiBevxo neTtoiBoreg elvai dXriOfj, 

T$ im Nachsatz wie z. B. Od. y 224, 



— 2B6 — 

bildet. So hat man denn aus einer reinen Konstruk- 
tion, im wesentlichen Zellers Konstruktion der vorsokrati- 
schen Philosophie, Gesetze für die Entwicklung menschlichen 
Denkens überhaupt abgeleitet. Mag sein: folgte Parme- 
nides, der IvOgiker, auf Heraklit, den Mystiker, war beider 
Vorgänger Xenophanes, der radikalste Theologe, den das 
Altertum hervorgebracht, und dürfen die Milesier, Anaxi- 
mander und Anaximenes, als nächste Geistesverwandte 
HerakHts betrachtet werden: mag sein, daß dann der Versuch 
verlocken kann, den Ursprung der Philosophie im Geiste 
der Mystik zu entdecken. Abei: diese Konstruktion ist in 
sich selbst zusammengebrochen und mit ihr die Hoffnungen, 
die auf ihr ruhten. Parmenides, der keinen Wunsch kennt 
als Erkenntnis, kein^ Fessel fühlt als seine Logik, den Gott 
und Gefühl gleichgültig lassen, so sehr, daß es uns befremden 
will, erweist sich als Vorgänger Heraklits und nächster 
Nachfahr Anaximanders. In der mystisch-rehgiösen Inter- 
pretation der Welt kommt keine das Erkennen aus sich selbst 
erzeugende noch zur Erkenntnis hindrängende Kraft zum 
Vorschein, sondern eine Gegenströmung, die, auf neue Ziele 
hinarbeitend, sich derselben geistigen Mittel bedient, die durch 
die entgegengesetzte, kritisch-antireligiöse Weltbetrachtung 
erst frei und verfügbar geworden waren. Wie im Geiste 
Piatons die Begriffsphilosophie, so hat sich im Geiste Hera- 
klits die lychre von den Gegensätzen in ein Werkzeug um- 
gewandelt, um das Verlangen nach UnsterbUchkeit und Auf- 
nahme des Göttlichen im Menschen zu erfüllen, aber weder 
die eine noch die andere hat in diesem Verlangen ihren Ur- 
sprung. Mit Heraklit beginnend, greift diese Bewegung einer 
religiös gerichteten Spekulation, vermittelt durch das Pytha- 
goreertum, auf Piaton, Aristoteles und die von diesen ab- 
hängigen Schulen über, während der Hauptstrom, jeder reli- 
giösen und moraUschen Rücksicht bar, von jedem Argumente 
des Gefühlesunabhängig, seinen vorgezeichneten Weg im Geiste 
rücksichtslosester Zergliederung verfolgt, den Weg, den ihm 
Parmenides und Anaxagoras, Empedokles und Demokrit 
gewiesen haben. Die Frage, welcher der beiden Gruppen 



— 267 — 

Anajdmander und Anaximenes zuzurechnen seien, kann zu 
beantworten nicl\t schwer fallen. Die angebliche Moral 
im Weltbilde Anaximanders beruht doch nur auf einem Miß- 
brauch, den man sich mit Theophrasts Bericht zu treiben 
gestattet (Fr. 9) : i^ &v 6k fi yiveal^ iari rol^ oiciy xai r^v 
(pOogav fiec ravra ylveoOcu xaxä rd xQSibv * diööval yäg avrd dlxrjv 
xal xlaiv dXyjXoi^ rtj^ oAixlac xaxä xfjv xov xqövov xdSiv, 
noirixvxmxiQoi4 oikco^ ovöfiaaiv avxä Xiycov. Das sollte, wie uns 
Theophrast ausdrücklich selbst versichert, nur im Bilde ge- 
sprochen sein; es ist ein Beispiel des erhabenen Stiles, der 
Anaximanders Buch auszeichnete. Als Herrschen und gegen- 
seitiges Überwältigen stellt sich die Weltwerdung der Stoffe 
und Gestaltung aller Einzeldinge dar noch in den Augen des 
Empedokles (Fr. 26) : 

iv de fjLiqet xqaxeövai mquiXofJiivou) xAxXou) . . . 
slaöxev Sv avf/xp'iyxa xd näv inive^e yivtjxaL 
So stellt sich das Gesetz der Reziprozität im Werden und 
Vergehen aller Einzelexistenzen in Anaximanders Augen 
dar im Bilde der Talion, als Ausgleich zwischen Geben und 
Empfangen, Schuld und Buße; und wie hätte er es anders 
auch ausdrücken sollen ? Aber gibt uns das ein Recht, das- 
selbe Bild zugleich auf die Verschuldung aller Kreatur vor Gott 
zu deuten und darin das erste Aufdämmern einer sittlichen 
Weltanschauung zu begrüßen, nach der alles, was entsteht, 
wert ist, daß es zu Grunde geht ? Seltsam dann nur, daß alles 
Übrige, was wir von Anaximander wissen, gar so wenig mit 
diesem Gefühlston harmoniert. Und sollte man nicht über- 
haupt für das Verständnis dieser alten Philosophen mehr da- 
mit gewinnen, daß man sie als Zeitgenossen des Hipponax 
zu begreifen sucht statt als Zeugen eines Geistes, der die 
deutsche Romantik oder die Mystik der Renaissance durch- 
weht? 



Reinhardt, Pftrmenidas. 17 



SACHREGISTER 



dyaSög 128 ff. 

ÄhnUchkeit 104 ff. 

Alexander von Aphrodisias 92 f., 
97. 170. 

Alkimos 119. 

Alkmaion. Wahmehmungstheo- 
rie 76, Qualitäten und Gegen- 
sätze 227 f., 239, 240, Verhält- 
nis zu Heraklit 229, zu den 
P5rtliagoreem 231 f. 

Anaxagoras, fxelyfJia 75, Qualitäten 
225, vovq 222. 

Anaximander, äneigov 74,- 253 f., 
Rückgang des Meeres 146. 

Anaximenes 74, 175. 

Antiphon der Sophist 428. 

äjtoXeljteiv 209. 

Apollodors Chronik 156. 

dgenj 128. 

Aretes, Astronom 183. 

Aristobul 113. 

Aristophanes Wolken 139. 

Aristoteles und die Vorspkratik 
98 ff., 102, 168 f., Lehre von 
den Quahtäten, Protreptikos 99. 

[Aristoteles] de Melisso Xeno- 
phane Gorgia: de Gorgia 36 ff., 
de Melisso 90 f., de Xenophane 
92 f. 

Aristoxenos 198. 

Begriff und Stoff 24, 29, 32, 75, 
78 ff., 121, 204, 244. 

Berossos 184. 

Blitz als SdiJcksalsmacht 199. 

XQfjv in der Aufforderung 7 f. 

XQecoxoneXv 235. 



XQBoxoTtldm 235. 

öidxoafxoQ 175. 

Demokritos, v6/Äog und q>'öatc 85, 
Mixgdg öiäxoofjiog 88. 99, Ethik 
und Erkenntnistheorie 85 f. 

Dialektik, Ursprung und Ent- 
wicklung 104 ff., 107 ff.. 250 ff., 
deduktiver Beweis 111, Induk- 
tion 120 f. 

Dialexeis 142. 

Diogenes von Apollonia 105, 225, 
248. 

Diogenes von Babylon 184, 188 f., 
190. 

ÖoxifjiQ>aai 6 ff. 

öoioxönog 235. 

dwdfjLBiQ, siehe Qualitäten. 

Elemente und Quahtäten 223 ff. 

Empedokles, Komposition 52 ff., 
poetische Form 154, Streit und 
Iviebe 222, Kosmogonie 15 f., 
75, Ivehre von den vier Ele- 
menten 227, Gottesidee in den 
Katharmen 143, Personifika- 
tion der Gegensätze 236 ff. 

Epicharm und die Eleaten 48, 
118 ff., Philosophenkomödie 
120 f., 138 vgl. 48, Charakter 
seiner Kunst 139. 

Epikurs Schätzung der schein- 
baren Sonnengröße 237. 

Ethische Probleme bei Xenopha- 
nes, Theognis, Simonides 127 ff. 

Eudoxos 148. 

Euripides, paraphrasiert die Sil- 
len des Xenophanes.94 f. 

17* 



260 — 



Farbenlehre 73 f. 

rfJQas in der Kosmogonie des Par- 

menides 17. 
Gorgias, Verhältnis zu den Ele- 

aten 36 ff. 
Gegensätze 70 f.. 202 ff.. 236 ff.. 

247 f. 
yepeai 191 ff. 
Großes Jalir 183 ff. 
Hekataios 157. 
Herakleides von Megara 248. 
Heraklit, Chronologie 155 ff., 

221 ff.. Komposition 60 ff.. 

göttliches Prinzip 205 f., großes 

Jahr 183 ff., yeveal 191 ff. und 

Parmenides 64 ff., 201 ff., und 

Stoa 169 ff. usw. 
Herakhteer 207 f.. 241 ft. 
Hippasos 229. 
Hippias von Elis 137. 
Hippokratesnegl dicärtig (VI 474 L) 

19 f., 56 ff., 84, 216, TtegüßSo- 

fAÖdcov 228, negi oaQH&v 227, 

negl ädgcov i^ddtcov xöntov 143. 
Hippolytos Philosophuniena. 

Quelle des 9. Buches (c. 9 u. 10) 

168 ff. 
Hippon 228. 
Jamblichos Pythogoreerkatalog 

231. 
Identität, siehe taötöv, 
Inder imd Bleaten 65, 153, 221. 
Infinitiv epexegetisch 132. 
Ion von Chios 132. 
Ion der Rhapsode 136. 
xoTtorexp^a 235. 
Kassandros, Astronom 190. 
xajakifißdveiv .verurteilen' 165 f. 
Klemens von Alexandria 48 f., 

163, 170 ff. 
xojäg, xdmg, xojäCeiv 233 ff. 
Korax und Tisias 139. 
xöafAog 50, 170, 174 f. 
xQadatvsiv 112J. 
Kratyk)S 207, 241 ff. 



Lehrgedicht, Komposition 52 ff. 

Ai^Bfj in der Kosmogonie des Par- 
menides 17, 23. 

Leukippos 85. 

lyinos 185. 

licht und Dunkel in der Kosmo- 
gonie des Parmenides 13, 18 ff., 
23. 73. 

?.6yog bei Heraklit und den Ble- 
aten 62, 217 ff. 

Medizin und Philosophie 226 ff. 

Melissos, Beweiskunst 42 Teile 
seiner Schrift 71 f., Verhältnis 
zu Parmenides, 2^non. Xeno- 
phanes 107 tf., zu Heraklit 203. 

jLietanhrreiv 85, 203. 

Monotheismus und Seinslehre 
108. 113, 114 ff.. 143, 152 f.. 
240. 

Neanthes 198. 

Noetianer 158 ff. 

vöfwg und q>vaig, Geschichte der 
Begriffe 82 ff., vö/juk bei Par- 
menides 27, 30 ff., 87 f., bei 
HerakHt 215 ff. 

ö/ÄOiov 104 ff. 

Orpheus 185. 

Orphik 192, 196 ff., 240 f. 

Pantheismus 116 ff., 122 f. 

Parmenides, Komposition 59 ff., 
poetische Form 154, mytholo- 
gische Bittkleidung 67 f., Proö- 
mium 27, 111, Verhältnis der 
beiden Teile des Gedichts 5 ff., 
69, 78, die drei „Wege der 
Forschung" 35 ff.. 78. die 
„SterbHchen" 66. die „Doppel- 
köpfe" 68 ff., Sinn der Doxa 
24 ff., 69 ff., 87 f., Bedeutung 
der göttiichen Gestalten in der 
Doxa 17 f., 24, 238, Verhältnis 
zu Hesiod 17 f., Wahmeh- 
mungstheorie 21 ff., 76 ff., Sin- 
neserkenntnis und Logoser- 
kenntnis 23, Verhältnis zu 



— 261 — 



Heraklit 64 ff., 208 ff., zu Xe- 
nophanes 100 ff., 152, Him- 
melskränze 10 ff., 71, Zonen- 
lehre 147 f. 

Petron von Ägina 228. 

Philistion von Lokroi 226. 

Philolaos, Datierung 65 f., Ver- 
hältnis zu den Bleaten 65, 248. 

Piaton und die Bleaten 37 f., 115, 
248 f., und die HerakHteer 207, 
241 ff., philosophische Ent- 
wickhmg 80, 256, Kategorien- 
lehre im Sophistes 248 f. 

Plutarch de defectu orac. c. 11, 
Quelle 185 ff. vgl. S. 198. 

Polemon atrßoHdnaig 235. 

Porphyrios 105. 

Poseidonios 33. 147 f., 165. 

ngay/iaroxoneiv 235. 

nQaftxojteiv 235. 

Protagoras, Homo mensura-Satz 
88, 242 ff. 

Jtvwöv, dQai6v 15, 224 f. 

Pythagoras 141, 157, 231 ff. 

Pythagoreer 185, 231 ff., Kate- 
gorientafel 239. 

Qualitäten 223 ff. 

Rhapsoden 136. 

vSarambos 234. 

Simon Magus, fxeyöXti djzötpaoig 
161 ff. 

vSimonides an Skopas 129 ff. 

vShnplikios 44 f., 170, Quellen 92f. 

Uicomj 238. 

Sophistik 137, 142. 

Sotion 155. 



Sprachtheorie 86, 88. 

cftfßoH^sioi 235. 

Stoiker, Stoffqualitaten 226, 
Heraklitinterpretation 164 ff., 
187 ff. 

xa^dv Hoi &ö xa^ov 32, 51, 70. 
78, 80 f., 114 f.. 210, 204, 207, 
iv Tat$r4) fiivBW 114, diä x(ä» 
aöxmv 123. 

Bdvaxog in der Kosmogonie des 
Parmenides 17. 

Theismus 143. 

Theognis 130 f. 

Theophrast als Doxograph 10 f., 
171 f., 191, 208, Quelle des 
Simplikios 92 f. 

"YTtvog in der Kosmogonie des 
Parmenides 17. 

Varro 188, 197. 

Xanthos 146. 

Xenophanes, Rhapsode 134 ff., 
Bedeutimg seiner aog>ia 140, 
doxographische Überlieferung 
89 ff., Verhältnis zwischen Silr 

• len imd Lehrgedicht 94 f., 144, 
Ghederung des Lehrgedichtes 
117, Physik 145 ff., Ethik 
127 ff., Theologie 113 ff., 143, 
152 f., Beobachtungen über die 
Verschiedenheit der Gottesvor- 
stellungen 82, 142, Verhältnis 
zu Parmenides 100 ff., zu Ana- 
ximenes 147. 

Zenon 106, 107 f. 

Zonenlehre 147 f. 



STELLENREGISTER 

Die Buchstaben ABC mit den Zahlen dahinter verweisen auf 

Diels Fragmente der Vorsokratiker. 



Achaios (S. 749 N) 234. 
Aisdiylos (Prom. 1045) 112, (Fr. 

464) 113. 
Alkmaion A (4) 229, B (1) 118, 

(4) 227 f.. 240. 
Anakreon (Fr. 94) 133. 
Anaximander (9) 257. (15) 253. 
Anaximenes B (2) 175. 
Anaxagoras A (48) 176, B (4) 225, 

(8) 174, (12, 15, 16) 225. 
Antiphon der Sophist B (1) 248. 
Areios Didymos (S. 464 Diels) 

170 f. 
Aristoteles (Metaph. A 1074a 38) 

99, Meteor. (B 362 b 5 ff.) 148. 
Augustin de civ. dei (XXII c. 28) 

197. 
Censorinus (18, 11) 183 ff. 
Demokritos A (1. 58 135) 85, B 

(278) 85 f. 
Dialexeis (c. 2) 142. 
Diogenes von ApoUonia B (5) 

105, 226. 
Empedokles A (29) 155, B Lehr- 
gedicht (9) 86, (17) 53 f.. 209, 

(17, 21) 48, (35) 15 f., Kathar- 

moi (122, 123) 236 ff., (133, 134) 

143, (135) 83, 142, (Pamienides 

B 20) 46. 
Epicharm B (1) 122 ff., (2) 114, 

119 ff., 138. 238 f., 244, (4) 222, 

(12) 48, 212, (15) 121. 
Kuripides (Hec. 798) 83. (Herc. 

1341 ff.) 94. 



Gorgias B (3, 67 f.) 37 f.^. (3, 75) 
44. 

Herakleitos A (1, 7 ff.) 171 ff.,(l, 
9 ff.) 181 ff., (5) 172, 191, (10) 
191, (13) 183 ff.. (19) 191 ff. 
^ (1) 61. 216 ff., (2) 61, 213. 216. 
220, (3) 237, (6) 177, (7) 180 
(10) 209, (12) 61, 177, (14) 168, 
(15) 180. (16) 179, (17) 61, 214, 
(18) 62, (20) 195, (21) 216, (23) 
204, (26) 215. 217, (28) 9, 167f.. 
206. 236. (30, 31) 170 ff., (32) 

62, 206. (34) 61, 63. 215, (36) 

194, (40) 156. (41) 62. 200 f.. 
206, (48) 210, (49a) 62, 209. 
(50) 61, 206, 219, (53) 206. 214. 
(54) 179. (55) 213. (56) 206. 214. 
233, (57) 233, 237, (58) 204, 239. 
(59) 62, 239, (61) 180, 239, (62) 
179, 196. (63) 193. (64) 163, 198. 
(65) 164, (66) 164 ff., (67) 203. 
206, 210 f., (72) 214, 220, (75) 

195. 237, (77) 179, 194, (78) 201. 
206, (80) 206. (81) 233 ff.. (82) 
237. (84) 194, 237, (85) 196, (86) 

63. 213, 245, (88) 179 ff., 203. 
237. 252, (89) 175, 216, (90) 179. 
(91) 207f., 210, (94) 177, (98) 195, 
(99) 180, 182. (101) 220. (101a) 
213.(102)180. 206. (103) 211 ff. 



1 Bei Sextus adv. math. VII 67 
ist zu schreiben : el yäg td fiij dv 
Satt <fiii Sv>, . . . 



263 



(106) 177, (107) 213. (108) 63. 
205, (111) 195, 204, 237, (112) 
217, 223, (113) 214, (114) 215, 
(116) 214. (119) 196, (120) 182, 
(123) 88, 223, (124) 216, 223, 
237, (125) 237, (126) 203, 211, 
223 ff.. (129) 233 ff. C 1 [ =Hip- 
pokrates de victu I] (c. 6) 57 ff., 
(c 7) 58 f., (c. 11) 84, 216, 238. 

Herodot (III 38) 82, 142, (IV 39) 
87. 

Hippokrates negl aoQx&v (c. 2) 227, 
juqI ißö, (c. 13, 15) 228, siehe 
Herakleitos C. 

Hippolytos Refutationen (I 4, 2) 
155, (IX 9, 10) 158 ff. 

Ion B (1) 132. 

MeHssos A (5) 43, 90 ff. B (2) 211, 
,(7) 91, 210, 212, (8) 42, 203, 209, 
245 f. 

Orpheus B (19) 198 f. 

Parmenides A (5) 154, (22) 14, 
(37) 10 ff., 14 iL, 17 f., (43) 21, 
(44a) 147 f., (46) 21 f., 238, (52, 
53) 21. B (1, 28 ff.) 5 ff., 31 
(1, 32) 249, (1, 33 ff.) 33 ff., (1, 
35) 212, (Verhältnis von 1, 
33 ff., 8, 1 und 6) 45, (2) 48 f., 
174, (3) 60, (5, 5 ff.) 64, (6) 59f., 
(6, 8) 87, (8, 3) 211, (8, 5—21) 
39 ff., (8, 36 ff.) 255, (8, 40) 209, 
(8, 50 ff.) 25 f., 69 ff., (8, 56 
Sdiolion) 73, (9) 31 f., (12) 
12 ff., (13) 18, 19, (16) 77 ff., 
(20) 46. 



PhüoiaosB (2) 65,(17) 123,(20)248. 

Pindar (Fr. 169) 83. 

Piaton Krat, (402A) 207, Soph. 

(242D) 155, Theät. (152 B. 

153 B, 154 C) 246, (179 B) 247, 

(255 D, 256 A) 249. 
Plutarch de def ectu orac. ( 41 5 D f f . ) 

185 ff., 198. 
Protagoras A (14) 244. 
Pythagoras (8) 198. 
Pythagoreische vSchule B (5, 30) 

239. 
Servius zu Verg. Bei. (IV 10) 185. 
vSextus adv. math. (VII, 67) 37. 

262 Anm. 
Sinionides (Fr. 5) 129 ff. 
Strabo (I 94) 147 f. 
Themistios Paraphr. Arist. (231, 

8 Sp.) 167 f. 
Theognis (129) 131, (384 ff.) 130. 
Theologumena Arithmeticae (>S. 

40 Ast) 198. 
Timon (Fr. 59) 99. 
Xenophanes A (11) 137 f., (28) 

93 ff., (30) 98 f., (31) 101, (32) 

94, 101, 124, (33) 92 f.. 101. 

145 f., (34. 35) 101, (36) 101, 

117, (38, 40, 41, 41a, 43) 149. 

(52) 141. B (1) 126 ff., (2) 134. 

(3) 135, (6) 135, (7) 141, (8) 135, 

(25, 26) 112, (27) 118, (28) 147, 

(29) 118, (30, 32) 150, (34) 118, 

151, 154. C (1) 94 f. 
Zenon A (13) 105. 






BERICHTIGUNGEN 

S. 106 Zeile 8 von oben tilge das zweite ijaf{ 

S. 105 „ 15 ,, ,, lies äyhv[c6f9 xb xal 

S. 113 ,, 5 ,, ,, „ nvBvfjM 

S. 146 ,, 1 ,, unten „ Damit war 

S. 148 Anm. Zeile 4 von unten lies Meteor. B 362 b 5 ff. 

S. 155 „ 2 „ 4 ,, ,, ,, Philosophumena I 4. 2 

S. 170 „ 1 ., 6 „ oben „ S. 172 Anm. 

S. 216 „ 1 „ 2 ,, ,, „ xoijAiofihcov 

S. 228 „ 1 ,, 4 „ „ „ 'öygdv 

S. 254 ,, 1 lies Proceedings of the Amer. Academy of Arts and 

Sciences Voi. XI^VIII vS. 681 ff. (Vgl. Berl. Phil. Wo. 1915 

S. 452.) 



Verlag von Friedrich Cohen in Bonn 



Arbeiten aus dem Akademischen Kunstmuseum in Bonn: 

I. Bieber, M., Das Dresdner Schauspielerrelief • Ein Beitrag 

zur Geschichte des tragischen Kostüms und der griechi- 
schen Kunst. Mit 19 Textabbildungen . . . M. 4. — 

II. Heinemann, M., Landschaftliche Elemente in der griech. 
Kunst bis Polygnot. Mit 19 Textabbildungen M. 4.— 

Buecheler, F., Philologische Kritik M. 1.— 

De M. Valerio Probo Berytio capita quattuor accedit reliquiarum 
conlectio scripsit Jos. Aistermann M. 6. — 

Führer durch das Provinzialmuseum in Bonn: 

I. Die antike Abteilung. Von Prof. Dr. Hans Lehner. 
Mit 32 Tafeln M. 2.— 

II. Die mittelalterliche und neue Abteilung. 

Von Dr. Walter Cohen. Mit 34 Tafeln . . M. 1.— 

IIL Katalog der Gemäldegalerie. Von Dr. Walter Cohen. 

Mit 103 Tafeln M. 2.— 

Lehner, H., Das Provinzialmuseum in Bonn. Abbildungen seiner 
wichtigsten Denkmäler. I.:Die römischen Skulpturen M. 1.50 

Loeschcke, 0., Die Enthauptung der Medusa. Ein Beitrag zur 
Geschichte der griechischen Malerei M. 2. — 

Petersen, E., Die attische Tragödie als Bild- und Bflhnenkunst. 

Mit zwei Tafeln und einem Textbild M. 16. — 

Umbrica interpretatus est Fr. Buecheler M. 7. — 

Usener, H., Die Sintflutsagen . . M. 8. — 

Usener, H., Das Weihnachtsfest, 2. Auflage M. 10.— 

gebunden M. 11. — 
Wilcken, U., Ober Werden und Vergehen der Universalreiche 

M. 1.50 



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